Nur ein einziges Mal in meinem Leben habe ich etwas geklaut. Da war ich fünfzehn. Und es war aus Versehen. Niemals könnte ich wissentlich jemandem einen Schaden zufügen.
»Da sagst du was. Der Probetag war dann schnell vorbei und endete mit einer Anzeige«, schließt Henriette die Geschichte schulterzuckend ab. Dann legt sie ihren Arm um meine Schultern. »Aber darum geht es ja jetzt gar nicht. Wir zwei beide werden heute mal durch die Fußbodenabteilung stöbern und schauen, was zu unserem ambitionierten Projekt so passen könnte.«
»Ich freue mich. Ich liebe Fußböden«, lache ich.
»Klar liebst du sie. Darauf kann man ja auch wunderbar auf Knien herumrutschen, nicht wahr?«, frotzelt Henriette mit vielsagendem Blick.
Ich lächle schief und fühle mich ertappt. Selbstverständlich weiß sie von meinen Vorlieben. Immerhin haben wir uns in ihrem Club kennengelernt. Aber es ist dennoch ein sonderbares Gefühl, derartige Aussagen während eines Geschäftstermins zu hören.
»Wollen wir?«, fragt Henriette, und ich bin froh, dass das Thema abgehakt ist. Vorerst.
»Und was sagst du zu dem hier?«, frage ich, nachdem wir uns seit über einer Stunde von einem Fußbodenbelag zum nächsten vorgearbeitet und schon fünf in der engeren Auswahl haben.
»Hm«, überlegt Henriette nachdenklich und betrachtet das mitteldunkle Eichenparkett, das auf einer Fläche von etwa einem Quadratmeter auf dem Hallenboden vor uns ausgelegt ist. »Hm, ich weiß nicht so recht. Ist das denn leicht zu pflegen?«
»Feucht drüberwischen«, erwidere ich.
»Feucht ist gut«, raunt Henriette, und auf ihren Lippen erscheint ein vielsagendes Lächeln. Sie hockt sich neben das Parkett und lässt ihre Finger über das Echtholz gleiten. »Hm«, macht sie abermals. Dann steht sie auf, sieht mich verheißungsvoll an und sagt in einem Tonfall, den ich bisher von ihr noch nicht gehört habe: »Probier ihn aus.«
Mit großen Augen starre ich sie an und frage vorsichtig: »Was meinst du?« Und auch wenn ich erahnen kann, wohin das gerade führt, versuche ich, die Situation zu entschärfen. »Soll ich eine Runde Stepptanzen oder mal ordentlich drauf herumhüpfen?« Ich lache unbeholfen.
Doch Henriette befindet sich offensichtlich gerade in einem ganz anderen Modus. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie kommt einen Schritt auf mich zu, beugt sich neben mein Ohr und sagt ernst: »Knie nieder.«
Mein Herz bleibt stehen. Ich hoffe, die haben hier irgendwo im Baumarkt so einen Defibrillator, den jeder Idiot bedienen kann. Wie angewurzelt bleibe ich stehen. Tausend Gedanken rasen durch meinen Kopf, und ich kann nicht glauben, was hier gerade passiert.
Mit festem Blick beobachtet Henriette meine Gefühlsregungen, und es scheint sie zu erfreuen, wie schnell sie mich aus der Fassung bringen konnte. Erst hat mich der verwirrende Abend mit Meike aus dem Konzept gebracht, und jetzt das.
»Worauf wartest du? Wenn ich schon so einen Haufen Kohle für den Fußboden ausgeben soll, dann muss ich doch wissen, ob er den Ansprüchen unserer Gäste gerecht wird«, erklärt Henriette und verschränkt ihre Arme ungeduldig vor der Brust.
»Henriette, das geht doch nicht«, murmle ich unsicher und bekomme dabei meine Zähne kaum auseinander. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich schon auf dem Stück Parkett knien. Mit gesenktem Blick und in Erwartung des ersten Hiebs mit der Gerte, die Henriette wahrscheinlich gleich aus ihrer Handtasche zaubert. Mein Puls rast.
»Ich habe Zeit«, versichert Henriette ruhig. »Aber es könnte sein, dass sich deine Zeit auf den Knien verlängert, je länger du mich warten lässt.«
Ich schlucke. Sie meint das ernst. Und was, wenn ich es einfach nicht mache? Was, wenn ich hinüber zum nächsten Fußboden gehe und ihn Henriette präsentiere, als hätte diese Situation nie stattgefunden?
Henriette würde ja nichts dagegen tun können. Und außerdem hat sie doch Gerti. Was würde Gerti zu dieser ganzen Szene hier sagen?
