»Wenn ich nur genau wüsste, was mich beschäftigt«, antwortete ich, ohne sie anzusehen. Wahrscheinlich sprach ich mehr zu mir selbst. »Ich bin mehr für Lösungen, nicht für Probleme. Das ist mein Job.«

»Privat auch?«, fragte sie, während wir nun beide zusammen zum Ausgang gingen. »Klar sucht man immer nach Lösungen, aber Probleme sind doch nur Lösungen, die noch in Arbeit sind.«

So hatte ich das noch nie gesehen. Deshalb musste ich lachen. »Wenn du eins kannst, dann ist das, in allem das Positive zu sehen.«

Sie lachte auch. »Das ist wiederum mein Job. So sehe ich das zumindest.«

Da wir in verschiedene Richtungen mussten, blieben wir stehen.

»Dann bis heute Abend«, verabschiedete sie sich. »Ich habe ein Lieblingslokal, in das ich gern gehen würde. Ich schicke dir die Adresse. Um acht?«

Bevor ich noch sagen konnte, dass ich noch arbeiten müsste, war sie schon verschmitzt lächelnd verschwunden.

Dann hatte ich wohl keine Wahl, als mit ihr essen zu gehen. Das hätte ich ja sowieso getan.

Und wenn es nicht Gila sein konnte, die mit mir am Tisch saß, was spielte es schon für eine Rolle, mit wem ich aß?

9

Nach einem anstrengenden Tag kam Gila nach Hause und ließ sich nur noch auf die Couch fallen.

Doch schon das entlockte ihr ein Lächeln. Die Couch. Ihre neue Couch. Sie liebte sie. Genüsslich ließ sie rechts und links neben sich ihre Finger über den weichen Stoff gleiten.

Es sah aus wie Leder, aber es war kein Leder. Der Stoff gab eine warme, samtige Empfindung zurück, als wäre er lebendig.

Dass sie dieses Glück gehabt hatte. Auf diese Couch zu stoßen. Die auch noch heruntergesetzt war. Zum Originalpreis hätte sie sie wahrscheinlich nicht gekauft.

Oder vielleicht doch? Sie wusste es nicht. Als sie die Couch zum ersten Mal sah, dachte sie sofort Das ist meine. Selten hatte sie so ein Gefühl gehabt.

Ehrlich gesagt hatte sie gar nicht vorgehabt, eine Couch zu kaufen. Es war ein Spontankauf gewesen. Weshalb sie sie auch gleich in ihre neue Wohnung hatte liefern lassen müssen, weil in der alten kein Platz dafür war.

Andererseits hatte sie zu dem Zeitpunkt schon gewusst, dass sie umziehen würde, und vielleicht hatte sie deshalb unbewusst nach neuen Möbelstücken gesucht.

Aber wieso grübeln? Sie hatte die Couch gekauft, und es war hundertprozentig die richtige Entscheidung gewesen. Auch wenn sie das kurz bezweifelt hatte, als sie nicht durch die Tür zu passen schien.

Zum Schluss war es ja doch gegangen. Weil diese neue Nachbarin die richtige Idee gehabt hatte.

Diese neue Nachbarin . . . Lucie. Lucie Kaiser.

Gila runzelte die Stirn. Es wäre ja auch zu schön gewesen, um wahr zu sein. Gila hatte ein leichtes Kribbeln gespürt, als sie dann endlich mit ihr im Zimmer stand, allein mit der Couch. Als ob das noch nicht das Ende wäre.

Es war wie eine Art Déjà-vu gewesen. Als ob sie das schon einmal erlebt hätte. Oder vielleicht geträumt? Jedenfalls hatte es etwas Vertrautes gehabt. Dabei war sie sich absolut sicher, dass sie diese Frau noch nie gesehen hatte.

Sie begann zu lächeln. Sie war so süß verlegen geworden, diese Lucie. Offensichtlich war sie eine gestandene Frau, kein Teenager mehr. Und doch hatte sie kurz wie einer gewirkt.

Süß. Einfach süß.

Aber dann . . . Gila verzog das Gesicht. Dann hatte sich dieser Traum so schnell zerschlagen, wie er aufgetaucht war. Schon am Tag von Gilas Einzug.

Ohne dass sie sich genau erklären konnte, warum, war ihr plötzlich die Idee gekommen, Lucie Kaiser zum Essen einzuladen, sobald sie mit dem Umzug fertig sein würden.

Quasi als Gilas Einstand im Haus. Auch wenn der Einstand sich in diesem Fall nur auf eine einzige Person bezog. Thomas und Ingo kamen natürlich noch dazu, als Dank für ihre Hilfe.

Aber die Szene, die sich ihr bot, als Lucie Kaisers Wohnungstür sich öffnete, hatte ihr wirklich den Atem verschlagen. Eine Frau, die an Lucies Hals hing, sie fast schon da in der Tür vernaschte.

