»Okay. Gut.« Svenja hob die Hände. Gegen so viele Leute kam sie nicht an. Und sie wollte ja auch mit Gerda Frieden schließen. Nur war sie nicht sicher, ob Gerda das umgekehrt auch wollte. »Ich rede noch einmal mit der Kuh.« Sie holte tief Luft. Dann ging sie auf Gerda zu. »Hallo, Gerda. Ich bin’s, Svenja. Die Frau, die du hasst.«

Gerda hörte auf zu kauen und sah sie an.

»Ich wollte nur sagen, dass ich Rieke wirklich liebe«, fuhr Svenja fort, obwohl sie sich sehr albern dabei vorkam. »Sehr sogar. Und ich will ihr nicht wehtun oder sie dir wegnehmen. Wir können sie uns doch teilen, oder?«

Gerda schnaubte.

Resigniert hob Svenja die Hände. »Ich nehme das als Nein. Okay, wie wäre es damit: Ich verspreche, dich nicht mehr böse anzuschauen, wenn du aufhörst, mich in Teiche zu schubsen und Sachen zu zerstören, wenn ich in der Nähe bin.«

Gerda drehte ihr demonstrativ das Hinterteil zu.

»Sehr reif«, murmelte Svenja.

»Das war doch schon mal ein Anfang«, meinte Rieke hingegen aufmunternd.

»Ein Anfang?« Mit hochgezogenen Augenbrauen drehte Svenja sich zu ihr um. »Sie hat mir den Hintern gezeigt!«

»Immerhin hat sie dich nicht geschubst«, wandte Janne ein.

Svenja sah sie an. »Die Messlatte für Erfolg ist hier wirklich niedrig.«

»Wir müssen klein anfangen, glaube ich«, sagte Jörn.

»Dich schubst sie ja auch nicht in Teiche.« Etwas ratlos hob Svenja die Schultern und ließ sie wieder fallen.

»Dann liebt sie mich wohl nicht so sehr wie Rieke.« Janne zupfte immer noch Federn aus ihren Haaren. »Oder du liebst mich nicht so sehr wie Svenja Rieke. Weil Gerda dich in Ruhe lässt.« Neckisch blinzelte sie Jörn zu.

»Also jetzt aber . . .«, wehrte Jörn sich. »Ist das hier ein Wettbewerb oder was?«

»Für Gerda anscheinend schon«, bemerkte Rieke nachdenklich und verschränkte die Arme, während sie Gerda hinterhersah, die jetzt wieder zur Weide, wo die anderen Kühe auf sie warteten, zurücktrottete.

»Wir sollten den Hühnerstall reparieren, bevor es dunkel wird«, schlug Janne energisch vor. »Sonst sind die Hühner auch noch verwirrt.«

»Ich helfe«, bot Jörn sofort an. »Und das ist ein Zeichen von Liebe.« Er zog Janne in seine Arme und küsste sie. »Falls du das noch nicht weißt.«

Liebevoll schaute Janne ihm ins Gesicht. »Ich weiß«, sagte sie leise.

»Und ich muss jetzt in die Küche«, sagte Svenja. »Das Mittagessen vorbereiten. Alles ist besser, als noch mehr Zeit mit dieser Kuh zu verbringen.«

»Du gibst zu schnell auf«, tadelte Rieke sie sanft.

»Ich habe mit ihr geredet.« Langsam fühlte Svenja sich in die Ecke gedrängt. »Schon zweimal heute. Ich glaube, ich habe genug versucht für einen Tag«, verteidigte sie sich.

Begütigend strich Rieke ihr über den Arm. »Du hast recht. Morgen ist auch noch ein Tag.«

»Ja, morgen kann Gerda etwas anderes zerstören.« Svenja seufzte. »Vielleicht den Schweinestall. Oder die Scheune.«

»Wir haben keine Schweine«, warf Maarten ein.

»Noch nicht. Aber wenn wir welche hätten, würde Gerda garantiert ihren Stall zerstören. Aus Prinzip.« Svenja verschränkte die Arme.

Antonia kam zurück und betrachtete die Szene mit einem amüsierten Lächeln. »Wisst ihr was? Ich glaube, ihr könntet meine Hilfe wirklich gebrauchen.«

»Was die EU-Richtlinien betrifft, bestimmt«, stimmte Rieke zu. »Das macht uns gerade Sorgen.«

»Muss es nicht«, erwiderte Antonia. »Dafür bin ich ja da. Kürzlich habe ich ein ganzes Seminar für Studierende an der Uni dazu gegeben. ›Moderne Tierhaltung im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation‹. War sehr erfolgreich.«

»Bei Studenten vielleicht.« Rieke war skeptisch. »Aber wir haben es mit Bürohengsten zu tun. Und auch noch welchen von der EU. Die haben doch von nichts eine Ahnung.« Sie seufzte. »Und wie wir das bezahlen sollen, das sagen sie uns auch nicht. Als ob das alles nichts kostet.«

Antonia winkte ab. »Es ist halb so wild, wie es klingt. Man muss nur wissen, wie man es anpackt. Und kreativ sein.«

Da sie nun nicht mehr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, konnte Svenja sich langsam entspannen. Sie sah Antonia fragend an. »Wie kreativ?«

Antonia lächelte zuversichtlich. »Sehr kreativ. Habt ihr zufällig alte Autoreifen?«

»Äh . . . ja?«, antwortete Jörn unsicher. »Hinterm Schuppen liegen welche.«

»Perfekt!« Begeistert klatschte Antonia in die Hände. »Und Seile? Bretter? Einen alten Fußball?«

»Das findet sich alles«, bestätigte Rieke. »Aber wozu?«

»Daraus bauen wir Enrichment-Stationen!«, verkündete Antonia enthusiastisch. »Kostet fast nichts und erfüllt alle Anforderungen.«

Überrascht starrte Janne sie an. »Das geht?«

»Klar!« Antonia nickte. »Die Richtlinien erwähnen nichts von teurer Profi-Ausrüstung. Hauptsache, die Tiere haben Beschäftigungsmöglichkeiten. Ein Autoreifen an einem Seil ist eine prima Schaukel für Kühe. Ein Fußball ist ein Spielzeug. Bürsten an Pfosten geschraubt sind Kratzstationen.«

»Das klingt fast zu einfach«, wandte Rieke immer noch skeptisch ein.

