Adventskalender: 5. Türchen

Manuela Schopfer
Kutschenfahrt ins Glück (5)

»Du heißt Wolfsburgen?«, hakte Sophie nach, sobald sie im Auto saßen. »Warum hast du mir das nicht gesagt?«

Schuldbewusst legte Elisabeth ihre Stirn in Falten. »Irgendwie war keine Zeit dazu. Und es ist auch nicht so wichtig.«

»Nicht so wichtig?« Sophie verschränkte die Arme vor der Brust. »Du hast mir gesagt, der Park gehört der Familie Wolfsburgen, das Anwesen –« Sie brach ab. Immer noch konnte sie es offensichtlich kaum glauben.

»Ja, das stimmt«, gab Elisabeth zu. »Aber ist das denn jetzt so schlimm?« Sie wandte ihr Gesicht kurz Sophie zu. »Was für eine Bedeutung hat das?«

»Na du bist gut.« Immer noch sah Sophie ziemlich verärgert aus. »Stehst du immer mit deiner Kutsche am Park, um Frauen aufzugabeln?«

»Was?« Elisabeth blieb fast das Herz stehen. »Das denkst du von mir?«

Sophie zuckte die Schultern. »Weshalb solltest du sonst im kältesten Wetter Kutsche fahren? Das hast du doch gar nicht nötig.«

Das hatte eine gewisse Logik, sah Elisabeth ein. »Nein«, sagte sie, »aber das mit der Kutsche . . . Das hat andere Gründe.« Sie hielt an, weil sie bereits im Park angekommen waren, direkt vor dem großen Gebäude, dessen hohe Giebel man durch die Hecke sehen konnte. »Können wir später darüber reden?«, bat sie Sophie und sah ihr tief in die Augen. »Das hier ist jetzt wichtiger.«

Sie lächelte, weil sie sah, dass Sophies Verärgerung wohl eher davon kam, dass sie verunsichert war, als davon, dass sie wirklich glaubte, was sie da gesagt hatte. Rasch griff sie nach ihrer Hand und drückte sie. »Vertraust du mir?«, fragte sie weich.

Sophie sagte zwar nichts, aber ihr Blick ließ Elisabeths nicht los, als sie stumm nickte.

Sie stiegen aus und stapften durch den Schnee auf das Haupthaus zu, als es hinter ihnen wieherte.

»Kandesch!«, rief Hanna sofort. »Darf ich zu ihm? Oh bitte, Mami, biiittteee!« Sie wollte sich schon mit strahlenden Augen auf den Weg zum Stall machen, wo aus einer Box Kandeschs Kopf herausschaute.

»Jetzt nicht«, sagte Sophie. »Später.« Sie nahm Hanna wieder auf den Arm.

Elisabeth hatte mit Genugtuung bemerkt, dass Frau Guteisens Reaktion darauf hinwies, dass sie davon ausging, dass Hanna sich hier auskannte. Woher sollte sie sonst das Pferd kennen und dessen Namen?

Sie öffnete die schwere, alte Eichentür und hielt sie auf. »Bitte«, sagte sie und ließ alle eintreten, auch wenn sie Barbara die Tür gern vor der Nase zugeschlagen hätte.

Im selben Moment kam eine ältere Frau von hinten nach vorn in die Eingangshalle. »Brauchen Sie etwas, Frau von Wolfsburgen? Soll ich Tee oder Kaffee machen für Ihre Gäste?«

»Nein danke, Martha«, sagte Elisabeth freundlich. »Im Moment brauchen wir nichts. Ich rufe Sie dann, wenn etwas ist.«

»Sehr wohl.« Martha neigte bestätigend den Kopf und zog sich wieder in den hinteren Teil der Halle zurück, aus dem sie gekommen war.

»Entschuldigen Sie«, wandte Elisabeth sich äußerst verbindlich an Frau Guteisen. »Ich habe Sie gar nicht gefragt. Hätten Sie gern etwas gehabt? Einen Kaffee?«

Frau Guteisen war sprachlos. »Nein. Nein, danke«, stammelte sie überwältigt und blickte zu der hohen Decke hinauf.

