Und brauchte nicht jede Frau eine gute Freundin, mit der sie sich austauschen konnte?
Ich war nicht sehr geübt in solchen Dingen. Freundschaften brauchten Zeit, und die hatte ich eher meinem Job geopfert.
Weshalb jetzt Julia tatsächlich das war, was einer Freundin am nächsten kam. Wir hatten uns vom ersten Augenblick an gut verstanden. Trotzdem hatte sich nie eine richtige Freundschaft daraus entwickelt.
Das lag allerdings wohl eher an mir als an ihr. Julia hatte mich schon mehrmals zu sich nach Hause eingeladen. Sie und ihr Mann luden gern Leute ein, veranstalteten im Sommer Grillfeste und im Winter kuschlige Glühweinabende am Kamin.
Einmal war ich sogar zu so einem Fest gegangen. Aber ich war eben nicht der Typ dafür. Gut zusammenzuarbeiten war nicht dasselbe wie befreundet zu sein. Und so hatte ich bei den nächsten Einladungen immer eine Ausrede gefunden. Meistens zu viel Arbeit.
Julia gehörte jedoch zu jenen gesellschaftlich aktiven Leuten, die nie aufgaben. Was ich auch jetzt wieder merkte.
»Du willst nicht darüber reden?«, hakte sie nach. »Ist es so schlimm?«
»Das kann man so nicht sagen«, wich ich ihrer Frage aus, weil ich genau wusste, dass ein Ich weiß nicht, wovon du sprichst nichts bringen würde. Nur weitere Nachfragen, die ich auch nicht beantworten wollte.
»Wie kann man es dann sagen?« Sie nahm ihre Gabel wieder auf und widmete sich dem Rest ihres Salats. »Manchmal ist es gut, wenn man darüber spricht.«
War es das? Ich wusste es nicht. Ich neigte eher dazu, alles für mich zu behalten und auch mit mir selbst auszumachen. Zur Ablenkung hatte ich immer die Arbeit, und das hatte oft auch gut funktioniert. Irgendwann erledigten sich die Gedanken von selbst, weil sie von anderen Gedanken überlagert wurden.
»Ich weiß nicht«, sagte ich. Ein Schluck von meinem Cappuccino verschaffte mir ein wenig Zeit. »Das ändert ja nichts an den Tatsachen.«
»Das vielleicht nicht.« Interessiert, aber auch durchaus mitfühlend beugte Julia sich vor. »Aber es macht sie besser verständlich.« Sie zuckte die Schultern. »Oder erträglich. Je nachdem.«
»Hast du darin Erfahrung?« Ehrlich gesagt war ich ein wenig überrascht. »Du bist doch seit Jahren glücklich verheiratet.«
»Hmhm.« Julia nickte. »Dem würde ich nicht widersprechen. Und ich bin froh darüber. Aber bevor es so weit war . . .« Sie holte tief Luft. »Es gibt schon einen Grund dafür, warum ich so glücklich bin, Thorsten gefunden zu haben.« Ihre Mundwinkel zuckten. »Mehrere Gründe, um genau zu sein.«
»Und ich dachte immer, du bist so brav«, platzte ich heraus. »Oh Entschuldigung«, setzte ich sofort nach. »Das geht mich natürlich nichts an.«
Sie lachte. »Das brave Image hatte ich schon immer. Weil ich gern Regeln einhalte. Aber das ist mehr eine Folge meiner Erziehung. Innerlich hatte ich oft andere Vorstellungen. Zumindest, als ich jung war.«
»Du bist noch immer jung.« Diese Antwort löste sich automatisch von meinen Lippen.
»Das ist relativ.« Erneut zuckte sie leicht die Achseln. »Seit ich auf die Vierzig zugehe, denke ich manchmal, die Zeit vergeht ein bisschen schnell für all das, was ich gern noch tun würde.« Sie sah mich prüfend an. »Wir sind im selben Alter, nicht?«
Diese Aussage traf mich unvermutet. Aber es blieb mir gar nichts anderes übrig, als zu nicken. Sie hatte recht.
