»Wir erfüllen alle Standards«, wiederholte Rieke beharrlich.

»Die alten Standards.« Er wirkte nicht im Mindesten beeindruckt. »Die neuen sind . . . anspruchsvoller.« Geschickt schwang er den Aktenkoffer auf seinen Arm und öffnete ihn. Mit der freien Hand holte er einen dicken Stapel Papiere heraus. »Seht selbst. Hier. Paragraf 247, Absatz 3: ›Alle Nutztiere müssen nachweislich Zugang zu strukturierten Enrichment-Aktivitäten haben.‹ Wisst ihr, was das bedeutet?«

»Dass die Tiere Beschäftigung brauchen?«, riet Svenja.

»Genau. Und zwar dokumentierte, zertifizierte Beschäftigung. Mit Nachweisen über den Erfolg. Für jedes einzelne Tier.« Er blätterte weiter. »Oder hier: ›Der Tierhalter hat quartalsweise einen Glücksindex für seine Tiere zu erstellen.‹«

Einen Glücksindex? Svenja runzelte die Stirn. Wie sollte man das Glück einer Kuh messen?

»Unsere Kühe sind glücklich«, behauptete Rieke trotzig.

»Kannst du das beweisen?«, fragte er hinterlistig. »Mit Zahlen? Grafiken? Wissenschaftlichen Erhebungen?« Sein Gesichtsausdruck wurde noch hämischer. »Für meinen Hof gilt das natürlich nicht. Aber für Bio-Höfe wie euren wird es Pflicht.« Er zuckte die Schultern. »Mehr Kosten, weniger Einnahmen. Ihr wollt es ja so.«

»Das ist doch absurd«, warf Jörn ein.

»Absurd oder nicht, es wird Gesetz.« Triumphierend klappte Hendrik Tegeler seinen Aktenkoffer wieder zu. »Und die Strafen bei Nichteinhaltung sind drakonisch.« Seine blauen Augen versuchten, Verständnis auszustrahlen. Was ihnen nicht gelang. »Ich will euch helfen, seht ihr das denn nicht? Rieke . . . Janne . . .« Erneut wanderte sein Blick von einer zur anderen.

Svenja fühlte ein Kribbeln in sich aufsteigen. Da war etwas in der Luft, was sich in Elektrizität zu verwandeln schien.

Gerade wollte sie den Mund öffnen, da sagte Rieke: »Ich verkaufe nicht. Niemals. Das hätte unser Vater nicht gewollt. Der Olthus-Hof bleibt der Olthus-Hof. Solange es uns Olthuses gibt.« Sie warf einen Blick zu Janne, und die nickte nur.

»Ich kann dir nur raten«, fuhr Tegeler einschmeichelnd fort. »Zwingen kann ich dich natürlich nicht.« Seine Mundwinkel zuckten sardonisch. »Das werden die Umstände tun. Verkauft, solange der Hof noch etwas wert ist. In einem Jahr, wenn die ersten Betriebe wegen der neuen Auflagen schließen müssen, wird niemand mehr kaufen wollen.«

»Das werden wir dann in einem Jahr sehen.« Rieke gab seinen Blick auf eine Art zurück, die keinen Zweifel daran ließ, dass er sie nicht überzeugen würde. Dass er der Letzte war, der sie von so etwas überzeugen konnte.

Kaum beeindruckt zuckte Tegeler die Schultern. »Wie ihr wollt. Aber denkt an meine Worte, wenn der erste Kontrolleur vor der Tür steht. Vorerst steht mein Angebot noch. Aber wer weiß, wie lange.«

Seine Augenbrauen versuchten, seine Geheimratsecken zu erreichen, als er einen letzten Blick auf das kleine Grüppchen warf, das an der Weide stand.

Dann drehte er sich um, ging zurück zu seinem Mercedes, stieg ein und fuhr in einer Staubwolke davon.

Es war wie der Abgang des Teufels von der Bühne.

