Warum?
Na ja, manche Frauen waren so. Das war ihr auch nicht unbekannt. Gerade ihr nicht. Wenn sie da an Nikita dachte . . .
Nikita. Schon der Name war Programm, obwohl sich ihre Eltern wahrscheinlich nichts anderes dabei gedacht hatten, als dass sie einen außergewöhnlichen Vornamen für ihre Tochter wollten.
Eigentlich ein russischer Männername, war er plötzlich wegen eines Actionfilms mit einer weiblichen Hauptfigur namens Nikita für Mädchen populär geworden. Und Nikitas Eltern hatten den Film offenbar gesehen.
Nikita war eindeutig eine Frau. Und was für eine! Aber ihr Verhalten hätte man eher einem Mann zuordnen können. Zumindest, was ihren Frauenverschleiß betraf.
Für Lilly war so ein Verhalten so undenkbar gewesen, dass sie Nikita lange verteidigt hatte. Sie konnte einfach nicht glauben, was gutmeinende oder auch nicht so gutmeinende Leute ihr erzählten.
Aber endlich hatte sie es doch einsehen müssen. Nikita hatte es selbst zugegeben. Sogar einigermaßen stolz.
Das hatte das Ende ihrer Beziehung bedeutet. Wenn Nikita sich entschuldigt hätte, wenn sie es bereut hätte, dann wäre vielleicht eine Versöhnung möglich gewesen.
Aber das fiel Nikita gar nicht ein. Sie war der Meinung, es wäre ihr gutes Recht, sich Befriedigung dort zu suchen, wo sie sie fand, wenn Lilly so viel arbeitete, sich so wenig um Nikita kümmerte.
Den Eindruck hatte Lilly zwar nicht gehabt. Im Gegenteil, sie hatte sich immer bemüht, ihre Beziehung nicht unter ihrer Arbeit leiden zu lassen. So oft wie möglich war sie Nikitas Wünschen nachgekommen. Auch in sexueller Hinsicht. Sogar, wenn sie eigentlich zu müde dazu war.
Aber das hatte nicht gereicht. Es war Nikita nicht genug gewesen, die ihren Job nur als ein lästiges Übel betrachtete und ihre Freizeit als ihren Hauptberuf. Für die Sex so etwas war wie Essen und Trinken. Etwas, das sie ständig brauchte und von dem sie nicht genug bekommen konnte.
Hätte sie tatsächlich Essen und Trinken an die Stelle von Sex gesetzt, wäre sie schwer übergewichtig gewesen. Aber das war sie natürlich nicht. Sie war rank und schlank, eine richtige Schönheit.
Am Anfang ihrer Beziehung hatte Lilly sich im Geheimen sogar dafür beglückwünscht, eine solche Frau für sich gewonnen zu haben. Eine Frau, die alle haben konnte.
Und die hatte Nikita dann ja auch gehabt.
Eigentlich war Beatrice derselbe Typ, dachte Lilly auf einmal. Eine schöne, wenn auch anscheinend etwas verwirrte Frau, die wahrscheinlich jeden haben konnte, den sie wollte.
Aber im Gegensatz zu Nikita war sie nicht lesbisch. Davon war Lilly überzeugt. Und das schloss jegliche Weiterungen aus.
Weiterungen? Was für Weiterungen?
Fühlte sie, Lilly, sich etwa von Beatrice angezogen?
Ihre Stirn runzelte sich sehr, als sie darüber nachdachte. Der Z4 vor ihr schlingerte leicht, als ihr Vater ihn um eine Kurve zog, aber er stabilisierte sich dann wieder in der Spur.
Bei so langsamer Fahrt konnte nichts passieren. Beatrice musste viel schneller gefahren sein.
Natürlich war sie das. Wenn man Traktortempo fahren wollte, fuhr man keinen Z4.
Doch obwohl dieser Wagen so gut zu ihr passte, hatte Lilly nicht den Eindruck, dass Beatrice sehr damit vertraut war.
Möglicherweise beruhte dieser Eindruck darauf, dass Beatrice mit dem kleinen Flitzer im Graben gelandet war, aber auf einmal sah sie wieder Beatrices dunklen Kopf vor sich, wie er sich ihr, Lilly, zuwandte. Sie hatte völlig verloren gewirkt.
