»Gila?« Thomas. Es war eindeutig Thomas’ Stimme, die da durch die Tür drang.

Da musste sie wohl aufmachen.

Sie rappelte sich von der Couch hoch und ging in die kleine Diele, deren Ecke es so schwierig gemacht hatte, die Couch hier hereinzumanövrieren.

Thomas’ Gesichtsausdruck sprach Bände, als er vor ihr erschien, sobald sie öffnete.

»Oh je«, sagte sie. »Was ist denn jetzt wieder passiert?«

»Ingo . . .« Direkt, nachdem er den Namen ausgesprochen hatte, geriet Thomas ins Stocken und sah sie nur noch unglücklich an.

»Was auch sonst?« Mit einer einladenden Handbewegung trat Gila zurück und machte den Weg frei. »Komm rein.«

Das würde wohl doch ein längerer Abend werden, an dem sie noch nicht die Füße hochlegen konnte.

10

Ich hatte schlecht geschlafen. Zuerst hatte ich schon schwer einschlafen können, und später war ich immer wieder aufgewacht. Dabei schlief ich normalerweise gut.

Dass ich diese Nacht nicht gut hatte schlafen können, hatte einen eindeutigen Grund. Darüber bestand gar kein Zweifel. Der Grund hieß Gila. Oder eher Gila und ihr schöner blonder Mann.

Wie konnte ein Mann nur so schön sein? Das war ungerecht.

Als ich ihn gestern Abend hatte in Gilas Wohnung gehen sehen, als ich nach Hause kam und die Treppe hochstieg, war ich mir wie ein graues Mäuschen vorgekommen.

Nun ja. Auf meine Schönheit hatte ich mir noch nie viel eingebildet. Ich war nicht schön. Ich war . . . akzeptabel.

Meine Mutter war eine Schönheit gewesen. Zumindest hatte sie sich selbst und hatten auch andere sie dafür gehalten. Ihr Leben lang war sie gertenschlank, weil sie auf jeden Bissen achtete, den sie aß.

Dabei liebte sie alles, was süß war. Was sich gut damit traf, dass mein Vater den Beruf eines Konditors erlernt hatte. Den übte er auch sehr gern aus, und zwar im familieneigenen Hotel.

In diesem Hotel war ich aufgewachsen, und meine Eltern waren hochangesehen in der kleinen Stadt im Schwarzwald, in der wir lebten.

Nach außen hin zeigte meine Mutter immer ein Lächeln, wie es sich für eine gute Hotelbesitzerin gehörte. Deshalb hielten die meisten Leute sie für nett.

Ich weiß nicht, wie sie sich mit einer Tochter verhalten hätte, die genauso gertenschlank gewesen wäre wie sie. Mir gegenüber jedenfalls verhielt sie sich in keinem Fall nett.

Denn leider war ich äußerlich nicht so, wie sie sich das wahrscheinlich gewünscht hätte. Ich war schon als Kind ein wenig pummlig. Nicht dick, aber weit davon entfernt, gertenschlank zu sein.

Die Figur hatte ich eher von meinem Vater. Leider hatte ich die Vorliebe für Süßes jedoch von meiner Mutter geerbt.

Machte sie mir tatsächlich deshalb ständig Vorhaltungen wegen meiner Figur, weil sie sich eine schlanke Tochter gewünscht hatte?

Dazu konnte ich mir keine Meinung bilden, denn ich war ein Einzelkind. Der Grund dafür war vermutlich, dass meine Mutter Kinder eigentlich nicht mochte. Das fand ich im Laufe meines Lebens immer mehr heraus.

So schloss ich mich mehr meinem Vater an, der persönlich genauso süß war wie die Torten, die er produzierte. Er hatte ein goldiges Gemüt, nahm alles mit einer Portion Humor und machte sich keinerlei Gedanken darüber, wie andere ihn sahen. Genauso wie er jeden Menschen so akzeptierte, wie er war. Kritik zu üben, gehörte nicht zu seinem Charakter.

Meine Mutter starb an meinem zweiundzwanzigsten Geburtstag.

Vermisste ich ihr Musst du das unbedingt noch essen? Willst du wieder so aussehen wie im letzten Winter?, während sie sich mit beiläufiger Selbstverständlichkeit ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte einverleibte?

Nicht wirklich. Aber eine Mutter ist eine Mutter, und so trauerte ich doch. Gemeinsam mit meinem Vater, der sie tief und innig geliebt hatte.

Die Vorliebe für Süßigkeiten, die sie mir vererbt hatte, blieb, aber im nächsten Winter fuhr ich mit einem weniger schlechten Gewissen Ski als in allen Wintern zuvor.

Ich fuhr gern Ski. Überhaupt mochte ich Sport, als ich noch jünger war. Im Sommer fuhr ich viel Rad und ging schwimmen. Warum mir diese Vorliebe im Laufe meines Lebens abhandengekommen war, konnte ich noch nicht einmal sagen.

