Das Wort klang geradezu bedrohlich in ihren Ohren. Wie sollte sie Entscheidungen treffen, wenn sie gar nicht wusste, worum es ging?
»Kommst du mit oder gibst du mir deinen Schlüssel?«, erklärte Lilly dynamisch, wie sie war.
Ach so. Beatrice erinnerte sich wieder. Dann blickte sie auf ihre nackten Füße, die auf dem Handtuch standen, das Lillys Mutter ihr gegeben hatte. »Ich habe keine Schuhe«, stellte sie fest, als würde sie es in diesem Augenblick das erste Mal bemerken.
»Sie muss doch nicht mitkommen, oder?«, meinte Amrei. »Papa und du schafft das allein.«
»Klar schaffen wir das.« Nun streckte Lilly die Hand in Beatrices Richtung aus. »Aber den Schlüssel brauche ich. Sonst können wir den Wagen nicht abschleppen.«
Automatisch griff Beatrice in die Tasche des Mantels, den sie immer noch trug, fand dort jedoch nichts.
Verwirrt schaute sie Lilly an. »Ich glaube, der steckt noch«, stellte sie zu ihrer eigenen Überraschung fest, die man ihr auch ansah.
»Ach du je . . .« Fassungslos warf Lilly die Hände in die Luft. »Aber wegfahren kann den Wagen aus dem Graben raus ja niemand. Also geklaut hat ihn wahrscheinlich keiner.« Sie runzelte die Stirn. »Sind wertvolle Sachen drin? Die könnten allerdings schon weg sein. Man weiß ja nie, wer hier vorbeikommt. Sind schließlich nicht alles nur Einheimische. Die klauen nicht.«
Ehrlich gesagt hatte Beatrice nicht die geringste Vorstellung davon, was in dem Wagen war. Bis auf die Dinge, die sie beim ersten Blick vor Lillys Auftauchen wahrgenommen hatte.
Sie hatte ihre Handtasche mitnehmen wollen, daran erinnerte sie sich.
Das hatte sie merkwürdigerweise gewusst, dass die da sein musste. Viel mehr wusste sie aber nicht.
Deshalb zuckte sie nur die Schultern. »Ich habe keine Ahnung.«
Obwohl Lilly ihr einen verwunderten Blick zuwarf, hatte sie wohl beschlossen, dass sie jetzt keine Zeit mehr hatte, sich mit dem zu beschäftigen, was Beatrice nicht wusste.
»Na ja, ich muss los«, verkündete sie entschlossen.
Und damit war sie auch schon zur Küche hinaus.
3
»Wen hast du denn da angeschleppt?«, fragte ihr Vater, als Lilly bei ihm eintraf. Er hatte bereits den Wagen inspiziert und blickte aus dem Graben zu ihr hinauf.
»Wie meinst du das?« Zu Hause hatte Lilly sich feste Schuhe angezogen und konnte so nun viel besser in den Graben hinuntersteigen.
»Na ja, so ein Wagen . . . Und ohne Winterreifen.« Er wies auf den Z4. »Kann doch nur eine Touristin sein. Oder kennst du sie?«
Lilly schüttelte den Kopf. »Nein. Ich habe dir ja erzählt, dass ich sie hier im Graben gefunden habe. Mehr weiß ich nicht von ihr.«
»Auf jeden Fall ist sie keine gute Autofahrerin«, meinte er. »Fährt normalerweise wahrscheinlich nur in der Stadt.«
»Kann schon sein.« Auch darauf konnte Lilly nur schulterzuckend antworten. »Ich weiß es nicht.«
»Schon klar.« Er nickte. »Hast du den Schlüssel?«
Fast hätte Lilly gehüstelt. »Der steckt noch«, sagte sie aber nur. »Jedenfalls hat Beatrice ihn nicht in ihrem Mantel gefunden.«
»Beatrice?« Mit zusammengezogenen Augenbrauen sah ihr Vater sie an. »So heißt sie?«
»Hat sie mir gesagt«, bestätigte Lilly. »Aber ihren Nachnamen hat sie mir nicht verraten.«
»Den werden wir wohl im Wagen finden«, meinte er gutmütig. »So schusslig, wie sie ist, hat sie ihre Papiere wahrscheinlich auch nicht mitgenommen.«
Er öffnete die Wagentür und sah hinein. »Ja, steckt«, stellte er mit einem Blick fest. »Aber ich sehe keine Tasche oder so was.«
»Die muss im Kofferraum sein«, erklärte Lilly, als sie sich daran erinnerte, wie Beatrice den Kofferraum hatte öffnen wollen.