»Hier wäre dann der Salon.« Elisabeth ging vor und öffnete eine Tür. »Daneben das Esszimmer und das Wohnzimmer. Alle Zimmer auf dieser Seite führen in den Wintergarten mit Terrasse, und der liegt natürlich direkt am Garten, der ein Teil des großen Parks ist.«

»Natürlich«, wiederholte Frau Guteisen beeindruckt.

Elisabeth sah, dass auch Sophie so aussah, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen, und sie hoffte, sie würde damit noch warten, bis Frau Guteisen wieder gegangen war. Wie sie aus dem Augenwinkel bemerkte, war Barbaras Gesichtsfarbe ebenfalls in eine geradezu vornehme Blässe übergegangen. Ob sie in Ohnmacht fallen würde, interessierte Elisabeth allerdings nicht.

»Die anderen Zimmer sind oben.« Sie wandte sich erneut an Frau Guteisen. »Das Kinderzimmer und . . .«, sie zögerte, »das Schlafzimmer. Möchten Sie die auch sehen?«

»Ja. Ja, bitte«, entgegnete Frau Guteisen leicht atemlos.

Elisabeth hatte den Verdacht, dass sie mittlerweile rein aus Neugier die Besichtigung fortsetzen wollte. Schließlich gab es keinen Tag der offenen Tür in diesem Anwesen, und sie wollte sich die Gelegenheit wohl nicht entgehen lassen, alles zu begutachten, bevor sie es wieder verlassen musste.

Im selben Moment, als Elisabeth Frau Guteisen und auch Sophie die Treppe hinaufführte, hörte sie hinter sich die schwere Eingangstür ins Schloss fallen. Barbara war gegangen. Sie konnte nicht sagen, dass sie das bedauerte.

»Bitte, hier entlang.« Ein freundliches Lächeln strahlte von Elisabeths Gesicht, als sie ihre staunenden Besucherinnen durch den Gang im oberen Stock zur nächsten Zimmertür führte. »Das Kinderzimmer«, stellte sie vor, als sie sie öffnete.

Lässig an den Türrahmen gelehnt beobachtete sie Frau Guteisen dabei, wie sie neben Sophie das Kinderzimmer betrat.

Sophie blieb sofort stehen. Ihre Augen weiteten sich zu riesengroßen Smaragden.

»Mami, Mami, lass mich runter!« Hanna zappelte in ihrem Arm.

Geistesabwesend tat Sophie ihrer Tochter den Gefallen, und Hanna stürzte sich sofort auf die Spielsachen, die in den Regalen untergebracht waren. Sie schaffte es sogar, eine Kiste herauszuziehen, die ihren bunten Inhalt überall auf dem Fußboden verteilte.

»Das ist ein Kinderzimmer, wie ich es schon lange nicht mehr gesehen habe«, sagte Frau Guteisen lächelnd. Sie schaute zuerst Elisabeth an und dann Sophie. »Ich wünschte, jedes Kind, das ich betreue, hätte so etwas.« Sie holte tief Luft. »Hier brauche ich mir jedenfalls keine Sorgen mehr zu machen.« Ihre Augen nahmen einen höchst zufriedenen Ausdruck an. »Der Fall ist abgeschlossen, davon können Sie ausgehen.« Sie hob die Hand, als Elisabeth sie hinunterbegleiten wollte. »Danke, ich finde den Weg.«

Und kurz darauf fiel unten die Tür zum zweiten Mal ins Schloss.

»Wie . . . Wie hast du das gemacht?«, stotterte Sophie. »Du konntest doch nicht wissen, dass . . . dass wir hierherkommen würden. Und du hast ein volleingerichtetes Mädchenzimmer?« Ihr Blick schweifte über die Einrichtung. »So etwas Schönes habe ich wirklich noch nie gesehen.«

Hanna brauchte sie gar nicht erst zu fragen, was sie von diesem Kinderzimmer hielt. Sie war mittlerweile voll in all den Spielsachen versunken, die sie gefunden hatte, und probierte eins nach dem anderen völlig in sich gekehrt aus.

