»Die Schuhe sollten Sie ausziehen«, sprach sie da plötzlich eine Stimme an, die ihr zumindest bekannt vorkam, weil sie sie schon einmal gehört hatte. Gerade eben.
Unwillkürlich blickte Beatrice an sich hinunter auf ihre Füße. Die Schuhe, die sie trug, waren völlig durchweicht und trugen Schneeränder. Jetzt merkte sie auch wieder, wie kalt ihre Füße sich anfühlten.
»Setzen Sie sich hierher«, forderte Lillys Mutter sie auf und wies zu dem Tisch, der in der Mitte dieses Raumes stand. »Dann geben Sie mir Ihre Schuhe, und als Entschädigung dafür bekommen Sie einen Kaffee.«
Kleine Fältchen kräuselten sich in ihren Augenwinkeln und gaben Beatrice auf einmal – das erste Mal – ein heimeliges Gefühl.
Als hätte ihr jemand einen Befehl gegeben, den sie nicht verweigern durfte, ging sie zum Tisch, setzte sich auf einen Stuhl und schob die durchweichten Schuhe mit den Zehen von ihren Füßen, ohne ihre Hände zu benutzen.
Darunter kamen durchweichte Strümpfe zum Vorschein.
»Die Strumpfhose ziehen Sie am besten auch aus«, schlug die ältere Frau vor. »Ich hole Ihnen ein Handtuch.«
Sie ließ Beatrice allein, und die folgte ihren Anweisungen fast wie ein Roboter und entledigte sich ihrer Strumpfhose, als befände sie sich in Trance und jemand anderer täte es.
Gleich darauf war Frau . . . Huber? – Sie musste Huber heißen, denn Lillys Nachname war ebenfalls Huber, wie Beatrice sich erinnerte. Dann jedoch kam ihr sofort in den Sinn, dass Lilly ja verheiratet sein konnte und vielleicht einen anderen Namen trug als ihre Mutter – mit dem Handtuch zurück.
Sie reichte es Beatrice und hob Strumpfhose und Schuhe vom Boden auf, wo Beatrice sie hatte liegenlassen.
»Ich bringe das mal schnell in die Waschküche«, verkündete sie und entschwand erneut.
Dass Lilly die Tochter dieser Mutter war, ließ sich nicht leugnen. Sie hatten offensichtlich dieselbe zupackende Art.
»So, mein Vater ist jetzt mit dem Traktor unterwegs«, verkündete Lilly da fast im selben Moment, als sie durch die Tür wieder hereingeschossen kam. »Wir können aber noch einen Kaffee trinken, weil er länger braucht als wir.«
»Wir?«, fragte Beatrice.
»Willst du nicht mitkommen?«, kam die erstaunte Frage von Lilly zurück. »Sonst müsstest du mir halt den Schlüssel zu deinem Wagen geben. Oh, Entschuldigung.« Sie grinste fast. »Sie müssten mir dann den Schlüssel geben.«
Kurz zögerte Beatrice, dann sagte sie: »Ich glaube, Du ist in Ordnung.«
»So. Glaubst du das.« Lilly schien höchst amüsiert, aber Beatrice konnte sich nicht erklären, warum.
Praktische Bauerntochter, die sie war, ging Lilly zum Schrank, nahm ein paar Tassen heraus und stellte sie auf den Tisch. »Wo ist meine Mutter?«
»Ich glaube –« Beatrice unterbrach sich. »Sie sagte, sie ginge in die Waschküche. Mit meinen Schuhen.«
»Ah ja.« Lilly nickte. Auf der Anrichte stand eine Thermoskanne, die sie nun auch zum Tisch brachte. »Dann wird sie sicher gleich zurück sein.«
Sie goss in alle drei Tassen, die sie auf den Tisch gestellt hatte, Kaffee aus der Thermoskanne ein und schob Beatrice eine Zuckerdose hin. »Nimmst du Zucker?«
Darüber musste Beatrice erst einmal nachdenken. Sie wusste es nicht.
Während Lilly den Kühlschrank öffnete und die Milch herausholte, nippte Beatrice heimlich an ihrem Kaffee. Ja, sie brauchte Zucker. Auf jeden Fall.
Als Lilly gerade die Milchkanne auf den Tisch stellte, kehrte Amrei zurück.
»Die Schuhe werden Sie nicht mehr hinkriegen«, sagte sie. »Schneeränder bleiben.«
Beatrice wusste nicht, ob von ihr eine Reaktion auf diese Aussage erwartet wurde, und so erwiderte sie nichts.
