1
Tina

»Meine Güte, nun park doch endlich ein!«, fluche ich genervt. Meine Finger verkrampfen sich um das Lenkrad, das ich bereits bis zum Anschlag nach links gedreht habe. Eigentlich wollte ich mich an den unbeholfenen Einparkversuchen des grauen Škoda Scala vorbeischlängeln. Doch selbst in einem großen Bogen passe ich nicht daran vorbei.

Ich hupe. Denn ich habe es eilig. Wirklich sehr eilig. Mein Blick wandert zum Beifahrersitz hinüber, auf dem die Entwürfe für meinen aktuellen Auftrag liegen. Es wirkt wie ein unsortiertes Chaos. Ist es auch. Zumindest, seit ich so stark abbremsen musste, dass die ganzen Skizzen wild durcheinanderrutschten.

Und das nur, weil es Menschen gibt, die in der Fahrschule nicht aufgepasst haben, als es darum ging, einen Kleinwagen in eine ausreichend große Parklücke zu manövrieren.

Ich spüre meine Anspannung im ganzen Körper. Schnaubend drücke ich abermals auf die Mitte meines Lenkrads, um zu signalisieren, dass ich keine Zeit habe, dem Einpark-Schauspiel länger beizuwohnen.

Mein Puls rast. Ich spüre förmlich, dass mir eine enorme Menge Blut in den Kopf schießt. Wenn ich wegen dieser Person im Auto vor mir den Rest des Tages mit Kopfschmerzen herumlaufen muss, dann flipp ich aus.

Kurzentschlossen steige ich aus, knalle die Tür laut scheppernd hinter mir zu und stelle mich mit zusammengekniffenen Augen und vor der Brust verschränkten Armen neben den Škoda.

»Entschuldigen Sie bitte?«, formuliere ich meine erste Kontaktaufnahme zu der Dame am Steuer so freundlich wie möglich.

Keine Reaktion.

»Hallo?«, rufe ich lauter und untermale meine Ansprache mit einem Klopfen an die Scheibe.

Erschrocken reißt die Frau den Kopf herum und blickt mich irritiert an.

»Kann ich irgendwie behilflich sein?«, frage ich durch die geschlossene Scheibe.

»Wie bitte?«

»Ob ich irgendwie . . .« Ich unterbreche den Satz und mache mit der Hand ein Zeichen, dass die Fahrerin die Fensterscheibe herunterfahren soll. Nachdem das Glas uns nicht mehr trennt, vollende ich meinen Satz: »Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«

»Wobei?«, fragt die Frau irritiert.

»Ist das Ihr Ernst?«, platzt es aus mir heraus. Ich atme. Zwei Mal ein, zwei Mal aus. Für mehr habe ich keine Zeit. Fünf Mal wären besser gewesen. Das spüre ich an meinem Puls. Ich muss mich zusammenreißen. Auch ohne Atmen.

Ich versuche zu lächeln. Es fällt mir schwer. Ich denke an meinen Termin, der vor fünf Minuten angefangen hat und von dem ich noch zehn Minuten entfernt in einer kleinen Seitenstraße in Küstennähe hinter einem Auto stehe, das die Fahrbahn blockiert.

»Soll ich Ihnen ihr Auto in die Parklücke stellen?«, frage ich. Die Fahrerin sieht mich weiterhin nur irritiert an, also schmücke ich mein Angebot etwas aus. »Ich habe es nämlich unglaublich eilig, und auch wenn ich von Natur aus ein geduldiger Mensch bin, habe ich heute leider keine Zeit, mir Ihren Tanz mit der Parklücke länger anzusehen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin sicher, Sie können das ganz toll und haben vielleicht nur einen schlechten Tag oder . . .« Einen Schlag auf den Kopf bekommen, vervollständige ich nur in Gedanken.

Ehe ich weiterreden kann, steigt die Frau tatsächlich aus.

Ich schlucke. Einen kurzen Moment überlege ich, ob es besser wäre, wieder in mein Auto einzusteigen, den Rückwärtsgang einzulegen und so schnell wie möglich einen anderen Weg zu meinem Termin zu suchen. Meine plötzliche Unsicherheit kann ich nicht verbergen.

»Du meinst also, du kannst das besser?«, fragt die Frau mit fester Stimme und einem herausfordernden Lächeln auf den Lippen. Dann tritt sie einen Schritt beiseite und bietet mir mit eindeutiger Geste den Platz auf dem Fahrersitz an.

Scheiße. Meine Knie zittern. Aber aus der Nummer komme ich nicht mehr raus. Also steige ich ein. Drei Mal einatmen, drei Mal ausatmen. So viel Zeit muss sein.

Unter dem wachsamen Blick der Fahrzeugbesitzerin setze ich den Wagen in Bewegung und parke ihn in zwei Zügen mit perfektem Abstand zur Bordsteinkante ein.

