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Als Beatrice erwachte, erkannte sie weder das Zimmer noch das Bett, in dem sie lag. Alarmiert zuckte sie hoch, bemerkte, dass sie immer noch angezogen war, und sah sich um.

Es war noch früh. Die Sonne ging langsam auf. Sie war eine Frühaufsteherin, deshalb war sie abends auch schon früh müde.

Der Morgen war die schönste Zeit. Vor allem, wenn noch niemand anderer wach war. Dann hatte sie die ganze Welt für sich allein.

Woher sie das wusste, wenn ihr doch so viel anderes entfallen war? Sie wusste es einfach.

Und langsam kehrte auch ihre Erinnerung an dieses Zimmer zurück.

Lilly. Da war eine Frau gewesen namens Lilly.

Beatrice strich sich mit der Hand über die Stirn. Warum war ihr Kopf nur so schwerfällig? Irgendwie hatte sie das Gefühl, das wäre nicht normal.

Sie sehnte sich nach einer Dusche. Bad den Gang hinunter, hörte sie da in ihrem Kopf. Genau. Das hatte Lilly gesagt.

Also stand Beatrice auf, ging zur Zimmertür und öffnete sie. Der Gang tat sich vor ihr auf.

Barfüßig trat sie in den Flur und blickte dorthin, wo das Bad sein sollte. Die Türen sahen allerdings alle gleich aus. Da musste sie wohl probieren.

Mein Zimmer ist nebenan, hörte sie da wieder Lillys Stimme. Die Tür brauchte sie also nicht auszuprobieren. Das war definitiv nicht das Badezimmer.

Am Ende des Ganges fand sie es. Es war groß und geräumig, enthielt eine altertümliche Badewanne mit Löwenfüßen, aber auch eine Dusche.

Ohne Zögern zog sie sich aus und stellte sich unter den Wasserstrahl. Mit geschlossenen Augen ließ sie ihn eine ganze Weile über sich laufen, bis sie sich selbst innerlich erwärmt fühlte.

Duschgel und Shampoo waren auf einem kleinen Regal in der Dusche platziert, also bediente sie sich.

Als sie aus der Dusche trat, kam sie sich wesentlich frischer vor, als sie sich in der ganzen Zeit, an die sie sich erinnern konnte, gefühlt hatte.

Kleider zum Wechseln hatte sie nicht, also musste sie das wieder anziehen, was sie seit . . . nun ja, zumindest seit gestern getragen hatte.

Irgendetwas in ihr sträubte sich, den Slip wieder anzuziehen. Aber ohne konnte sie auch nicht gehen. Also nahm sie ihn und wusch ihn im Waschbecken aus, drückte ihn mehrmals durch ein Handtuch, bis er praktisch wieder trocken war, und zog ihn dann an.

Mit dem Rest ihrer Kleidung hatte sie keine Probleme. Nur Strümpfe hatte sie keine. Und natürlich auch keine Schuhe. Die waren irgendwo anders in diesem Haus.

Sie griff in ihre Haare. Auch wenn sie sie mit einem Handtuch getrocknet hatte, waren sie immer noch feucht. Ein Föhn lag auf einem Glasregal, eine Bürste und ein Kamm.

Sie wusste sofort, was sie damit tun musste, nahm den Föhn und die Bürste und brachte ihre Haare in eine akzeptable Form.

Auf ebenso nackten Füßen, wie sie gekommen war, ging sie in das Zimmer zurück, in dem sie heute Nacht geschlafen hatte. Was sollte sie jetzt tun? Ohne Strümpfe und Schuhe konnte sie nicht viel unternehmen. Jedenfalls nicht außerhalb des Hauses.

Da ging plötzlich die Tür nebenan auf. Eine Minute später stand Lilly im Schlafanzug im Rahmen von Beatrices Tür, die nach ihrer Rückkehr aus dem Bad offengestanden hatte.

»Du bist schon wach?« Lächelnd sah sie Beatrice an.

»Ich . . . habe geduscht.« Im Moment wusste Beatrice nicht, was sie anderes sagen sollte.

Sie ein wenig prüfend anschauend legte Lilly leicht den Kopf schief. »Du siehst wesentlich besser aus als gestern. Hast du gut geschlafen?«

Es war eine so banale Unterhaltung, und doch fiel sie Beatrice schwer. »Ja.« Sie nickte. »Nur dass ich . . .«, sie räusperte sich, »dass ich mich wohl nicht ausgezogen habe.«

»Macht ja nichts«, sagte Lilly und lächelte weiter.

