»Dann ist das wohl nicht eingerichtet«, schloss Lilly daraus. »Also musst du deine PIN eingeben. Oder geht es über die Kamera?«
Verständnislos sah Beatrice sie an.
»Dein Gesicht«, erklärte Lilly, die immer besorgter aussah. »Erkennt das Handy dein Gesicht?«
»Ich habe keine Ahnung.« Beatrice zuckte die Schultern.
Ehrlich gesagt wusste sie noch nicht einmal, was Lilly meinte.
Aber auch dieser Versuch scheiterte, nachdem Lilly ihr die Sache erklärt hatte.
»Merkwürdig.« Nachdenklich legte Lilly sich kurz die Hand an den Mund. »Irgendwas davon muss doch funktionieren.« Leicht ironisch zwinkernd sah sie Beatrice an. »Oder bist du beim Geheimdienst?«
»Ich habe keine Ahnung«, sagte Beatrice wieder.
»Also jetzt willst du mich aber auf den Arm nehmen.« In Lillys Gesicht zeigte sich höchste Verwunderung. »So was weiß man doch.« Sie schüttelte den Kopf. »Aber ehrlich gesagt sieht mir das wie ein ganz normales Handy aus, keine Spezialanfertigung. Aber gut«, sie zuckte die Achseln, »ich weiß natürlich auch nicht, wie so was aussieht. Wenn es so etwas wäre, soll es von außen vermutlich normal aussehen.«
Immer noch hatte Beatrice nicht den geringsten Schimmer, wovon Lilly sprach. Es war wie eine Sprache, die Beatrice noch nicht gelernt hatte.
»Was ist mit deiner PIN?« Fragend blickte Lilly sie an. »Wie ist die Nummer?«
Was auch immer die Nummer war, Beatrice konnte sich nicht daran erinnern. Kein Bild erschien vor ihrem inneren Auge, nicht eine einzige Zahl, gar nichts.
»Ach, da seid ihr ja.« Lillys Mutter betrat die Küche. »Sogar früher als ich.« Besonders Beatrice betrachtete sie dabei geradezu verblüfft. »Gleich gibt es Frühstück.«
»Ich helfe dir, Mama«, sagte Lilly sofort. »Wir haben nur gerade Beatrices Handy ausprobiert.«
»Und?«, fragte Amrei. »Haben Sie jemand angerufen?« Sie schaute Beatrice fragend an.
»Wir können es nicht entsperren«, erklärte Lilly. »Nichts funktioniert. Die PIN?«, fragte sie Beatrice noch einmal.
Als hätte sie gerade den Boden unter den Füßen verloren, schwankte Beatrice. Es war, als ob diese Frage sie in äußerste Verwirrung stürzte.
Lilly griff an ihren Arm und stützte sie. »Ist dir schwindlig? Komm, setz dich.« Sie führte sie zu einem Stuhl, sodass Beatrice sich setzen konnte.
Zwischenzeitlich hatte Amrei bereits Brot, Butter und einige andere Sachen auf den Tisch geräumt.
»Sie kennen Ihre eigene PIN nicht mehr?«, fragte sie mit einem Blick auf Beatrice. »Haben Sie sie vielleicht irgendwo aufgeschrieben?«
Langsam schüttelte Beatrice den Kopf. »Ich habe keine Ahnung«, wiederholte sie erneut.
Und fühlte sich dabei so verloren, dass sie am liebsten geweint hätte.
»Es gibt noch mehr Möglichkeiten«, erklärte Lilly mit einem Blick auf ihre Mutter. »Passwort, Code, Muster . . . Aber dazu muss Beatrice immer Zugriff auf irgendetwas wie ihre E-Mail haben oder sich an das Muster erinnern.« Sie wandte sich an Beatrice. »Kennst du deine E-Mail-Adresse und das Passwort dafür?«
Beatrice schüttelte den Kopf. Konnte Lilly nicht endlich aufhören, sie zu fragen? Merkte sie denn nicht, dass Beatrice keine Antworten hatte?
»Dann sind die Möglichkeiten glaube ich erschöpft.« Mit einem merkwürdigen Ausdruck in den Augen sah Lilly sie an. »Wo wohnst du in München?«, fragte sie mit einem Klang in der Stimme, der mit dem Ausdruck ihrer Augen zusammenpasste.
Und erntete dafür einen erstaunten Blick von ihrer Mutter.
Woher soll ich das wissen? In Beatrice machte sich immer mehr Panik breit.
Sie wollte weg. Nur weg von hier. Weg aus dieser Küche, weg von Lilly und ihrer Mutter, einfach in Ruhe gelassen werden.
Ohne Lilly anzusehen, blieb sie stumm.
