»Na ja, vom Himmel gefallen wird sie ja wohl nicht sein.« Schulterzuckend wandte Amrei, die mit dem Spülen fertig war, sich dem Tisch zu, um ihn abzuwischen. »Ist nicht unser Problem. Sie kann nur froh sein, dass du sie gefunden hast. In dem verwirrten Zustand hätte sie da glatt erfrieren können.«

»Wahrscheinlich wäre auch noch jemand anderer vorbeigekommen.« Lilly winkte ab. »Ich war nur zuerst da.«

»Da hat sie Glück gehabt«, meinte Amrei. »Du hast ja schon als Kind jeden verletzten Vogel heimgebracht.« Lachend kam sie zur Spüle zurück und reinigte den Lappen, bevor sie ihn zum Trocknen aufhängte. »Jetzt sind es eben Menschen. Apropos . . .« Sie stutzte, als wäre ihr gerade etwas eingefallen. »Kommt Nikita nach? Sonst seid ihr doch immer zusammen gekommen an Weihnachten.«

Fast hätte Lilly die Tassen, die sie gerade in den Schrank hatte stellen wollen, fallengelassen. Gerade noch fing sie sich und stellte sie auf der Anrichte ab.

Sie atmete tief durch. »Nein«, sagte sie. »Nikita kommt nicht.«

»Fährt sie zu ihrer eigenen Familie?«, fragte Amrei und brachte die Teller zum Schrank.

Langsam schüttelte Lilly den Kopf. »Ich weiß nicht, was sie tut. Wir . . . Wir haben uns getrennt.«

Es schien, als müsste Amrei überlegen, was sie darauf antworten sollte. Zuerst einmal reichte sie Lilly die Teller, damit sie sie in den Schrank stellte.

Lillys Mundwinkel zuckten. »Du bist nicht traurig darüber, oder?«

»Nun ja . . .« Amrei zögerte. »Du weißt, dass Papa und ich dir nie Vorschriften machen wollten. In dieser Beziehung.«

»Das ist nett von euch«, erwiderte Lilly warm und lächelte ihre Mutter an. »Und das rechne ich euch hoch an. Aber«, sie seufzte, »ihr habt Nikita nie gemocht. Das war kaum zu übersehen.«

»Wir waren der Meinung, sie ist nicht gut für dich.« Auch Amrei lächelte warm und strich Lilly über die Schulter. »Aber das war deine Entscheidung.«

Lilly atmete tief durch. »Wahrscheinlich hattet ihr recht. Nur wollte ich das nicht wahrhaben.«

»Ist irgendwas geschehen, was deine Meinung geändert hat?«, fragte Amrei.

»Einiges«, sagte Lilly. »Ich habe sie lange verteidigt, aber irgendwann konnte ich das nicht mehr.« Sie atmete tief durch. »Nikita meinte, es wäre meine Schuld. Weil ich so viel gearbeitet hätte. Ich hätte keine Zeit mehr für sie gehabt.«

Trocken lachte Amrei auf. »Wenn das ein Grund wäre, würde kaum eine Ehe halten.«

Schuldbewusst verzog Lilly das Gesicht. »Ich dachte immer, wenn beide sich Mühe geben . . .«

»Du glaubst das doch nicht etwa, was Nikita gesagt hat?« Ihre Mutter sah sie an und schüttelte den Kopf. »Dass du schuld bist?«

»Ein bisschen vielleicht schon.« Lilly zog den Kopf ein. »Es stimmt, dass ich viel gearbeitet habe.«

»Du hast in gewisser Weise Karriere gemacht, das stimmt«, bestätigte ihre Mutter mit erkennbarem Stolz in der Stimme. »Aber das hast du ja auch verdient. Weil du das beste Lüftungssystem entworfen hast, das es auf irgendeinem Flughafen gibt. Deine Firma kann froh sein, dass sie dich hat.«

Bescheiden, wie sie war, winkte Lilly ab. »Ich habe das getan, was ich kann. Was ich gelernt habe. Mehr nicht.«

»Darüber kann man sicher streiten.« So leicht ließ Amrei sich ihren Mutterstolz nicht nehmen. »Ich habe immer angenommen, Nikita wäre stolz auf dich. Auch wenn sie das nicht so gezeigt hat.«

Lilly atmete tief durch. »Nikita wäre vielleicht stolz auf mich, wenn ich mit ihr die Nächte durchmachen würde. Auf irgendwelchen Partys oder in irgendwelchen Clubs.« Kopfschüttelnd lachte sie auf. »Nein, stolz auf mich wäre sie wahrscheinlich nie. Sie würde das für selbstverständlich halten. Hat es für selbstverständlich gehalten. Und da ich es nicht getan habe, war ich für sie dann irgendwann gestorben.«

»Sie hat dich verlassen?« Amrei schien überrascht. »Ich hätte eher gedacht, du hast sie endlich rausgeworfen.«

Resigniert zuckte Lilly die Schultern. »Das Ergebnis ist dasselbe.«

»Dann hat sie dir nur die Entscheidung abgenommen, die du ohnehin hättest treffen müssen.« Zuversichtlich blickte ihre Mutter sie an. »Und jetzt bist du wieder frei. Eine bessere Frau als Nikita wirst du überall finden.«

»Da bin ich nicht so sicher.« Lillys Gesichtsausdruck spiegelte ihre Zweifel wider. »Ich bin kein junges Mädchen mehr, und von den Älteren sind die meisten schon vergeben, sogar verheiratet. Die, die es nicht sind . . .« Sie ließ den Rest des Satzes offen.

