»Das hat sie doch gesagt, Papa.« Als hätte sie nur darauf gewartet, eilte Lilly zu ihrer Rettung herbei. »Beatrice Benedikt. Das ist ihr Name.« Auffordernd blickte sie Beatrice an.
Dann musste es wohl so sein. »Ja«, nickte sie. »Das ist mein Name.«
»Also Frau Benedikt«, setzte Lillys Vater erneut an. »Wollen Sie etwas aus dem Wagen herausnehmen? Ihre Handtasche vielleicht?«
»Die wolltest du doch mitnehmen, aber kamst nicht heran«, ergänzte Lilly. »Vielleicht sind ja auch noch andere Sachen im Kofferraum, die du brauchst. Wir haben ihn nicht aufgemacht.«
»Ja . . . ähm . . .« Wie schon einmal blickte Beatrice auf ihre Füße.
»Welche Schuhgröße hast du?« Lilly wandte sich zurück in den Vorraum. »Wenn wir ungefähr die gleiche Größe haben, könnte ich dir Schuhe von mir leihen. Oder hast du welche im Kofferraum?«
Wenn ich das wüsste . . ., dachte Beatrice. Wieder einmal konnte sie die ihr gestellten Fragen nicht beantworten.
Und Lilly sah es ihr an. »Ich schaue mal nach«, sagte sie und lief energiegeladen hinaus.
Es gab erneut Geraschel, dann das Öffnen und Zufallen einer Tür.
Draußen hörte man eher metallische Geräusche, während Lillys Vater sich eine Tasse nahm und sich Kaffee aus der Thermoskanne eingoss, die Amrei zwischenzeitlich noch einmal mit frischem Kaffee gefüllt hatte.
Innerlich zitterte Beatrice bei der Vorstellung, dass Lillys Vater sie erneut etwas fragen könnte, aber da hörte sie Lilly schon wieder hereinkommen. Erleichterung machte sich in ihr breit.
»Keine Schuhe«, verkündete Lilly im Vorraum, wo sie wieder ihre Schuhe wechselte, »aber deine Handtasche habe ich gefunden.«
Sie reichte sie Beatrice. Ein wenig Neugier lag in ihren Augen, als sie sie ansah.
Anscheinend erwartete sie, dass Beatrice die Handtasche öffnete.
Was sie dann auch tat. Vielleicht enthielt diese Tasche ja etwas, was ihr Aufklärung über das geben konnte, was sie nicht wusste.
Doch ihre Hoffnung zerschlug sich. Taschentücher, Lippenstift, etwas Schokolade und eine kleine Dose mit Pillen, aber ohne Aufschrift. Das war alles, was die Tasche enthielt.
Nichts, was irgendeinen Hinweis auf ihren Namen, ihre Adresse oder sonst etwas geben konnte. Warum sie in diesem Wagen gesessen hatte und im Graben gelandet war. Wo sie hingewollt hatte. Wo sie herkam.
Enttäuscht schloss sie die Tasche wieder.
»Ich werde mir den Wagen einmal ansehen«, unterbrach die Stimme von Lillys Vater ihre aufkommende Panik. »Müssen Sie dringend irgendwo hin? Könnte nämlich eine Weile dauern. Ich will Sie nicht fahren lassen, bevor ich sicher bin, dass der Wagen nicht gleich wieder im Graben landet.«
Musste sie irgendwo hin? Das hatte sie sich eben auch schon gefragt. Dringend oder nicht, sie wusste es nicht. Sie war unterwegs gewesen, und das hieß wohl, dass sie ein Ziel gehabt hatte. Aber sie kannte es nicht mehr.
»Ich werde warten«, sagte sie. »Das ist sehr nett von Ihnen.«
»Schon gut.« Er winkte ab. »Aber jetzt wollen wir erst einmal Lillys Ankunft feiern. Und den Kuchen.« Seine Augen begannen zu glänzen. »Amrei!« Rufend hob er die Stimme und sah sich um.
Da ertönte aus einiger Entfernung eine Antwort. »Gleich!«
»Na, dann können wir ja schon mal alles fertigmachen.« Geübt nahm Lilly Teller und Kuchengabeln aus dem Schrank und verteilte alles auf dem Tisch. »Du isst doch Kuchen?«
Wenn sie alle doch nur diese Fragen lassen würden . . . Ohne zu überlegen, nickte Beatrice. Das war am sichersten und zog meistens keine weiteren Fragen nach sich.
