»Nein, eher nicht. Ich bin dann doch die . . . wie hat Ole es so nett formuliert? Großstadtgöre«, lacht Tina.
»Na, dann hätten wir das ja geklärt«, werfe ich ein und schenke noch einmal Rotwein nach.
»Und was macht ihr so?«, möchte Tina wissen und schaut neugierig in die Runde.
»Also ich bin Teilzeit-Angelguide in Meikes Angelschule und jobbe nebenbei als Surflehrer«, beginnt Ole die Runde.
»Ich arbeite ziemlich langweilig als Finanzberater«, seufzt Tom und gähnt, um die Tristesse seines Jobs zu unterstreichen.
»Ich bin Physiotherapeutin und habe im letzten Jahr meine eigene Praxis in der Kanalstraße eröffnet«, stellt Frauke sich vor und fügt hinzu: »Und Hannah ist nicht nur meine Partnerin, sondern auch meine angestellte Osteopathin.«
Hannah verzieht leicht spöttisch die Mundwinkel. »Ja, aber zu Hause sind die Rollen glücklicherweise andersherum.«
Frauke tritt ihr unter dem Tisch gegen das Schienbein und erntet einen bösen Blick.
»Na, du traust dich ja was«, raunt Hannah Frauke zu.
»Okay«, unterbreche ich die Spielerei. »Dann bin ich jetzt dran. Wobei, eigentlich hat Ole es ja schon verraten. Ich habe vor fünf Jahren eine Angelschule eröffnet, nachdem ich als Anwältin ein ziemlich trostloses Leben geführt habe.«
»Trostlos?«, fragt Frauke mit irritiertem Blick. »Du hast Kohle gescheffelt ohne Ende und konntest dir nach zehn Jahren im Job eine Angelschule, ein Haus und ein Hausboot gönnen.« Sie schüttelt verständnislos den Kopf, und ich werfe ihr einen ebenso bösen Blick zu, wie es Hannah bereits vor mir getan hat.
Sie kann froh sein, dass wir vor Jahren vereinbart haben, nie wieder zusammen zu spielen. Sonst könnte sie sich warm anziehen. Besonders, wenn ich mit Hannah gemeinsame Sache machen würde.
Diesen durchaus aufregenden Gedanken schiebe ich schnell beiseite. »Die Arbeit war trostlos«, erkläre ich. »Jeden Tag ins Büro oder in den Gerichtssaal zu gehen und Menschen aus der Scheiße zu ziehen, in die sie sich oft wissentlich reingeritten haben, war äußerst unbefriedigend.«
»Ja, okay, aber wärst du Anwältin für Familienrecht geworden statt Firmenanwältin, dann hättest du deinen Traum nicht verwirklichen können«, gibt Frauke wahrheitsgemäß zu bedenken.
Dieses Gespräch hatten wir schon öfter. Viel zu oft meiner Meinung nach.
Ich verdrehe daher die Augen. »Ja, das weiß ich. Aber mein Gewissen hat gelitten, und wenn ich zurückblicke, hätte ich lieber Familien zu ihrem Recht verholfen, als die Bosse von Milliardenunternehmen vor dem Knast zu bewahren, in den sie eigentlich reingehört hätten.« Ich schnaube genervt.
»Du hast ja die Kurve gekriegt und bist ausgestiegen, um das zu tun, was du liebst«, beschwichtigt Hannah und legt ihre Hand beruhigend auf meine. »Es ist alles so gekommen, wie es kommen sollte«, fügt sie noch hinzu.
»Tut mir leid, ich wollte keinem zu nahetreten«, entschuldigt sich Tina an dieser Stelle.
»Ach quatsch, das bist du nicht«, sage ich schnell. »Frauke und ich haben bei diesem Thema so unsere Differenzen. Das ist ganz normal.«
»Stimmt«, bestätigt Ole nickend. »Wenn die sich nicht wenigstens einmal an so einem Abend wegen dieser Anwaltssache in die Haare kriegen, dann stimmt was nicht.«
»Kein Abend geht zu Ende ohne dieses Gespräch«, stimmt Tom zu.
»Übertreibt mal nicht«, meckert Frauke. Doch dann muss sie grinsen. Sie weiß genauso gut wie ich – und wie alle anderen –, dass das, was die Männer gesagt haben, so wahr ist, wie die Tatsache, dass Fische im Meer schwimmen.
Frauke macht einen Kussmund in meine Richtung. »Ich hab dich doch lieb«, versichert sie mir.
»Ich dich doch auch«, erwidere ich, und wir schicken uns Luftküsse über den Tisch.
Ole erhebt sein Glas und lacht. »Na also. Alles wie immer«.