»Es freut mich, dass es dir gefällt. Und Hanna.« Elisabeth schluckte. »Meiner Tochter hat es auch immer gefallen.«

Sophie starrte sie entgeistert an. »Deiner . . . Tochter? Du hast eine Tochter?«

Elisabeth schluckte erneut. »Ich . . . hatte«, brachte sie mühsam hervor. »Meine Frau und meine Tochter sind vor ein paar Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen.«

»Oh mein Gott. Elisabeth . . .« Sophie trat auf sie zu und zog sie in ihre Arme. »Das tut mir so leid.« Sie streichelte Elisabeths Rücken sanft.

»Ich dachte . . .« Der Frosch in Elisabeths Hals wollte sich gar nicht mehr verabschieden. Sie räusperte sich angestrengt. »Ich dachte, ich würde nie wieder etwas für eine Frau empfinden. Charlott war meine große Liebe. Für ein ganzes Leben, dachte ich. Und Antonia . . .« Sie warf einen Blick zu Hanna hinüber.

»Deshalb hast du das Zimmer hier. Es ist . . . war Antonias Zimmer«, sagte Sophie leise.

Elisabeth nickte. »Ich habe nie etwas daran verändert. Manchmal habe ich nur hier gesessen –« Sie brach ab.

»Das verstehe ich. Das verstehe ich so gut.« Sophie streichelte mit ihrer weichen Hand Elisabeths Wange und schaute sie aus mitfühlenden Augen an. »Wenn Hanna etwas passieren würde . . .«

Elisabeth holte tief Luft. »Deshalb hätte ich alles getan, um das zu verhindern. Ich wusste genau, wie du dich fühlst.«

Sophie lächelte leise. »Deshalb wusstest du, wie du mit ihr umgehen musstest.«

»Das war leicht.« Elisabeth konnte nun auch wieder lächeln. »Sie ist so ein süßes Kind.« Langsam erholte sie sich von der Reise in die Vergangenheit, die sie mehr mitgenommen hatte, als sie gedacht hätte. Seit sie Sophie kannte, hatte sich so vieles verändert. Aber es hatte auch einiges wieder hervorgeholt. »Als ich das erste Mal sah, wie du sie da im Kindergarten umarmtest, da dachte ich fast – » Nun musste sie doch noch einmal schlucken. »Da dachte ich fast, ich sähe Charlott und Antonia vor mir.« Sie verzog schief einen Mundwinkel. »Dabei siehst du Charlott gar nicht ähnlich.«

»Ist sie das?«, fragte Sophie und wies mit dem Kopf auf ein Bild, das in einem goldenen Rahmen an der Wand hing.

Elisabeth durchfuhr ein leiser Schauer. Sie brauchte gar nicht hinzusehen, sie wusste, welches Bild Sophie meinte. »Ja«, antwortete sie leise. »Wenn ich hier sitze, schaue ich sie beide an.«

»Ich sehe ihr wirklich nicht ähnlich«, stellte Sophie fest. »Aber die Kinder haben durchaus Ähnlichkeit.«

»Alle Kinder sehen sich ähnlich.« Elisabeth lächelte leise. »Irgendwie.« Endlich wagte sie es, sich umzudrehen und ebenfalls das Bild anzuschauen. Erstaunt bemerkte sie, dass es nicht mehr so wehtat wie das letzte Mal. »Ich bin beinahe daran zerbrochen«, setzte sie hinzu. »Ich habe mich danach in meiner Arbeit vergraben und bin auf der Suche nach baufälligen Immobilien unermüdlich quer durch die Stadt gezogen. Aber egal, was ich tat, und egal, wo ich war, ich konnte dem Schmerz nicht entkommen.«

Ohne etwas zu sagen streichelte Sophie nur sanft ihren Arm und drückte ihn.

