»Wollen wir zusammen einen Kaffee trinken?«, fragt Gerti versöhnlich und lächelt mich freundlich an.

»Ich bin nicht sicher, ob ich nicht vielleicht eher einen Schnaps brauche«, hauche ich mehr, als dass ich es sage, und habe das Gefühl, seit einer halben Ewigkeit zum ersten Mal wieder Luft geholt zu haben.

Das Café neben dem Baumarkt ist rappelvoll. Und so entscheiden wir uns für einen Kaffee zum Mitnehmen und die große Wiese gegenüber.

»Schön hier«, stelle ich fest und blicke auf den Parkplatz und das graue Gebäude, in dem sich der Baumarkt befindet.

Henriette schmunzelt zustimmend. »Ja, dieser Ausblick ist einfach herrlich. Wenn ich mal eine Auszeit brauche, dann komme ich gern hierher.«

Wir lachen. Und das tut gut. Die Anspannung ist verschwunden. Die Erregung glücklicherweise auch. Und die Angst, Gerti könnte mich gleich über alle Berge jagen, hat sich ebenfalls verabschiedet.

»Ich glaube, wir müssen dir ein bisschen etwas über uns erzählen.« Gerti nippt an ihrem Milchkaffee, während sie mich prüfend anschaut.

»Was meinst du?«, frage ich.

»Sie meint die Spielerei im Baumarkt«, grinst Henriette und knufft mir mit dem Ellbogen in die Seite.

»Ähm«, mache ich. Das war’s. Einfach nur: »Ähm«.

»Ich mache es mal kurz«, kündigt Gerti an. »Henni und ich sind seit fünfzehn Jahren ein Paar. Wir haben uns auf einer Party in einem Club wie unserem kennengelernt. Damals in Köln. Und wir haben eine ganze Weile gebraucht, um unsere Beziehung zu definieren und vor allen Dingen unsere Rangordnung zu klären.« Sie grient zu Henriette hinüber, die bestätigend nickt. »Und am Ende haben wir erkannt, dass ich nur eins brauche«, schließt Gerti.

»Und ich beides«, fügt Henriette hinzu.

Verdutzt schaue ich von der einen zur anderen und wieder zurück. Dann frage ich nach kurzem Zögern: »Und das bedeutet jetzt was?«

Henriette lacht freundlich. »Nun ja, Gerti dominiert und würde sich nie unterwerfen. Und ich finde beides spannend.«

»Und seit wir das für uns geklärt haben, funktioniert unsere Beziehung bestens«, fügt Gerti zufrieden hinzu.

»Okay. Wow«, murmle ich. »Und wie läuft das, wenn ich fragen darf?«

»Klar darfst du«, lächelt Henriette. »Wenn Gerti und ich allein sind, dann sind die Rollen klar. Sie oben, ich unten, sozusagen.«

Gerti lacht. »Und wenn Henriette die andere Seite ausleben möchte, dann findet sie ihre Wege.« Sie zwinkert mir zu.

Ich werde rot. Knallrot. Mein Kopf platzt fast vor Scham.

»Und manchmal . . .«, verrät Gerti leise, als sei es ein gut gehütetes Geheimnis, »manchmal spielen wir auch zu dritt.«

»Zu dritt?«, hake ich nach. Meine Neugier ist grenzenlos, und von Sekunde zu Sekunde fällt es mir leichter, mich auf dieses Gespräch einzulassen. Mit meinen Auftraggeberinnen. Für die ich eine SM-Villa ausbaue. Verrücktes Leben.

»Ja, zu dritt. Gerti und ich plus eins«, bestätigt Henriette.

Das macht mich allerdings auch nicht schlauer. »Okay, aber wie ist es denn dann mit den Rollen?«, frage ich weiter.

»Das ist die einzige Konstellation, in der Gerti mir erlaubt, dominant zu sein«, verrät Henriette. »Sie und ich und eine Frau, die sich uns hingibt.«

Ich schweige kurz und verarbeite diese Informationen.

»Alles okay?« Gerti mustert mich fast ein bisschen besorgt.

»Ich frage mich gerade nur, ob das Dinge sind, die ich von meinen Auftraggeberinnen wissen sollte«, erkläre ich.

Kurz ist es still zwischen uns, und dann müssen wir alle lachen. Wir stoßen mit unseren inzwischen kalten Kaffeebechern an und halten unsere Gesichter in die Sonne, die sich gerade aus den Wolken quält.

14
Meike

»Und? Wie war eure Nacht?«, fragt Frauke, als ich wieder einmal auf ihrer Liege meine Schulter von ihren fachkundigen Händen bearbeiten lasse.

»Was meinst du?« Ich tue einfach mal so, als wüsste ich nicht, wovon sie spricht. Zur Strafe drückt sie ihren Finger tief in meinen Muskel, und ich schreie laut: »Au! Spinnst du?«

»Oh, tut mir leid, war das zu fest?«, säuselt sie. Ihre gespielte Unschuldsmiene kann ich zwar nicht sehen, mir aber lebhaft vorstellen.

