Eine schöne Couch, auf der ich gern einmal neben ihr gesessen hätte. Oder vielleicht nicht nur gesessen . . .
Ich schüttelte über mich selbst den Kopf, als ich ihren Treppenabsatz hinter mir ließ und weiter hinaufstieg. Hatte ich mich nicht schon selbst davon überzeugt, dass das nur eine Illusion war? Eine unerfüllbare Wunschvorstellung?
So richtig überzeugt wohl nicht. Ich hatte es mir einreden wollen. Und die Erfahrung sprach auch dafür. Nicht aber dieses kleine Teufelchen – oder war es ein Engelchen? – in meinem Kopf, das mir zunehmend zu schaffen machte.
Gila Burckhardt hatte den Fokus meines Denkens verschoben, der zuvor immer noch ziemlich auf Sandra gerichtet gewesen war.
Es stand ja auch niemand anderer zur Verfügung. Mich in einer Dating-App nach einer neuen Frau umzusehen, war nicht so ganz mein Ding. Und außerdem hatte ich sowieso die Nase voll.
Von Frauen, von Beziehungen, von allem, was damit zusammenhing.
Meine neue Wohnung hatte einen Schlussstrich unter all das ziehen sollen.
Was sie auch getan hatte. Bis Gila Burckhardt eingezogen war. Beziehungsweise angekündigt hatte einzuziehen.
Endlich hatte ich mich all meiner Bürokleidung entledigt und mich mit meinem Restaurantessen, das ich auf einem Tablett platziert hatte, damit ich es ins Wohnzimmer tragen konnte, auf der Couch niedergelassen.
Es wäre auch ganz okay gewesen, wenn Gila sich neben mir auf dieser Couch niedergelassen hätte, dachte ich während eines schelmischen Augenblicks, bevor ich anfing zu essen.
Warum konnte ich diese Gedanken einfach nicht loswerden?
Kaum hatte ich mir den ersten Bissen in den Mund geschoben, klingelte mein Handy.
Ich blickte aufs Display. Sandra.
Was wollte die denn noch von mir? Seit einem Vierteljahr hatte sie sich nicht gemeldet. Und das war auch gut so.
Ein paar Sekunden lang überlegte ich, ob ich den Anruf überhaupt annehmen sollte. Schließlich war es weit nach elf Uhr nachts. Das war überhaupt keine Zeit, zu der mich irgendjemand noch mit einem Anruf hätte belästigen sollen. Schon gar nicht Sandra.
Aber wie so oft ließen mich meine guten Vorsätze bezüglich ihrer Person schnell im Stich. Ich nahm den Anruf an und legte das Handy mit aufs Tablett.
Sandra hatte einen Videoanruf gewählt, aber ich hatte es nur als Audioanruf angenommen. Sehen wollte ich sie nicht auch noch.
»Ich kann dich nicht sehen«, war dann auch ihre erste Reaktion, bevor sie mich überhaupt begrüßte.
»Weil es nur ein Telefongespräch ist«, erklärte ich ihr etwas kurz angebunden, »kein Video.«
»Du willst mich nicht sehen.« Erstaunlich, wie scharfsinnig sie sein konnte.
»Nein.« Ich aß weiter. Wenn sie mich schon gestört hatte, sollte sie mich nicht auch noch daran hindern.
»Ich habe dich heute schon mal gesehen«, setzte sie das Gespräch fort, das ich eigentlich lieber beendet hätte.
Aber dann hätte ich es gar nicht erst annehmen sollen.
»Hm?« Ich machte nur ein undeutliches Geräusch, weil ich kaute.
»In der Firma«, sagte sie. »Du kamst aus einer Sitzung und hast dich mit Leuten unterhalten. Schienst schwer beschäftigt zu sein.«
Da ich runtergeschluckt hatte, konnte ich jetzt deutlicher antworten. »Die Abteilungsleitersitzung«, nickte ich. »Ich hatte Vorschläge gemacht. Die haben wir diskutiert.«
»Ja, du bist jetzt Abteilungsleiterin«, stellte sie fest, als wäre das eine völlig neue Tatsache, die ihr bisher unbekannt gewesen war.
»Seit einem halben Jahr.« Ich hätte fast die Augen gerollt. »Das weißt du doch.«
Schließlich hatte sie meine Beförderung sogar noch hautnah miterlebt. Da hatten wir noch zusammen gewohnt. Und es sogar gefeiert.
