»Sie haben Ketten«, sagte Beatrice in diesem Moment. »Ich dachte, so was brauchen nur Lkws.«

»Es kommt auf die Wetterverhältnisse an«, erklärte Lilly. »In München brauche ich auch keine Ketten. Aber ich habe immer welche dabei, weil ich die Verhältnisse hier kenne und sie vielleicht brauchen könnte, wenn ich im Winter nach Hause fahre. Vor allem zu Weihnachten.« Sie lachte leicht. »Oder in den Osterferien. Da liegt hier noch mehr Schnee als jetzt.«

Wieder starrte Beatrice sie nur an, als würde sie zwar die Wörter verstehen, aber nicht den Sinn der Sätze.

In welchen Kreisen verkehrt die denn normalerweise? fragte sich Lilly etwas genervt. Es war ziemlich schwierig, ein normales Gespräch mit dieser Frau zu führen. So schien es jedenfalls. Wahrscheinlich hatte Lilly nicht die richtigen, ›schicken‹ Themen, in denen Beatrice sich auskannte.

»Kann man an Ostern hier Skifahren?«, fragte Beatrice da auf einmal.

Lilly nickte. »Natürlich. Meistens jedenfalls. Es gab auch schon mal sehr schneearme Jahre, aber die meisten Jahre fällt Schnee. Für Langläufer reicht das allemal. Alpin sind wir hier ja sowieso nicht.« Sie lachte leicht.

»Langlauf«, erwiderte Beatrice scheint’s verwundert, als wäre das wieder ein Wort, das sie nicht kannte. Eine Weile dachte sie nach. »Habe ich noch nie . . . gemacht.« Außerordentlich zögernd, mit einer deutlich hörbaren Pause hinter fast jedem Wort fuhr sie fort. »Ich fahre . . . nur . . . alpin.«

Es war, als würden die Wörter eins nach dem anderen aus einer Lostrommel, in der sie zufällig ausgewählt wurden, in eine Schale fallen, bevor Beatrice sie aussprechen konnte.

Unwillkürlich lachte Lilly auf. »Da bricht man sich so leicht was. Darum finde ich Langlauf besser.« Sie zuckte die Schultern. »Oder wohl einfach deshalb, weil ich es schon als Kind gelernt habe. Ich war auch mal in den Alpen, aber da ist es immer so voller Menschen. Das ist nicht so das, was ich mag.«

»Sie mögen keine Menschen?«, fragte Beatrice.

Diese Schlussfolgerung fand Lilly so überraschend, dass sie für einen Moment gar nicht wusste, was sie dazu sagen sollte. »Das meinte ich eigentlich nicht«, antwortete sie dann mit einem verdutzten Lachen. »Aber überfüllte Skilifte und Schlangen beim Einsteigen sind jetzt nicht so mein Ding. Wenn ich mir hier meine Langlaufskier anschnalle und losfahre, treffe ich kaum jemanden.«

»Kaum jemanden . . .«, wiederholte Beatrice, als versuchte sie gerade, sich etwas völlig Unvorstellbares vorzustellen. Etwas, das sie noch nie erlebt hatte.

»Man kann natürlich auch zusammen laufen«, ergänzte Lilly das noch, weil sie das Verhalten von Beatrice zunehmend irritierte. »Aber trotzdem ist das nicht dasselbe wie massenhaft Leute an einem Skilift oder auf einer Piste. Wo einer fast über den anderen stolpert.«

Tief nachdenklich saß Beatrice neben ihr, während die schneebedeckte Landschaft langsam an ihnen vorbeiglitt, und starrte wieder auf ihr Handy, als wäre darauf etwas zu erkennen. Da kein Anruf gekommen war, war der Bildschirm jedoch dunkel.

Sie muss ein Liebesverhältnis mit dem Gerät haben, dachte Lilly, wollte es aber nicht laut sagen.

Sie fand es höchst affig, dass alle Leute ständig ihre Handys mit sich herumschleppten, als wäre ein Leben ohne ein Mobiltelefon gar nicht mehr möglich oder denkbar. Selbstverständlich hatte sie auch ein Handy, aber sie betrachtete es nicht als ihre Lebensgefährtin, auf die sie nicht verzichten konnte.

Allerdings, kam ihr in diesem Moment schmerzhaft in den Sinn und sie zuckte zusammen, hatte sie ja auch gar keine Lebensgefährtin. Nicht mehr. Beinah hätte sie auf die Bremse getreten, weil sie auf einmal nichts mehr sehen konnte. Als wäre plötzlich Nebel aufgezogen, der das Schneegeriesel noch dabei unterstützte, die Fahrt anstrengender zu machen.