»Sei froh, dass unsere Zeiten vorbei sind, meine Liebe«, zische ich. »Sonst würdest du dein blaues Wunder erleben.« Nach einer Kunstpause füge ich hinzu: »Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.«

»Ja, die guten alten Zeiten. Mein Arsch erinnert sich noch bestens daran«, sinniert Frauke und seufzt wehmütig. Doch dann lacht sie und gibt mir auch noch einen Klaps auf den Hintern.

»Ich glaube, ich muss mal mit Hannah sprechen. Die hat dich scheinbar gerade nicht so gut im Griff«, bemerke ich.

»Wir führen eine harmonische und sehr ausgeglichene Beziehung«, erwidert Frauke und tröpfelt noch einmal das duftende Lavendelöl auf meinen Rücken.

»Das freut mich für euch«, lächle ich.

»Du bist meiner Frage ausgewichen«, erinnert mich Frauke.

»Es gibt keine Antwort darauf«, sage ich knapp.

»Wieso?«

»Na, weil es nichts zu erzählen gibt. Wir haben aufgeräumt, noch den Rest Wein ausgetrunken, und dann ist sie gegangen«, fasse ich den Abend mit Tina kurz zusammen.

»So, so«, sagt Frauke, als würde sie mir kein Wort glauben.

»Es ist so. Sie ist gegangen, und ich habe nicht mal ihre Nummer. Aber wofür auch. Sie ist ja eh bald wieder in Berlin und ich für mindestens ein Jahr auf dem Schiff. Und du weißt, dass ich überlege, danach erst einmal ein oder zwei Jahre hier und dort zu sein, ohne mich festzulegen. Vielleicht auf einer einsamen Insel, auf der niemand ist, der mir so viele Fragen stellt.«

»Drei Monate sind immerhin drei Monate«, erwidert Frauke.

»Wie philosophisch«, bemerke ich zynisch.

»Ich will doch nur sagen, dass ihr diese drei Monate eine schöne Zeit miteinander haben könntet. Ohne Verpflichtungen. Ganz locker. Einfach Spaß haben«, erklärt Frauke.

»Wir kennen uns doch eigentlich kaum. Wie kommst du darauf, dass das so laufen würde?«

»Ich habe euch doch beobachtet«, grinst Frauke hörbar.

»Ach so? Und was hast du da beobachtet?«, frage ich etwas zickiger, als ich es vorhatte.

»Na, eure Blicke. Das heimliche Abchecken, wenn die andere es gerade nicht bemerkt. Die zufälligen Berührungen beim Greifen nach der Weinflasche oder der Soßenkelle. Und mal ehrlich, du kannst mir nicht erzählen, dass du sie nicht heiß findest«, stichelt Frauke.

»Soll ich dir was verraten?« Ich hebe meinen Kopf, um Frauke anzusehen.

»Immer«, erwidert sie neugierig.

»Tina ist eine von uns«, sage ich knapp und lege meinen Kopf zurück auf die Liege.

»Eine von uns?«

»Mann, Frauke«, seufze ich. »Sie spielt offensichtlich gern. Und ich schätze, sie beherrscht das sogar ziemlich gut.«

»Nicht dein Ernst«, quietscht Frauke begeistert und rüttelt an meinen Schultern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das zur Behandlung gehört.

»Na dann ran da, Meike. Worauf wartest du?«

»Keine Ahnung. Ich weiß ja nicht mal, wo sie gerade wohnt. Und da sie mir ihre Nummer nicht gegeben hat, gehe ich einfach davon aus, dass sie kein großes Interesse an einem Wiedersehen haben kann«, seufze ich. Ich spüre die Enttäuschung darüber, dass es nach diesem aufregenden Abend nicht weitergehen wird. Doch dann reiße ich mich zusammen und füge hinzu: »Ist aber auch egal. Am Wochenende fahre ich nach Hamburg. Henriette und Gerti veranstalten da irgendeine besondere Clubnacht. Da wird sich sicher was aufreißen lassen.«

»Aufreißen. Wie alt bist du? Fünfundzwanzig?«, lacht Frauke.

Darauf erwidere ich nichts, sondern versuche, mich wieder voll und ganz der Behandlung hinzugeben.

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Jule Richter: Lieber Meer als weniger ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

1 Tina »Meine Güte, nun park doch endlich ein!«, fluche ich genervt. Meine Finger verkrampfen sich...
»Mein Gott, deine Schmerzen müssen ja grenzenlos sein, wenn du einer Wildfremden erlaubst, dein...
»Hey Ole, ich bin es«, sage ich kleinlaut, als ich seine müde Stimme am anderen Ende höre. »Hey...
Ich frage mich ernsthaft, wer hier mehr Interesse an einem Abend in der Szene hat, Neele oder ich....
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