Na ja. War das wenigstens klar. Lucie war kein Single. Gila seufzte. Man konnte nicht alles haben. Neue Couch, neue Wohnung und dann gleich auch noch eine neue Frau.

Nicht dass da eine alte gewesen wäre. Schon lange nicht mehr. Elf Jahre waren es gewesen. Kaum zu glauben. Elf Jahre. Und doch hatte Regina sich zum Schluss für einen Mann entschieden, ihn geheiratet und mittlerweile zwei Kinder.

Sie waren nicht im Streit auseinandergegangen, aber dennoch hatte es eine Weile ziemlich wehgetan. Nach einiger Zeit hatte Regina wieder Kontakt aufgenommen und Gila gefragt, ob sie sich einmal treffen könnten.

Gila war sehr im Zweifel gewesen, ob sie das tun sollte, aber nachdem sie ein bisschen darüber nachgedacht hatte, hatte sie sich dann doch dafür entschieden.

Und es war eine gute Entscheidung gewesen. Elf Jahre waren doch eine lange Zeit voller Erinnerungen, voller Gemeinsamkeiten, voller Liebe und freundschaftlicher Zuneigung, die sie ungern einfach so abgeschrieben hätte.

Auch wenn es sich anders anfühlte, einfach nur befreundet zu sein, und ein bisschen Gewöhnung gebraucht hatte, hatten sie beide dann tatsächlich festgestellt, dass sie immer mehr beste Freundinnen als Geliebte gewesen waren.

Ja, sie hatten miteinander geschlafen, aber das Schönste an ihrer Beziehung war nicht das Bett gewesen, sondern dass sie sich so gut kannten und so gut verstanden, dass sogar Reginas Mutter Gila immer wie eine zweite Tochter behandelt hatte. Sie war dann auch die Erste gewesen, die nach Gilas und Reginas Trennung wieder angerufen hatte.

Das hatte sich für Gila so gut angefühlt, dass es danach kein so großer Schritt mehr gewesen war, sich auch mit Regina zu treffen. Und nun waren sie tatsächlich beste Freundinnen. Die besten Freundinnen, die man sich denken konnte.

Das war eine schöne Sache, für die Gila sehr dankbar war, aber es gab dennoch einen leeren Platz in ihrem Leben, den sie bisher nicht wieder hatte füllen können. Eine gute Freundin war eben nicht dasselbe wie eine Frau, die man von ganzem Herzen liebte und begehrte, mit der man sein Leben teilte, mit der man alt werden wollte.

Lucie Kaiser hatte ein Gefühl in Gila ausgelöst – seit Langem einmal wieder –, das eine Möglichkeit dafür in Aussicht stellte.

Doch es war nur ein Augenblick gewesen. Ein schöner Augenblick, der in Gila die eine oder andere träumerische Fantasie hatte aufkommen lassen, aber . . . vielleicht war es gut, dass sich das so schnell geklärt hatte.

Lucie und sie würden nur Nachbarinnen sein. Gute Nachbarinnen hoffentlich, aber nicht mehr als das.

Es klingelte an ihrer Tür.

Oh Gott, jetzt noch? Müde fuhr Gila sich mit beiden Händen über das Gesicht.

So spät war es zwar noch gar nicht, aber sie fühlte sich doch einigermaßen erschöpft.

Neugierig? Im Katalog gibt es alle Infos zum Roman

Katja Freeh: Wenn nicht jetzt, wann dann? ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

1 »Oh nein! Das darf nicht wahr sein!« Mit entsetzt vors Gesicht geschlagenen Händen stand sie da....
»Deshalb habe ich sie gleich hierher liefern lassen«, beendete sie halb versunken in die...
Finanziell hätte ich mir durchaus etwas Größeres leisten können, aber wozu? Ich hatte ein...
Eine schöne Couch, auf der ich gern einmal neben ihr gesessen hätte. Oder vielleicht nicht nur...
Aber Sandra war . . . na ja, eben Sandra. Immer schon hatte ich ihr schlecht widerstehen können....
Aber auch mit der hätte ich im Moment nichts anfangen können. Oder wollen. »Wir haben nichts zu...
Automatisch wollte ich zur Treppe gehen, aber dann würde ich garantiert Gila treffen, die vom...
Aber wie viel früher? Zwanzig Jahre? Damals war sie noch ein Teenager. Und ich auch. Selbst wenn...
Und brauchte nicht jede Frau eine gute Freundin, mit der sie sich austauschen konnte? Ich war...
»Wenn ich nur genau wüsste, was mich beschäftigt«, antwortete ich, ohne sie anzusehen....
»Gila?« Thomas. Es war eindeutig Thomas’ Stimme, die da durch die Tür drang. Da musste sie wohl...
Und dann war Gila gekommen. Ein leiser Riss im Fundament. Eine Ahnung von dem, was möglich sein...