Ein etwas schiefes Grinsen hob Elisabeths Mundwinkel. »Und das ist auch die Erklärung für die Kutsche.«

Fragend hob Sophie die Augenbrauen. »Die Kutsche?«

Elisabeth nickte. »Ich konnte früher nicht viel mit Pferden anfangen. Das war Charlotts Hobby. Aber ich habe mich dadurch wieder mit ihr verbunden gefühlt. Denn etwas von ihr war noch da, im Stall, und in den Pferden. Durch das Kutschenfahren fühlte ich mich Charlott auf eine Weise wieder nah, und es hat geholfen, mein Herz zu heilen. Es hat mir so gutgetan, dass ich beschloss, mich nur noch vormittags um meine Immobilien zu kümmern und am Nachmittag weiter mit der Kutsche zu fahren.«

»Sie war wunderschön.« Zärtlich legte Sophie einen Arm um sie, lehnte ihren Kopf an Elisabeths Schulter und betrachtete mit ihr gemeinsam das Foto.

»Tja, ich weiß auch nicht . . .«, Elisabeth sah sie zärtlich an, und ihre Augen blitzten etwas schelmisch, »warum schöne Frauen so ein Faible für mich haben.«

Sophies Wangen färbten sich rosa. »Ich bin nicht schön. Guck doch diese Lumpen an, in denen ich stecke.« Sie senkte den Blick.

»Du bist wunderschön.« Elisabeth lächelte voller Liebe. »Und ich würde mir wünschen«, sie räusperte sich, »dass dieses Kinderzimmer wirklich Hannas Zimmer würde.«

Sophie schluckte. »Es war Antonias Zimmer. Und du hast es nie verändert.«

»Nein«, bestätigte Elisabeth. »Aber vielleicht wird es Zeit dafür. Antonia werde ich immer in meinem Herzen tragen, doch für Hanna ist da auch noch Platz. Ebenso wie in diesem Zimmer.«

»Und dein Herz ist auch noch groß genug für Charlott«, vermutete Sophie mit einem traurigen Ausdruck in der Stimme.

Elisabeth zog sie ganz fest in ihre Arme. »Du denkst, dass ich will, dass nur Hanna hier einzieht?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte Sophie unsicher. »Wir kennen uns erst ein paar Tage. Und ich will Charlott nicht aus deinem Herzen vertreiben.« Sie schluckte erneut.

»Denkst du, dass mein Herz weniger Platz hat als dieses Haus?«, fragte Elisabeth neckend. »Alle, die zu mir gehören, können in diesem Haus wohnen. Und alle, die zu mir gehören, werde ich ewig in meinem Herzen tragen. Von dort wird niemand vertrieben, nur weil jemand dazukommt.«

»Ich . . . gehöre . . . zu dir?« Sophies Stimme klang tränenerstickt, aber diesmal waren es keine Tränen der Trauer oder des Schmerzes, das hörte man ihr an.

»Wenn du willst«, erwiderte Elisabeth zurückhaltend. »Es ist natürlich deine Entscheidung. Wie du schon sagtest, kennen wir uns erst ein paar Tage –«

Sie konnte den Satz nicht zu Ende bringen, denn Sophie unterbrach sie mit einem Kuss. »Ich habe das Gefühl«, hauchte sie, als sie den Kuss beendete, »ich kenne dich schon mein ganzes Leben.«

Elisabeths Herz schlug ihr bis zum Hals. »Ich dachte, ich könnte nie wieder eine Frau lieben.« Ihre Stimme brach, und sie atmete tief durch. »Aber du hast mir gezeigt, dass das geht, dass nur die richtige Frau kommen muss.« Sie senkte ihre Lippen auf Sophies und spürte, wie verbunden sie waren. Das hätte sie nach Charlott nie mehr für möglich gehalten. »Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch.« Sophie schüttelte den Kopf. »Noch vor ein paar Tagen hätte ich jeden für verrückt erklärt, der das nach so kurzer Zeit sagt.«

»Du musst es nicht sagen«, erwiderte Elisabeth etwas beschämt. »Lass dir ruhig Zeit. Vielleicht habe ich dich auch zu sehr damit überfahren.«

Ein kleines Lächeln legte sich um Sophies Mundwinkel. »Ich weiß, was es heißt, überfahren zu werden. Glaub mir, das hast du nicht getan.« Ihre Arme legten sich um Elisabeths Hals und ihre Fingerspitzen kraulten zärtlich ihren Nacken. »Und ich danke dir. Für alles, was du für uns getan hast, für mich und Hanna. Barbara –« Sie brach ab.

