»Was meinst du denn, wie lange du brauchst, Toni?« Amrei hob ihre Kaffeetasse mit beiden Händen an und führte sie zum Mund, während sie ihren Mann mit auf den Tisch gestützten Ellbogen fragend ansah.

Er zuckte die Schultern. »Kann ich jetzt noch nicht sagen. Mir scheint jedenfalls, die Stoßdämpfer sind hin. So kann sie auf keinen Fall fahren. Sonst wird sie das nächste Mal von der Polizei von der Straße geholt, nicht von Schnee und Eis.«

»Das heißt, es wird eine längere Geschichte?« Lilly wusste, dass ihr Vater genau das meinte, aber sie fragte trotzdem, weil sie sich nicht darüber im Klaren war, ob Beatrice das wusste. Technik schien nicht gerade ihr Spezialgebiet zu sein.

Diesmal nickte ihr Vater. »Auf jeden Fall. Dieses Modell fährt hier nicht gerade massenhaft rum. Vielleicht müssen sie die Stoßdämpfer sogar erst bestellen.«

»Hast du denn so viel Zeit?« Nun wandte Lilly sich wieder an Beatrice, die die ganze Zeit nicht einen Ton gesagt hatte.

Und auch jetzt sagte sie nichts, sah nur irgendwie verwirrt und in sich gekehrt aus.

»Ich glaube, der Unfall hat Sie mehr mitgenommen, als wir annehmen.« Amrei Huber blickte Beatrice nun doch ziemlich besorgt an. »Sie haben immer noch einen Schock.« Mit einem Blick musterte sie den Mantel, den Beatrice noch immer trug. »Deshalb ziehen Sie den Mantel auch nicht aus. Ist Ihnen kalt?«

Es schien, als ob Beatrice erst jetzt bemerkte, dass sie in diesem dicken Wintermantel hier in dem fast schon überheizten Raum furchtbar hätte schwitzen müssen. Sie blickte auf ihre Arme und dann in ihren Schoß. »Ja, kalt«, bestätigte sie.

»Dann gehören Sie gleich jetzt in ein schönes warmes Bett«, beschloss Amrei fürsorglich. »Über alles andere können wir morgen reden. Weg können Sie ja ohnehin nicht mit dem kaputten Auto.« Auffordernd sah sie Lilly an. »Am besten machst du das Zimmer neben deinem fertig. Meine Bügelsachen kannst du rausräumen. Ansonsten ist da alles in Ordnung.«

Lilly nickte. »Mach ich, Mama.« Schnell sprang sie auf und lief zur Treppe. Dort drehte sie sich noch einmal um. »Willst du gleich mitkommen, Beatrice?«

Wie immer schienen Beatrice Entscheidungen schwerzufallen.

»Kommen Sie«, forderte Amrei sie auf, indem sie sich gleichzeitig vom Tisch erhob. »Ich zeige Ihnen das Zimmer.«

Sie streckte Beatrice die Hand hin, die die Hand nahm und Amrei folgte, als wäre sie blind.

Lilly lief schon vor und räumte die Bügelmaschine ihrer Mutter auf den Flur, betrachtete dann das Bett und huschte schnell nebenan in ihr Zimmer, um einen Schlafanzug und ein Handtuch zu holen. Beatrice hatte ja nichts mit.

Als ihre Mutter mit Beatrice den Flur entlangkam, als würde sie eine Kranke führen, bekam Lilly einen Schreck. Wieder fragte sie sich, was denn nur mit Beatrice los war. War das nur der Schock, wie ihre Mutter vermutete, oder auch noch etwas anderes?

»So, hier.« Als übergäbe eine Krankenschwester der anderen eine Patientin, lieferte Amrei Beatrice bei Lilly ab. »Jetzt kommt ihr ja sicher allein klar. Ich gehe wieder runter.«

Während sie sich umdrehte, warf sie Lilly einen kopfschüttelnden Blick zu, der wahrscheinlich dasselbe aussagen sollte, was auch Lilly sich schon gedacht hatte. Was ist mit dieser Frau los?

»Ist gut, Mama.« Beruhigend lächelte Lilly ihre Mutter an, obwohl sie selbst nicht wusste, ob sie, Lilly, dadurch beruhigt wurde. Das war doch alles ziemlich fremdartig, was hier geschah.

Tief durchatmend wandte sie sich wieder Beatrice zu. »Ist das okay?« Mit einem Arm zeigte sie in das Zimmer. »Wahrscheinlich ist es ja nur für eine Nacht.«

Eine Antwort bekam sie wieder einmal nicht.

Musste sie Beatrice tatsächlich noch ins Bett bringen? Immer noch stand sie reglos da, als wartete sie darauf, dass jemand anderer die Führung übernahm.

»Wir haben ungefähr dieselbe Figur«, fuhr Lilly etwas nervös fort, weil sie langsam das Gefühl hatte, gegen eine Wand zu reden, aber nicht wusste, warum. »Ich habe dir einen meiner Schlafanzüge hingelegt. Und ein Handtuch. Das Bad ist den Gang hinunter.« Sie wies in die Richtung. »In dem Schränkchen über dem Waschbecken findest du auch eine frische Zahnbürste und alles, was man so braucht.«

Ob Beatrice sie verstanden hatte?

