Aber Sandra war . . . na ja, eben Sandra. Immer schon hatte ich ihr schlecht widerstehen können. So auch jetzt.
»Ich fühle mich so allein!«, brach es plötzlich aus dem Lautsprecher genauso wie aus Sandra heraus. »Lisa hat mich verlassen!«
Na so was. Soll vorkommen. Was hatte sie schließlich mit mir getan?
»Willst du jetzt ausgerechnet mir dein Liebesleid klagen?«, fragte ich sie deshalb leicht indigniert. »Findest du das nicht etwas unpassend?«
»Du bist meine beste Freundin«, kam es geradezu vorwurfsvoll zurück. »Mit wem sollte ich sonst sprechen?«
Tja, Freundschaften, die nichts mit Sex zu tun hatten, hielten bei ihr kaum je lange. Was war wohl der Grund?
So war ich nun also von Lebensgefährtin auf beste Freundin zurückgestuft worden. Obwohl wir das eigentlich nie gewesen waren.
Und deshalb stand ich auch nicht zur Verfügung.
»Nicht mit mir«, entgegnete ich und legte auf.
Danach blockierte ich ihre Nummer.
Schluss jetzt. Das hatte ich lange genug mitgemacht.
Und was hatte ich davon gehabt?
Gar nichts.
5
Die Tage bis zum Wochenende verliefen vergleichsweise ungestört. Doch am Samstagmorgen ging schon früh ein Gerumpel im Hausflur los, dass ich nur einem Umzugskommando zuordnen konnte.
Nachdem ich aufgewacht war, war deshalb an noch einmal umdrehen und weiterschlafen nicht mehr zu denken.
Nach einer kurzen Verzögerung, die mein Gehirn brauchte, um sich auf die Situation einzustellen, schoss mir heiß und feurig der Name Gila durch den Kopf. Es war ihr Einzugstag. Natürlich.
Schon war ich hellwach und wollte gar nicht mehr weiterschlafen. Doch hinuntergehen und sie einfach mit meiner Gegenwart überfallen konnte ich auch nicht. Das wäre zu aufdringlich gewesen.
Andererseits, ich hätte ihr meine Hilfe anbieten können. Ob sie die brauchte?
Daran zweifelte ich doch sehr. Für den Transport der Couch hatte sie ja auch zwei starke Männer herangezogen. Warum sollte sie dasselbe nicht bei dem viel größeren Projekt ihres Umzugs tun?
Nicht mein Problem und auch nicht mein Thema. Ich schnappte mir meine Overnight Oats aus dem Kühlschrank, setzte die Kaffeemaschine in Gang und bereitete mein Frühstück vor.
Währenddessen ging das Gerumpel im unteren Teil des Hauses weiter. Verschiedene Stimmen mischten sich im Echo des Hausflurs.
Es waren hauptsächlich männliche Stimmen, die ich hörte. Wenn eine weibliche Stimme dabei war, konnte es höchstens die von Gila sein. Richtig heraushören konnte ich das nicht, selbst wenn meine Ohren gespitzt blieben.
Auf einmal meldete sich meine Wohnungsklingel. Gila? Benötigte sie vielleicht doch meine Hilfe? Oder wollte sie mir jetzt den Kaffee offerieren, den sie mir das letzte Mal nicht hatte anbieten können?
Die Geräuschkulisse im Hausflur sprach dagegen, denn der Umzug war sicherlich noch nicht beendet.
Es klingelte wieder, und ich sprang auf. Wie hatte ich überhaupt so ruhig sitzenbleiben können beim ersten Klingeln? Das musste eine Art Schockstarre gewesen sein.
Mit einem Lächeln im Gesicht riss ich die Tür auf. »Kann ich –«
Doch mein Lächeln erstarrte genauso, wie meine Stimme abrupt abbrach.
»Sandra?«, brachte ich gerade noch so atemlos hervor.
»Ich sagte doch, ich muss dich sehen.« Sandra wirkte in keiner Weise erstarrt, sondern betrat mit einem entschlossenen Schritt meine Wohnung, als ob sie dort hineingehörte. »Und da du mich blockiert hast . . .«
Das hatte seinen Grund. Aber den akzeptierte sie natürlich nicht. Typisch Sandra.
