Aber wie viel früher? Zwanzig Jahre? Damals war sie noch ein Teenager. Und ich auch. Selbst wenn manche mit ihrer Jugendliebe alt wurden – ich gehörte wohl nicht zu diesen Glücklichen.

Mit über dreißig, hatte ich gedacht, wurde man erwachsen. Doch ich ging stramm auf die Vierzig zu – und war in Beziehungsdingen wahrscheinlich noch immer auf dem Stand einer Jugendlichen, die nie gelernt hatte, wie es richtig geht.

Ein Kreuz, wirklich. Da waren Wünsche, da waren Hoffnungen – und dann kam die Realität. Und die hatte mit romantischen Träumen wenig zu tun.

»Frau Kaiser?« Eine Mitarbeiterin erschien in meiner Bürotür. »In Russland ist eine Pipeline explodiert.«

Ich richtete mich auf. »Sibirien?«, fragte ich mit einem unheilschwangeren Gefühl im Bauch.

Sie nickte.

»Na dann . . .« Tief durchatmend stand ich auf. »Gibt’s schon irgendwelche genaueren Informationen?«

»Henrik hängt am Telefon, aber bisher keine Details.«

»Wie immer«, murmelte ich. »Die Russen sind selten auskunftsfreudig.«

Gemeinsam gingen wir in den großen Logistikraum hinüber. Auf den Monitoren blinkten die Routen, Verbindungen, Statusanzeigen.

Ich ging auf den Arbeitsplatz von Henrik zu, der mit einem Headset dasaß und ziemlich verzweifelt aussah.

Als ich bei ihm ankam, legte ich ihm eine Hand auf die Schulter.

Er blickte zu mir auf und schüttelte den Kopf.

Ich nickte. Das war Auskunft genug.

»Was sollen wir jetzt machen?«, fragte er.

Ich verzog ein wenig das Gesicht, in der Hoffnung, dass es aufmunternd wirkte.

»Was wir immer tun«, antwortete ich. »Unser Bestes geben.« Nun musste ich noch etwas gute Stimmung verbreiten. »Wir werden das Kind schon schaukeln«, versicherte ich ihm und auch allen anderen, die unserem Gespräch gefolgt waren, zuversichtlich lächelnd.

Dann horchte ich kurz in mich hinein. Ja, genau. Probleme lösen war meine Spezialität, meine Aufgabe. Dafür war ich da.

Routiniert übernahm ich die Koordination, begann zu delegieren, zu beruhigen, zu organisieren.

Für eine ganze Weile war ich so beschäftigt, dass ich keine Zeit fand, über etwas anderes nachzudenken, doch irgendwann kam mir in einer kurzen Verschnaufpause dennoch ein Gedanke.

Wie konnte es sein, dass all meine Erfahrung, all meine Talente und Begabungen mich nicht dazu befähigten, das eine große Problem zu lösen, das nicht hier in diesem Raum auf einem Bildschirm aufgezeichnet wurde?

Das war eine Frage, auf die ich keine Antwort hatte.

8

»Na, ist etwas dabei rausgekommen?« Julia sprach mich in der Schlange der Cafeteria an, mit der ich mich langsam auf die Kasse zubewegte.

Ganz in Gedanken versunken hatte ich nicht bemerkt, woher sie gekommen war.

Mit einem vermutlich ziemlich fragenden Gesichtsausdruck drehte ich mich zu ihr um. »Rausgekommen? Wobei?«

»Bei der Abteilungsleitersitzung«, informierte sie mich. »Du erinnerst dich? Davor haben wir uns das letzte Mal getroffen. Und du sagtest, du würdest Vorschläge machen . . .« Auffordernd ließ sie den Satz ausklingen.

Ich zog meine Firmenkarte durch den Schlitz an der Kasse, um zu bezahlen. Es wurde alles automatisch eingelesen. Keine Kassiererin mehr, mit der man vielleicht ein Wort hätte wechseln können.

Da Julia mich angesprochen hatte, wartete ich hinter dem Kassenautomaten auf sie.

»Die wurden sogar diskutiert«, führte ich das Gespräch fort, als Julia mit ihrem Tablett aus der Schlange heraustrat. »Hat mich selbst überrascht, wie intensiv.«

»Und? Wird was davon umgesetzt?«, fragte sie.

Ich zuckte nur leicht die Schultern, weil ich nicht wollte, dass etwas von meinem Tablett herunterfiel. »Du weißt, wie es ist.«

Gemeinsam begaben wir uns zu einem Tisch.