»Barbara ist Vergangenheit.« Elisabeth lächelte sie zuversichtlich an. »Du wirst nie wieder von ihr hören. Wenn sie das versucht, werden sich meine Anwälte mit ihr beschäftigen.«

Es war, als könnte man den Stein, der eben von Sophies Herzen gefallen war, richtig hören. »Ich kann gar nicht glauben, dass es vorbei ist. Wahrscheinlich werde ich dafür noch eine Weile brauchen«, erwiderte sie schwach.

»Und in der Zwischenzeit kannst du dich hier ausruhen«, schlug Elisabeth vor. »Ich habe mehrere Gästezimmer, du kannst dir eins aussuchen.«

»Gästezimmer.« Der Vorschlag schien Sophie zu überraschen.

»Naja, ich dachte . . .« Elisabeth fühlte eine verlegene Röte in ihr Gesicht steigen.

»Vielleicht denkst du manchmal ein bisschen zu viel.« Sophies Lächeln ging auf wie die Sonne und umfasste Elisabeths ganzes Gesicht. »Wenn ich mich recht erinnere, hast du Frau Guteisen einen Raum noch nicht gezeigt.«

»Ich habe ihr mehrere Räume nicht gezeigt.« Elisabeth wand sich ein bisschen.

»Du weißt genau, welchen ich meine.« Ein neckisches Funkeln schlich sich in Sophies Augen. »Allerdings sollten wir Hanna vorher erst ins Bett bringen.« Sie wartete Elisabeths Antwort gar nicht ab, sondern löste sich aus ihren Armen und fragte: »Hanna, mein Schatz, möchtest du gern in diesem Zimmer schlafen?«

»Spielen«, entgegnete Hanna, ohne richtig aufzusehen. Ihr Blick wurde von den vielen Spielsachen gefesselt.

Sophie lachte. »Aber nicht die ganze Nacht durch. Die Spielsachen sind morgen auch noch da, wenn du wieder aufwachst.« Sie hob Hanna hoch. »Ich glaube, jetzt müssen wir Elisabeth erst einmal fragen, wo das Badezimmer ist.« Schnell warf sie einen Blick zu Elisabeth herüber.

»Hier.« Elisabeth zeigte auf den Gang.

Sophie folgte ihr ins Bad und fand sich dort schnell zurecht, um Hanna für die Nacht fertigzumachen.

Elisabeth schaute ihr zu und fühlte sich an frühere Zeiten erinnert.

»Oh mein Gott, Samuel!«, stieß Sophie plötzlich hervor. »Ohne ihn schläft sie niemals ein.« Sie blickte ratlos zu Elisabeth hoch.

»Ich hole ihn«, bot Elisabeth an und stürmte schon los, bevor Sophie widersprechen konnte. »Sind ja nur ein paar Minuten!«, rief sie im Laufen noch zurück.

In Sophies Wohnung schnappte sie sich den Teddybären und warf rasch noch ein paar von Hannas und Sophies Sachen in eine Tasche. Viel war es ohnehin nicht, und das meiste sah so aus, als ob Sophie es demnächst sowieso aussortiert hätte, hätte sie eine Wahl gehabt.

Ein letztes Mal blickte Elisabeth sich in der Wohnung um. Hier gab es nichts mehr, nach dem Sophie sich zurücksehnen würde.

Zwei Stufen auf einmal nehmend sprang sie die Treppe hinunter, sodass sie möglichst wenig von dem Geruch im Hausflur mitbekam, und stürmte wieder zu ihrem Wagen.

»Das ging aber schnell«, begrüßte Sophie sie, die Hanna mittlerweile ins Bett gebracht hatte, auf der Bettkante saß und ein Bilderbuch in Händen hielt.

»Wie ich sagte, nur ein paar Minuten.« Elisabeth lächelte sie an und zog Samuel aus der Tasche. »Hier ist er.«

»Samuel!«, schrie Hanna mit leuchtenden Augen auf und streckte die kleinen Ärmchen aus.

Elisabeth gab Sophie den Bären, und die gab ihn weiter an Hanna, die sich sofort an ihn kuschelte.

»Ich habe ihr eine Geschichte vorgelesen«, flüsterte Sophie leise. »Aber das ist nicht dasselbe.«

»Natürlich nicht«, sagte Elisabeth.

