Ich frage mich ernsthaft, wer hier mehr Interesse an einem Abend in der Szene hat, Neele oder ich. Aber ihre Freude ist ansteckend, und die Wochenendplanung klingt wunderbar. Also stimme ich Neele voll und ganz zu. »Genauso machen wir es. Kann es kaum erwarten, dich wiederzusehen.«
»Ich freue mich. Ich freue mich«, singt Neele. Schätzungsweise vollführt sie dabei auch einen Freudentanz in ihrem Wohnzimmer.
»Ich mich auch, du Verrückte«, lache ich.
6
Meike
Nichtstun ist nichts für mich. Die zwanzig Minuten Badewannenangeln mit Lavendelduft haben meine Kapazitäten an Geduld nahezu gesprengt. Ich habe öfter auf die Uhr geschaut und gehofft, dass die Zeit vergehen möge, als damals in der Schule im Matheunterricht.
Ein gutes Buch für einen gemütlichen Tag auf dem Sofa habe ich auch nicht. Ich besitze eigentlich gar keine Bücher. Abgesehen von der spärlichen Fachliteratur aus dem Studium. Relikte aus einer längst vergangenen Zeit.
Meine Finger fahren über die angestaubten Buchrücken. Ich könnte sie aussortieren. Sie sind überholt, und selbst in einer Verschenkekiste vor dem Haus würden sie wohl kaum einen neuen Besitzer finden.
Ich seufze. Und denke an meine Studienzeit. In meinem Kopf wird es nostalgisch, und ich ziehe einen ziemlich zerfledderten Band mit dem wenig ansprechenden Titel Basiswissen Jura: Zivilrecht in sieben Stunden aus dem Regal. Zivilrecht. Das war nie mein Ding. Jura war, aus meiner jetzigen Perspektive betrachtet, eigentlich grundsätzlich nie mein Ding. Dennoch war die Anwendung immer irgendwie leicht. Das Studium habe ich als eine der besten des Jahrgangs abgeschlossen, und mein Job in einer renommierten Kanzlei in Lübeck hat mir aus finanzieller Sicht mein jetziges Leben ermöglicht.
So oft es sich auch als Verschwendung meiner wertvollen Lebenszeit angefühlt haben mag, jeden Tag ins Büro zu fahren und angesehene Firmen vor dem Untergang zu retten, so erkenne ich heute den Sinn darin.
Denn zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig habe ich so viel Geld verdient, dass ich mit sechsunddreißig meine Robe niederlegen konnte, um dem Ruf des Meeres zu folgen und meinen Traum von einer eigenen Angelschule zu verwirklichen.
Ich spüre das zarte Lächeln auf meinen Lippen und die Dankbarkeit in meinem Herzen. Denn nun bin ich da, wo ich immer sein wollte. Und selbst meine skeptischen Eltern – beide Vollblutjuristen – haben eingesehen, dass meine Wathose besser zu mir passt als die Robe im Gerichtssaal.
Ich stelle das Buch beiseite. Heute ist noch nicht der richtige Tag, um die Juraliteratur vor die Tür zu stellen.
Also gehe ich in die Küche und stelle Wasser für den Tee auf.
Während ich darauf warte, dass das Wasser anfängt zu kochen, klingelt mein Handy.
»Ole, was ist los?«, frage ich und hänge schon mal den Beutel Yoga-Tee in die Tasse. Ein Geschenk von Frauke. Sie versucht wirklich alles, um mir Entspannung außerhalb der Brandung beizubringen. Ich schmunzle. Dankbar für so eine fürsorgliche und geduldige Freundin.
»Bist du zu Hause oder aufm Boot?«, fragt er zurück.
»Zu Hause, wieso?«
»Weil ich schon vier Meerforellen gefangen habe und dachte, dass wir heute vielleicht ein spontanes MeFo-Fest auf deinem Boot machen. Frauke und Hannah haben auch Zeit, und ich würde Tom mitbringen. Was sagst du?«
»Oh toll, ein Pärchenabend und ich. Ihr wollt doch nur mein Boot wegen des passenden Ambientes zum Meerforellen-Festmahl. Gib’s zu«, vermute ich mit einem etwas beleidigten Unterton.
Ole lacht. »Ach Meike, du spinnst. Wir würden die MeFo auch am Strand über dem Feuer oder in meiner viel zu kleinen Bude im Backofen zubereiten – Hauptsache, du bist dabei.«
»Das klingt schon besser«, grinse ich. »Dann treffen wir uns auf dem Boot. So gegen sechs? Ich muss da dringend noch ein bisschen Klarschiff machen. Sonst läuft es mit dem Ambiente nicht so.«
»Kein Ding. Der Kurs geht ja eh noch bis fünf. Und bis dahin habe ich wahrscheinlich noch zehn Fische aus dem Meer gezogen. Die gehen hier gerade richtig ab«, freut sich Ole hörbar.
