Lilly schüttelte den Kopf. »Das könnte ich nur mit einem Traktor. Mein Wagen ist dafür nicht stark genug.« Sie wies auf ihren Tiguan, der oben an der Böschung stand. »Aber ich kann Sie mitnehmen.«
Wieder schien die Frau zu überlegen, ob ihr Handy nicht die bessere Wahl wäre, dann jedoch öffnete sie die Tür, wobei sie Lilly fast beiseitestieß, weil diese Sportwagentüren einfach immer viel zu lang waren, und versuchte auszusteigen.
Da der BMW Z4 schräg an der Böschung stand, gelang ihr das jedoch nicht sofort, denn der Sportsitz war so tief unten in ihrem Luxus-Cabrio eingebaut, dass die Schwerkraft sie wieder zurückfallen ließ.
Lilly streckte eine Hand aus, um ihr zu helfen, doch es schien, als wollte die Frau die Hand nicht nehmen.
»Sie können auch hierbleiben, und ich schicke Ihnen einen Traktor vorbei«, bot Lilly an, der langsam selbst ein bisschen kalt wurde, weil auch sie noch eher für Stadtverhältnisse angezogen war als für tiefen Schnee und Frosttemperaturen hier auf dem Land.
»Sie haben einen Traktor?«, fragte die Frau ziemlich erstaunt. Ihre Stimme klang tief und melodisch, aber irgendetwas daran wirkte verkrampft.
»Ich nicht, aber meine Eltern«, antwortete Lilly lächelnd.
Nun nahm die Frau ihre Hand und ließ sich hochziehen. »Sind Sie hier aus der Gegend?«
Innerlich schüttelte Lilly den Kopf. Die meisten Leute hier waren aus der Gegend. Woher sollten sie sonst sein?
»Ja«, antwortete sie jedoch. »Der Hof meiner Eltern liegt nur ein paar Kilometer diese Straße hinunter.« Mit einem Arm wies sie nach oben aus dem Graben hinaus.
»Straße?« Die Stimme der Frau klang jetzt etwas abschätzig. »Das ist wohl kaum eine Straße. Hätte ich das gewusst, wäre ich nicht hier abgebogen. Aber mein Navi sagte, das wäre der kürzeste Weg.«
Lilly lachte leicht. »Ja, diese Navis immer. Was die einem alles erzählen. Möglicherweise ist es ja der kürzeste Weg, aber bei diesem Wetter wahrscheinlich nicht unbedingt der beste.«
Etwas verständnislos schaute die Frau sie an, als Lilly nun ein paar Schritte auf die Böschung zutrat.
»Kommen Sie?«, wandte Lilly sich zurück, als sie merkte, dass die Frau keine Anstalten machte, ihr zu folgen.
»Ich muss erst noch meine Tasche aus dem Wagen –« Die Dunkelhaarige versuchte, um ihre Flunder von Auto herumzustapfen, aber ihre Schuhe waren ganz entschieden nicht für dieses Wetter und für diesen tiefen Schnee geeignet. Zudem war das flache Cabrio so mit dem Hinterteil in den Graben hineingerutscht, dass sie den Kofferraum nicht öffnen konnte.
»Lassen Sie nur«, sagte Lilly. »Die können Sie auch später noch holen. Jetzt geht es erst einmal darum, dass wir Sie an einen warmen Ofen kriegen.«
»Ofen?«, fragte die Frau wieder, genauso merkwürdig verständnislos, wie sie zuvor Straße gesagt hatte.
»Wie in Kachelofen«, erklärte Lilly leicht amüsiert. »Zum Aufwärmen, wenn es draußen kalt ist.«
Das überforderte die Vorstellungskraft der Frau nun anscheinend endgültig, und sie gab ihren Widerstand auf. Vorsichtig versuchte sie, Lilly zu folgen, wobei sie immer wieder abrutschte, aber erstaunlich tapfer und ohne zu klagen bis oben durchhielt. Wie sie es dabei schaffte, ihr Handy weiterhin in der Hand zu halten, und warum sie es nicht in ihre Manteltasche gesteckt hatte, blieb Lilly allerdings ein Rätsel.
»Ihre Schuhe sind jetzt schon durch«, stellte Lilly mit einem Blick auf die edlen Designtreter fest. »Und das wird noch schlimmer, wenn Sie jetzt in den Wagen steigen und das taut. Deshalb sollten wir uns beeilen.«
Diesen Hinweis hielt sie für nötig, weil die Frau zwar neben ihrem Tiguan stand, aber keine Anstalten machte einzusteigen.
