Sie lehnt sich zu mir und flüstert: »Ich möchte, dass du jetzt die Zwiebeln schneidest.«
Was sage ich jetzt? Wo führt das hin?
Diese atemberaubende fremde Frau bringt mich völlig aus dem Konzept. Das kann ich nicht zulassen. Nicht jetzt.
»Warum sollte ich das tun?«, frage ich, nachdem ich beschlossen habe, das Spielchen mitzuspielen.
»Weil ich es dir sage«, antwortet Meike überraschend deutlich.
Oh Tina, lass dich da nicht drauf ein. Du kennst sie doch gar nicht. Meine innere Stimme gibt alles, um mich aufzuhalten.
Aber meine Neugier ist stärker als die Vorsicht. Ich will wissen, was hier gespielt wird. »Und was ist, wenn ich es nicht tue?«, frage ich und merke selbst, dass meine Stimme ein wenig zittert. Nicht, weil ich Angst habe. Sondern vor Aufregung. Wo kommt die denn jetzt bloß her? Es geht doch nur um drei lausige Zwiebeln.
»Finde es heraus, wenn du willst«, erwidert Meike rau.
Ich schlucke. Vor meinem inneren Auge spielen sich im Schnelldurchlauf die unterschiedlichsten Szenen ab. Meike könnte mich hier und jetzt mit einem Pfannenwender versohlen. Oder mich vom Boot schubsen. Sie könnte mich an einen Deckenhaken hängen und dort baumeln lassen, bis ihre sadistischen Freunde eintreffen, die mich dann nacheinander foltern. Oder sie zerrt mich in ihre Schlafkoje, in der sie mich gefesselt und geknebelt in ihrem Bettkasten verstaut und nur dann herausholt, wenn sie Lust darauf hat.
Oder sie schickt mich einfach nach Hause, weil ich nicht mal bereit bin, die Zwiebeln zu schneiden, obwohl sie mich zum Essen eingeladen hat.
Ich lasse es lieber nicht darauf ankommen. Nicht heute.
Also nehme ich das blitzsaubere Messer und das bereits getrocknete Brettchen, lege eine Zwiebel bereit und fange damit an, sie zu bearbeiten.
»Gute Entscheidung«, bemerkt Meike zufrieden.
In meinem Schritt zieht es verdächtig.
Das ist nicht gut, Tina.
Oder doch?
10
Meike
»Hat hier jemand frischen Fisch bestellt?«, erklingt Oles Stimme, Frauke, Tom und Hannah im Schlepptau.
»Hallo ihr«, begrüße ich meine Freunde.
»Wie geht es deiner Schulter?«, erkundigt sich Frauke fürsorglich und würde ihrem fachkundigen Blick nach zu urteilen am liebsten sofort Hand anlegen.
»Ganz gut so weit«, antworte ich knapp und begrüße Hannah mit einer Umarmung.
»Wo soll ich die sechs Hübschen ablegen?«, fragt Ole und hält die Kühlbox hoch, in der sich der frische Fang von heute befindet.
»In die Küche. Ich schätze, das Ausnehmen überlässt du wieder mir?«, frotzle ich und knuffe ihm in die Seite.
Etwas verlegen zuckt er mit den Schultern und nickt dann frech grinsend.
»Hast du was anderes erwartet?«, fragt Tom lachend. »Du weißt doch, das Ole am Angeln eigentlich nur das Angeln mag. Und das Essen. Aber das Dazwischen überlässt er lieber den anderen.«
Ich lache wissend. »Kein Problem. Heute musste ich ja schon mal keine Zwiebeln schneiden. Da kann ich mich jetzt gern um den Fisch kümmern.«
Die fragenden Gesichter meiner Freunde sind unbezahlbar.
»Gibt es heute keine Zwiebeln?«, fragt Hannah entsetzt. »Dann schmeckt das Essen doch nach nix.«
»Keine Sorge, Hannah. Es gibt Zwiebeln. Für dich eine Extraportion«, versichere ich und wende meinen Blick in Richtung Küche. »Ich habe heute eine Küchenhilfe. Gab es heute im Supermarkt zu den Tomaten dazu.« Ich sehe Tina eindringlich an.
Sie lächelt unsicher in die Runde und hebt zur Begrüßung ihre Hand ganz leicht. Dann säuselt sie ein kaum hörbares »Hallo.«
»Das ist Tina«, stelle ich meinen Gast vor.
»Also, wenn es solche Küchenhilfen zum Einkauf dazu gibt, dann sollte ich wohl öfter im Supermarkt vorbeischauen«, witzelt Frauke und reicht Tina die Hand. »Hallo Tina. Schön, dich kennenzulernen.«
»Gleichfalls«, lächelt Tina.
