Doch diesmal schien Herr Peters auch gar nicht so verärgert zu sein, wie er es schon einmal gewesen war, als er tatsächlich die Polizei gerufen hatte. Den Dorfpolizisten Henning, hieß das. Auch das hatte Rieke Svenja erzählt.
Henning und Rieke waren zusammen zur Schule gegangen, und es war ihm sehr peinlich gewesen, als er Rieke eine Verwarnung aussprechen musste, weil Herr Peters sich gar nicht beruhigen wollte.
»Tut mir so leid, Herr Peters«, entschuldigte Rieke sich noch einmal. »Wir hatten das Gatter verstärkt, aber Gerda –«
»Ach was.« Herr Peters winkte ab. Er grinste immer noch, was garantiert Svenjas unbeabsichtigter Slapstick-Einlage zu verdanken war. »Das war die beste Unterhaltung seit Monaten. Allein das Foto ist Entschädigung genug.«
Gequält stöhnte Svenja auf. Musste das unbedingt sein? Aber ja, sie musste es zugeben, sie hatte sich das selbst eingebrockt. Nie wieder würde sie die Heldin spielen, wenn es Gerda betraf, das nahm sie sich vor. Sie würde die Kuh einfach meiden, sie ignorieren, sich nicht mehr um sie kümmern. Das musste doch funktionieren. Zum Cowgirl war sie wirklich nicht geboren.
Auf dem Rückweg zu ihrem großen Bauernhaus, dem man die kleinen Häuschen auf den Nachbargrundstücken mehr schlecht als recht versucht hatte nachzuempfinden, kam Janne ihnen schon entgegen.
»Übrigens, wir kriegen heute Besuch.«
»Besuch?« Davon wusste Rieke anscheinend nichts, denn sie runzelte irritiert die Stirn. »Von wem?«
»Irgendein Typ vom Bauernverband«, erwiderte Janne schulterzuckend. »Hat gestern angerufen, als ihr . . .«, sie hüstelte, »beschäftigt wart.«
Svenja spürte, wie Rieke sich neben ihr versteifte. Solche Bemerkungen mochte sie erstens gar nicht, und zweitens war man beim Bauernverband nie sicher – hatte Rieke Svenja schon einmal erklärt –, was die sich wieder ausklamüsert hatten. Obwohl sie eigentlich die Interessenvertretung der Bauern waren, hatte man oft den gegenteiligen Eindruck. »Was will der denn?«
»Keine Ahnung.« Wieder zuckte Janne mit den Achseln. »Irgendwas von wegen neue Richtlinien besprechen. Er kommt um zehn.«
»Großartig«, murmelte Rieke. »Als hätten wir nicht schon genug am Hals.«
Sie erreichten den Hof gerade, als Jörn aus dem Nebengebäude kam, das er und Janne umbauten, um den Hofladen zu erweitern. Es hatte sich sehr schnell herausgestellt, dass der ursprüngliche Laden so ein Erfolg war, dass er vergrößert werden musste.
Obwohl sein Daumen in allen Regenbogenfarben schillerte, was vermutlich dem Hammer zu verdanken war, den er in der anderen Hand trug, hatte ihm das die Laune offensichtlich nicht verdorben. Er grinste, als er das Trio auf sich zukommen sah. »Moin zusammen.« Sein Blick konzentrierte sich auf Svenja in dem pinkfarbenen Bademantel. »Interessanter Look.«
»Sei vorsichtig«, warnte Rieke. »Svenja ist gerade nicht bester Laune.«
»Das kannst du wohl laut sagen«, knurrte Svenja mit einem strafenden Blick auf ihn.
Doch auch das erschütterte ihn nicht. Stattdessen grinste er noch mehr. »Gerda?«
Rieke atmete tief durch und nickte. »Gerda.«
Ein Funkeln trat in Jörns Augen, als er Svenja noch einmal musterte. »Die Kuh hat halt Geschmack. Sie mag keine Stadtpflanzen.«
»Und das sagst ausgerechnet du?« Wütend trat Svenja auf ihn zu und stemmte die Hände in die Hüften. »Halt bloß die Klappe!«, explodierte sie nun endgültig. Sie hatte es lange genug zurückgehalten, aber wenn ein alter Freund wie Jörn ihr so in den Rücken fiel . . . »Ich bin keine Stadtpflanze mehr! Ich lebe hier! Ich stehe zu unmenschlichen Zeiten auf! Ich habe gelernt, den Unterschied zwischen Hafer und Weizen zu erkennen!«
»Gestern hast du die Hühner mit Katzenfutter gefüttert«, warf Janne grinsend ein.