Sie lächelte Sophie an, und dann lächelten sie beide auf Hanna hinunter, die nur noch kurz gegen den Schlaf ankämpfte und dann ohne Übergang die Äuglein schloss.

Vorsichtig legte Sophie das Buch zur Seite, stand auf und zog die Bettdecke um Hanna herum noch einmal glatt. »Jetzt weckt sie nichts mehr so leicht auf«, flüsterte sie zärtlich.

Ganz leise zogen sie die Tür ins Schloss, als sie hinausgingen.

»Also, welches Zimmer willst du haben?«, fragte Elisabeth. »Soll ich sie dir zeigen?«

»Untersteh dich.« Sophie schmunzelte. Schelmisch zwinkerte sie Elisabeth zu und überbrückte den kleinen Abstand zwischen ihnen, bis sich ihre Lippen in einem innigen Kuss verbanden.

Elisabeth ließ sich fallen, in Sophies Arme und in ihren Kuss. Sophies Zunge, die neckend über ihre Lippen strich und um Einlass bat, trat ein Feuerwerk in ihrem Körper los, dem sie sich atemlos hingab. Immer wieder umspielten sich ihre Zungen, zogen sich zurück, nur um sich noch intensiver miteinander zu verbinden. Das Flattern in ihrem Bauch meldete sich zurück und das Verlangen, mehr von Sophie zu spüren, loderte mit jeder Sekunde mehr und mehr in ihr auf.

Langsam löste sie sich aus dem Kuss und sah Sophie in die wunderschönen grünen Augen. »Weißt du, was in diesem Haus noch fehlt?« Ihre Lippen verzogen sich zu einem breiten Lächeln. »Ein Weihnachtsbaum. Einer für unsere kleine Familie.«

»Das . . . wäre großartig.« Sophie lächelte zurück. »Hanna wird begeistert sein, denn einen Baum hat sie schon seit Jahren nicht gehabt. Aber jetzt«, sie zwinkerte, »möchte ich gern dein Schlafzimmer sehen. Unser«, sie zögerte etwas, »Schlafzimmer.«

Elisabeth wusste, was sie dachte. Das Schlafzimmer war nicht nur Elisabeths, es war Elisabeths und Charlotts gewesen.

»Wir können in eins der Gästezimmer gehen«, schlug Sophie hastig vor, weil sie merkte, dass Elisabeth unschlüssig auf der Stelle verharrte. »Das ist absolut in Ordnung für mich.«

Langsam schlich sich ein Schmunzeln in Elisabeths Gesicht. »Ich dachte, du wolltest nicht in ein Gästezimmer?« Kurzentschlossen griff sie nach Sophies Hand und zog sie den Gang entlang. »Hier«, sie öffnete eine Tür, »ist unser Schlafzimmer.«

Immer noch zögernd trat Sophie einen Schritt hinein und nahm die Einrichtung mit einem herumschweifenden Blick in sich auf.

Elisabeth folgte ihr, zog sie in ihre Arme, küsste sie und schloss die Tür mit dem Fuß hinter sich.

ENDE

Bewertung (7)

5 von 5 Sternen
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Wer hat hier bereits Kommentare abgegeben?

  • Alexa
  • Nikki
  • Beate
  • Sima
  • Ruth Gogoll
  • Johanna
  • Christine
  • Kira
  • Anne
  • Manuela Schopfer
  • Alexa

    Permalink

    Eine sehr schöne Geschichte, die richtig ans Herz geht. Mit Kutsche, Schnee und allem, was frau will, jede Menge Gefühl, nämlich. :) Die Böse wurde in die Flucht geschlagen, niedergestreckt von ihren eigenen Waffen. Eine runde Sache, würde ich sagen und vielen Dank für die schöne Lesezeit. :)

    Sonntag, 9. Dezember 2018 20:11
  • Manuela Schopfer

    Alexa Permalink

    Danke Dir, Alexa.
    Ja, schliesslich ist das eine Adventsgeschichte mit Happyend. ;) Und wenn das „Böse“ so richtig auf die Nase fliegt, dann freut uns das doch alle. :)

    Sonntag, 9. Dezember 2018 20:26
  • Beate

    Permalink
    Mit 5 von 5 Sternen bewertet

    Elisabeth schluckte. »Meiner Tochter hat es auch immer gefallen.«
    Oh.