»Ich frühstücke«, erwiderte ich perplex. »Bin gerade erst aufgestanden.«
»Gut.« Ein selbstgewisses Lächeln überzog ihr Gesicht. »Eine Tasse Kaffee nehme ich gern. Hast du auch Brötchen da?« Ihr Blick schweifte durch die Diele. »Hier geht’s in die Küche?«
Bevor ich sie zurückhalten konnte, war sie schon unterwegs zu ihrem Ziel.
Mir blieb nichts anderes übrig, als die Wohnungstür zu schließen und ihr zu folgen.
»Ich habe keine Brötchen«, informierte ich sie. »Ich habe keinen Besuch erwartet. Und du weißt, dass ich morgens immer meine Overnight Oats esse.«
»Dieser Brei.« Angeekelt verzog sie das Gesicht. »Wie du so was runterkriegst . . .«
Das Lamento kannte ich schon. Sandra war nicht für gesundes Essen. Pizza zum Frühstück, Chips oder Schokoriegel waren hingegen in Ordnung. Das aß sie nämlich üblicherweise.
»Mir schmeckt’s.« Ich zuckte die Schultern. »Und das ist meine Wohnung. Da kann ich ja wohl essen, was ich will.«
Warum rechtfertigte ich mich schon wieder? Kopfschüttelnd setzte ich mich an meinen Platz zurück.
Ohne dass ich ihn ihr angeboten hatte, zog Sandra sich den Stuhl auf der anderen Seite des Tisches hervor und ließ sich mir gegenüber nieder.
»Warum hast du mich blockiert?«, fragte sie indigniert. »Ich habe dir doch gesagt, ich muss mit dir reden.«
Dass das ausschließlich ihr Wunsch gewesen war, aber nicht meiner sein konnte, schon gar nicht bei dem Thema, über das sie wahrscheinlich sprechen wollte, schien ihr überhaupt nicht in den Sinn zu kommen.
»Und wenn ich nicht mit dir reden will?« Ich versuchte, mich auf mein Frühstück zu konzentrieren, aber das war schwierig, seit Sandra gekommen war. Also schob ich die Schale von mir weg.
»Du musst! Du bist meine Freundin! Und Freunde helfen sich gegenseitig!« Empört starrte sie mich an.
Gut, dass ich nicht weitergegessen hatte, denn jetzt hätte ich alles, was ich im Mund gehabt hätte, wahrscheinlich vor Überraschung über den Tisch gespuckt.
»Gegenseitig ist ein gutes Stichwort«, entgegnete ich trocken. »Wann hast du mir je geholfen?«
»Ich habe dir immer geholfen!« Sie sah so aus, als wäre das tatsächlich ihre feste Überzeugung.
»Nenn mir ein Beispiel«, gab ich zurück. »Ein einziges.«
Auf einmal starrte sie mich an, als hielte sie mich für verrückt. Aber ein Beispiel nannte sie nicht.
Stattdessen wiederholte sie: »Ich muss mit dir reden.«
Gleichgültig zuckte ich die Schultern. »Ich muss ein Problem lösen, das ich gerade in der Firma habe. Wollen wir darüber reden?«
»Willst du mich auf den Arm nehmen?« Ihre Augenbrauen hoben sich fast bis zu ihrem Haaransatz. »Wen interessiert denn deine Firma?«
»Dich offensichtlich nicht.« Beinah belustigt, auch wenn ich das nicht wirklich war, musterte ich ihr Gesicht. »Hat es noch nie getan.«
»Weil es unwichtig ist.« Sie stellte das auf eine Art klar, von der sie wohl dachte, dass sie mich überzeugen müsste. »Oder hast du vergessen, dass Lisa mich verlassen hat? Das habe ich dir doch erzählt!«
Und das war natürlich erheblich wichtiger als meine beruflichen Probleme, das war mir schon klar.
»Das war abzusehen.« Erneut zuckte ich die Schultern. »Lisa ist wie du. Sie sucht den kurzfristigen Kick, nicht die langfristige Beziehung.«
»Natürlich will ich eine Beziehung!« Wütend sprang Sandra auf, und ich dachte schon, sie wollte meine Wohnung verlassen. Aber weit gefehlt. »Wo sind deine Tassen?« Ganz selbstverständlich wartete sie meine Antwort nicht ab, sondern riss den ersten Schrank in der Küche auf. »Ich brauche jetzt einen Kaffee!«
Sie sprach nur in Ausrufezeichen, was ganz eindeutig ein Symptom für ihre Erregung war. Leider nicht die richtige.
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