»Stell die Dose zurück ins Regal und komm mit. Dann kannst du mir beim richtigen Kochen helfen«, bestimmt Meike in festem Ton.
Mir stockt kurz der Atem. Dann greife ich nach der Dose und stelle sie achtlos zu den Gurken. »Okay. Aber ich schneide keine Zwiebeln.«
»Wir werden sehen . . .«, grinst Meike geheimnisvoll.
Mein Herz schlägt mir bis zum Hals.
8
Meike
»Ich war noch nie auf einem Hausboot«, stellt Tina mit einem Anflug von Neugier in der Stimme fest, als ich sie herumführe. Ihr Blick schweift über die Möbel, ihre Fingerspitzen gleiten prüfend über die Holzvertäfelung im Wohnbereich. Der kleinen Küchenzeile schenkt sie besondere Aufmerksamkeit.
»Es gehörte meinen Großeltern. Vor zwei Jahren haben sie beschlossen, sich in Ungarn ein Altersdomizil zu gönnen, und darum haben sie das Hausboot mir überlassen. Ich bin noch immer dabei, es der modernen Zeit anzupassen«, erzähle ich und sehe mich dabei etwas argwöhnisch um. Die Einrichtung ist altbacken. Teppiche liegen nicht nur auf dem Boden, sondern hängen sogar an der Wand. Meine Großeltern fanden das damals schön.
»Ach was, es hat Charme«, findet Tina und lächelt, während sie sich an die große Fensterfront zum Deck stellt und hinaus aufs Wasser blickt.
»Das ist nett«, erwidere ich und stelle mich neben sie.
Der Ausblick ist wunderschön. Jedes Mal wieder. Der Binnensee ist unweit der Ostsee gelegen. Wäre das Hausboot fünf Stockwerke hoch, könnte man das Meer von hier aus sehen.
Die seichten Wellen des Wassers plätschern an die hölzerne Außenwand des Bootes und bringen es ganz leicht zum Schaukeln.
»Wohnst du hier?«, fragt Tina.
»Nein. Ich lebe eigentlich in einem kleinen Haus ein paar Straßen von hier entfernt. Das Hausboot wäre mir auf Dauer doch zu klein. Und wenn ich hier wohnen würde, wäre die Einrichtung ein bisschen weniger . . .« Ich suche das passende Wort, doch Tina ist schneller.
»Antik?« Sie grinst mich verschmitzt an.
Ich lächle. »Ja, genau. Antik.«
»Und ist das für deine Freunde okay, dass ich hier bin? Ich meine, das war ja jetzt nicht gerade eine von langer Hand geplante Einladung.«
»Stimmt. Aber mir wird ja gern vorgeworfen, ich sei nicht spontan genug. Ab heute kann das niemand mehr behaupten«, beschließe ich.
»Du machst das also nicht öfter?«, hakt Tina neugierig nach und sieht mich dabei eindringlich an.
»Du meinst, ob ich regelmäßig fremden Frauen im Supermarkt Tomaten vor die Füße werfe, sie für mich auf Hocker klettern lasse und dann zum Essen mit meinen Freunden auf einem Hausboot einlade?«
»Vergiss nicht deine Hand an meinem Hintern«, erinnert mich Tina keck.
»Wie könnte ich, bei so einem knackigen Arsch?«, gebe ich schlagfertig zurück und beobachte mit heimlicher Freude die leichte Nervosität, die in Tina aufzusteigen scheint.
»Hm«, macht sie mit einem kaum merklichen Nicken und einem winzigen Lächeln auf den Lippen. Dann wendet sie sich den Einkäufen in der Küche zu.
»Meine eigentliche Frage hast du noch nicht beantwortet«, stellt Tina nach der fünften geschälten Kartoffel fest.
»Die, ob ich öfter fremde Frauen überstürzt zum Essen einlade? Oder die, ob es für meine Freunde in Ordnung ist, wenn du uns beim Essen Gesellschaft leistest?«, frage ich.
Tina zögert kurz. Dann sagt sie etwas unsicher: »Beides?«
Ich sehe sie eindringlich an. »Ist das eine Frage?«, raune ich verheißungsvoll.
Irritiert sieht Tina mich mit weit geöffneten Augen an. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich schneller. Das Ganze fängt an, mir Spaß zu machen.