»Aha«, meinte ihr Vater. »Na ja, ist ja nicht so wichtig. Zum Abschleppen brauchen wir die nicht.«
Er stapfte zum Traktor hoch, der oben auf dem Seitenstreifen der Landstraße stand. Gleich darauf kehrte er, das Ende des Stahlseils der Winde, die an seinem Traktor angebracht war, hinter sich herziehend, zurück. »Hier.« Er reichte es Lilly. »Du kennst dich besser mit diesen Stadtautos aus.«
»Mit einem BMW Z4 auch nicht.« Lilly lachte. Doch sie fand den Abschlepphaken, an dem sie das Stahlseil befestigen konnte, und hakte es ein.
Mit einem Winken gab sie ihrem Vater Bescheid. »Sitzt fest!«, rief sie. »Ich werde mal den Wagen starten. Wenn das noch geht.«
Doch in dieser Hinsicht war das kleine Cabrio anscheinend überraschend zuverlässig. Es sprang zwar nicht beim ersten, aber doch beim zweiten Versuch klaglos an.
In dem tiefen Sportsitz fühlte Lilly sich etwas fremd, doch als ihr Vater das Seil mit dem Traktor anzog, konnte sie den Wagen so steuern, dass er bald oben auf der Straße stand, statt hier unten im Graben zu liegen.
»Sieht etwas demoliert aus«, stellte ihr Vater mit einem weiteren prüfenden Blick fest, als Lilly den Haken des Stahlseils wieder löste. »Das muss ich mir erst einmal ansehen, bevor sie wieder damit fahren kann.« Er hob die Augenbrauen. »Warum ist sie nicht mitgekommen? Wenn du jetzt in dem Spielzeug sitzen musst, musst du deinen eigenen Wagen hier stehenlassen.«
»Ja, sie . . .« Lilly räusperte sich. »Sie hatte keine Schuhe. Ihre waren völlig durchgeweicht.«
»Hättest du ihr nicht welche von dir geben können?«, fragte er etwas unwirsch.
»Ich weiß nicht, ob wir dieselbe Schuhgröße haben.« Lilly ärgerte sich, dass sie Beatrice nicht dazu überredet hatte mitzukommen. Nun musste sie ihren eigenen Wagen stehenlassen, und sie mussten den dann auch noch abholen.
Abschätzend warf ihr Vater einen Blick die schneebedeckte Straße hinunter. »Ist ja nicht viel los. Wir versuchen es mal, ohne dass jemand drinsitzt. Dann kannst du deinen eigenen Wagen zurückbringen, und wir müssen nicht extra noch mal wiederkommen. Mit dem Traktor geht es ja sowieso nur langsam. Du fährst mit Warnblinkern hinterher.«
»Ist gut.« Lilly fand, das war eine probate Lösung.
Ihr Vater war ein äußerst praktischer Mann, der sich zwar im Allgemeinen an die Gesetze hielt, aber auch mal seine landwirtschaftliche Berufserfahrung darüberstellte. Was meist vernünftiger war.
»Bring den Wagen noch korrekt auf die Straße«, wies er sie an. »Dann fahre ich los, und du gehst zu deinem eigenen zurück.«
Wieder konnte Lilly nur nicken. Noch einmal ließ sie sich in den tiefen Sitz des Z4 fallen und steuerte den Wagen so lange dem Traktor ihres Vaters hinterher, bis er absolut gerade hinter ihm stand.
Dann stieg sie aus, hakte das Stahlseil wieder ein und lief schnell zu ihrem eigenen Wagen zurück, stieg ein und fuhr ihrem Vater hinterher.
Der tuckerte auf seinem Traktor mit den erlaubten fünfundzwanzig Stundenkilometern oder weniger vor sich hin, und sie schaltete herunter, um ihm zu folgen. Die Warnblinkanlage gab ein regelmäßiges Klicken von sich.
So hatte sie Zeit, über die ganze Sache nachzudenken. Ihre Begegnung mit Beatrice und vor allem auch Beatrices merkwürdiges Verhalten.
Was war nur mit ihr los? Wusste sie wirklich nichts von dem, was Lilly sie gefragt hatte, oder wollte sie es nur nicht wissen? Wollte ein Geheimnis aus allem machen.
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