»Arschloch«, murmelte Janne.

»Janne!«, ermahnte Rieke sie automatisch, aber ohne dass es sehr überzeugt klang.

»Was? Ist er doch. Glücksindex für Kühe, so ein Schwachsinn«, regte Janne sich auf. »Das hat er nur erfunden, um uns kleinzukriegen.«

»Ist es tatsächlich Schwachsinn?«, fragte Maarten nachdenklich. »Ich meine, wenn es wirklich Gesetz wird . . .«

»Dann werden wir eben Glücksindexe erstellen«, verkündete Rieke kampflustig. »Gerade unsere Kühe sollten das mit Leichtigkeit hinkriegen können. Sie sind glücklich.«

Wie zur Bestätigung muhte Gerda laut und ausgiebig.

»Bist du glücklich, Gerda?«, fragte Svenja sie. »Obwohl ich da bin?«

Darüber musste Gerda offensichtlich erst einmal nachdenken, denn sie sah Svenja nur an, gab aber keinen Laut mehr von sich.

Das ist wie ein Waffenstillstand, dachte Svenja. Das muss ein gutes Zeichen sein. »Dann machen wir eben einen Glücksindex für Kühe«, beschloss sie. »Ich kenne jemanden beim Landwirtschaftsministerium. Lasst mich mal ein paar Anrufe machen, dann wissen wir, was wirklich Sache ist.«

Es schien, als hätte ihre Entschlossenheit einen Bann gebrochen.

»Und ich fange schon mal an zu recherchieren, was dieses Enrichment-Zeug bedeutet«, bot Jörn an. »Vielleicht reicht es ja, den Kühen einen Ball hinzuwerfen oder so.«

»Ich bezweifle, dass Gerda mit einem Ball spielen würde«, bemerkte Maarten.

»Gerda würde den Ball wahrscheinlich essen«, fügte Janne hinzu.

»Oder ihn Svenja an den Kopf werfen«, schloss Jörn.

»Okay, jetzt reicht’s«, protestierte Svenja. »Ich werde euch allen beweisen, dass ich Gerda zähmen kann. Maarten, wo bekomme ich Lakritze her?«

Maarten sah sie verdutzt an. »Äh, das war ein Scherz. Kühe mögen keine Lakritze.«

Svenjas Nacken versteifte sich ruckartig. »Was? Aber du hast gesagt . . .«

»Ich wollte sehen, ob du’s wirklich versuchst.« Maarten grinste breit.

Svenja warf ihm einen finsteren Blick zu. »Du bist gefeuert.«

»Du kannst mich nicht feuern«, erwiderte er fröhlich. »Ich arbeite für Rieke.«

Sofort wandte Svenja sich ihrer Liebsten zu. »Rieke, feuer ihn.«

Rieke lachte. »Nö. Er ist der Einzige, der den alten Traktor noch zum Laufen bringt.«

»Verräter, alle miteinander«, murmelte Svenja und stapfte Richtung Haus.

»Wo willst du hin?«, rief Rieke ihr nach.

»Recherchieren! Wenn wir schon gegen einen größenwahnsinnigen Großbauern kämpfen müssen, dann will ich wenigstens wissen, womit wir es zu tun haben.«

Rieke sah ihr liebevoll nach. »Sie nimmt das ganz schön ernst.«

»Sie liebt dich«, sagte Janne einfach. »Und den Hof. Auch wenn sie das noch nicht zugeben will.«

»Und Gerda hasst sie«, fügte Jörn hinzu.

Alle drehten sich zur Weide um, wo Gerda immer noch in Richtung Haus starrte, als könnte sie Svenja durch die Wände sehen.

»Ich sollte mal mit ihr reden«, murmelte Rieke.

»Mit Svenja?«

»Nein, mit Gerda. Vielleicht kann ich vermitteln.«

Janne prustete los. »Du willst zwischen deiner Freundin und deiner Kuh vermitteln?«

»Hast du eine bessere Idee?«

»Wir könnten Gerda verkaufen«, schlug Maarten vor.