Einladend öffnete Lilly ihr die Tür. Möglicherweise war sie ja nicht daran gewöhnt, das selbst zu tun, zumindest nicht auf der Beifahrerseite. So, wie sie aussah, schlugen sich die Männer wahrscheinlich darum, ihr diese Mühe abzunehmen.
»Bitte«, sagte Lilly. »Ich fahre dann jetzt los.« Entschlossen ging sie um den Wagen herum und setzte sich hinters Steuer.
Möglicherweise weil die Tür sowieso schon offenstand, ließ die Frau sich endlich neben sie gleiten.
»Ich heiße Lilly«, stellte Lilly sich mit einem Lächeln zur Seite auf ihre Beifahrerin hin vor, als sie nun ihren Tiguan wieder anließ und den Gang einlegte. »Lilly Huber.«
Einen Moment sah die Frau sie an, als hätte sie wieder nicht verstanden, wovon Lilly sprach, was bei ihrem eigenen Namen aber wohl kaum der Fall sein konnte. Wollte sie ihn Lilly nicht sagen, ein Geheimnis daraus machen? Weil sie Lilly für eine Art Bedienstete hielt, die es nicht wert war, informiert zu werden?
Ihre Stirn runzelte sich jedenfalls angestrengt, bevor sie eine Entscheidung traf. »Beatrice«, sagte sie, als hätte Lillys Vorstellung bei ihr einen Schalter umgelegt, aber sie wüsste gar nicht so richtig, was sie tat. Einen Nachnamen nannte sie nicht.
»Na gut, Beatrice . . .« Sind wir jetzt Freundinnen, weil ich deinen Nachnamen nicht kenne? fragte Lilly sich stumm, während die Ketten ihren Rädern die Spursicherheit verliehen, die der Z4 von Beatrice vor einiger Zeit sicherlich gut hätte gebrauchen können. »Dann bin ich nur Lilly.«
Zum ersten Mal, seit sie neben ihr saß, warf Beatrice einen Blick auf sie. »Ist das eine Abkürzung, oder sind Sie so getauft?«
»Getauft nicht. In der Kirche wurde mir der hochtrabende Name Elisabeth zugewiesen. Aber alle nennen mich nur Lilly«, beantwortete Lilly die Frage schmunzelnd. »Ich glaube, ich würde mich nicht einmal umdrehen, wenn jemand mit meinem Taufnamen nach mir rufen würde. Obwohl«, sie lachte, »wenn meine Mutter fand, dass ich etwas falschgemacht hatte, hat sie das manchmal getan. Dann wusste ich, ich muss mich in Acht nehmen. Aber das war in meiner Kindheit. Seit ich in München lebe –« Sie brach ab.
Ihr Leben in München war momentan nicht gerade das, worüber sie reden wollte.
Eine ganze Weile betrachtete Beatrice sie wie eine Art Wundertier, dann sagte sie: »Sie leben in München? Ich dachte, Sie wären von hier.«
Lilly nickte. »Bin ich auch. Aber ich wohne schon lange nicht mehr auf dem Land. Seit der Ausbildung nicht.« Sie lachte. »Und das ist schon eine Weile her.«
Neugierig warf sie einen Blick auf Beatrice neben sich. Sie war edel angezogen, fuhr ein Luxus-Cabrio und hatte das neueste, teuerste Handy. Vermutlich war alles, was sie besaß, das Neueste und Teuerste.
Auch wenn Lilly sich nicht direkt als arm betrachtete, weil sie ganz gut verdiente, waren sie beide sicher nicht miteinander zu vergleichen.
Aber das mussten sie ja auch nicht sein. Lilly wollte ihr nur helfen, dass sie da draußen nicht erfror, während sie auf ihr Handy starrte.
Sie fragte sich, warum Beatrice keine Hilfe gerufen hatte. ADAC oder sonstige Organisationen. Oder selbst die Polizei oder Feuerwehr. Das alles schien ihr gar nicht in den Sinn gekommen zu sein.
Vielleicht hatte sie aber auch noch gar nicht lange da im Graben gelegen, denn der Motor war ja noch gelaufen. Möglicherweise war Lilly gerade um die Ecke gekommen, kurz nachdem Beatrice von der Straße gerutscht war.
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