»Machst du dir nicht manchmal auch solche Gedanken?«, fragte sie. »Vor allem, da du ja –« Sie unterbrach sich selbst und lächelte entschuldigend. »Aber das geht nun mich wiederum nichts an. Seit ich verheiratet bin, neige ich dazu, das auch von jedem anderen zu erwarten. Weil ich es so schön finde.«
»Ich habe noch nie übers Heiraten nachgedacht«, musste ich zugeben. »Oft arbeite ich so viel, dass ich um sechs das Haus verlasse und erst um Mitternacht heimkomme. Und das war schon immer so. Da bleibt nicht viel Zeit für soziale Kontakte.«
»Das habe ich gemerkt.« Leicht vorwurfsvoll schürzte sie die Lippen. »Meine Einladungen hast du ja auch immer abgelehnt.«
»Nicht immer«, protestierte ich.
»Einmal ist keinmal«, gab sie trocken zurück. »Aber nach dem, was du mir gerade erzählt hast, verstehe ich jetzt besser, was der Grund für die Ablehnungen war.« Sie beugte sich erneut vor. »Und ich meine nicht die Arbeit.« Ihre Augen blitzten fast ein wenig herausfordernd.
»Es tut mir leid.« Und das meinte ich ernst. »Ich hätte es dir vielleicht erklären sollen.«
Sie schüttelte den Kopf. »Nicht nötig. Ich bin manchmal etwas zu überschwänglich, das ist mir bewusst. Ich bin gern mit Menschen zusammen, möchte nicht darauf verzichten, aber nicht jeder ist so. Und das respektiere ich.«
Ich lehnte mich zurück, um den letzten Schluck von meinem Cappuccino zu nehmen. »Es ist nicht so, dass ich ungern mit Menschen zusammen bin«, schränkte ich ein. »Schließlich mache ich das den ganzen Tag hier in der Firma. Und das mache ich durchaus gern.«
»Weil es Arbeit ist.« Sie schmunzelte. »Da fällt es dir leicht. Aber im Privatleben? Was ist jetzt damit? Du hast meine Frage von vorhin immer noch nicht beantwortet.«
Und das hatte sie gemerkt. Das hätte ich mir denken können. Auch wenn ich gehofft hatte, mich da rauslavieren zu können.
»Gar nichts ist damit.« Abwehrend schüttelte ich den Kopf. Was gingen meine . . . Fantasien irgendwelche Kolleginnen an?
Aber da merkte ich, dass Julia doch nicht nur irgendeine Kollegin war. Ich wollte es ihr tatsächlich erzählen.
Zur Unterstützung holte ich tief Luft. »Vor Kurzem ist eine neue Nachbarin eingezogen, und ich habe mich –« Peinlich berührt räusperte ich mich. »Ich habe mich benommen wie ein Teenager, wenn du es genau wissen willst. Was«, ich stellte meine Tasse aufs Tablett zurück, »ich nicht mehr bin, wie wir beide eben übereinstimmend festgestellt haben.«
Sie legte den Kopf zurück und lachte. Dann sah sie mich mit noch immer lachenden Augen an. »Was aber nicht heißt, dass man sich manchmal nicht so fühlen darf. Und das genießen darf.« Immer noch schmunzelnd griff sie nach ihrem Tablett. »Wie wäre es, wenn wir dieses Gespräch heute Abend fortsetzen? In einem Restaurant? Ich weiß, dass du meistens in Restaurants isst, und Thorsten ist für eine Woche auf einem Seminar. Du würdest ein gutes Werk tun, seiner grünen Witwe einen Grund zum Ausgehen zu geben.«
»Dafür stehen dir bestimmt eine Menge Leute zur Verfügung«, versuchte ich mich herauszuwinden.
»Die im Moment aber alle nicht so interessant sind wie du.«
Mit unseren Tabletts gingen wir zur Sammelstelle hinüber.
»Das gebe ich ehrlich zu«, fuhr sie mit einem Blick auf mich fort. »Ich verstecke das nicht. Ich bin neugierig.« Sie stellte ihr Tablett auf das Fließband. »Aber ich bin keine Klatschtante. Und manchmal hilft es tatsächlich, darüber zu reden, was einen so beschäftigt.«
Auch ich stellte mein Tablett ab und folgte ihm mit meinem Blick, bis es vom Fließband getragen hinter einer Lasche verschwand.
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