»Also nichts.« Seufzend setzte Julia sich, während ich den Platz gegenüber zu meinem machte. »Wie immer.« Sie rollte die Augen. »Und ich hatte gehofft, ich müsste nicht kündigen.«

»Du willst also tatsächlich –?« Mit der Kuchengabel stach ich etwas von dem Käsekuchen ab, den ich mir geholt hatte.

»Kuchen zu Mittag?« Julia lachte. »Du hast dich nicht verändert.«

»So lange bin ich ja auch noch nicht weg von unserem alten Team.« Genüsslich ließ ich das kleine Stückchen Kuchen in meinen Mund wandern. »Und überhaupt . . .«, fuhr ich fort, nachdem ich heruntergeschluckt hatte. »Warum sollte ich meine Essgewohnheiten ändern? Nur weil ich Abteilungsleiterin geworden bin? Gibt es da irgendeinen Code die Ernährung betreffend, den ich nicht kenne?«

»Sicher nicht.« Genauso genüsslich, wie ich mir den Kuchen einverleibt hatte, nahm Julia eine Gabel von ihrem Salat. »Aber ist Gesundheit denn gar kein Thema für dich?«

»Ich gehe ins Fitness-Studio.« Der nächste Bissen mit Kuchen schloss diesen meinen Satz ab. »Obwohl ich es hasse.«

»Dann bringt es wahrscheinlich nicht viel«, behauptete Julia, die sich geradezu aufreizend langsam mit ihren Salatblättern beschäftigte. »Habe ich jedenfalls mal gehört.«

»Tja, du . . .« Ich legte den Kopf schief und betrachtete sie kurz. »Du hast es ja auch nicht nötig bei deiner Figur.«

Julia schmunzelte ein wenig. »Dafür hast du die Rundungen an den richtigen Stellen, die ich gern hätte.« Sie warf einen Blick auf meinen Oberkörper. »Ich habe BH-Größe A. Weißt du, was das bedeutet?«

»Dass du eigentlich gar keinen tragen müsstest?« Auf einmal musste ich regelrecht grinsen. »Und ich habe mir immer gewünscht, weniger zu haben, weil das so rumwackelt.«

Ein Salatblatt rutschte beinah aus Julias Mund, als sie anfing zu lachen. »So hat halt jeder seine Probleme«, prustete sie. Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, musterte sie mich mit einem vergnügten Blitzen in den Augen. »Da wir gerade dabei sind . . . Was tut sich eigentlich an der Liebesfront?«

Diesmal war ich es, die fast ihr Essen nicht im Mund behalten konnte. So eine direkte Frage hatte ich von Julia nicht erwartet.

Ja, sie hatte auch bei unserem letzten Gespräch schon darauf angespielt, aber da war es mehr nebenbei gewesen. Heute wollte sie es anscheinend zum Hauptthema machen, so sah es aus.

Ich zuckte die Schultern. »Was soll sich da tun?«

»Ach komm . . .« Julia hob die Augenbrauen. »Da ist doch was. Obwohl du heute nicht so lächelst wie letzte Woche, als wir uns gesehen haben.«

Schnell senkte ich den Blick auf meinen Teller und tat so, als gäbe es nichts Interessanteres auf der Welt als den Rest meines Kuchens, der dort auf seinen Verzehr wartete. »Das war ein Zufall«, sagte ich. »Das hast du falsch interpretiert.«

Und damit ich nicht noch mehr sagen konnte, vernichtete ich das eigentlich noch etwas zu große Stückchen Käsekuchen auf einen Sitz, indem ich es in meinen Mund beförderte.

»Glaube ich nicht.« Julia legte ihre Gabel zur Seite, stellte die Ellbogen auf den Tisch und verschränkte die Hände. »Es ist also nichts draus geworden?«

Sollte ich mich jetzt mit Julia, die eigentlich nur eine Kollegin war, darüber unterhalten, was alles in meinem Kopf herumging?

Das hätte ich vor einiger Zeit noch nicht gewollt, aber andererseits hatte ich keine, wie man das so nannte, beste Freundin.

Sandra hatte sich als eine solche bezeichnet, aber das war lachhaft. Sie war das Gegenteil und hatte damit nur einen bestimmten Zweck verfolgt. Einen emotional erpresserischen Zweck.

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»Deshalb habe ich sie gleich hierher liefern lassen«, beendete sie halb versunken in die...
Finanziell hätte ich mir durchaus etwas Größeres leisten können, aber wozu? Ich hatte ein...
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Automatisch wollte ich zur Treppe gehen, aber dann würde ich garantiert Gila treffen, die vom...
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