»Lass sie«, bemerkte Amrei fürsorglich. »Sie will nichts sagen. Das muss man respektieren.«
Lilly nickte. »Stimmt schon.« Erneut huschte ihr Blick prüfend über Beatrice. »Aber ich glaube nicht, dass sie nichts sagen will«, fuhr sie dann zögernd fort. »Ich glaube, sie kann nichts sagen.«
Amreis Stirn runzelte sich. »Was meinst du damit?«
»Ich meine«, Lilly stützte sich mit einer Hand auf dem Küchentisch ab und mit der anderen auf der Rücklehne des Stuhls, auf dem Beatrice saß, schaute sie ernst an, »dass sie sich nicht erinnert. Sie weiß es einfach nicht.«
Obwohl Beatrice immer noch das Bedürfnis hatte zu fliehen, stieg so etwas wie Erleichterung in ihr auf.
»Ist es so, Beatrice?« Lilly ließ nicht locker.
Sie war offenbar ein hartnäckiger Mensch. Ein Mensch, der Antworten wollte, koste es, was es wolle.
Während Lilly auf eine Antwort wartete, wandelte sich das Gefühl in Beatrice von Hilflosigkeit zu Hoffnungslosigkeit.
Langsam hob sie den Kopf und sah Lilly an.
Irgendetwas an Lilly flößte ihr Vertrauen ein. Wenn Lilly da war, musste sie keine Angst mehr haben. Wovor auch immer sie hätte Angst haben sollen. Noch nicht einmal das wusste sie.
Mit schwerem Kopf brachte sie ein bestätigendes Nicken zustande.
»Du weißt nicht, wer du bist«, schloss Lilly daraus. Und zu ihrer Mutter gewandt fügte sie hinzu: »Ich glaube, sie hat Amnesie.« Noch einmal sah sie Beatrice an. »Du erinnerst dich an gar nichts, oder?«
Bevor Beatrice auch nur nicken konnte, wiederholte Amrei das Wort etwas verständnislos. »Amnesie?«
»Gedächtnisverlust«, übersetzte Lilly und richtete sich auf. »Irgendetwas muss passiert sein. Etwas, an das sie sich nicht erinnern will. Deshalb erinnert sie sich an nichts.«
Ungläubig starrte Amrei sie an. »Woher willst du das wissen?«, fragte sie. »Du bist doch keine Ärztin.«
»Ich vermute es ja auch nur.« Lilly zuckte die Schultern. »Um es wirklich zu wissen, müsste Beatrice jemanden aufsuchen, der sich damit auskennt.«
»Dr. Einerdinger könnte sie sich ja einmal ansehen.« Der Hausarzt der Familie war für Amrei die logische erste Anlaufstelle.
Skeptisch schüttelte Lilly den Kopf. »Ich glaube, Dr. Einerdinger weiß darüber auch nicht viel mehr als wir. Nein, es müsste ein Spezialist sein. Oder eine Spezialistin.«
Mit einem gefühlvollen Lächeln wandte sie sich erneut an Beatrice. »Die Frage ist natürlich auch, willst du das überhaupt? Schließlich ist das nicht unsere Entscheidung. Es ist deine.«
Die kleine Unterhaltung zwischen Lilly und ihrer Mutter hatte Beatrice zwar noch mehr verwirrt, aber auf der anderen Seite schien sie auch eine Lösung zu enthalten. Lösungen waren etwas, das Beatrice in dieser Situation entschieden fehlte. Und tief in ihrem Inneren wusste sie, dass sie das brauchte. Wenn sie auch nicht wusste, warum.
Also sagte sie: »Ich kann nicht mehr. Ich kann so nicht weitermachen. Ich habe Angst.« Zum ersten Mal sprach sie das aus, was sie bisher nur in seinem stummen Griff gehalten hatte.
»Das glaube ich.« Sanft legte Lilly ihr eine Hand auf die Schulter und beugte sich erneut zu ihr hinunter. »Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das sein muss. Nicht mehr zu wissen, wer man ist. Gar nichts mehr zu wissen.«
»Schrecklich.« Beatrice schluckte. Das Wort war automatisch herausgekommen, doch mehr konnte sie nicht sagen. Sie verstummte wieder.
Lillys Augen musterten sie auf eine Art, die Beatrice nicht ganz verstand. Aber was verstand sie schon?
In ihrem Hals war nur Trockenheit. Sie versuchte erneut zu schlucken, musste sich dann aber heftig räuspern, um weitersprechen zu können.
»Ich glaube, ich würde alles tun, um –« Sie brach ab. Ihr fiel kein Wort ein für das, was sie wollte.
»Um wieder du selbst zu sein?«, kam Lilly ihr zu Hilfe. Sie lächelte. »Das kann ich verstehen.«
Ja, Lilly verstand. Das war etwas, das Beatrice begreifen konnte, selbst in ihrem verwirrten Zustand.
»Hilfst du mir?«, fragte sie sehr leise.
ENDE DER FORTSETZUNG
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