»Mein Gott, deine Schmerzen müssen ja grenzenlos sein, wenn du einer Wildfremden erlaubst, dein Auto zu fahren.«
»Sie hat es nicht gefahren, sie hat es nur in die Parklücke rollen lassen«, korrigiere ich.
»Wie sah sie aus?«, fragt Frauke weiter.
»Wütend«, antworte ich knapp.
»Hm, wütend. Und? War sie blond und wütend oder brünett und wütend? War sie eine große oder kleine wütende Frau?«
»Können wir jetzt einfach anfangen?«, knurre ich, um Fraukes Neugier abzuwürgen, und lege mich auf die Liege.
Frauke schmunzelt. Ich ahne, dass das Thema noch nicht gegessen ist.
3
Tina
»Es tut mir leid, dass ich zu spät bin«, entschuldige ich mich hastig, als ich in das große Haus direkt an den Klippen stolpere.
Es ist immer wieder beeindruckend, dieses Anwesen zu betreten, und ich kann auch nach drei Monaten nicht glauben, dass ich den Innenausbau dieses besonderen Prachtstücks begleiten darf.
»Hallo Tina, ist doch kein Thema. Wir sind auch gerade erst gekommen. Wurdest du aufgehalten?«, fragt Henriette, als sie mich zur Begrüßung kurz umarmt.
»Sozusagen«, nuschle ich, während ich auch Gerti, Henriettes Frau und Geschäftspartnerin, begrüße.
»Sozusagen?«, hakt Gerti interessiert nach.
Ich verdrehe die Augen, während ich die durcheinandergeratenen Zeichnungen und Skizzen auf dem großen Eichentisch in der Mitte der Eingangshalle ablege. »Ach, da war so eine dusselige Kuh, die die ganze Straße versperrt hat, nur weil sie mit ihrem winzigen Škoda nicht in die Parklücke kam.«
Henriette lacht verständnisvoll. »Oh ja, für so was habe ich auch keine Geduld. Hat sie es denn geschafft?«
»Pfff«, mache ich abschätzig. »Hat sie nicht. Irgendwann wurde es mir dann zu bunt und ich habe die Sache in die Hand genommen.«
»Du hast ihr Auto eingeparkt?«, fragt Gerti ungläubig.
»Ich hatte es doch eilig. Ich würde wahrscheinlich immer noch dort stehen, wenn ich das nicht selbst erledigt hätte.«
Gerti schmunzelt. Ein wenig Anerkennung scheint darin zu liegen. Ich grinse schief und zucke mit den Schultern.
»Da wir ja jetzt alle hier sind, können wir nun zum geschäftlichen Teil übergehen«, schlägt Henriette vor und reibt sich die Hände, während sie sich über die Pläne beugt, die ich in den vergangenen drei Wochen angefertigt habe.
»Wow, Tina. Deine Pläne für die erste Etage sind wirklich gelungen. Wir haben ja geahnt, dass wir mit dir als Innenarchitektin die richtige Wahl getroffen haben. Aber dass wir uns direkt beim ersten Entwurf so einig sein würden, das hatte ich nicht erwartet«, stellt Gerti begeistert fest, nachdem ich die Skizzen geordnet und den beiden detailliert vorgestellt habe.
»Sehe ich genauso. Es sollte einfach so sein, dass du in unseren Club gestolpert bist«, schmunzelt Henriette und weckt in mir Erinnerungen, die nicht nur ausgesprochen aufregend, sondern auch reichlich unangenehm sind.
»Stolpern trifft es auch«, gebe ich etwas beschämt zu und spüre, dass mein Gesicht eine leicht rötliche Farbe annimmt.
Gerti lacht. »Ach weißt du, wenn so eine großartige Zusammenarbeit dabei rauskommt, dann darfst du mich gern noch einmal samt Tablett mit Champagner im Wert von dreihundert Euro umschubsen.«
»Wir ziehen dir den Verlust einfach von deinem Honorar ab«, scherzt Henriette.
Das Rot in meinem Gesicht wird dunkler. Ich hasse es, mich zu blamieren. Und an dem besagten Abend hätte es nicht peinlicher werden können. »Mein erstes Mal in einem Hamburger SM-Club hatte ich mir jedenfalls anders vorgestellt«, gestehe ich und ringe mir ein schüchternes Lächeln ab.
Gerti sieht mich eindringlich an. »So? Wie denn?«
Ihr Blick lässt nicht von mir ab. Sofort verliere ich mich in Unsicherheit und Scham. Das Selbstbewusstsein, von dem ich eben noch in der Rolle als Innenarchitektin zehrte, ist verschwunden. Ich blicke zu Boden. Mein Herz klopft. Und in meinem Kopf spielt sich der Film meiner Erinnerungen an den Abend ab. Die Hitze der Erregung steigt in meinem Körper empor. »Anders eben«, flüstere ich kehlig.
