»Hey Ole, ich bin es«, sage ich kleinlaut, als ich seine müde Stimme am anderen Ende höre.

»Hey Meike, was ist los?«, murmelt er schlaftrunken.

»Kannst du den Kurs heute für mich übernehmen?«, frage ich ohne die vielen Ausschmückungen, die mir eigentlich gerade noch als Erklärung, Entschuldigung und Wiedergutmachungsversprechen durch den Kopf gehen.

»Klar, kein Ding. Ich wollte heute eh angeln. Dann kann ich auch deine Schützlinge mitnehmen und ein bisschen quälen«, erwidert Ole.

Seine Stimme klingt nicht mehr ganz so müde. Wie macht er das? Ich bin mindestens für zwei Stunden nach dem Wachwerden noch so groggy, dass ich am liebsten keine drei Worte mit jemandem wechseln möchte.

»Du bist ein Schatz. Und ein Engel. Und ich verspreche dir, dass du was gut bei mir hast«, sage ich erleichtert und würde Ole am liebsten durchs Handy zerren, um ihm einen Schmatzer auf den Dreitagebart zu geben.

»Schon du mal deine Schulter. Wir brauchen dich in drei Monaten auf hoher See«, erinnert Ole mich an das größte Projekt meiner Karriere.

Ich bekomme direkt weiche Knie, wenn ich daran denke, dass wir bereits in zwölf Wochen aufbrechen werden.

Nur noch zwölf Wochen.

»Ich weiß, Ole. Darum werde ich jetzt auch vernünftig sein und dem Rat des Fachpersonals Folge leisten«, bestätige ich.

»Lass das aber nicht Frauke hören, dass du sie Fachpersonal nennst«, lacht Ole.

Ich grinse. »Dann wünsche ich euch viel Spaß heute, und lasst euch von dem Wetter nicht unterkriegen.«

»Echte Angler angeln immer. Egal bei welchem Wetter«, gibt Ole zurück.

»Na dann Petri Heil«, wünsche ich lächelnd.

»Petri Dank«, sagt Ole.

Dann legen wir auf.

Es regnet immer noch. Aber jetzt finde ich die Vorstellung, es könnte den ganzen Tag so weitergehen, nicht mehr schlimm.

Ich gehe ins Bad, während mir Fraukes Worte durch den Kopf gehen. Gönn dir ein Entspannungsbad, lies ein gutes Buch, schau deine Lieblingsserie oder mach einen Spaziergang und genieß danach eine Tasse heißen Tee.

Beides gehört nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen. Außer beim Angeln. Da kann ich beides. Aber Angeln fällt ja vorerst aus.

Betrübt lasse ich Wasser in die Wanne laufen und schubse die Spielzeugfische vom Wannenrand, die mir Ole zu meinem neununddreißigsten Geburtstag geschenkt hat. Eine Angel mit Magnet war auch dabei.

»Petri«, flüstere ich mir zu und bin gespannt, wie viel Entspannung und Erholung mir mein kleines Badewannenmeer bieten wird.

5
Tina

»Du hast wirklich keine Ahnung, wie meine Knie gezittert haben, als die Frau doch tatsächlich ausgestiegen ist, um mir ihr Auto zu überlassen«, mache ich Neele bei unserem abendlichen Telefonat deutlich, nachdem ich ihr die Story bis ins Detail geschildert habe.

Neele lacht am anderen Ende der Leitung. »Oh mein Gott, Tina«, quietscht sie. »Du bist ja echt total verrückt. Wie kommst du nur auf so eine Idee?«

»Keine Ahnung«, sage ich schulterzuckend, denn ich weiß ja selbst nicht, was mich geritten hat, so draufgängerisch zu sein.

»Ich finde es jedenfalls echt krass. Und irgendwie beeindruckend. Und auch ein bisschen waghalsig«, sinniert Neele.

»Warum waghalsig?«

»Na ja, stell dir nur mal vor, sie wäre eine Autodiebin gewesen, die den Wagen gerade erst frisch geklaut hat. Und dann kommst du mit deinem unverschämten Verhalten. Sie hätte aussteigen und dich glatt umboxen können.«

Ich lache. Und dann kehren die Erinnerungen an die Frau in dem Škoda wieder zurück in meine Hirnwindungen. Eine Autodiebin? Nein, so sah sie nicht aus. Sie sah eigentlich . . . ganz normal aus.

»Tina?«, holt mich meine beste Freundin aus meinen Gedanken zurück.

