»Deshalb habe ich sie gleich hierher liefern lassen«, beendete sie halb versunken in die Betrachtung der Couch ihre Erzählung, als wäre da noch etwas anderes, das ihr durch den Sinn ging.
Ihre Stimme war genauso betörend wie ihr Lächeln. Sie vibrierte geradezu vor Erotik. Mir lief es gleichzeitig heiß und kalt den Rücken herunter.
Ach du liebe Güte . . .
Das war ja vielleicht ein Feierabend. Den hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Oder eher hatte ich ihn mir gar nicht vorgestellt. Meine Feierabende verliefen meist recht geruhsam.
»Na dann . . .«, ich zog mich einen Schritt in Richtung Tür zurück. Ihre Nähe war gefährlich. Der musste ich unbedingt entkommen, sonst konnte ich für nichts mehr garantieren, ». . . gehe ich mal in meine Wohnung.« Mit dem Daumen deutete ich nach oben. »Schönen Abend noch.«
Sie sprang mit einem Satz auf. »Leider kann ich Ihnen gar nichts anbieten.« Mit einer um Verzeihung bittenden Geste kam sie auf mich zu. »Noch nicht einmal einen Kaffee. Das ist alles noch in meiner alten Wohnung.«
»Kein Problem.« Ich nickte. Vermutlich hätte ich sie jetzt zu mir in die Wohnung einladen sollen. Ich hatte Kaffee. Aber ihrer erotisierenden Ausstrahlung noch länger ausgesetzt zu sein ging über meine Kräfte. »Wir sehen uns.«
Doch obwohl ich meine Flucht in Richtung Treppenhaus fortsetzte, war das für den Moment aussichtslos. Sie kam mir nach.
»Das hoffe ich«, sagte sie lächelnd.
Oh mein Gott, dieses Lächeln . . .
»Bestimmt«, nickte ich.
Und konnte nicht anders, als zurückzulächeln. Ihr Lächeln war ansteckend. Wenn meins auch sicher etwas angestrengter aussah.
»Sie können ja auch lächeln«, kommentierte sie das. »Ich dachte schon, ich hätte Ihnen den ganzen Abend verdorben.«
Das hast du sicher nicht. Eher im Gegenteil.
»Ich war ein bisschen in Gedanken«, entschuldigte ich mich. Was der Wahrheit entsprach. Dann fügte ich hinzu: »In der Firma ist im Moment der Teufel los.«
Was ebenfalls der Wahrheit entsprach, aber nicht der Grund für meine Gedankenverlorenheit gewesen war. In dem Augenblick, als ich Gila Burckhardt gesehen hatte, gab es nur noch einen Gedanken. Sie.
Büro? Firma? Was war das?
»Das kenne ich.« Sie seufzte. »Bei mir geht es gerade auch zu wie in einem Tollhaus. Muss an der Hitze liegen.«
»Ja«, stimmte ich zu. »Daran muss es wohl liegen.«
Was wiederum der Wahrheit entsprach. Jedoch meinte sie die Sommerhitze draußen, während ich mich auf die Hitze in meinem Inneren bezog.
»Da haben wir es wohl beide nicht leicht.« Ihr Lächeln hatte wieder diese Qualität, die mich schwach machte.
»Anscheinend nicht.« Endgültig zog ich mich die paar Schritte zur Hausflurtreppe zurück.
»Bevor Sie verschwinden . . .«, hielt sie mich mit erhobenem Arm auf. »Sobald ich hier eingezogen bin, werde ich Sie zu dem wohlverdienten Kaffee einladen. Oder auch zu einem Stück Kuchen. Einverstanden?« Wieder lachte sie, dass es durch die Luft vibrierte. »Auf gute Nachbarschaft.«
Ich brachte nur noch ein kraftloses Nicken zustande. Das Vermögen, ihrer Ausstrahlung zu widerstehen, ging mir langsam aus.
»Ja, auf gute Nachbarschaft«, wiederholte ich und setzte nun endlich einen Fuß auf die erste Treppenstufe, die zu mir nach oben führte.
»Wie schön, dass ich die netteste Nachbarin schon vor meinem Einzug kennengelernt habe«, rief sie mir hinterher, sodass das ganze Treppenhaus von ihrer Stimme vibrierte.
Das konnte ja heiter werden mit dieser neuen Nachbarin.