Doch sie wusste ganz genau, dass es kein Nebel war. Es war etwas anderes. Heftig blinzelte sie, um wieder klare Sicht zu bekommen. Leider hatte sie an ihren Augen keine Scheibenwischer. Da mussten die Lider reichen.

Möglicherweise hatte Beatrice dasselbe Problem – wenn man es als ein Problem bezeichnen wollte –, das Lilly jetzt hatte, und hielt mit Menschen hauptsächlich Kontakt über das Telefon, sodass es für sie so unersetzlich war.

»Das ist das neueste iPhone, nicht wahr?«, fragte Lilly, weil sie in gewisser Weise verzweifelt nach einem Thema suchte, das Beatrice interessieren könnte. Wie wenig sie auch gemeinsam hatten. Damit das Gespräch Lilly von dem ablenkte, woran sie absolut nicht denken wollte.

Beatrice erwachte wie aus einem Traum und sah sie an, als hätte sie gar nicht damit gerechnet, dass sie neben ihr saß. Dass überhaupt irgendjemand da war.

»Ich glaube. Ja. Ich kenne mich nicht so damit aus«, antwortete sie so gleichgültig, dass Lilly sich fragte, ob es überhaupt irgendetwas gab, wofür diese Frau sich interessierte.

Innerlich schüttelte sie den Kopf. »Als Sie es gekauft haben, hat es Ihnen der Verkäufer doch bestimmt angepriesen.« Sie warf einen Blick auf Beatrice und versuchte herauszufinden, was sie dachte. Dachte sie überhaupt? »Oder kaufen Sie immer das neueste Modell? Ganz ohne zu fragen?«

Sie lachte etwas ungläubig. Aber nicht ganz so ungläubig, wie sie es vielleicht vor einiger Zeit noch getan hätte. Vor ihrer Begegnung mit Beatrice.

»Ich habe das nicht gekauft«, sagte Beatrice, als wäre sie schon wieder dabei, in einem Traum zu versinken, der nichts mit Lilly zu tun hatte.

Du hast es gefunden? hätte Lilly am liebsten gefragt, nur um sie aus ihrer Lethargie zu reißen.

Aber das war wohl etwas albern. Außerdem lag die Wahrscheinlichkeit nahe, dass eine Frau wie Beatrice jemanden hatte, der ihr jeweils das neueste iPhone schenkte, ohne dass sie sich Gedanken darüber machen musste.

Langsam fragte Lilly sich, ob es eine gute Idee gewesen war, Beatrice mitzunehmen. Vielleicht hätte sie besser nach Hause fahren und ihren Vater mit dem Traktor losschicken sollen, um den Z4 aus dem Graben zu ziehen. Möglicherweise war der Wagen gar nicht so sehr beschädigt, und Beatrice hätte gleich weiterfahren können. Dann hätten sie sich gar nicht groß kennengelernt.

Aber das taten sie jetzt ja auch nicht. Beatrice saß wie eine Puppe neben ihr, die von selbst keine Bewegung machen konnte.

»Kaufen.« Anscheinend hatte Beatrice die ganze Zeit über die Bedeutung dieses Wortes nachgedacht. Sie hatte offenbar Probleme mit vielen Wörtern, deren Bedeutung sie nicht zu kennen schien. »Dafür braucht man Geld.«

Lilly lachte auf. »Überraschenderweise ja.« Aber damit hast du ja offensichtlich keine Probleme, dachte sie und wunderte sich, was Beatrice an dem Thema jetzt so erschütternd fand. Denn genauso sah sie aus. Erschüttert.

»Was kostet so ein Auto wie das hier?«, fragte sie plötzlich.

Das war vielleicht eine Frage . . . Lilly fragte sich immer mehr, wen sie da aus dem Graben gefischt hatte. »Den aktuellen Neupreis kenne ich nicht«, gab sie zur Antwort. »Ich habe es gebraucht gekauft, weil ich finde, dass es Geldverschwendung ist, ein neues Auto zu kaufen. Kaum fährt es vom Hof, ist es nur noch die Hälfte wert.«

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Hanna Berghoff: Geheimnisvolle Beatrice ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

1 Mit einem Lächeln auf den Lippen setzte Lilly den Blinker, um endlich von der Autobahn...
Lilly schüttelte den Kopf. »Das könnte ich nur mit einem Traktor. Mein Wagen ist dafür nicht stark...
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