»Mensch Gerti, nun lass das doch«, mahnt Henriette und legt ihren Arm um meine Schulter. Ich lächle schief in ihre Richtung.
»Tut mir leid, Tina. Ich wollte dich nicht verunsichern. Ich spiele eben gern. Und ich kann es nicht lassen, so bezaubernde Wesen wie dich ein bisschen aus der Komfortzone zu locken«, entschuldigt sich Gerti augenzwinkernd und gibt mir einen Kuss auf die Wange.
»Ist schon gut. Ich bin einfach nichts mehr gewöhnt«, gebe ich möglichst souverän zurück.
»Durststrecke?«, fragt Henriette mitfühlend.
Ich nicke. Was anderes fällt mir dazu nicht ein.
Es war mir klar, dass es gewagt wäre, diesen besonderen Auftrag anzunehmen. Aber dass die Zeit hier oben an der Küste so hart wird, hatte ich nicht erwartet, als ich mich entschied, Berlin für sechs Monate den Rücken zu kehren und für Henriette und Gerti zu arbeiten.
»Hier oben ist nicht viel los, was?«, fragt Gerti.
Ich zucke mit den Schultern und fasse meine letzten drei Monate zusammen: »Nur Möwen, Sand und Wasser.«
Henriette lacht. »Na, so schlimm ist es doch auch wieder nicht, oder?«
Ich lächle. »Nein, es ist gar nicht so schlimm«, sage ich kopfschüttelnd. »Es ist sogar eigentlich sehr schön hier. Ich habe in Berlin noch nie so schnell so ein Projekt geplant wie dieses hier. Das liegt sicher an der Ruhe und der guten Meeresluft.«
»Und vielleicht auch am Projekt?« Gerti zwinkert mir schmunzelnd zu.
»Ja, vermutlich liegt es auch an dem Projekt selbst«, gebe ich ebenfalls schmunzelnd zu. »Es macht einfach Spaß. Nur etwas zu viel Theorie und etwas zu wenig Praxis«, merke ich noch vielsagend an.
»Na ja, wenn unser Freudenhaus erst mal fertig ist, dann bist du natürlich herzlich eingeladen, deine Urlaube hier kostenfrei zu verbringen«, verkündet Henriette.
»Über den Namen reden wir aber noch mal«, bemerkt Gerti naserümpfend.
Wir lachen. Ja, Freudenhaus ist wirklich nicht der passende Name für dieses atemberaubende Anwesen, in dem Gerti und Henriette ihren Traum von einer SM-Ferienanlage direkt an der Küste verwirklichen werden.
4
Meike
Es regnet. Die Tropfen liefern sich seit Stunden ein Wettrennen über meine frischgeputzten Fensterscheiben. Betrübt starre ich zwischen ihren Spuren hindurch auf die Straße. Die Pfützen werden immer größer, und die Äste der Linde auf der anderen Straßenseite tanzen im Ostseewind.
Eigentlich mag ich dieses Wetter. Aber heute ist Samstag. Und in zwei Stunden muss ich auf Fehmarn sein, um mit zehn motivierten Anglerinnen und Anglern acht Stunden im Meer zu stehen und auf Forellenjagd zu gehen.
Ich liebe es. Es ist nicht nur mein Beruf. Es ist meine Berufung. Nur heute würde ich lieber zu Hause auf meinem Sofa bleiben. Eingekuschelt in meine Decke und dem Blick in den Regen, ohne nass zu werden.
Schon bei dem Gedanken an den bevorstehenden Angelkurs spüre ich das schmerzhafte Ziehen in meiner Schulter.
Die Behandlung bei Frauke ist zwei Tage her. Und ihre mahnenden Worte, dass ich kürzertreten müsse, bis die Entzündung im Schultergelenk abgeklungen ist, wenn ich meinen Job nicht dauerhaft an den Nagel hängen wolle, klingen noch in meinen Ohren.
Ich seufze und schaue auf mein Handy. Halb acht. An einem Samstag. Fluchend vergrabe ich meinen Kopf im Sofakissen und spüre die Müdigkeit, die die Schmerztabletten auslösen, in jeder Faser meines Körpers.
Frauke hat recht. Ich kann so unmöglich acht Stunden im Wasser stehen und angeln.
Stöhnend hieve ich mich in die Horizontale, schnappe mein Handy und zögere noch einmal kurz, ehe ich Oles Nummer antippe.
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