Aber auch mit der hätte ich im Moment nichts anfangen können. Oder wollen.
»Wir haben nichts zu besprechen, Sandra«, erinnerte ich sie. »Du musst jetzt keinen Kaffee trinken. Du musst gehen.«
»Ah, da sind sie ja!«
So viele Schränke hatte ich nicht, und Sandra hatte die Tassen gefunden, nahm sich eine und stellte sie unter den Auslauf der Kaffeemaschine, drückte auf den Knopf.
Es war dieselbe Kaffeemaschine, die ich schon immer gehabt hatte und die sie kannte. Die hatte ich natürlich mitgenommen.
Was hätte ich machen sollen? Sie am Kragen packen und hinauswerfen? So gewalttätig war ich nicht.
Nachdem ihr Cappuccino durchgelaufen war, brachte sie ihn mit zum Tisch und setzte sich wieder.
»Dein Zimmer ist frei«, setzte sie die Unterhaltung dort fort, wo sie sie verlassen hatte, und mit dem Thema, das allein sie interessierte. »Du kannst wieder bei mir einziehen.«
Laut lachte ich auf. Es ging gar nicht anders, so frappiert war ich. »Bis zum nächsten Mal?« Ich gluckste. »Wenn du wieder eine Lisa findest, für die du mich rauswirfst?«
»Blödsinn.« Sie runzelte die Stirn und sah mich strafend an, bevor sie einen Schluck von ihrem Cappuccino nahm. »Wie kommst du darauf?«
»Das fragst du mich jetzt nicht im Ernst, oder?« Ich schüttelte den Kopf. »So lange ist das noch nicht her, dass du mich von jetzt auf gleich vor die Tür gesetzt hast.«
»Das bildest du dir ein.« Mein Kaffee schmeckte ihr offensichtlich gut. Hatte er immer getan.
»Also, Sandra . . .« Ich lehnte mich zurück und verschränkte die Arme. »Wenn wir schon miteinander reden, dann bitte vernünftig. Tatsachen zu leugnen, bringt doch nichts.«
Endlich hatte ich meine professionelle Art wiedergefunden. Eigentlich war ich gut im Verhandlungen führen. Allerdings auf einer anderen Ebene.
»Deine Tatsachen«, behauptete sie. »Nur weil du ausgezogen bist –«
»Ich bin nicht ausgezogen«, korrigierte ich sie, indem ich sie unterbrach. »Jedenfalls nicht freiwillig. Dennoch war das kein Fehler. Der Fehler war, dass ich überhaupt bei dir eingezogen bin, meine eigene Wohnung aufgegeben habe. Da muss mich wirklich der Teufel geritten haben.«
Wie immer sorgte ihre selektive Wahrnehmung dafür, dass sie nur das hörte, was sie hören wollte.
»Oder ich?« Sie grinste, bevor dieses Grinsen in einen verführerischen Gesichtsausdruck überging. »Das hast du doch immer gemocht, oder nicht?«
Mit einer fließenden Bewegung erhob sie sich und schaffte es irgendwie, sich zwischen dem Tisch und meinen verschränkten Armen auf meinen Schoß zu zwängen.
Zu spät bekam ich meine Arme frei. Da hing sie schon an meinem Hals und küsste mich.
»Sandra!« Ich sprang auf, mein Stuhl fiel um, der Tisch wackelte gefährlich, und alle Tassen und Teller schepperten, als wären sie gleich nur noch Scherben. »Du gehst jetzt! Sofort!«
Auf dem Ohr war sie taub. Aber ich nutzte es aus, dass sie an meinem Hals hing, und schleppte sie auf diese Art zur Tür.
Anscheinend nahm sie mich immer noch nicht ernst, denn sie ließ nicht los und schnappte sich immer wieder meinen Mund, ob ich ihn wegdrehte oder nicht.
Endlich war ich an der Wohnungstür angekommen und schaffte es, sie aufzuziehen.
»Entschuldigen Sie, Frau Kaiser –« Abrupt brach die Stimme ab.
Über Sandras Schulter hinweg sah ich Gila Burckhardt vor meiner Tür stehen, eine Hand erhoben, als hätte sie gerade klingeln wollen.
Ohne mich loszulassen, drehte Sandra sich in meinem Arm zu ihr und grinste Gila frech an. Ihre Augen funkelten siegesgewiss.