11
Tina
»Es war schön, dich kennenzulernen«, sagt Tom, als wir uns voneinander verabschieden.
»Gleichfalls«, gebe ich zurück und erwidere seine herzliche Umarmung.
Ole kneift mir leicht in die Wange und schmunzelt augenzwinkernd. »Vielleicht sehen wir uns ja noch mal, bevor du wieder vom Küstenkind zur Großstadtgöre wirst.«
»Das wäre schön«, bestätige ich lächelnd.
Auch Frauke und Hannah verabschieden sich von Meike und mir, ehe sie das Boot verlassen und vom Steg aus noch einmal ein fröhlich lachendes »Tschüssi« rufen.
»Ich helfe dir noch beim Aufräumen, wenn du magst«, biete ich Meike an. Einerseits, weil ich wirklich gern helfen möchte. Andererseits, weil ich eigentlich noch nicht gehen möchte.
Es ist schön hier. Der ganze Abend war schön. Der schönste Abend, seit ich an die Küste gekommen bin. Und dieser Abend soll noch nicht enden. Jetzt noch nicht.
»Da sage ich nicht Nein. Möchtest du noch einen Wein?«, fragt Meike.
Ich lache los.
»Was denn?«
»Dein Reim war herzallerliebst«, lache ich weiter.
Meike lacht mit und wiederholt: »Nein. Wein. Es gibt schönere Gedichte. Aber es freut mich, wenn es dir Freude bereitet hat.«
»Das hat es«, bestätige ich immer noch lachend und beginne, die Teller abzuräumen.
»Darfst du wirklich nicht verraten, welches Haus du ausbaust?«, fragt Meike, als wir nebeneinander an der Spüle stehen und den Abwasch erledigen.
»Es ist etwas heikel«, antworte ich.
Wie soll ich auch erklären, dass ich ein SM-Haus für knapp siebenhunderttausend Euro ausbaue? Das ist ja nicht gerade ein harmloses Hotelprojekt oder ein Appartementhaus, wie man sie hier oben findet wie Sand am Meer. Obwohl, schlafen kann man dort auch. Wenn man denn möchte. Oder darf. Ich grinse in mich hinein.
»Heikel?«, hakt Meike neugierig nach.
Ich lasse den Spüllappen ins Wasser sinken, überlege kurz, drehe mich zu Meike um und atme einmal tief durch. »Also schön. Aber bedenke, es ist ein rein geschäftlicher Auftrag.«
»Okay«, sagt Meike und sieht mich noch irritierter an.
»Ich plane den Ausbau für ein ziemlich großes, sehr vielseitiges und wahrscheinlich einmaliges Spielhaus.«
»Spielhaus? Für Kinder?«, fragt Meike verwirrt.
Ich weiß nicht, ob ich über die Vorstellung, den Innenausbau für ein Kinderspielhaus zu entwerfen, lachen soll oder ob ich weiter mit der Sprache rausrücke.
Aber ich bringe es einfach nicht fertig, direkt auf den Punkt zu kommen. Immerhin kenne ich Meike kaum. »Meike, ich kann es dir wirklich nicht sagen«, seufze ich und zögere. »Aber einen Tipp könnte ich dir geben«, füge ich noch hinzu und wende mich dann wieder dem Abwasch zu. Wenn Meike selbst darauf kommt, ist es vielleicht nicht so schockierend.
»Na los, her mit dem Tipp. Ich mag Ratespiele«, fordert Meike mich auf.
»Also schön«, sage ich und hänge den Spüllappen über den Wasserhahn. »Es hat nichts mit Hüpfburgen zu tun.«
»Das war dein heißer Tipp?«, fragt Meike enttäuscht.
Ich lächle schief und zucke mit den Schultern.
Meike holt kurz Luft. Sie scheint kurz nachdenken zu müssen. »Gib mir noch einen Tipp. Das eben war ja gar kein richtiger«, drängelt Meike.
Irgendwie finde ich es ein bisschen witzig, sie zappeln zu lassen. »Einen letzten Hinweis habe ich noch«, verrate ich geheimnisvoll. Ich trete einen Schritt näher an sie heran, beuge mich neben ihr Ohr und flüstere: »Der Auftrag kommt aus Hamburg.«
Meike sieht mich mit gekräuselten Augenbrauen an. »Das war’s?«, fragt sie entgeistert.
»Jupp«, antworte ich knapp.
Ihre Augen funkeln. Dann überwindet sie den Abstand zwischen uns und raunt: »Ich werde es herausfinden. Du wirst schon sehen.«
Ihre Stimme verunsichert mich ein wenig. Doch das möchte ich mir nicht anmerken lassen. Also frage ich: »Und wie?«
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