Dieses Lächeln war so . . . Beatrice suchte nach einem Wort und konnte doch keines finden. »Nur«, sie hob einen Fuß an, »habe ich weder Schuhe noch Strümpfe.«

»Du meine Güte!« Wie erschrocken schlug Lilly sich mit der Hand vor den Mund. »Daran habe ich ja gar nicht gedacht.«

Mit einer wieselschnellen Bewegung verschwand sie in ihrem Zimmer, wie Beatrice hörte, und kam mit ein paar dicken Strümpfen in der Hand wieder durch die Tür herein. Sie waren sehr bunt und schienen selbstgestrickt.

»Hier im Haus tragen wir oft diese Art Strümpfe«, erklärte Lilly, als müsste sie sich dafür entschuldigen. »Sie sind dick genug, um die Füße warmzuhalten. Da braucht man noch nicht einmal mehr Hausschuhe.«

Etwas verwundert blickte Beatrice die Strümpfe an, doch Lilly streckte die Hand aus und zwang sie fast, sie zu nehmen.

Als Beatrice das dicke, aber doch weiche Material fühlte, breitete sich sofort eine warme Empfindung in ihr aus. Fast wie unter der Dusche, nur trocken, nicht nass.

Sie setzte sich aufs Bett und zog die Hausschuhstrümpfe an, stellte sich dann wieder hin und betrachtete ihre Füße. »Schön warm«, bestätigte sie, als sie merkte, wie die Wolle ihre Haut mollig umschloss.

»So soll es ja auch sein.« Wieder lächelte Lilly auf diese besondere Art, für die Beatrice kein Wort fand.

»Zum Auto kann ich damit aber nicht gehen.« Das war Beatrice sofort klar, obwohl sie nicht wusste, woher diese Klarheit kam.

»Tja . . .« Lilly verzog das Gesicht. »Das hätte auch wenig Sinn. Mein Vater hat sich das gestern angesehen, und so kannst du mit dem Wagen nicht weiterfahren. Auf keinen Fall.«

»Nicht weiterfahren«, wiederholte Beatrice mit unentschlossener Stimme.

Wohin hätte sie auch fahren sollen? Sie wusste es nicht.

»Aber dein Handy müsste jetzt aufgeladen sein«, verkündete Lilly fröhlich. »Dann kannst du jemanden anrufen, der dich vielleicht abholen kann.«

Jemanden anrufen. Diesmal wiederholte Beatrice es nicht laut, aber das Problem blieb dasselbe. Wen hätte sie anrufen sollen?

»Ich ziehe mich nur schnell an.« Halb drehte Lilly sich um. »Dann können wir runtergehen, und du kannst dein Handy wieder aktivieren.«

Da Beatrice zu verwirrt war und sich so fremd in diesem Haus fühlte, blieb sie einfach stehen, bis Lilly angezogen wieder aus ihrem Zimmer herauskam. Erst auf dem Weg hinunter wurde ihr bewusst, dass sie auch allein in die Wohnküche hätte gehen können. Den Weg kannte sie ja schon.

Erwartungsvoll lief Lilly zu einer Steckdose, an der Beatrices Handy lud, nahm es und reichte es Beatrice. »Bitteschön«, erklärte sie mit einem strahlenden Lächeln.

Beatrice nahm das Handy und schaute es an.

»Willst du es nicht einschalten?«, fragte Lilly erstaunt.

Automatisch drückte Beatrice auf den Einschaltknopf, und der Bildschirm füllte sich zuerst mit einigen Meldungen, dann mit einer Nummerntastatur.

»Du musst deine PIN eingeben.« Lilly kam zu ihr und schaute ebenfalls auf den Bildschirm. »Oder geht es mit Fingerabdruck?«

Beatrices Stirn runzelte sich.

»Du weißt doch, wie das geht, oder?« Lilly nahm ihr das Handy ab und drückte ihren eigenen Daumen auf das Feld. »Bei mir funktioniert es natürlich nicht.« Sie lachte und gab Beatrice das Handy zurück.

Kurz betrachtete Beatrice das Feld und drückte dann ebenfalls ihren Daumen darauf. Nichts passierte.

»Vielleicht einer der anderen Finger?«, vermutete Lilly.

Sie probierten alle Finger durch, von rechts und links, aber immer noch änderte sich nichts.

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Hanna Berghoff: Geheimnisvolle Beatrice ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

1 Mit einem Lächeln auf den Lippen setzte Lilly den Blinker, um endlich von der Autobahn...
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