»Die besten Lösungen sind oft die einfachsten.« Antonia strahlte in die Runde. »Und was den Glücksindex angeht . . .« Sie zwinkerte. »Dafür habe ich auch eine Idee. Aber dazu brauche ich eure Hilfe.«

»Was hast du vor?«, fragte Janne misstrauisch.

»Wir machen aus diesem Hof den glücklichsten Ort für Tiere in ganz Friesland, ach was, Niedersachsen.« Es schien, als ob Antonia schon ganz genaue Vorstellungen hatte. »Und wir dokumentieren alles. Mit Fotos, Videos, Beobachtungsprotokollen. Wenn die EU-Bonzen das sehen, wird ihnen die Kinnlade runterfallen.«

»Wegen Autoreifen?«, zweifelte Rieke.

»Verrückte Zeiten erfordern verrückte Maßnahmen«, erwiderte Antonia. »Also, wer ist dabei?«

Alle hoben zögernd die Hand. Sogar Svenja.

»Großartig! Dann lasst uns anfangen.« Händeklatschen war offenbar Antonias Markenzeichen, denn sie tat es schon wieder. »Jörn, Janne, ihr repariert erst mal den Hühnerstall. Aber baut gleich eine Klappe ein, durch die die Hühner selbst entscheiden können, wann sie rein und raus wollen. Das gibt Pluspunkte für selbstbestimmtes Verhalten.«

»Hühner sind selbstbestimmt?«, fragte Jörn verdutzt.

»Ab jetzt schon.« Auffordernd schaute Antonia Maarten an. »Und du holst die Autoreifen und alles andere, was wir brauchen können. Rieke, du zeigst mir die Weiden, damit ich einen Überblick bekomme. Und Svenja . . .«

»Ich koche«, unterbrach Svenja sie und hob die Hände, bevor Antonia ihr auch noch eine Beschäftigung zuweisen konnte. »Das ist nämlich auch wichtig. Schließlich müssen alle ihre Kräfte auch mal wieder auffüllen nach so viel Anstrengung.«

»Ach, du kochst?« Antonia wirkte überrascht.

»Irgendjemand muss es ja tun«, sagte Svenja. »Und ich koche gern.«

»Und gut«, fügte Rieke hinzu, während sie kurz Svenjas Hand drückte. »Wir haben noch nie so lecker gegessen wie seit du hier bist.«

»Na, wenigstens etwas, das ich beitragen kann.« Svenja atmete tief durch und sah Rieke an.

Dachten sie beide an Annika? fragte Svenja sich für einen Moment. Die als Erste versucht hatte, Rieke mit ihren Kochkünsten zu beeindrucken?

Aber als sie sah, wie Rieke vor Aufregung strahlte und alle mit Enthusiasmus ans Werk gingen, wusste sie, dass das keine Bedeutung mehr hatte.

Sie hatten sich ineinander verliebt, und das hatte alles verändert.

Unwillkürlich begann sie zu lächeln, als sie sich zum Haus begab.

Ja, sie hatte sich in eine Bäuerin verliebt. Und wenn sie dafür mit einer psychopathischen Kuh Frieden schließen und Hühnern ein Paradies ohne Grenzen erschaffen musste, das jedes Luxushotel in den Schatten stellte, dann würde sie das tun.

Selbst wenn Gerda andere Pläne hatte.

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Eike Tonsen: Das letzte Wort hat Gerda. ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

1 Svenja erwachte vom durchdringenden Krähen eines Hahns. Wieder einmal. Wie jeden Morgen seit...
Sie wusste nicht, woher dieser plötzliche Impuls kam. Vielleicht war das die unverbrauchte...
Doch diesmal schien Herr Peters auch gar nicht so verärgert zu sein, wie er es schon einmal...
2 Nach einer heißen Dusche und in trockene Kleidung gehüllt saß Svenja am Küchentisch und tippte...
»Soll ich –«, bot Janne an und machte schon einen Schritt zur Tür. »Nein, nein, schon gut.« Rieke...
»Wir erfüllen alle Standards«, wiederholte Rieke beharrlich. »Die alten Standards.« Er wirkte...
Als sie sich aufrichtete, hatte sie das Gefühl, der Blick in Gerdas Augen hatte sich verändert....
»Für was?«, prustete Rieke. Gerade hatte sie ihren Kaffeebecher in die Hand genommen und...
»Sie sind Journalistin?« Dr. Tillmann-Kruses Gesichtsausdruck verdüsterte sich, als sie Svenja nun...
»Okay. Gut.« Svenja hob die Hände. Gegen so viele Leute kam sie nicht an. Und sie wollte ja auch...
4 Immer, wenn sie kochte, fand Svenja ihre Ruhe wieder. Es hatte manchmal sogar etwas Meditatives....
»Fast?« Gespielt empört schaute Svenja sie an. »Warte nur, bis ich nach Berlin komme und das vor...