Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich schon über eine Stunde auf der leicht feuchten Bank sitze. Ich beschließe, mich langsam auf den Weg zum Supermarkt zu machen, damit ich mir noch eine leckere Pizza aus dem Tiefkühlschrank besorgen kann.

Hawaii oder Thunfisch. Hawaii oder Thunfisch. Ich kann mich nicht entscheiden. Noch lieber wäre mir ja mal wieder ein richtiges Essen. Etwas Selbstgekochtes. Etwas, das nicht nach der Verpackung schmeckt, in der es seit der Fertigstellung darauf wartet, wieder ausgepackt zu werden.

Ich gehe hinüber zu den Aufläufen und Lasagnen. Lustlos starre ich durch die geschlossene Tür und beschließe dann, mir einfach ein paar Kartoffeln, Zwiebeln und Pilze zu besorgen, die ich mit eingelegten Gurken und Ketchup essen werde.

»Scheiße«, flucht hinter mir plötzlich eine Stimme.

Ich drehe mich um und sehe eine Frau auf dem Boden knien, die sich bemüht, herumkullernde Tomaten einzufangen, ehe sie unterm Regal verschwinden.

»Wieso legen die Leute immer wieder aufgerissene Packungen einfach zurück ins Regal?«, fragt sie sich offenbar selbst.

Ich muss grinsen und sage: »Wahrscheinlich, um den Tomaten die Chance auf Freiheit zu geben.« Mein Blick fällt auf eine Tomate, die sich siegessicher hinter dem Korb mit den Kürbissen versteckt hat. Dann füge ich hinzu: »Oder sie wollen Frauen auf Knien rutschen sehen.«

Ich reiße meine Augen auf und presse meine Lippen aufeinander, als könnte ich so die bereits ausgesprochenen Worte noch daran hindern, meinen Mund zu verlassen.

Die Frau steht auf, legt die aufgesammelten Tomaten in ihren Korb, und als unsere Blicke sich treffen, rutscht mir mein Herz in die Hose. Ich schlucke und versuche, mich zu sammeln.

»Du bist ja im Supermarkt genauso aufmüpfig wie auf der Straße«, stellt die Frau schmunzelnd fest.

»Ja, das ist eine ortsunabhängige Angewohnheit«, gebe ich zurück und bin selbst überrascht darüber, dass ich überhaupt einen Satz zustande bekommen habe. Und dann auch noch so einen gelungenen.

»Na dann, einen schönen Tag noch«, wünscht mir die Frau. Sie zwinkert mir zu und verlässt den Gemüsebereich.

Ich bleibe noch einen Augenblick stehen. Ich muss mich sammeln.

Als ich vor den Kartoffeln stehe, signalisiert mir mein Magen, dass er lieber Ravioli aus der Dose möchte, und ich bin froh darüber, heute nicht kochen, sondern nur erhitzen zu müssen.

Im Gang mit den Dosen fängt mein Herz an zu klopfen, als mein Blick abermals auf die Frau aus der Gemüseabteilung fällt. Sie angelt gerade nach einer Dose aus dem obersten Regal und zieht dann mit schmerzverzerrtem Gesicht den Arm zurück.

Fluchend steht sie vor den Gewürzgurken und sieht sich suchend um.

»Aller guten Dinge sind drei, was?«, frage ich grinsend und gehe auf die Frau zu. »Kann ich helfen?«

»Nee, lass mal. Ich brauche nur einen von diesen blöden Hockern, über die man immer stolpert, wenn man sie nicht braucht, und die man nie findet, wenn man sie braucht.«

»Warte, ich habe im Gang nebenan einen gesehen«, verkünde ich hilfsbereit, lasse meinen Korb stehen und hole den Hocker.

Ohne nachzudenken stelle ich den Hocker dorthin, wo die Frau eben noch versucht hat, ein Glas Gurken aus dem Regal zu nehmen, steige darauf und sehe sie von oben fragend an. »Welches darf’s denn sein?«

»Das mit den Gurken«, erwidert sie.

»Ach was, wirklich?«, frage ich mit hochgezogener Augenbraue.

Sie grinst. »Das mit Gurken in Honig. Ich mag es süß.« Sie zwinkert mir zu, und meine Knie werden plötzlich so weich, dass ich ins Wanken gerate.

»Hoppla«, sagt sie, greift mir mit einer Hand an den Oberschenkel, und die andere Hand landet auf meinem Hintern.

Ich stabilisiere meinen Stand gerade so, greife nach dem Glas Gurken in Honig und spüre dann, dass ihre Hände mich noch immer halten.

»Du kannst loslassen«, bemerke ich.