Erst jetzt merke ich, dass ich während dieses Vorgangs die Luft angehalten habe. Ein tiefer Atemzug ist nötig, ehe ich aussteige, mein siegessicheres Lächeln aufsetze und der Frau den Schlüssel in die Hand drücke.

»Gern geschehen«, flüstere ich schmunzelnd und hoffe, dass die Fremde nicht bemerkt, dass meine Knie gerade aus Wackelpudding bestehen.

Hätte ich Zeit, wäre jetzt der passende Moment für eine Zigarette und einen Schnaps. Aber ich muss los. Und ich hasse Zigaretten. Und Schnaps.

Also starte ich meinen Wagen und fahre weiter Richtung Küste.

2
Meike

Was war das denn bitte? Verdattert starre ich erst auf den Autoschlüssel in meiner Hand, dann auf mein perfekt eingeparktes Auto. Erst als ein vorbeifahrendes Auto hupt, merke ich, dass ich noch auf der Straße stehe.

Ich brauche einen Moment, um mich zu sammeln. Bin ich wütend? Oder einfach beeindruckt? Oder genervt? Ich blicke auf die Uhr, und mir entfleucht ein energisches »Fuck«.

Schnell reiße ich meine Handtasche vom Rücksitz und renne quer über die Straße zu dem kleinen weißen Haus mit den blauen Fensterläden. Auf einem Schild rechts neben der ebenfalls blauen Eingangstür steht in geschwungenen Buchstaben: Frauke Gottlieb – Physiotherapeutin.

Ein Windspiel erklingt, als ich die Tür öffne und von einer angenehmen Wärme und dem herrlichen Duft von Lavendelöl empfangen werde. Ich fühle mich direkt wohl und deutlich entspannter als in der vergangenen halben Stunde.

»Hallo meine Liebe, schön, dass du da bist«, empfängt mich Frauke herzlich und schenkt mir eine innige Umarmung. Eine Umarmung, in der die ganze Zuneigung zweier Freundinnen und einer längst vergangenen Liebe steckt, die uns vor vielen Jahren einmal verbunden hat.

»Hallo Frauke. Tut mir leid, dass ich zu spät bin«, entschuldige ich mich und gebe meiner besten Freundin einen kleinen Kuss auf die Wange.

»Ist doch kein Problem«, versichert Frauke lächelnd. »Und? Wie geht es dir heute? Was macht die Schulter? Immer noch so schlimm?«

Ich seufze. »Schlimm genug für den peinlichsten Moment meines Lebens.«

Mit hochgezogener Augenbraue sieht Frauke mich an. Ich verdrehe die Augen und setze mich auf die Liege, auf der gleich vermutlich eine sehr unangenehme Behandlung stattfinden wird.

»Bewegungseingeschränkt wie ich gerade bin, habe ich mich beim Einparken wohl ein bisschen zu doof angestellt. Und prompt werde ich von so einer Zicke, die offensichtlich so viel Geduld wie eine Eintagsfliege hat, gebeten auszusteigen, damit sie mir mal zeigen kann, wie es richtig geht.«

»Nicht dein Ernst!«, prustet Frauke heraus.

Finster beäuge ich ihren Lachanfall. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie sich die Szene in ihrem Kopf gerade zu einem Blockbuster entwickelt.

»Sie hat dich deines Autos verwiesen? Dich?«, hakt Frauke feixend nach.

Ich funkle sie mit finsterem Blick an.

Doch davon lässt sich meine reizende Ex-Freundin und vorläufig noch beste Freundin nicht beirren. »Und dann? Hast du ihr die Meinung gegeigt? Hast du sie über die Motorhaube gelegt und ihr den Hintern versohlt?«, fragt sie anzüglich. Ihrer Fantasie sind mal wieder keine Grenzen gesetzt. Das weiß ich nur zu gut.

Und darum unterbinde ich jegliche weitere Spinnerei, die sie sich da gerade in ihrem Köpfchen ausmalt, mit der Wahrheit. »Ich hab sie machen lassen«, erwidere ich zähneknirschend.

»Wie bitte?« Frauke reißt die Augen entgeistert auf. Kurz fürchte ich, dass ihre Augäpfel gleich über den desinfizierten Boden kullern werden.

Ich zucke mit den Schultern und spüre prompt den Schmerz, wegen dem ich hier bin. Und der verantwortlich für meine unbeholfenen Einparkversuche ist. »Was sollte ich denn machen? Ich war schon fünfmal um den Block gefahren, um eine geeignete Parklücke für einen Lkw zu finden, damit ich geschmeidig hineingleiten kann, ohne mich großartig bewegen zu müssen.«

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Jule Richter: Lieber Meer als weniger ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

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