Ich spüre hingegen einen Anflug von Frust. Wie gern wäre ich jetzt am Strand und würde eine Meerforelle nach der anderen aus den Fluten angeln. Hoffentlich kriegt Frauke meine Schulter bald wieder hin. Eine Angelschule zu führen, ohne Angeln zu können, fühlt sich so sinnlos an.
»Meike, bist du noch dran?«, fragt Ole und reißt mich aus meinen Gedanken.
»Ja, tut mir leid. Ich war kurz abgelenkt. Wir sehen uns später. Freue mich auf euch«, versichere ich ihm. Und ich meine es auch so. Ein gemütlicher Abend mit meinen besten Freunden.
Das ist ein unerwarteter Lichtblick an diesem eher trüben Tag.
7
Tina
Samstage sind hier oben an der Küste irgendwie Tage wie alle anderen. Selbst Sonntage unterscheiden sich kaum von Montagen oder Dienstagen oder anderen Tagen der Woche.
Die meisten Geschäfte haben auf – wenn auch mit verkürzten Öffnungszeiten – und es sind immer die gleichen Leute unterwegs: Touristen. Und auch wenn sie immer wieder gegen neue Touristen ausgetauscht werden, sind sie doch irgendwie alle gleich.
Es sind Familien mit Kindern, die mit Bollerwagen, einem Haufen Sandspielzeug und Rucksäcken voller Snacks morgens zum Strand und abends zurück zur Ferienwohnung laufen. Turtelnde Paare, die ganz offensichtlich ihren ersten – oder zweiten – gemeinsamen Urlaub hier verbringen und die Augen (und Hände) nicht voneinander lassen können. Ehepaare, die sich offensichtlich mehr von dem Urlaub erhofft hatten und dann feststellen müssen, dass sie sich im Urlaub genauso viel streiten wie zu Hause. Und manchmal sogar ganze Schulklassen, die lachend oder zankend durch die Straßen der kleinen Innenstadt hinter ihrem Lehrer herlaufen, der genervt um Ruhe und Anstand bittet.
Und in regelmäßigen Abständen werden hier Busse mit Senioren vor dem Hafen ausgekippt, damit sie sich in alter Kaffeefahrtmanier erst die kleinen schnuckeligen Häuschen ansehen und den Blick aufs Meer genießen können, bevor sie in einem Restaurant über die tollen Töpfe, Pfannen und Matratzen für schmerzende Rücken informiert werden.
Ich sitze am Hafen und sehe mir das Treiben eine Weile an. Der Regen hat aufgehört, und die Sonne hat ihr Bestes gegeben, um aus dem trüben Tag einen frühlingshaften Samstag zu zaubern.
Eine Woche noch, dann lasse ich die ganze Meerromantik hinter mir und fahre endlich mal wieder in die Hauptstadt. In die Heimat. Nach Hause.
Mit einem zufriedenen Lächeln lehne ich mich zurück und genieße die Wärme in meinem Gesicht und das Kreischen der Möwen, die über meinem Kopf ihre Runden drehen.
In meinem Hirn ziehen viele Gedanken vorbei, die mal mehr oder mal weniger Sinn ergeben. Ich denke an den Einkauf, der mir noch bevorsteht, und an den kaputten Staubsauger in meinem Appartement. Dann fällt mir ein, dass ich meine Eltern dringend mal wieder anrufen sollte, und kurz darauf springt der nächste Gedanke zu meinem Projekt, das zwar super läuft, mir aber kaum eine Pause gönnt.
Es macht Spaß, für Henriette und Gerti zu arbeiten. Wir schwimmen auf einer Wellenlänge, und wenn wir zusammensitzen, dann entstehen Ideen für den Innenausbau, die einfach Lust auf mehr machen.
Leider sitzen wir nicht oft zusammen, denn die beiden führen zwei gut besuchte Clubs in Hamburg, und ich sitze hier. Zwischen den Familien, Verliebten, Ehepaaren, Schulklassen und Senioren. Und eines habe ich mit ihnen gemeinsam: Wir reisen alle irgendwann wieder ab.
Ich schließe die Augen und fühle mich einsam. Ich denke an zu Hause und daran, dass ich in drei Monaten wieder in meiner Zwei-Zimmer-Altbauwohnung in Berlin Friedrichshain sitzen werde und mich auf meinen neuen Job in einem angesehenen Architekturbüro vorbereite.
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