»Schade eigentlich«, gibt sie zurück und lässt von mir ab, damit ich von dem Hocker heruntersteigen kann.

»Brauchst du jetzt noch Hilfe beim Ausparken, oder war’s das?«, frage ich grinsend.

»Ganz schön frech.«

»Ich wollte nur behilflich sein«, erwidere ich.

»Das ist sehr freundlich, aber dass du mein Auto fahren durftest, ist eine Ausnahme gewesen. Ich kenne nicht mal deinen Namen.«

»Tina«, sage ich knapp.

»Meike«, sagt sie knapp.

Meike also, denke ich und lächle innerlich.

»Ich muss los«, verkündet sie dann. Doch sie geht nicht. Wie gern wüsste ich, was jetzt in ihrem Kopf vorgeht.

In meinem ist jedenfalls ziemlich was los. Seit drei Monaten hat mir niemand mehr an den Arsch gepackt. Ich spüre ihre Hand immer noch dort, obwohl sie mit ihren langen Fingern längst wieder den Henkel ihres Korbes umschließt.

Sie ist schön. Sehr schön. Ihre langen braunen Haare trägt sie zu einem hohen Dutt, aus dem sich einige Strähnen gelöst haben und ihren Nacken umspielen. In ihren grünblauen Augen könnte ich mich sofort verlieren, und ihre Wangen sind leicht gerötet.

»Okay, dann einen schönen Tag noch«, sage ich nach einer fast unendlich langen Pause.

»Gleichfalls, Tina«, raunt sie lächelnd und macht Anstalten, an mir vorbeizugehen, da fällt ihr Blick in meinen Korb. »Warte«, hält sie mich auf. »Das willst du wirklich essen?«, fragt sie und verzieht das Gesicht.

»Dafür wurde es doch produziert und in diese Dose gestopft. Und damit ich zu Hause feststellen kann, dass ich keinen Dosenöffner habe, eine große Schweinerei mit einem Küchenmesser veranstalte und dann diese leckeren Ravioli genießen kann.«

Meike lacht. Sie hat ein umwerfendes Lachen.

Ich erröte leicht und senke meinen Blick auf die Raviolidose in meinem Korb. Dann zucke ich mit den Schultern. »So, meine Raviolidose und ich werden jetzt mal gehen. Wir haben heute Abend noch ein Date.«

»Schade«, erwidert Meike. »Sonst hätte ich dich jetzt gefragt, ob du Lust hast, mit mir und ein paar Freunden heute Abend frischgefangene Meerforelle zu essen.«

Ich bin sprachlos. Jetzt ist es vorbei mit der Schlagfertigkeit.

Meike grinst zufrieden. »Ah, so kann man dich also zum Schweigen bringen. Gut zu wissen.«

»Da gibt es noch mehr Möglichkeiten«, antworte ich, offensichtlich der Sprache einigermaßen wieder mächtig.

Sogar so mächtig, dass nun Meike keine Worte findet. Nur ein Grinsen. Ein zufriedenes Grinsen, wenn ich meiner Interpretationsfähigkeit Glauben schenken kann. Vielleicht ist es aber auch nur Einbildung.

Ehe ich der Sache auf den Grund gehen kann, findet Meike ihre Sprachfähigkeit wieder. »Magst du Fisch?«

»Seit ich hier bin, habe ich Gefallen daran gefunden.«

»Seit du hier bist?«, hakt Meike nach.

»Ja, ich passe mich meiner Umgebung an. Wie ein Food-Chamäleon.«

Meike prustet los. »Food-Chamäleon?«

»Genau. Ich esse das, was dort, wo ich bin, typisch ist«, grinse ich. Dann sehe ich mich um, als müsste ich sichergehen, dass keiner zuhört, und füge flüsternd hinzu: »Damit ich nicht auffalle.«

»Okay, und welcher Umgebung passt du dich an, wenn du Ravioli aus der Dose isst?«, fragt Meike ebenso flüsternd.

»Ausnahmen bestätigen die Regel«, bekräftige ich meine Ernährungsform mit sicherer Stimme.

»So, so«, lacht Meike. »Wenn du heute Abend also doch lieber Fisch statt Dosenfutter essen möchtest, dann gib mir mal deine Nummer. Ich schicke dir dann die Adresse meines Hausboots. Da treffen wir uns gegen sechs. Du kannst aber auch gern schon früher kommen.« Dann überlegt sie kurz. »Was machst du jetzt?«, fragt sie schließlich.

»Meinen Einkauf nach Hause bringen und diese Raviolischweinerei in der Küche veranstalten«, erwidere ich wahrheitsgemäß.

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