    »Meine Frau und meine Tochter sind vor ein paar Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen.«
    :o

    Donnerstag, 6. Dezember 2018 15:33
  • Sima

    Permalink
    Mit 5 von 5 Sternen bewertet

    Meinen herzlichen Glückwunsch an die Autorin für diese wundervolle Geschichte. :) Das hat mir den Tag ein wenig versüßt. Danke dafür. Mit Ruth's Feinschliff ist sie nun auch richtig rund geworden. Vor allem das Ende gefällt mir so sehr gut. Ja, Barbara hätte durchaus noch eine "Abreibung" verdient gehabt, aber ihr dummes und entgeistertes Gesicht beim Anblick dieses Hauses hat mir auch so eine gewisse Genugtuung verschafft. :) Da spielt es auch keine Rolle, dass diese Person genaugenommen gar kein Anrecht darauf gehabt hätte, mit zu diesem Anwesen zu fahren. ;)

    Mittwoch, 5. Dezember 2018 19:14
  • Ruth Gogoll

    Sima Permalink

    Anrecht hin oder her - Wer hätte sie daran hindern sollen? Sie ist ja wahrscheinlich mit ihrem eigenen Wagen hinterhergefahren, mit Frau Guteisen drin, denke ich mal. Denn die saß ja nicht mit im Auto von Sophie und Elisabeth.

    Außerdem hätte ich an Elisabeths Stelle ihr auch nie den Anblick des Hauses verweigern wollen. ;) So eine Genugtuung, nach allem, was sie Sophie angetan hat, ist doch einfach zu schön.

    Mittwoch, 5. Dezember 2018 20:10
  • Manuela Schopfer

    Sima Permalink

    Freut mich, Sima, wenn ich Dir damit den Tag versüßen konnte.
    Vielleicht ist es für Barbara auch schon Strafe genug, wenn sie jetzt einsehen muss, dass sie auf ganzer Linie verloren hat. ;)

    Mittwoch, 5. Dezember 2018 19:44
  • Anne

    Permalink

    ...oder Barbara wäre wie Rumpelstilzchen im Erdboden versunken (obwohl: das kommt im Kinderzimmer eher nicht sooooooooooooooo gut :o;))...

    Danke für den Buchtipp. Werden die Adventskalendergeschichten immer eine Anthologie?

    Ach und was die Überarbeitung angeht:
    Viele Pferdebsitzer bekommen vermutlich aufgestellte Nackenhaare wegen der Zuckerstückchen. Apfel oder Möhre wären eine gute Alternative :)

    Mittwoch, 5. Dezember 2018 16:57
  • Ruth Gogoll

    Anne Permalink

    Ja, die Adventskalendergeschichten erscheinen schon seit vielen Jahren immer als Anthologie. Hier sind sie alle: https://www.elles-webshop.de/Weihnachten

    Mittwoch, 5. Dezember 2018 17:09
  • Johanna

    Permalink
    Mit 5 von 5 Sternen bewertet

    Was soll ich sagen *schnief*, einfach nur schön.
    Und das mit dem Kinderzimmer war eine tolle Idee. Schade, dass Barbara das Zimmer nicht auch noch gesehen hat und dann vor Schreck/Neid die Treppe rückwärts runterfällt, grins.

    Mittwoch, 5. Dezember 2018 13:44
  • Ruth Gogoll

    Johanna Permalink

    Das kann die Autorin ja dann bei der Überarbeitung für die gedruckte Fassung nächstes Jahr noch einbauen. ;) Gute Idee. Oder was meinst Du, Manuela?