»Nein!« Rieke sah ihn entsetzt an. »Gerda gehört zur Familie!«

»Eine Familie, in der ein Mitglied das andere in Gartenteiche schubst?«

Rieke zog die Schultern hoch. »Das war . . . ein Missverständnis.«

»Klar«, sagte Jörn. »Gerda hat Svenja missverstanden. Sie dachte, Svenja wollte schwimmen gehen.«

»Bei Gerdas Intelligenz würde mich das nicht wundern«, murmelte Janne.

Rieke schüttelte den Kopf. »Ihr versteht das nicht. Gerda war schon hier, als unsere Eltern noch lebten. Sie ist . . . besonders.«

»Besonders bösartig gegenüber Svenja«, präzisierte Maarten.

»Sie muss sich nur daran gewöhnen, dass Svenja jetzt dazugehört. Das braucht Zeit«, versuchte Rieke, einen versöhnlichen Ausweg zu finden.

»Drei Monate sind noch nicht genug?«, fragte Maarten.

Rieke seufzte. »Ich rede mit ihr. Mit beiden. Das wird schon.«

Sie ging zur Weide, und als sie bei Gerda ankam, sah sie ihr tief in die Augen.

»Warum magst du sie nicht?«, fragte sie. »Bist du eifersüchtig?« Lächelnd legte sie der Kuh eine Hand auf den Hals. »Musst du nicht sein. Zwischen uns ändert sich nichts. Lass sie einfach in Ruhe, ja?«

Gerdas Blick war uneindeutig. Die dunklen Augen schienen unergründlich.

»Ich weiß«, sagte Rieke, »dass du deine eigenen Vorstellungen davon hast, was hier auf dem Hof passiert. Aber möchtest du vielleicht lieber eine von Tegelers dreihundert Kühen sein?«

Es schien, als ob Gerdas Kopf hochzuckte.

»Siehst du?«, sagte Rieke. »Das willst du nicht. Das wollen wir beide nicht.« Sie beugte sich zu Gerdas Ohr vor. »Und das wird auch nie passieren, wenn du dich mit Svenja arrangierst«, flüsterte sie hinein. »Dann können wir alle hier glücklich sein.«

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Eike Tonsen: Das letzte Wort hat Gerda. ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

1 Svenja erwachte vom durchdringenden Krähen eines Hahns. Wieder einmal. Wie jeden Morgen seit...
Sie wusste nicht, woher dieser plötzliche Impuls kam. Vielleicht war das die unverbrauchte...
Doch diesmal schien Herr Peters auch gar nicht so verärgert zu sein, wie er es schon einmal...
2 Nach einer heißen Dusche und in trockene Kleidung gehüllt saß Svenja am Küchentisch und tippte...
»Soll ich –«, bot Janne an und machte schon einen Schritt zur Tür. »Nein, nein, schon gut.« Rieke...
»Wir erfüllen alle Standards«, wiederholte Rieke beharrlich. »Die alten Standards.« Er wirkte...
Als sie sich aufrichtete, hatte sie das Gefühl, der Blick in Gerdas Augen hatte sich verändert....
»Für was?«, prustete Rieke. Gerade hatte sie ihren Kaffeebecher in die Hand genommen und...
»Sie sind Journalistin?« Dr. Tillmann-Kruses Gesichtsausdruck verdüsterte sich, als sie Svenja nun...
»Okay. Gut.« Svenja hob die Hände. Gegen so viele Leute kam sie nicht an. Und sie wollte ja auch...
4 Immer, wenn sie kochte, fand Svenja ihre Ruhe wieder. Es hatte manchmal sogar etwas Meditatives....
»Fast?« Gespielt empört schaute Svenja sie an. »Warte nur, bis ich nach Berlin komme und das vor...