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Seite 1 von 4 „Du hast was getan?“
Raven zuckte die Schultern, allerdings mehr wie ein trotziger Teenager als wie die selbstbewusste Einzelgängerin, die sie normalerweise war. „Ich wollte es dir nicht sagen. Aber du wolltest es ja unbedingt wissen.“
„Du meine Güte.“ Lektra sank fast hinter der Theke zusammen.
„Also bitte, Lektra ...“ Raven runzelte missbilligend die Stirn. „Jetzt mach doch nicht so ein Drama daraus. Sie und ich sind beide erwachsen, wir können tun, was wir wollen.“
„Erwachsen?“ Lektra lachte hohl auf. „Oh ja, das ist sie!“
Raven schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck von dem fruchtigen Getränk, das aus diversen Zutaten bestand, die Lektra nicht verriet. Sobald sie es getrunken hatte, fühlte Raven sich immer äußerst energiegeladen. Kein anderes Getränk, alkoholisch oder nicht, vermittelte ihr dieses Gefühl. „Was hast du gegen sie?“, fragte sie irritiert. „Nur weil sie die Königin ist und ich im Vergleich zu ihr nichts?“
Lektra lachte erneut auf. „Das würde ich so nicht sagen.“ Sie stützte sich auf den Tresen und beugte sich zu Raven hinüber. „Aber willst du denn wirklich ihr Spielzeug sein? Ausgerechnet du? Was hast du dir dabei gedacht?“
„Gedacht?“ Raven sah plötzlich verwirrt aus.
Lektra nickte nachdenklich. „Nichts, oder?“
Raven legte noch verwirrter den Kopf schief. „Nein“, antwortete sie gedehnt. „Es ist einfach so passiert.“
„Du hast dich von ihr angezogen gefühlt, du konntest nicht widerstehen.“
„Sie ist eine schöne Frau.“ Raven streckte eigensinnig das Kinn vor. „Eine sehr schöne Frau.“
„Bezaubernd schön, ich weiß“, sagte Lektra. Sie betrachtete Raven gedankenverloren. „Hast du ihr irgendetwas von dir erzählt?“
„Wir haben über das Amulett gesprochen –“
„Was?“ Lektra riss entsetzt die Augen auf.
Raven hob harmlos die Schultern. „Sie hatte das zweite Teil und –“
„Sie hatte das zweite Teil?“ Es war nicht zu übersehen, dass Lektra kaum noch atmen konnte.
„Was hast du denn?“ Raven runzelte die Stirn. „Sie war sehr entgegenkommend, und nun habe ich beide Teile, das vollständige Amulett. Soll ich mich darüber etwa nicht freuen? Es ist schließlich das einzige –“
„Ja, ja.“ Lektra hob die Hand. Sie hatte sich anscheinend ein wenig erholt. „Nun ist sowieso alles zu spät. Sie weiß es, und sie kennt dich.“
„Was weiß sie?“ Raven verstand kein Wort.
„Worüber habt ihr sonst noch gesprochen?“
„Sie wollte wissen, wo ich geboren bin ... wer meine Mutter war. Das konnte ich ihr natürlich nicht sagen, weil ich es nicht weiß, also habe ich ihr nur von den Gauklern erzählt und den Nonnen –“
Lektra hob die Hände, als wollte sie sie über dem Kopf zusammenschlagen. „Konntest du nicht einfach nur mit ihr schlafen? Die meisten Leute reden nicht so viel dabei.“
Raven schüttelte den Kopf. „Ich weiß wirklich nicht, warum du dich so aufregst. Als ich hier ankam, hast du mich zu Zulya geschickt. Mit ihr darf ich das Bett teilen, aber mit der Königin nicht?“
Lektra hob die Augenbrauen. „Du wirst wohl zugeben, dass es einen kleinen Unterschied zwischen Zulya und der Königin gibt.“
„Bisher ist mir noch nie aufgefallen, dass Standesdünkel ein Teil deines Charakters sind“, erwiderte Raven verschnupft.
„Das hat nichts mit Standesdünkeln zu tun.“ Lektra atmete tief durch. „Du musst die Stadt verlassen. Sofort.“
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