Mit aller Kraft riss ich sie von meinem Hals weg und schob sie zur Tür hin.
»Frau Burckhardt . . .«, stotterte ich.
Gila trat einen Schritt zurück. »Oh Entschuldigung. Ich wollte nicht stören.«
Damit drehte sie sich um und lief mit schnellen Schritten zu ihrer Wohnung hinunter.
Meine Augen mussten Blitze schießen, als ich Sandra jetzt ansah. »Das hast du ja super hingekriegt!«
Sandras Grinsen war mit triumphierend gar nicht zu beschreiben.
»Kommt mir auch so vor«, erwiderte sie höchst zufrieden.
Langsam und genüsslich die Hüften schwenkend drehte sie sich um und schritt gemütlich eine Stufe nach der anderen nehmend die Treppe hinab, als wäre es ihr königlicher Palast.
6
Mist, Mist, Mist!
Am liebsten hätte ich die Tür zugeknallt, aber diese Genugtuung wollte ich Sandra nicht auch noch gönnen. Davon hatte sie heute schon genug gehabt.
Was sollte ich jetzt tun? Zu Gila hinuntergehen und mich entschuldigen, ihr alles erklären?
Aber wofür entschuldigen und was erklären? Dass ich vor über zwei Jahren einen Fehler gemacht hatte mit der Entscheidung, mich mit Sandra zusammenzutun? Und dass diese Begegnung an meiner Wohnungstür nicht das bedeutet hatte, wonach es ausgesehen hatte? Wofür Sandra gesorgt hatte, dass es so aussah?
Ich hätte mir die Haare raufen können, in was für eine Situation Sandra mich gebracht hatte. Andererseits war ich selbst dafür verantwortlich. Für das, was ich vor zwei Jahren getan hatte, und für das, was ich heute Morgen getan hatte, als ich Sandra überhaupt in meine Wohnung ließ. Schließlich war ich eine erwachsene Frau.
Langsam ging ich in die Küche zurück und betrachtete den traurigen Rest meines Frühstücks. Ich hob den Stuhl auf und stellte ihn wieder an den Tisch. Dieses Frühstück würde ich wohl nicht mehr beenden. Mir war der Appetit vergangen.
Dann ging ich jetzt wohl am besten duschen. Vielleicht konnte ich damit die Erinnerung an die unangenehmen Ereignisse dieses Morgens abwaschen.
Das war jedoch eine Illusion. Was ich vorher gewusst hatte. So einfach ging das nicht.
Was Gila wohl gewollt hatte, als sie heraufgekommen war? Dass sie mir einen Kaffee hatte anbieten wollen, glaubte ich nicht mehr, denn das Gerumpel im Hausflur und auch in der Wohnung unter mir ging weiter. Der Umzug war noch lange nicht abgeschlossen.
Es hätte mich ja interessiert, sie zu fragen, aber ehrlich gesagt traute ich mich nicht. Was dachte sie jetzt von mir? Was hatte Sandras bühnenreife Vorstellung in ihr ausgelöst?
Hatte es überhaupt etwas in ihr ausgelöst? Warum sollte sie sich für das desaströse Liebesleben ihrer Nachbarin interessieren? Einer Nachbarin, die sie noch nicht einmal kannte. Die Begegnung mit der Couch konnte man wohl kaum als ein Kennenlernen bezeichnen.
Dennoch bohrte es in mir, die Sache mit Sandra klarzustellen. Das war jedoch ganz sicher mein Problem, nicht Gilas. Sie kannte Sandra genauso wenig wie mich.
Einkaufen gehen. Das war bestimmt eine gute Idee. Zuerst einmal war mein Kühlschrank leer, und zweitens musste ich dafür das Haus verlassen, würde von Gilas Umzug nichts mehr mitbekommen und nicht an sie denken.
So eine große Ablenkung war Einkaufen jedoch auch nicht. Nicht für einen Ein-Personen-Haushalt. Was brauchte ich schon? Meistens kochte ich noch nicht einmal.
Na ja, Butter und ein paar Bananen konnte ich schon gebrauchen. Es lohnte sich zwar kaum, dafür einkaufen zu gehen, aber ich zog mich trotzdem an und verließ die Wohnung.
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