»Sind es aus bestimmten Gründen?«, fragte ihre Mutter leicht belustigt.

»Vielleicht«, sagte Lilly. »Vielleicht auch nicht. Es kann natürlich sein, dass es ihnen genauso gegangen ist wie mir.«

»Eben«, stimmte Amrei ihr zu. »Dann könnt ihr euch über eure Erfahrungen austauschen und findet sofort einen gemeinsamen Nenner.«

Nun musste Lilly doch laut lachen. »Dein Wort in Gottes Ohr, Mama. So einfach ist das nicht. Zumal ich wirklich keine Zeit habe, mich umzuschauen. Höchstens . . .«, sie zögerte, »online.«

Ihre Mutter schüttelte erneut den Kopf. »Damit kann ich absolut nichts anfangen. Eine Frau oder ein Mann aus dem Computer. Wie soll das gehen?«

Lilly zuckte die Schultern. »Ich weiß auch nicht. Ich habe es noch nie versucht.«

»Nun ja . . .« Mitfühlend schaute Amrei sie an. »Wenn das heute so üblich ist . . .«

»Das schon.« Langsam nickte Lilly mit dem Kopf auf und nieder. »Aber ich denke, ich mache erst einmal Pause. Die letzte Zeit . . . war ziemlich anstrengend. Davon möchte ich mich erst mal erholen.«

»Das kann ich verstehen.« Lächelnd kam ihre Mutter auf sie zu und strich ihr über die Wange. »Erhol dich nur hier bei uns. Wir freuen uns alle auf Weihnachten. Jetzt in der kalten Jahreszeit ist es doch viel ruhiger auf dem Hof als im Sommer.«

»Auf Weihnachten bei euch freue ich mich das ganze Jahr«, erwiderte Lilly mit einem liebevollen Blick, der nicht nur ihre Mutter, sondern auch den ganzen Hof einschloss. Die Erfahrungen ihrer Kindheit. »Ich wüsste nicht, was ich ohne das täte. Danach kehre ich mit viel mehr Energie in die Stadt zurück.«

»Es ist der Boden.« Leise lächelte ihre Mutter in sich hinein und sah dann wieder Lilly an. »Das Land. Daraus ziehen wir unsere Kraft. Das kann niemand verstehen, der in der Stadt geboren ist.«

Lilly lachte. »Da hast du recht. Viele meiner Kollegen verstehen das nicht.«

»Dann sind sie zu bedauern.« Amrei schmunzelte ein wenig. »Glücklicherweise sind wir anders.«

»Ja, das sind wir.« Lillys Lächeln ähnelte dem ihrer Mutter. »Wir haben Glück.«

Und während Amrei sich niedersetzte, um ein paar Sachen zu nähen, ging Lilly zu ihrem Vater hinaus, um nachzuschauen, wie weit er mit Beatrices Wagen war.

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Hanna Berghoff: Geheimnisvolle Beatrice ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

1 Mit einem Lächeln auf den Lippen setzte Lilly den Blinker, um endlich von der Autobahn...
Lilly schüttelte den Kopf. »Das könnte ich nur mit einem Traktor. Mein Wagen ist dafür nicht stark...
»Sie haben Ketten«, sagte Beatrice in diesem Moment. »Ich dachte, so was brauchen nur Lkws.« »Es...
»Die Hälfte«, wiederholte Beatrice. Erneut runzelte ihre Stirn sich angestrengt. »Ist das viel...
»Die Schuhe sollten Sie ausziehen«, sprach sie da plötzlich eine Stimme an, die ihr zumindest...
Das Wort klang geradezu bedrohlich in ihren Ohren. Wie sollte sie Entscheidungen treffen, wenn sie...
Warum? Na ja, manche Frauen waren so. Das war ihr auch nicht unbekannt. Gerade ihr nicht. Wenn sie...
»Das hat sie doch gesagt, Papa.« Als hätte sie nur darauf gewartet, eilte Lilly zu ihrer Rettung...
»Was meinst du denn, wie lange du brauchst, Toni?« Amrei hob ihre Kaffeetasse mit beiden Händen an...
»Na ja, vom Himmel gefallen wird sie ja wohl nicht sein.« Schulterzuckend wandte Amrei, die mit...
7 Als Beatrice erwachte, erkannte sie weder das Zimmer noch das Bett, in dem sie lag. Alarmiert...
»Dann ist das wohl nicht eingerichtet«, schloss Lilly daraus. »Also musst du deine PIN eingeben....