Doch plötzlich atmete sie tief durch. »Danke«, sagte sie leise.

»Gern geschehen.« Lilly lächelte sie an. »Möchtest du dich jetzt gleich hinlegen? Mein Zimmer ist das nebenan, aber ich gehe jetzt noch nicht schlafen.«

»Hinlegen«, wiederholte Beatrice, und auf einmal klang sie sehr erschöpft. Mit müden Schritten ging sie zum Bett und ließ sich darauf niedersinken.

Lilly nickte. »Ja, ich glaube, das ist wirklich das Beste.«

Also ausziehen werde ich dich definitiv nicht, dachte sie, als Beatrice keine Anstalten dazu machte.

Andererseits, wenn sie einen Schock hatte . . .

Schon trat sie einen Schritt auf Beatrice zu, um ihr zu helfen, aber da schüttelte Beatrice den Mantel von ihren Schultern und ließ sich einfach zur Seite aufs Bett sinken.

»Willst du so schlafen?«, fragte Lilly und trat ans Bett, um den Mantel zu nehmen und aufzuhängen.

Diesmal bekam sie keine Antwort, weil Beatrice bereits eingeschlafen war.

Ein leises Lächeln schlich sich in Lillys Gesicht.

Süß sah sie aus, diese Beatrice, wenn sie schlief.

Doch schnell schüttelte sie den Gedanken ab, hob Beatrices Füße an, stopfte sie unter die Decke und zog die dann über sie.

In den Schlafzimmern gab es keine Heizung, und wenn Beatrice jetzt schon kalt war, würde sie noch mehr frieren, wenn sie mitten in der Nacht aufwachte und nicht zugedeckt war.

Zum Schluss hielt Lilly immer noch den Mantel im Arm und schaute auf die schlafende Frau hinunter.

Der Mantel roch wie Beatrice, und als sie ihn so im Arm hielt, vermittelte ihr das ein Gefühl von Nähe, das sie nicht erwartet hatte. Als würde sie Beatrice im Arm halten.

Aber das war natürlich Unsinn.

Schnell ging sie zur Tür und schloss sie hinter sich, nachdem sie auf den Flur getreten war, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen.

Der Mantel gehörte unten an die Garderobe, und da brachte sie ihn jetzt hin.

6

Als Lilly in die große Bauernküche zurückkehrte, fand sie nur noch ihre Mutter darin vor. Ihr Vater werkelte wahrscheinlich schon draußen an Beatrices Auto.

Sie hängte den Mantel an die Garderobe im Vorraum und kam dann wieder herein.

»Sie schläft.« Mit eiligen Schritten ging sie zu ihrer Mutter und nahm sich ein Handtuch, um das Geschirr abzutrocknen. »Ist umgefallen wie ein Baum.«

Ihre Mutter nickte. »Sie sah auch völlig erschöpft aus.«

»Ja.« Nachdenklich starrte Lilly in die Luft. »Vielleicht war sie lange unterwegs, bevor sie im Graben gelandet ist.«

»Komische Frau.« Amrei schüttelte den Kopf. »Irgendwas stimmt nicht mit ihr.«

»Den Eindruck hatte ich auch«, bestätigte Lilly und nahm die nächste Kaffeetasse, die ihre Mutter ihr aus dem Spülbecken reichte. »Es ist, als ob . . .«, sie lachte etwas verunsichert, »sie nicht von dieser Welt wäre.«

Neugierig? Im Katalog gibt es alle Infos zum Roman

Hanna Berghoff: Geheimnisvolle Beatrice ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

1 Mit einem Lächeln auf den Lippen setzte Lilly den Blinker, um endlich von der Autobahn...
Lilly schüttelte den Kopf. »Das könnte ich nur mit einem Traktor. Mein Wagen ist dafür nicht stark...
»Sie haben Ketten«, sagte Beatrice in diesem Moment. »Ich dachte, so was brauchen nur Lkws.« »Es...
»Die Hälfte«, wiederholte Beatrice. Erneut runzelte ihre Stirn sich angestrengt. »Ist das viel...
»Die Schuhe sollten Sie ausziehen«, sprach sie da plötzlich eine Stimme an, die ihr zumindest...
Das Wort klang geradezu bedrohlich in ihren Ohren. Wie sollte sie Entscheidungen treffen, wenn sie...
Warum? Na ja, manche Frauen waren so. Das war ihr auch nicht unbekannt. Gerade ihr nicht. Wenn sie...
»Das hat sie doch gesagt, Papa.« Als hätte sie nur darauf gewartet, eilte Lilly zu ihrer Rettung...
»Was meinst du denn, wie lange du brauchst, Toni?« Amrei hob ihre Kaffeetasse mit beiden Händen an...
»Na ja, vom Himmel gefallen wird sie ja wohl nicht sein.« Schulterzuckend wandte Amrei, die mit...
7 Als Beatrice erwachte, erkannte sie weder das Zimmer noch das Bett, in dem sie lag. Alarmiert...
»Dann ist das wohl nicht eingerichtet«, schloss Lilly daraus. »Also musst du deine PIN eingeben....