»Die Hälfte«, wiederholte Beatrice. Erneut runzelte ihre Stirn sich angestrengt. »Ist das viel oder wenig?«
Bist du ein Alien? hätte Lilly am liebsten zurückgefragt. Dass du so etwas fragst?
Langsam begann sie selbst sich allerdings zu fragen, ob sie nicht vielleicht doch die Polizei anrufen sollte, um zu erfahren, ob Beatrice irgendwo in irgendeiner Institution vermisst wurde. Möglicherweise hatte sie das Auto gestohlen und war damit geflohen.
Und die Kleider auch? Und das Handy? Und ihre teuren Schuhe? Innerlich runzelte Lilly die Stirn. Das war dann doch etwas unwahrscheinlich.
»Kommt drauf an«, sagte sie. »Je nachdem, wie viel man hat.«
»Haben Sie viel?« Die nächste Frage aus Beatrices Mund bestätigte immer mehr Lillys Eindruck.
Warum wollte Beatrice so etwas wissen? Hatte sie vor, Lilly auszurauben? War der ganze Unfall getürkt, um jemanden zum Anhalten zu bewegen?
Nachdem ihr Herz etwas schneller schlug, weil diese Gedanken sie doch ein wenig beunruhigten, nahm sie sich genau deshalb vor, so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Gerade, wenn Leute so offensichtlich aus dem geistigen Gleichgewicht waren wie Beatrice hier anscheinend, sollte man sie nicht reizen.
»Mir reicht es«, erwiderte sie vorsichtig. »Ich habe keine großen Ansprüche.«
Dir würde mein ganzes Monatseinkommen vielleicht gerade einmal einen Nachmittag lang in irgendeiner Münchner Schickimicki-Boutique reichen, dachte sie. Der Unterschied in unseren Ansprüchen ist offensichtlich. Die Frage ist nur, wie verdienst du dein Geld? Indem du es anderen wegnimmst?
Sie wandte leicht den Kopf zu Beatrice und lächelte sie an. Nicht aufregen und keine Angst zeigen. Das wurde in solchen Situationen immer wieder empfohlen.
Dieses Lächeln schien Beatrice zu verwirren, denn sie schaute sofort von Lilly weg, dann jedoch drehte sie ihren Kopf zu ihr zurück, als würde sie durch etwas dazu gezwungen. In ihren Augen lag eindeutig Verwirrung.
Obwohl es wunderschöne Augen waren, wie Lilly nicht erst jetzt bemerkte. Zwar hatte Beatrice dunkle Haare, aber ihre Augen waren heller. Nicht hellbraun oder blau oder grau allerdings, sondern sie tendierten ins Grünliche.
Ein gedämpftes Grün, kein strahlendes Grün. Es war wie eine Mischung aus Himmel und Erde und grüner, aufgeschäumter See auf einer Wiese, die den Sommer schon hinter sich hatte.
Nein, das waren nicht die Augen einer Verbrecherin, einer Räuberin, einer Diebin.
Niemals, beschloss Lilly. Diese Art von Verwirrung hätte nicht dazu gepasst.
»Wir sind gleich da«, kündigte sie lächelnd an und wies mit einer Hand nach vorn. »Das ist der Hof meiner Eltern.«
2
»Na, mein Schatz?«, begrüßte ihre Mutter sie in der gemütlichen Wohnküche, die man direkt betrat, wenn man von hinten ins Haus kam.
Was Lilly getan hatte. Diese Gewohnheit aus ihrer Kindheit hatte sie nie abgelegt. Den Haupteingang benutzte die Familie nur selten. Der war eher für Fremde.
»Bist du endlich bei uns angekommen? Als es anfing zu schneien, dachte ich, wir müssten dich vielleicht mit dem Traktor aus dem Graben ziehen.« Annemarie Huber lachte.
Wunderbare Düfte durchzogen das Haus. Weihnachtliche Düfte nach Zimt, Vanille und Kardamom. Zur Feier von Lillys Ankunft hatte ihre Mutter selbstverständlich gebacken.
Anders hatte Lilly es gar nicht erwartet. Ihre Mutter war eine großartige Bäckerin. In Lillys Augen die beste der Welt. Und Amrei, wie sie von allen genannt wurde, zauberte auch wahnsinnig gern die leckersten Dinge aus ihrem Ofen.
