1

Mit einem Lächeln auf den Lippen setzte Lilly den Blinker, um endlich von der Autobahn abzufahren. Die Fahrt von München nach Hause – sie nannte den Bauernhof ihrer Eltern immer noch zu Hause, obwohl sie nun schon so lange in München lebte und arbeitete – war lang, und in den letzten Tagen war auch noch Schnee gefallen, der die Straßen unsicher machte.

Sie wusste, dass die Autobahn der beste Teil der Fahrt war, denn sie war geräumt und zügig befahrbar, aber trotzdem freute sie sich auf den sicher anstrengenderen Teil zuerst auf Landstraßen und zum Schluss auf Wirtschaftswegen, die wahrscheinlich nicht einmal ansatzweise von Schnee und Eis befreit worden waren. Wenn sie ganz großes Pech hatte, würden noch nicht einmal die Winterreifen reichen, sondern sie musste auch noch die Ketten aufziehen.

Aber nach all diesen Bemühungen würde sie zu Hause ankommen und in der warmen Küche am Kachelofen sitzen, vielleicht eine Kuh im Stall muhen hören, ihre Mutter würde ihr Kaffee und Kuchen anbieten und ihr Vater seine Pfeife rauchen, während seine Augen mehr sprachen als sein Mund.

Der Winter war eine eher ruhige Zeit auf dem Hof. Da wurden Dinge geflickt und repariert, die in der hektischen Sommerzeit während der Ernte liegengeblieben waren. Und auch im Herbst noch war meistens viel auf den Feldern zu tun. Aber wenn das vorbei war, kehrte die besinnliche Zeit ein, die Lilly von allen Zeiten im Jahr am meisten liebte. Die Advents- und Weihnachtszeit.

Ja, Urlaub gab es nicht. Die Tiere im Stall mussten weiter jeden Tag gefüttert werden, die Kühe gemolken, die Ställe gereinigt. Das ging das ganze Jahr über so. Aber selbst darauf freute Lilly sich, denn es war immer, wenn sie hier war, ein schöner Ausgleich zu dem, was in München ihr Leben bestimmte.

Und diesmal gab es sogar noch etwas anderes. Denn hoffentlich würde es sie vor allen Dingen davon ablenken, darüber nachzudenken, wie sehr ihr Weihnachtsfest sich dieses Jahr von denen in den letzten Jahren unterschied. Was der Grund dafür war. Das Lächeln auf ihren Lippen verflüchtigte sich.

Eine Weile fuhr sie so vor sich hin, die Straßen wurden immer schmaler und unwegsamer. Der Schnee lag aufgehäuft an den Seiten. Da war wohl ein Schneepflug durchgefahren. Auf einmal gab es jedoch nicht einmal diese Schneise mehr, als sie an der letzten Abzweigung abbog. Sie führte auf die Straße, die zuerst das Dorf passierte und dann als Weg am Hof ihrer Eltern endete.

Es hatte erst in den letzten Tagen angefangen zu schneien, und die Straßen wurden ihrer Bedeutung gemäß von groß zu klein geräumt. Diese Straße war sehr klein. Deshalb stand sie ganz unten auf der Liste.

Der Schneefall, der zwischenzeitlich aufgehört hatte, setzte wieder ein, und Lilly probierte mit einigen kurzen Bremsungen aus, ob die Winterreifen reichen würden. Wohl eher nicht. Vor allem, wenn noch mehr Schnee fiel. Und jetzt kamen auch noch ein paar Steigungen.

Seufzend hielt sie an, packte sich gut ein und stieg Schnee und Kälte trotzend aus.

»Dann also die Ketten«, munterte sie sich selbst auf, holte die metallischen Helferlein aus dem Kofferraum und begann, sie anzulegen.

Da sie seit ihrer Kindheit sehr geübt darin war, dauerte es nicht lange, bis sie weiterfahren konnte. Die zusätzliche Traktion war sofort zu spüren, und so würde sie ohne Probleme bis zum Hof ihrer Eltern kommen.

Sie war wie immer auf alles vorbereitet gewesen, aber kurz darauf sah sie jemanden, der offenbar nicht so gut vorbereitet gewesen war.

Münchner Kennzeichen – na ja. Das hatte sie selbst auch, aber die meisten, die einen Wagen mit einem solchen Kennzeichen fuhren, waren im Gegensatz zu ihr in der Stadt aufgewachsen und hatten sich nie in ungeräumten Schneemassen auf dem Land bewegt.

Deshalb war dieses schicke Auto wohl auch im Straßengraben gelandet. Lilly wunderte es nicht. Wie konnte man mit so einem Sommerauto im Winter in die Berge fahren? Auch wenn das hier kein Hochgebirge war.

Obwohl das Cabrio tief im Graben lag, lief immer noch der Motor. Aus dem Auspuff stiegen weiße Wolken auf. Mit gerunzelter Stirn fuhr Lilly an die Stelle heran und hielt.