Was ich jedoch genau sagen konnte, war, dass meine Mutter mir eine Menge Komplexe eingeredet hatte, mit denen ich immer noch kämpfte. Möglicherweise war das Vergraben in meine Arbeit auch eine Kompensation dafür, dass ich mich privat oft unzulänglich fühlte.

In der Arbeit hatte ich den Erfolg, den ich bei Diäten nie hatte. Dort war ich anerkannt und meine Kompetenz wurde geschätzt. Hier konnte ich das Versagen schon riechen, bevor ich wieder einmal anfing, Kalorien zu zählen.

Gila war schlank. Nicht überschlank wie meine Mutter. Einfach schlank. Wie sie das erreichte, wusste ich natürlich nicht, aber es sah mühelos aus, nicht als ob sie um jede Kalorie kämpfen müsste.

Und dieser schöne Mann . . . Er war perfekt. Breite Schultern, schmale Hüften, ein Körper mit der V-Form, die einem von männlichen Models in Calvin-Klein-Werbung vorgeführt wurde. Kein Bodybuilder, aber vermutlich ging er regelmäßig ins Fitness-Studio.

Äußerlich passten die beiden so gut zusammen, als wären sie füreinander gemacht.

Und das durfte wohl nicht nur äußerlich so sein.

Gut, er war nicht die ganze Nacht über geblieben. Aber was hieß das schon? Vielleicht war er verheiratet. Gutaussehende Männer um die vierzig waren das meistens. Wenn sie nicht irgendeinen Hau hatten.

Verheiratet, vielleicht auch Kinder, aber eine Frau wie Gila als Geliebte.

Ich presste die Zähne zusammen. Es gab einfach Leute, die alles hatten. Und das manchmal noch nicht einmal schätzten. Er kam nur für Sex vorbei und ging dann wieder.

Ich hatte es gewusst. Natürlich hatte ich es gewusst. Schon bei ihrem Einzug – diese selbstverständlichen Berührungen, das Lachen, die Vertrautheit zwischen Gila und diesem schlanken, gepflegten Mann. Er war nicht einfach ein Freund.

Nicht um diese Uhrzeit. Nicht so lange. Es war spät geworden. Zu spät für einen Besuch, der nur ein Glas Wasser trinkt.

Es zu wissen war immer noch etwas anderes, als es hautnah mitzuerleben. Es zu hören. Im eigenen Hausflur.

Es war endgültig. Gila war vergeben. An einen Mann, der zu schön war, um sich überhaupt eine Chance auszurechnen.

Also hatte ich es mir nur eingebildet – das Kribbeln beim ersten Blick, die aufkommende Wärme in ihrer Stimme, dieses winzige, fast alberne Aufleuchten von Hoffnung.

Wie ein altes Glühwürmchen, das sich noch einmal regt, bevor es verglüht.

Ich stand vom Küchentisch auf, ging ins Schlafzimmer, streifte mir das T-Shirt über den Kopf und warf es achtlos aufs Bett. Im Spiegel sah ich mich an – nackt, müde, durchschnittlich.

Nichts Besonderes. Nicht für jemanden wie Gila.

Leicht frustriert dachte ich an all die Jahre, in denen ich versucht hatte, mir einzureden, dass Arbeit genug wäre. Dass ein strukturiertes Leben, eine gute Position, ein volles E-Mail-Postfach irgendwie Erfüllung bringen würden. Vielleicht nicht Glück, aber . . . etwas Stabiles.

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Katja Freeh: Wenn nicht jetzt, wann dann? ⯌ Eine Leseprobe in zwölf Teilen

1 »Oh nein! Das darf nicht wahr sein!« Mit entsetzt vors Gesicht geschlagenen Händen stand sie da....
»Deshalb habe ich sie gleich hierher liefern lassen«, beendete sie halb versunken in die...
Finanziell hätte ich mir durchaus etwas Größeres leisten können, aber wozu? Ich hatte ein...
Eine schöne Couch, auf der ich gern einmal neben ihr gesessen hätte. Oder vielleicht nicht nur...
Aber Sandra war . . . na ja, eben Sandra. Immer schon hatte ich ihr schlecht widerstehen können....
Aber auch mit der hätte ich im Moment nichts anfangen können. Oder wollen. »Wir haben nichts zu...
Automatisch wollte ich zur Treppe gehen, aber dann würde ich garantiert Gila treffen, die vom...
Aber wie viel früher? Zwanzig Jahre? Damals war sie noch ein Teenager. Und ich auch. Selbst wenn...
Und brauchte nicht jede Frau eine gute Freundin, mit der sie sich austauschen konnte? Ich war...
»Wenn ich nur genau wüsste, was mich beschäftigt«, antwortete ich, ohne sie anzusehen....
»Gila?« Thomas. Es war eindeutig Thomas’ Stimme, die da durch die Tür drang. Da musste sie wohl...
Und dann war Gila gekommen. Ein leiser Riss im Fundament. Eine Ahnung von dem, was möglich sein...