Während es die anderen Frauke nachtun, hole ich Gläser aus dem Schrank im Wohnbereich und stelle zwei Flaschen Wein, eine Flasche Wasser und Cola auf den Tisch.
»Wer deckt den Tisch, während ich mich um den Fisch kümmere?«, frage ich in die Runde.
»Ich kann den Tisch decken, wenn du mir verrätst, wo du dein Geschirr versteckst«, bietet Tina schnell an und ich muss grinsen.
»Du hast doch nur Schiss, dass ich dich zum Ausnehmen der Fische verdonnere.«
»Würdest du das tun, müssten wir heute Abend Pizza bestellen. Das wäre doch schade um die Prachtkerle«, kontert Tina augenzwinkernd.
»Na, dann schlage ich vor, Frauke hilft mir mit dem Fisch und Tom zeigt dir, wo du die Teller und das Besteck findest.«
»Und was machen wir?«, fragen Hannah und Ole wie aus einem Mund.
»Ihr könntet schon mal die Luft aus den Gläsern lassen«, weise ich sie an.
»Perfekte Aufgabenteilung«, freut sich Ole und greift zur Rotweinflasche, um sie zu öffnen.
Der Abend ist lustig und leicht. So, wie es immer ist, wenn wir zusammen sind. Es wird viel geredet, noch mehr gelacht und nach einem herrlichen Essen bereits die dritte Flasche Rotwein geöffnet.
»Und, Tina? Was treibt dich hier an die Küste«, fragt Tom.
»Ich bin beruflich hier. Eigentlich lebe ich in Berlin«, antwortet Tina und nimmt noch einen Schluck Rotwein.
»So, so, eine echte Großstadtgöre hast du dir da also geangelt«, bemerkt Ole frech und klopft mir auf die Schulter.
»Und was machst du hier, so weit weg von der Hauptstadt?«, möchte Hannah wissen.
Tina greift noch einmal in die Schüssel mit den Salzbrezeln und schiebt sich gleich zwei davon in den Mund.
Ich beobachte sie einen kurzen Augenblick, dann hake ich nach. »Na? Möchtest du uns nicht verraten, was du so treibst, wenn du nicht gerade im Supermarkt Ravioli kaufst oder für fremde Frauen Zwiebeln schneidest?«
Tina verschluckt sich und hustet wie wild.
»Mensch Meike, sei doch nicht so gemein«, tadelt mich Frauke kopfschüttelnd und klopft Tina vorsichtig auf den Rücken.
»Geht wieder. Danke«, hüstelt Tina und räuspert sich noch einmal, ehe sie ihr Glas Rotwein leert.
»Und? Verrätst du jetzt, welcher Beruf dich ausgerechnet hierhergeführt hat?«
»Ich bin Innenarchitektin und habe hier einen sechsmonatigen Auftrag«, antwortet Tina.
»Wow, das klingt spannend. Was ist das für ein Auftrag?«, fragt Tom und beugt sich ein wenig über den Tisch, um der Antwort entgegenzukommen.
»Ich plane den Innenausbau eines größeren Anwesens. Und da ich nicht weiß, ob meine Auftraggeber es schätzen, wenn ich zu viel preisgebe, muss euch diese Antwort leider genügen«, erklärt Tina kryptisch.
»Wie geheimnisvoll«, findet Hannah. »Hast du einen langen Anfahrtsweg? Ist es ein altes Haus? Wie groß ist es?«
Ich muss lachen. Hannah ist einfach unmöglich. Sie kann es wirklich nicht aushalten, etwas wissen zu wollen und keine Antworten zu bekommen.
»Meine Lippen sind versiegelt«, grinst Tina und scheint ihre Position der Geheimnisbewahrerin zu genießen.
»Und wann wird es fertig sein?«, fragt Frauke.
»Schätzungsweise in drei Monaten. Aber so genau weiß man das ja nie. Allerdings plane ich nur. Die Umsetzung übernimmt dann eine beauftragte Baufirma.«
»Und was machst du nach dem Projekt? Bist du selbstständig?«, hakt Frauke weiter nach.
»Es war eher ein glücklicher Zufall, dass ich dieses Projekt angeboten bekommen habe. Ich hatte gerade meine Anstellung in einem Architekturbüro an den Nagel gehängt und wollte mich umorientieren. Da kam diese Chance, und ich habe den Auftrag auf Honorarbasis angenommen. Aber das ist eine Ausnahme. In drei Monaten beginnt mein neuer Job in Berlin.«
»Ah, also kein Küstenkind?«, fragt Tom schmunzelnd.
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