Lilly lachte. »Es gibt ja Frauen, die wegen der Figur darauf verzichten. Aber zu denen gehören wir dann wohl beide nicht.«
Ehrlich gesagt wusste Beatrice nicht, ob sie zu diesen Frauen gehörte, aber da ihr Lilly wie ein Mensch erschien, der sich auskannte, fand sie es am besten, sich ihr anzuschließen. Da konnte sie vermutlich am wenigsten falschmachen.
An irgendetwas musste sie sich ja halten. Und viel Auswahl hatte sie da nicht.
Etwas pustend kam Lillys Mutter zur Tür herein. »Hab noch schnell die Hühner gefüttert«, erklärte sie. Dann überzog ein Lächeln ihr Gesicht. »Ist ja schon alles vorbereitet.«
»Setz dich, Mama«, forderte Lilly sie mit einem warmen Lächeln auf. »Du hast schon genug getan.«
»Den Kuchen müssen wir noch anschneiden.« Amrei Huber öffnete den Kühlschrank und zog den Kuchen heraus, stellte ihn auf den Tisch. »Das große Messer noch, Lilly.«
Ihr von Lilly gereicht landete dieses anscheinend letzte Utensil in ihrer Hand.
Sie schnitt den Kuchen an, Lilly hielt ihr einen Teller nach dem anderen hin, und zum Schluss hatte jeder ein Stück vor sich auf dem Tisch stehen.
Der für sie appetitlich erscheinende Duft ließ Beatrice vermuten, dass sie tatsächlich nichts gegen Kuchen hatte. Möglicherweise hatte auch die Schokolade in ihrer Handtasche schon einen Hinweis in diese Richtung gegeben.
»Dann guten Appetit!«, wünschte Lillys Mutter mit einem lächelnden Blick in die Runde, der jedoch ein wenig länger an Beatrice als an den anderen hängenblieb.
Beatrice fühlte ein Rieseln ihren Rücken herunterlaufen.
Was hatte das jetzt wieder zu bedeuten?
5
Dasselbe fragte Lilly sich unterdessen auch, ohne zu wissen, dass Beatrice und sie sich die gleiche Frage stellten.
Der erste Bissen des wunderbaren Weißenregen-Kuchens zerschmolz in ihrem Mund, und sie schloss beglückt die Augen. Dieser Kuchen war für sie so etwas wie ein Synonym für Zuhause. Sie war endlich wieder daheim.
Apropos daheim. Fragend blickte sie Beatrice an. »Es ist schon spät, und wenn mein Vater sich deinen Wagen noch anschauen will, wird das heute mit dem Weiterfahren nichts mehr. Du musst wohl hier übernachten. Vielleicht solltest du Bescheid sagen.«
Offenbar hatte auch Beatrice die erste Gabel voll Kuchen durchaus genossen, denn sie kaute genüsslich. Von Lilly angesprochen zu werden schreckte sie jedoch auf.
Ihre Augen öffneten sich weit. »Bescheid sagen?«
Auch Lillys Augenbrauen schoben sich in die Höhe. »Du wirst doch bestimmt irgendwo erwartet. Die werden sich wundern, wo du bleibst. Oder hast du schon angerufen?«
Sie erinnerte sich daran, wie gebannt Beatrice auf ihr Handy gestarrt hatte, als Lilly sie das erste Mal in ihrem Auto vorfand.
»Angerufen.« Diesmal war es keine Frage, sondern eher eine erstaunte Feststellung, die Beatrice machte. Automatisch griff sie in ihre Manteltasche und zog ihr Handy heraus.
»Ist es leer?« Da der Bildschirm sich nicht einschaltete, nahm Lilly das an.
Reflexartig drückte Beatrice auf alle erreichbaren Knöpfe, aber es tat sich nichts.
»Sieht so aus«, stellte Lilly fest. »Du kannst es bei uns laden. Dann kannst du anrufen.«
Als wollte sie ihr die Erlaubnis dazu geben, legte Beatrice das Handy in Lillys Richtung auf den Tisch. Plötzlich schien ihr etwas einzufallen. »Übernachten? Hier?«
»Hotels werden Sie hier keine finden«, bemerkte Anton Huber etwas brummig. »Auch wenn Sie das vielleicht gewöhnt sind.«
»Der Hof hat genügend Zimmer«, ergänzte Lilly sofort, um der Aussage ihres Vaters etwas von ihrer Schärfe zu nehmen. »Es ist ein großes Haus. Irgendwo musst du ja schlafen, wenn du nicht weiterfahren kannst.«
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