Hatte der Fahrer den Wagen mit laufendem Motor liegengelassen und war losgelaufen? Es war nichts von ihm zu sehen.

Sie fragte sich, ob sie aussteigen und nachschauen sollte, ob der Fahrer noch im Wagen war. Anscheinend war das Auto nicht in einen Unfall verwickelt gewesen, sondern einfach so in den Graben gerutscht. Zu schnell um die Kurve gefahren wahrscheinlich.

Lilly seufzte. Diese Stadtmenschen immer. Fühlten sich allem weit überlegen und hatten von nichts eine Ahnung. Das hatte sie in München oft genug erlebt.

Aber aussteigen musste sie, denn der Fahrer konnte ja auch verletzt sein, und deshalb lief der Motor noch. Vielleicht hatte er sich den Kopf angeschlagen und hing hilflos über dem Lenkrad.

Sie stellte ihren eigenen Motor ab, zog die Handbremse an und stieg aus. Ihre Schuhe waren nicht speziell für solche Verhältnisse geeignet. Zwar waren es feste Winterschuhe mit einer guten Sohle, aber doch auch eher etwas für die Stadt.

Als sie in München losgefahren war, hatte sie nicht damit gerechnet, damit durch tiefe Schneewehen stiefeln zu müssen. Aber für den Moment musste das reichen.

Sie rutschte ein wenig, als sie in den Graben hinabstieg, doch glücklicherweise war es nicht besonders steil. Dann ging sie auf die Fahrerseite zu und beugte sich tief hinunter, denn der Wagen war äußerst flach gebaut. Sie konnte kaum hineinsehen. Das Dach des Cabrios war geschlossen. Zumindest etwas, das den winterlichen Verhältnissen angepasst war.

Tatsächlich. Da war jemand im Wagen. Und es war kein Mann, es war eine Frau. Eine typische Städterin. Sie hielt ein Handy in der Hand, aber sie sprach mit niemandem. Stattdessen starrte sie nur auf den Bildschirm, als wartete sie darauf, dass gleich ein Geist daraus aufsteigen würde.

Lilly klopfte an die Scheibe, aber da sie Handschuhe trug, war das kaum zu hören. Deshalb musste sie mehrmals klopfen, denn die Fahrerin war völlig auf ihr Handy konzentriert und schaute nicht nach draußen.

Endlich sah sie Lilly, runzelte die Stirn und blickte sie ausgesprochen abweisend an.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Lilly.

Doch auch dadurch verschwand der abweisende Gesichtsausdruck nicht. Wieder wanderte der Blick der Fahrerin auf ihr Handy, als würde sie eher daraus Hilfe erwarten als von Lilly.

»Sie können nicht hier sitzenbleiben«, erklärte Lilly freundlich. »Selbst wenn Sie den Motor laufenlassen, werden Sie sich nicht lange warmhalten können.«

Endlich schien die Fahrerin sie überhaupt richtig wahrzunehmen. Ihr glattes, dunkles Haar, das sie kinnlang trug, wo es gerade abgeschnitten war, bewegte sich ein wenig, als sie den Kopf nun wieder vom Handy zu Lilly wandte. »Können Sie mich hier herausziehen?«

Neugierig? Im Katalog gibt es alle Infos zum Roman

Hanna Berghoff: Geheimnisvolle Beatrice ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

1 Mit einem Lächeln auf den Lippen setzte Lilly den Blinker, um endlich von der Autobahn...
Lilly schüttelte den Kopf. »Das könnte ich nur mit einem Traktor. Mein Wagen ist dafür nicht stark...
»Sie haben Ketten«, sagte Beatrice in diesem Moment. »Ich dachte, so was brauchen nur Lkws.« »Es...
»Die Hälfte«, wiederholte Beatrice. Erneut runzelte ihre Stirn sich angestrengt. »Ist das viel...
»Die Schuhe sollten Sie ausziehen«, sprach sie da plötzlich eine Stimme an, die ihr zumindest...
Das Wort klang geradezu bedrohlich in ihren Ohren. Wie sollte sie Entscheidungen treffen, wenn sie...
Warum? Na ja, manche Frauen waren so. Das war ihr auch nicht unbekannt. Gerade ihr nicht. Wenn sie...
»Das hat sie doch gesagt, Papa.« Als hätte sie nur darauf gewartet, eilte Lilly zu ihrer Rettung...
»Was meinst du denn, wie lange du brauchst, Toni?« Amrei hob ihre Kaffeetasse mit beiden Händen an...
»Na ja, vom Himmel gefallen wird sie ja wohl nicht sein.« Schulterzuckend wandte Amrei, die mit...
7 Als Beatrice erwachte, erkannte sie weder das Zimmer noch das Bett, in dem sie lag. Alarmiert...
»Dann ist das wohl nicht eingerichtet«, schloss Lilly daraus. »Also musst du deine PIN eingeben....