Im ersten Moment hatte Lilly das nur für eine Folge des Unfalls gehalten, des Schocks, aber auf der Weiterfahrt zum Hof ihrer Eltern und auch noch nach der Ankunft dort hatte Beatrice sich so seltsam verhalten, als ob da mehr sein müsste.
Doch was war dieses Mehr?
Sie musste mit ihrer Mutter darüber sprechen. Die hatte ein gutes Gespür für Menschen. Ihr Vater akzeptierte die Welt mehr so, wie sie war.
Das tat ihre Mutter zwar auch, sonst hätte sie nicht Bäuerin sein können, aber im Gegensatz zu Lillys Vater, der sich nicht viele Gedanken darüber machte, konnte ihre Mutter einen Menschen fast mit einem Blick einschätzen.
Sie wusste intuitiv sofort, mit wem sie es zu tun hatte. Schon bei den ersten Fragen am Küchentisch hatte Lilly bemerkt, wie die Maschine im Kopf ihrer Mutter ratterte.
Sie selbst hatte sich zu diesem Zeitpunkt noch mehr mit den konkreten Problemen bezüglich Beatrices Auto beschäftigt, aber ihre Mutter war schon einen Schritt weiter gewesen.
Einerseits hatte sie Beatrice konkret geholfen, indem sie sich um ihre Schuhe kümmerte, ihr einen Kaffee anbot und einen Platz an ihrem Tisch, doch auf der anderen Seite hat ihr Blick bereits Bände gesprochen.
Diesen Blick kannte Lilly seit ihrer Kindheit. Er hatte sie oft dazu gebracht, die Wahrheit zu sagen, wenn sie sie eigentlich lieber verschwiegen hätte.
Nicht dass sie eine geborene Lügnerin war – eher im Gegenteil –, aber es hatte Dinge gegeben, für die sie sich geschämt hatte, die ihr peinlich gewesen waren, die sie nicht gern zugeben wollte.
Vielleicht hatten diese Dinge noch nicht einmal eine große Bedeutung gehabt. Und doch hatte ihre Mutter durch sie hindurchgesehen wie durch Glas, sodass Lillys Mund sich öffnete und nichts anderes tun konnte, als Amrei ihr Herz auszuschütten.
Nie war darauf eine negative Reaktion erfolgt. Manchmal hatte ihre Mutter ihr eine kleine Standpauke gehalten, aber auch die war immer konstruktiv gewesen, nie destruktiv.
Dadurch hatte Lilly gelernt zu vertrauen. Oder eher hatte sie das Urvertrauen, das jedem Kind mitgegeben wurde, nie verloren.
Bei Beatrice – dieses unterschwellige, wenn auch untrügliche Gefühl hatte Lilly – war das anders.
4
»Wir sind wieder da!«
Während Lillys Abwesenheit hatte Beatrice sich nicht von der Stelle gerührt und einige Tassen Kaffee getrunken.
Amrei hatte ihr zwar noch die eine oder andere Frage gestellt, aber in Anbetracht der Tatsache, dass Beatrice anscheinend kaum in der Lage war, sie zu beantworten, hatte sie ihre Pflichten auf dem Hof wieder aufgenommen.
So war Beatrice allein zurückgeblieben.
Verwirrt hatte sie ihre Taschen noch einmal durchsucht, darin aber nichts gefunden, was ihr in irgendeiner Weise Aufklärung verschafft hätte. Ein Taschentuch war alles gewesen, was sich ihr offenbart hatte.
Beim Klang von Lillys Stimme zuckte sie zusammen. Nun musste sie wieder aufmerksam sein und versuchen herauszufinden, was andere Menschen von ihr wollten.
Im Vorraum hörte sie Geraschel, Gescharre und Gestampfe, dann kamen zwei Menschen zur Tür herein. Lilly, die sie schon kannte, und in ihrem Schlepptau ein älterer, Beatrice fremder Mann.
Der sofort seinen Blick auf sie richtete. »Ihr Wagen steht draußen«, teilte er ihr mit. »Wollen Sie ihn sich anschauen oder etwas herausnehmen, Frau . . .?« Fragend hob er die Augenbrauen.
In Beatrice ratterte eine Suchmaschine los. Aber sie fand nichts. Doch, da war etwas. »Benedikt?«, gab sie in einem ebenfalls fragenden Tonfall zurück.
»Fragen Sie mich das?« Der Mann schien irritiert. »Sie müssen doch wissen, wie Sie heißen.«
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