Ich atme. Ein. Aus. Ein. Aus. Aber es beruhigt mich kein bisschen. »Ich kann das hier nicht tun«, beteuere ich leise.
»Ich denke, du kannst«, erwidert Henriette. Dann kommt sie abermals auf mich zu, greift mir unerwartet in den Schritt und zischt: »Und du willst.«
Ich ziehe scharf die Luft ein. Bin einerseits erschrocken. Andererseits so erregt, dass ich kaum klar denken kann.
Sie hat mich. Ich stehe in ihrem Bann. Und im Bann des Spiels.
Ich senke den Blick zu Boden. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Mein Gesicht glüht. Ich möchte fliehen und bleiben.
»Knie nieder«, fordert Henriette noch einmal. Nimmt ihre Hand zurück, und ich spüre ihre Blicke auf meinem ganzen Körper. Wie feine Nadelstiche durchbohren sie mich, und ich kann mich der Macht nicht mehr entziehen.
Auf wackligen Beinen betrete ich das Parkett. Ich atme tief ein. Hoffe auf eine beruhigende Wirkung der stickigen Baumarktluft in meinen Lungen.
Dann knie ich mich auf die Ausstellungsfläche. Ein Quadratmeter Eichenparkett und ich. Um mich herum ist plötzlich alles vergessen. Ausgeblendet. Verschwommen. Nur Henriette nehme ich noch wahr.
Mit zufriedenem Blick und sicherem Schritt geht sie gemächlich um mich herum. Begutachtet das, was sie sieht. Ich vermag nicht zu sagen, ob sie wirklich das Parkett in Augenschein nimmt, um zu entscheiden, ob sie es kaufen will. Oder ob sie sich an meiner Unterwerfung erfreut. Mitten im Baumarkt.
»Steh auf«, fordert sie mich nach einer schier unendlichen Weile auf, und ich erhebe mich, ohne sie anzusehen. »Er gefällt mir. Den nehmen wir.« Dann grinst sie, lehnt sich zu mir herüber und fügt hinzu: »Und du hast auch eine gute Figur gemacht.« Sie gibt mir einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange und hakt sich bei mir ein, als sei nichts gewesen.
»Oh Mann«, presse ich heraus. Das sind die einzigen Worte, die mir gerade so über die Lippen kommen. Mehr geht nicht.
»Was ist denn, Tina?«, fragt Henriette gespielt unschuldig.
»Ach, gar nichts. Ich weiß nur nicht, ob ich jemals wieder in der Lage sein werde, mit einem Kunden einen Fußboden auszusuchen, ohne an Eichenparkett zu denken«, scherze ich so gut es geht.
Ich brauche noch ein paar Augenblicke, um zurück in die Realität zu finden und die Preisverhandlungen mit dem Abteilungsleiter zu führen.
Als wir später noch einen Abstecher in die Badezimmerabteilung machen wollen, hören wir eine bekannte Stimme hinter uns rufen: »Nehmt ihr mich ein Stück mit?«
Gerti kommt angehetzt und lacht uns freudig an. Ich werde knallrot. Wie soll ich denn nach der Nummer eben mit Gerti sprechen?
»Na? Wart ihr schon erfolgreich?«, fragt sie und gibt Henriette einen liebevollen Kuss, bevor sie mich zur Begrüßung umarmt.
»Und wie. Tina ist eine äußerst gute und engagierte Beraterin«, erklärt Henriette eindeutig zweideutig.
Langsam sollte ich wirklich herausfinden, wo dieser Defibrillator hängt. Es kann nicht mehr lange dauern, bis ich ihn brauche.
»Oh Henni, jetzt sag bitte nicht, dass du Tina in ein kleines Abenteuer verwickelt hast«, sagt Gerti und verdreht die Augen.
»Du hast doch gesagt, der Boden muss wirklich zum Haus passen. Und es erschien mir durchaus sinnvoll, ihn vernünftig zu testen, ehe wir so viel Kohle dafür ausgeben«, verteidigt sich Henriette.
Ich beobachte diese sonderbare Szene aus sicherer Entfernung, bereit, sofort loszurennen, falls Gerti mir gleich die Hölle heißmachen will, weil ich mich auf dieses Spielchen mit Henriette eingelassen habe.
»Wenn es der Entscheidungsfindung gedient hat«, erwidert Gerti stattdessen zustimmend.
Ich bin baff. Was läuft denn hier?
Dann sehen mich beide an und fangen an zu lachen. Nicht böse. Eher herzlich. Aber dennoch äußerst irritierend.
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