Vielleicht nahm ich in Zukunft doch lieber den Fahrstuhl . . .
2
In meiner Wohnung angekommen hätte ich mich am liebsten gleich auf meine eigene Couch geworfen, aber ich folgte erst mal meinem üblichen Ritual, die Pumps und die Büroklamotten abzustreifen, meine Jogginghose für Zuhause anzuziehen und den Tag gedanklich ausklingen zu lassen.
Normalerweise gingen mir dabei immer noch ein paar Probleme aus der Firma durch den Kopf. Meistens Probleme, für die ich noch keine Lösung gefunden hatte.
Doch heute war es anders. Es gab nur einen Gedanken, den ich nicht aus meinem Kopf bekam, und das war sie. Gila Burckhardt. Meine neue Nachbarin.
Ich lauschte, als ich unten im Treppenhaus eine Tür ins Schloss fallen hörte. Das musste sie sein. Sie war nur für die Lieferung der Couch in ihre neue Wohnung gekommen. Jetzt ging sie wieder zurück in ihre alte.
In gewisser Weise atmete ich erleichtert aus. Diese Nähe zu ihr, das war wirklich heftig gewesen. Sie das Haus verlassen zu hören war eine regelrechte Erlösung.
Wie sollte das werden, wenn sie erst einmal dauerhaft hier wohnte? Ich würde sie direkt in der Wohnung unter mir hören, das war unvermeidlich. Zwar war es ein solide gebautes Haus, und man bekam nicht alles von den Nachbarn mit, aber einiges schon.
Insbesondere, wenn jemand Besuch bekam. Da konnte man dann immer Ratespiele veranstalten, wer das wohl sein mochte. Zumindest bei den Hausbewohnern, die man nicht so gut kannte. Bei einigen anderen war es völlig klar.
Gila Burckhardt kannte ich überhaupt nicht, und dementsprechend hätte es da einiges zu rätseln geben können. Das erste Rätsel war schon einmal, ob sie mehr männliche oder mehr weibliche Freunde hatte. Und welche Arten von Beziehungen das waren.
Nein, da bildete ich mir etwas ein. Sie war hetero. Genau der Typ.
Ich machte mir einen Cappuccino und nahm ihn mit zur Couch, auf der ich mich nun niederließ. Nachdenklich ließ ich mich zurücksinken und nippte daran.
Wäre sie es nicht gewesen, hätte ich vielleicht vermutet, sie hätte mit mir geflirtet. Aber Heterofrauen waren anderen Frauen gegenüber oft auf eine Art offen, die bei Lesben etwas bedeutete, bei ihnen aber nicht.
Wollte ich dieses Rätsel überhaupt lösen? Wahrscheinlich nicht. Oder es würde sich von selbst lösen – schneller, als mir lieb war.
Am Samstag zog sie ein. Bestimmt mit Hilfe. Vielleicht Freunde. Vielleicht Freundinnen. Näher oder weniger nah. Mit einziehen würde wohl niemand, dafür war die Wohnung zu klein.
Fand ich jedenfalls. Manche Leute hatten da nicht so hohe Ansprüche.
Hätte ich die Wohnung mit jemandem teilen wollen, hätte ich auf mindestens vier Zimmern bestanden, wenn nicht mehr. Doch momentan gab es keine Kandidatinnen für eine solche Wohngemeinschaft.
Dass ich selbst in diese Wohnung eingezogen war, war auch noch gar nicht so lange her. Zuvor hatte tatsächlich so eine Art Wohngemeinschaft bestanden. Es war mehr gewesen als eine Wohngemeinschaft, aber mittlerweile bezeichnete ich es so.
Meine süße Ex-Lebensgefährtin hatte mich auf recht unsanfte Weise aus dieser Wohnung vertrieben, als sie beschloss, dass jemand anderer bei ihr wohnen sollte.
Kein sehr angenehmes Kapitel meines Lebens. Ich versuchte, es zu vergessen.
Offenbar hatte ich mich sehr in der Frau, mit der ich die letzten zwei Jahre in derselben Wohnung verbracht hatte, getäuscht.
Daraufhin hatte ich mich nach einer wesentlich kleineren Wohnung umgeschaut, sodass mir so eine Wohngemeinschaft so schnell nicht wieder passieren konnte, rein aus Platzgründen.
Neugierig? Im Katalog gibt es alle Infos zum Roman