Lasst mich doch alle in Ruhe! tobte es in Svenja. Sahen sie denn nicht, dass die Grenze erreicht war? »Die Tüten sahen gleich aus!«, protestierte sie etwas erschöpft.
Janne lachte. »Da war eine Katze drauf abgebildet.«
Ach ja? Svenja fühlte ein Zittern in sich aufsteigen. Gleich würde sie einen Nervenzusammenbruch kriegen. Was zu viel war, war zu viel. »Es war dunkel!«, verteidigte sie sich. Und das stimmte.
Rieke merkte offensichtlich, wie es um Svenja stand, und legte ihr beruhigend einen Arm um die Schultern. »Komm, lass uns reingehen. Du brauchst trockene Sachen und einen Kaffee.«
»Ich brauche einen Schnaps«, murmelte Svenja. Danach sehnte sie sich tatsächlich. Und wenn es nur deshalb war, um alles zu vergessen. »Und eine andere Kuh.«
Als sie ins Haus gingen, hörten sie Jörn zu Janne sagen: »Zehn Euro, dass Gerda sie bis Ende der Woche noch mal in irgendwas reinschubst.«
Jannes Lachen klang höchst belustigt. »Zwanzig, dass es der Misthaufen wird.«
Am liebsten hätte Svenja ihnen die Augen ausgekratzt, aber dafür hatte sie keine Kraft mehr. »Ich hasse euch alle«, rief sie stattdessen über die Schulter zurück.
»Komm, lass dich von denen doch nicht auf den Arm nehmen«, griff Rieke begütigend ein. »Das ist Bauernhumor. Du weißt nicht, wie es in kleinen Dörfern ist. Hier sind Leute schon vor zehn Jahren zugezogen und werden immer noch als die Neuen bezeichnet.«
»Da zählen meine drei Monate nicht, meinst du?« Svenjas Verärgerung kehrte zurück und stärkte anscheinend ihre Nervenkraft, wie sie spürte.
»Leider, mien Hart.« Tröstend nahm Rieke sie in den Arm. »Sie meinen es nicht böse, glaub mir. Sie mögen dich.«
»Davon merke ich nicht viel«, schmollte Svenja, ließ sich aber in Riekes Arme sinken. Sie waren so weich und warm. Konnten sie nicht einfach wieder hinauf ins Schlafzimmer gehen und den Tag von vorn beginnen? »Sie wollen mich hier nicht.«
»Das bildest du dir ein.« Sanft streichelte Rieke ihren Rücken. »Auf dem Land darf man nur nicht empfindlich sein. Im Grunde genommen ist es ein gutes Zeichen, wenn sie Witze über dich machen. Das machen sie nur mit Leuten, die sie mögen. Bei anderen interessiert sie das gar nicht.«
»Na, das ist vielleicht ein Trost!« Svenja gab ein hohles Geräusch von sich. »Das heißt, je mehr sie mich mögen, desto mehr machen sie sich über mich lustig?«
»Jörn ist dein Freund, nicht meiner«, erinnerte Rieke sie. »Ich kenne ihn nicht so gut wie du.«
»Früher war er nie so«, behauptete Svenja. »Deine Schwester hat einen schlechten Einfluss auf ihn.«
»Jetzt hör aber auf.« Rieke lachte und kniff Svenja in den Po, auch wenn der von dem etwas lächerlichen Bademantel flauschig bedeckt war und Svenja nicht viel davon spürte. »Weshalb mögen die beiden sich? Weil sie sich ähnlich sind.«
»So wie wir?« Langsam lehnte Svenja sich in Riekes Arm zurück und sah sie an.
Sie bemerkte, wie Rieke bei diesem Blick schluckte. In ihren Augen lagen Liebe und Zärtlichkeit, aber auch eine Art Verwirrung über Svenjas Frage, von der Rieke anscheinend nicht wusste, wie sie sie beantworten sollte.
Und Svenja wusste es noch nicht einmal selbst.
Waren sie sich ähnlich, die Stadtpflanze und die Bäuerin? Es war noch gar nicht so lange her, da hatte Svenja gedacht, sie wären Welten voneinander entfernt.
Und es waren nur drei Monate.
Drei kurze Monate.
Aber seit Svenja hier war, hier bei Rieke, fühlte sie sich einfach ganz. Nicht mehr wie die Hälfte, die noch ihre andere Hälfte suchte.
»So wie wir«, sagte Rieke endlich leise, zog Svenja wieder zu sich heran und küsste sie.
Ja! dachte Svenja, als sie Riekes Lippen auf ihren spürte. Auf einmal war sie fest davon überzeugt, dass sie ihre andere Hälfte gefunden hatte.
Und das würde auch so bleiben.
Wenn Gerda nicht andere Pläne hatte.
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