Sie lässt den Sparschäler kurz sinken. Dann antwortet sie leise und mit einer hörbaren Verunsicherung in ihrer Stimme: »Eine Antwort.«
Ich lehne mich langsam und dicht an ihr vorbei, um mir ein Brettchen von der Arbeitsplatte zu nehmen, und flüstere ihr dabei ins Ohr: »Du bist die Erste.«
Tinas Atem stockt hörbar. Doch sie fängt sich schneller, als ich erwartet habe, und nimmt das Kartoffelschälen zufrieden lächelnd wieder auf. »Und was ist mit deinen Freunden?«
»Was sollen sie dagegen haben? Wenn du dich nicht als gefährliche und überall gesuchte Mörderin entpuppst, die uns nach dem Essen mit dem Filetiermesser nacheinander aufschneidet, dann habe ich doch einen ganz guten Fang gemacht«, antworte ich grinsend und schiebe mir ein Stück Karotte in den Mund.
»Einen guten Fang?«, fragt Tina mit hochgezogener Augenbraue. »Bin ich denn ein Fisch? Moment mal! Am Ende komme ich hier noch auf die Teller, weil ihr eigentlich die Frauen filetiert und mit Kartoffeln und Möhren verspeist.«
Ich lache laut los. Diese Unterhaltung nimmt eine verrückte Wendung. Ich mag es verrückt.
Tina gefällt mir jede Minute besser. Dabei kann ich sie noch nicht so recht durchschauen. In einem Moment strahlt sie eine Selbstsicherheit aus, die ich bei Frauen bisher eher selten wahrgenommen habe. Und im nächsten Augenblick nehme ich einen Anflug von Unsicherheit wahr, der in mir die Lust weckt, sie aus der Reserve zu locken und zu sehen, wie weit ich wohl gehen kann, bis ihre Grenzen erreicht sind. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Sonst brauche ich kein Filetiermesser, um sie zu verschrecken.
Wir sehen uns eine Weile an. Tina wirkt nicht so, als habe sie wirklich Angst davor, heute noch mit Petersilie garniert auf unseren Tellern zu landen. Ihre Augen funkeln. Das macht mich schwächer, als ich es mir eingestehen möchte. Am liebsten würde ich Tina packen und auf die Arbeitsplatte pressen, um ihr ihren knackigen Hintern zu versohlen. Meine Hand kribbelt bei dieser Vorstellung, und ich muss mich schnell wieder fangen.
»Ich tue vieles mit Frauen, Tina. Aber verspeisen gehört nicht dazu. Das wäre ja auch schade drum«, raune ich kehlig. Ganz verbergen kann ich meine aufkeimende Lust nicht.
»Ein kurzes Vergnügen, sozusagen«, grinst Tina.
»Sozusagen«, bestätige ich.
Dann kümmere ich mich schnell wieder um die restlichen Karotten.
9
Tina
Mir wird ganz schön heiß. Und ich hoffe inständig, dass ich diese unerwarteten Gefühlsregungen vor Meike verbergen kann. Dieses Date, wenn es denn ein Date ist, ist so undurchschaubar wie die Milchglasscheibe an meiner Haustür.
Was will Meike bloß von mir? Als Hauptgericht komme ich offenbar nicht infrage. Das haben wir glücklicherweise geklärt. Vielleicht sollte ich mich damit einfach zufriedengeben und sehen, was der Abend so bringt.
Gedankenverloren wasche ich das Schneidbrett ab und lege es zum Trocknen neben die Spüle.
»Jetzt noch die Zwiebeln«, verkündet Meike und sieht mich herausfordernd an.
»Ja, das kannst du machen. Ich dachte, die Zwiebelsache hätten wir im Supermarkt bereits geklärt«, erinnere ich sie.
»Ja, da hast du gesagt, dass du sie nicht schneidest.«
»Genau«, bestätige ich.
»Und ich habe gesagt, dass wir das noch sehen werden.«
Im Augenwinkel nehme ich wahr, wie Meikes Blick mich aufmerksam taxiert. Jetzt nur nicht einknicken, Tina, denke ich und wasche hochkonzentriert das Messer ab, obwohl mein Herz mir bis zum Hals schlägt und meine Fingerspitzen so sehr kribbeln, dass ich befürchte, das Messer könnte mir aus der Hand rutschen.
Unter Meikes Blicken muss ich aufpassen, dass ich mir nicht in die Finger schneide.
»Das Messer ist jetzt sauberer als je zu vor«, sagt Meike nach einer Weile.
Fast schon zitternd lege ich es beiseite und wende mich ihr zu.
Unsere Blicke treffen sich. Ich halte die Luft an. Mein Herz rast. Und Meike tritt noch einen Schritt näher an mich heran. Was passiert hier gerade?
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