    Mittwoch, 5. Dezember 2018 15:04
  • Manuela Schopfer

    Ruth Gogoll Permalink

    @Johanna & Ruth
    Ja, Eure Idee hat was. Denn Barbara hätte definitiv noch einen Denkzettel verdient. :) Die Treppe runterfallen lassen wäre natürlich eine Möglichkeit. Nur wird sich wohl niemand finden, der Barbara nachher aus Elisabeths Haus befördert. Und so einfach am Treppenabsatz liegen lassen, kann ich sie ja auch nicht. Mit der Zeit würde sie ja anfangen zu stinken. ;)

    Mittwoch, 5. Dezember 2018 16:55
  • Sie muss sich bei ihrem Treppensturz auch nicht gleich den Hals brechen. Es reicht, wenn sie am unteren Ende der Treppe stöhnend sitzen bleibt und Martha sie mit dem Besen aus dem Haus fegt ;)

    Mittwoch, 5. Dezember 2018 19:41
  • Ruth Gogoll

    Johanna Permalink

    Meine Güte, Ihr seid aber auch brutal. 😉 Die arme Barbara ... Die hatte doch nur eine schwere Kindheit. 😄

    Mittwoch, 5. Dezember 2018 19:51
  • Das ist das Schöne am Schreiben.
    Solche "Barbaras" gibt es leider tatsächlich. Im echten Leben, meine ich. Nur leider bekommen sie nicht immer so ihr Fett weg wie hier in der Geschichte.
    Aber wenn man die Geschichte tatsächlich selber schreibt, kann man für diese Genugtuung sorgen.
    Und das ist dann Balsam für die Seele, so ein Ende zu lesen.

    Mittwoch, 5. Dezember 2018 20:00
  • Manuela Schopfer

    Permalink

    Hallo Christine, Kira und Anne

    Vielen Dank für Eure Kommentare. Es hat mich wirklich sehr gefreut, dass Euch meine Geschichte so gut gefallen hat. Es ist wirklich sehr schön, wenn man solche Rückmeldungen wie die Eure bekommt. :)

    @Anne
    Du kannst noch mehr von mir lesen. Im diesjährigen Adventsgeschichtenbuch (K)ein Baum zu Weihnachten ist auch eine Geschichte von mir drin. ;) Außerdem habe ich die nächste Adventsgeschichte für den Adventskalender 2019 schon geschrieben. Aber um die zu lesen, musst Du Dich noch etwas gedulden. ;)

    Ich wünsche Euch allen noch einen schönen Tag, und auch weiterhin viel Spaß mit den restlichen Adventsgeschichten.

    Mittwoch, 5. Dezember 2018 12:31
  • Christine

    Permalink
    Mit 3.5 von 5 Sternen bewertet

    Eine schöne Geschichte passend in die Adventszeit. Gemütlich am Abend gelesen mit einem guten Tee. Danke an die Autorin. Wünsche eine besinnliche Zeit und sende liebe Grüße aus Graz / Österreich Christine

    Mittwoch, 5. Dezember 2018 9:47
  • Kira

    Permalink
    Mit 5 von 5 Sternen bewertet

    Das war wirklich eine wunderschöne Geschichte. Dankeschön dafür. Man konnte wirklich richtig mitfühlen. Es flossenen Tränen, doch ich konnte auch oft lachen. Schade, dass es schon vorbei ist.

    Mittwoch, 5. Dezember 2018 9:37
  • Anne

    Permalink
    Mit 5 von 5 Sternen bewertet

    Vielen Dank, das ist wirklich eine sehr schöne Geschichte!!!
    Welche Frau träumt nicht von einem Schloß...
    Zum Glück ist Phantasie etwas Unbegrenztes :)

    Ich hoffe, mal wieder etwas von Dir zu lesen und wünsche allen eine schöne Adventszeit!!!

    Mittwoch, 5. Dezember 2018 9:05
  • Claudia

    Permalink
    Mit 5 von 5 Sternen bewertet

    Ah, eine tolle Geschichte. Richtig schön. Vielen Dank dafür.🤗
    Nur schade, dass sie schon zu Ende ist😏

    Mittwoch, 5. Dezember 2018 4:08
  • Manuela Schopfer

    Claudia Permalink

    Bitte, gerne geschehen, Claudia.
    Ja, Elisabeth und Sophie haben sich gefunden, und Hanna kann Kandesch nun jeden Tag streicheln. :)

    Mittwoch, 5. Dezember 2018 8:24
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