»Mit dem Traktor hast du gar nicht so unrecht«, erwiderte Lilly das Lachen ihrer Mutter. »Da liegt wirklich jemand im Graben, der herausgezogen werden muss.«
Sie schaute sich um. War Beatrice ihr überhaupt ins Haus hinein gefolgt, nachdem Lilly sie dazu eingeladen hatte?
»Niemand von hier, oder?«, fragte ihre Mutter. »Bestimmt jemand Fremdes.«
»Ja.« Lilly nickte. »Münchner Nummer.«
Wie fremd Beatrice wirklich auf sie wirkte, wollte sie ihrer Mutter lieber nicht erklären. Sie konnte es sich selbst nicht erklären.
»Die Münchner immer.« Verständnislos schüttelte Amrei den Kopf. »Haben die denn noch nie Schnee und Eis gesehen? Da schneit es doch auch. Rasen hier herum, als gäbe es kein Morgen.«
»Ich glaube, ich bin nicht gerast«, meldete sich da eine Stimme aus dem Hintergrund. »Ich weiß nicht genau, was passiert ist. Auf einmal lag ich im Graben.«
Ruckartig drehte Amrei sich zur Hintertür und sah die Fremde, die da plötzlich in ihrer Küche stand, überrascht an.
»Das ist . . . hm . . . Beatrice, Mama«, stellte Lilly hastig vor. »Ich habe sie mitgebracht, weil es in ihrem Wagen doch jetzt ziemlich kalt wurde.«
»Kann ich mir vorstellen«, nickte ihre Mutter, die sich schnell von ihrem Schock erholt hatte. Sie musterte die junge Frau nur wenig interessiert. »Dann sagst du wohl besser deinem Vater Bescheid, dass er den Traktor auf die Straße bringt.«
»Mach ich.« Lilly wollte sich schon umdrehen, um wieder zu derselben Tür hinauszugehen, durch die sie hereingekommen war und an der Beatrice immer noch stand. Deshalb unterbrach sie ihren Vorwärtsdrang kurz. »Möchten Sie einen Kaffee zum Aufwärmen? Meine Mutter hat bestimmt welchen.« Sie drehte den Kopf zu Amrei zurück.
»Sicher«, bestätigte die sofort. »Und auch ein Stück Kuchen, falls Sie möchten.« Sie lächelte Lilly kurz an. »Lillys Lieblingskuchen. Weißenregen.«
»Mhm . . .«, machte Lilly mit leicht verdrehten Augen. »Bin gleich zurück!«
Und schon lief sie an Beatrice vorbei zur Tür hinaus.
•••
Wie verloren stand Beatrice am Rand dieser Küche und wusste eigentlich überhaupt nicht, wie sie hierhergekommen war.
Und schon gar nicht fand sie sich in diesem Ambiente zurecht, das ihr äußerst fremd erschien.
Doch was erschien ihr nicht fremd? Seit – ja, seit wann? Sie wusste es noch nicht einmal – war ihr die ganze Welt fremd.
Sie war in einem Auto erwacht, das ihr fremd erschien. In einer Umgebung, die ihr fremd erschien. Mit Dingen um sich, die ihr fremd erschienen. Nichts davon löste irgendein Gefühl des Erkennens in ihr aus.
Dabei hätte sie es erkennen müssen. Auch dieses Gefühl hatte sie tief in ihrem Inneren.
Während sie noch in diesem ihr fremden Wagen saß, war dann auch noch eine Frau erschienen, die ihr genauso fremd war.
Zuerst hatte sie nicht gewusst, wie sie darauf reagieren sollte. Obwohl sie den Wagen nicht kannte, in dem sie saß, das Handy in ihrer Hand ihr wie ein Gegenstand aus einer anderen Welt vorkam – dennoch schien sie die Begriffe dafür zu kennen, was sie umgab –, hatte diese Frau sie dann mit einer Art Zwang konfrontiert, der ein Handeln erforderte.
Lieber wäre Beatrice – auch dieser Name fühlte sich fremd an. War es wirklich ihrer? – sitzen geblieben und hätte gar nichts getan.
Aber Lilly – der Name schien tatsächlich perfekt zu ihr zu passen – hatte ihr keine Wahl gelassen. Sie war offensichtlich eine Macherin, kein Mensch, der in einem Auto erfror, indem er nur Gedanken wälzte.
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