»Sie kann sich bestimmt neue kaufen.« Gutmütig lachte Lilly ihre Mutter an. »So arm scheint sie nicht zu sein.« Immer noch lachend wandte sie sich an Beatrice. »Oder irre ich mich da?«
Antworten waren im Moment ein schwieriges Thema für Beatrice, auch wenn sie die Fragen verstand.
Merkwürdigerweise sagte ihr ein Gedankenblitz, der wie aus dem Nichts kam, dass die beste Antwort auf eine Frage, die man nicht beantworten wollte oder konnte, eine Gegenfrage war.
»Warum solltest du dich irren?«, fragte sie deshalb.
Erstaunt hob Amrei die Augenbrauen und sah ihre Tochter an.
»Wir haben beschlossen, uns zu duzen«, erklärte Lilly schnell. »Ist einfacher.«
Sie setzte sich an die Stirnseite des Tisches, was bedeutete, sie saß zwischen Beatrice und ihrer Mutter.
»Wenn wir schnell machen, können wir zwar noch einen Kaffee trinken, aber der Kuchen muss noch ein bisschen warten«, bemerkte sie gutgelaunt. »So lange will ich Papa nicht alleinlassen. Er ist bereits unterwegs.«
Und schon hatte sie ihre Kaffeetasse halb geleert, während die von Beatrice noch praktisch unberührt vor ihr stand.
Lilly schob ihr die Milchkanne hin. »Milch?«
Das hieß, dass man eine Aktion von ihr erwartete, wurde Beatrice schlagartig klar. Wie alles im Moment wie Schläge auf sie einprasselte.
Sie nahm den Kaffeelöffel, der auf ihrer Untertasse lag, und versüßte ihren Kaffee mit zwei Löffeln Zucker, dann griff sie zur Milch und goss ein wenig in ihre Tasse.
»Danke«, sagte sie und schob beides, Zuckerdose und Milchkanne, wieder etwas von sich weg.
Lilly nahm sich Milch, aber keinen Zucker, und Amrei trank ihren Kaffee schwarz, stellte Beatrice gleich darauf fest.
»Was hat Sie denn in unsere Gegend verschlagen?«, fragte Amrei mit einem freundlich-unverbindlichen Lächeln. »Machen Sie Winterurlaub im Bayrischen Wald?«
Oh Gott. Schon wieder eine Frage.
»Sie läuft nur alpin Ski, hat sie mir erzählt«, warf Lilly ein. »Unsere Loipen sind nicht interessant für sie. Nur die Skilifte.« Sie lachte.
»Na, da muss sie ja nur ein Stückchen weiterfahren.« Amrei nahm einen Schluck Kaffee und behielt die Tasse in der Hand. »Da geht es nach einer Weile steil bergauf.« Etwas forschend sah sie Lilly an. »Könntest du auch mal wieder machen. Oder magst du das gar nicht mehr?«
Lilly zuckte die Schultern. »Da ist mir immer zu viel los. So viele Menschen habe ich in München jeden Tag. Hier möchte ich mal meine Ruhe.«
»Dann scheint der Flughafen ja gut zu funktionieren«, meinte ihre Mutter, nahm noch einen Schluck und stellte ihre Tasse wieder auf der Untertasse ab.
»Oh ja. So im Großen und Ganzen funktioniert er.« Lilly seufzte. »Aber ich komme mir manchmal vor wie ein Hausmeister. Alle kommen zu mir, wenn irgendwo mal etwas nicht funktioniert.«
»Du hast doch nur das Lüftungssystem entworfen«, wunderte ihre Mutter sich. »Nicht alles.«
Verwirrt verfolgte Beatrice dieses Gespräch. Viel sagte es ihr nicht, aber sie fühlte, dass es etwas war, das nicht in ihre Welt gehörte.
Ihre Welt. Was war ihre Welt?
»Ich würde sagen, wir ziehen los!« Indem sie sich mit beiden Händen energisch vom Tisch abstieß, sprang Lilly auf. »Sonst versumpfe ich noch hier bei Kaffee und Kuchen.« Leicht augenzwinkernd lachte sie ihre Mutter an. Gleich darauf richtete sich ihr Blick auf Beatrice. »Wie hast du dich entschieden?«
Beatrice kam es so vor, als hätte man ihr gerade einen Kopfstoß versetzt. Einen harten. »Entschieden?«, fragte sie verdattert.
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