»Entschuldige, meine Liebe. Ich war kurz abgelenkt.«

»Das habe ich gemerkt«, stellt Neele fest. »Nun habe ich schon zweimal gefragt, was das für eine Frau war. Ich hoffe nur, du hast keiner alten Dame Angst gemacht.«

»Quatsch«, erwidere ich. »Sie war jung.«

»Wie jung? Du-und-ich-jung oder Gerade-Führerschein-gemacht-jung? Oder irgendwas dazwischen?«

»Das weiß ich doch nicht, Neele. So genau habe ich sie mir nicht angeschaut. Ich war eher mit meinen weichen Knien und dem fremden Auto beschäftigt.«

»Und dann auch noch ein Škoda Scala. Da wärst du doch bestimmt fast zur Autodiebin geworden, oder?«, fragt Neele, und ich höre ihr freches Grinsen förmlich durch das Handy hindurch.

»Weißt du was, nach diesem Auftrag hier oben kann ich mir zwei Škoda Scala kaufen«, übertreibe ich mein Honorar ein wenig.

Neele lacht. »Ja nee, ist klar. Und eine Villa in Dahlem und ein Ferienhaus an der Ostsee.«

»Was soll ich denn mit einem Ferienhaus an der Ostsee? Es ist zwar ganz nett hier, aber so langsam habe ich es satt. Hier lernt man einfach keine spannenden Leute kennen. Es sind fast nur Touristen da, die nach kurzer Zeit eh wieder abreisen. Und mal ehrlich: Ohne die Szene ist das Leben einfach nur halb so spannend«, seufze ich und stelle fest, dass ich dringend mal wieder ausgehen müsste.

»Komm doch am Wochenende nach Berlin«, schlägt Neele vor. »Ich bin zwar jetzt nicht die Expertin in Sachen Dominanz und Unterwerfung, aber ich begleite dich gern mal wieder, wenn du möchtest.«

Ich muss schmunzeln. Neele erwähnt so oft, dass sie mit der Szene eigentlich nichts am Hut hat, dass man auf die Idee kommen könnte, sie hätte gern sehr viel mehr damit am Hut. Aber diese Feststellung verkneife ich mir. Sonst zieht sie ihr Angebot noch zurück und ich muss allein los, wenn ich am Wochenende wirklich nach Berlin fahren sollte.

»Also, was ist?«, hakt Neele nach.

Ich sehe mich kurz in meinem Ein-Raum-Appartement um. Die Skizzen für das Erdgeschoss liegen fein säuberlich gestapelt auf dem Arbeitstisch, und die ersten Entwürfe für die erste Etage hängen an der provisorisch an die Wand genagelten Wäscheleine, damit sie mich beim Arbeiten inspirieren – und mich daran erinnern, dass sie noch nicht fertig sind und eigentlich keine Zeit für eine Pause ist.

»Tiiiinaaaa«, erinnert mich Neele an unser Telefonat.

»Tut mir leid. Ich habe gerade kurz meine To-do-Liste überflogen. Eigentlich kann ich kein Wochenende in Berlin verbringen«, schnaufe ich etwas frustriert.

»Doch, du kannst. Und du musst. Denk doch nur mal an die Inspirationen, die du bekommst, wenn wir die Szene unsicher machen«, gibt Neele zu bedenken. Und damit liegt sie gar nicht falsch. Obwohl sie mich eigentlich schon überzeugt hat, legt sie noch nach: »Du sagst doch ständig, wie sehr dich deine Durststrecke nervt, seit du da oben bist. Und ja, ich weiß, mit mir zusammen auf einer SM-Party ist auch nicht das, was du dir vorstellst, aber es ist doch mehr als das, was du dort hast. Oder?«

»Neele«, versuche ich einzuhaken, aber ihr Redefluss ist nicht zu stoppen.

»Du wirst schon irgendwann die Frau finden, mit der du das dann alles für immer und ewig ausleben kannst. Aber bis dahin solltest du dir schon mal ein paar kleine Auszeiten vom Alltag gönnen. Findest du nicht?«, macht Neele klar. Doch ehe ich antworten kann, führt sie ihren Monolog fort: »Und außerdem könntest du es wahrscheinlich sogar als Recherche für deine Arbeit steuerlich absetzen. Das wäre doch geil. Oder deine Auftraggeberinnen zahlen dir den Besuch im Club.« Sie lacht begeistert.

Und ich nutze ihre Atempause, um einzuwerfen: »Neele. Alles gut. Du hast mich überzeugt. Ich komme am nächsten Freitag nach Berlin.«

Neeles Freudenschrei ist auch ohne Handy bis an die Ostsee zu hören. »Oh Tina, das ist so toll!«, ruft sie begeistert aus. »Ich freue mich so auf dich. Wir haben uns schon so lange nicht gesehen. Und wenn du schon am Freitag kommst, dann können wir erst mal richtig schön quatschen, eine Pizza bestellen und es uns gemütlich machen. Und Samstag gehen wir shoppen und was essen, und dann lassen wir es im Club so richtig krachen.«

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Jule Richter: Lieber Meer als weniger ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

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