»Ich . . .« Wenn ich das richtig interpretierte, schluckte sie. »Ich wusste nicht, dass ich dich so vermisse.«
Meine Augenbrauen schossen nach oben. Wie bitte? Ich war nicht gegangen. Sie hatte mich praktisch rausgeworfen.
»Das ist ja ganz etwas Neues.« Weil ich aß und es deshalb nicht währenddessen tun wollte, schüttelte ich nur innerlich den Kopf.
»Nein, das war schon immer so«, behauptete sie auf einmal.
Nicht dass sie mich das hätte spüren lassen.
»Kann ich kaum glauben.« Warum hatte ich diesen Anruf noch mal angenommen?
»Doch.« Ihre Stimme klang drängend. »Das musst du mir glauben.«
Wenn ich nicht gerade den nächsten Bissen im Mund gehabt hätte, hätte ich gelacht. Nachdem ich runtergeschluckt hatte, sagte ich: »Ich muss gar nichts.«
»Kann ich dich sehen?« Noch drängender klang der Ton, der aus dem kleinen Lautsprecher kam. »Ich würde gern zu dir kommen.«
»Zu mir?« Mein Erstaunen war so groß, dass ich diesmal sogar mit vollem Mund sprach.
»Du hast doch eine neue Wohnung«, sagte sie.
Tja, warum wohl?
»Hmhm«, machte ich.
»Isst du etwa?« Schrill schnitt nun der kleine Lautsprecher wie der Ton einer Quietschente durch mein Wohnzimmer.
»Ich habe fast den ganzen Tag noch nichts gegessen.«
Das musste ich ihr nicht erklären. Ich musste mich doch nicht rechtfertigen. Warum tat ich das? Sie hatte um diese nachtschlafende Zeit angerufen, nicht ich.
»Schon gut.« Auf einmal klang ihre Stimme besänftigend.
Was höchst untypisch für sie war. Was hatte das wieder zu bedeuten?
»Ich muss dich sehen«, flehte sie mich geradezu an. »Bitte. Ich muss einfach.«
»Morgen in der Firma –«, setzte ich an, wurde aber sofort von ihr unterbrochen.
»Nicht in der Firma. Privat. Ich muss dich privat sehen.«
»Sandra . . .« Ich legte mein Besteck hin. Das hatte ja doch keinen Sinn. »Was willst du?«
»Ich brauche dich.« Es war nur noch ein Flüstern, das vom Tablett zu mir heraufstieg. »Bitte. Ich habe einen großen Fehler gemacht.«
Das merkte sie erst jetzt?
Aber vielleicht war der Fehler auch gar nicht so groß, wie sie dachte. Jedenfalls nicht für mich.
Statt Sandras Bild, das ich auf dem Display des Handys unterdrückt hatte, stieg das Bild von Gila Burckhardt vor mir auf. Wenn sie jetzt angerufen hätte . . .
Aber das stand gar nicht zur Debatte.
»Wofür brauchst du mich?«, fragte ich sarkastisch. »Soll ich einen Nagel in die Wand schlagen?«
So etwas hatte sie nämlich immer gern auf mich abgeschoben.
»Bitte, Lucie . . .«
War das ein Schluchzen? Weinte sie?
Sandra und Weinen. Das war fast undenkbar. Dass ihr wirklich etwas naheging.
»Es ist gleich Mitternacht, Sandra«, klärte ich sie ungeduldig auf. »Und ich habe einen harten Tag hinter mir. Der morgen wird vielleicht noch härter. Ich muss jetzt schlafen.«
»Ja. Ja.« Es gluckste, als würde sie das Schluchzen nun unterdrücken. »Natürlich musst du das. Ich habe dich gestört. Entschuldige bitte.«
In mir drehte sich ein Kaleidoskop von Verwirrung. Wer war das, der mich da anrief? Das war doch nicht Sandra. Nichts davon passte zu ihr.
»Schon okay«, entgegnete ich. Viel zu zuvorkommend in Anbetracht der Umstände. »Aber wenn du mir nicht sagst, was du willst . . .«
»Das habe ich dir gesagt. Ich will . . . ich muss dich sehen.«
»Und ich würde gern wissen, warum.« Wollte ich das wirklich wissen? Warum legte ich nicht einfach auf?
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