Adventskalender: 6. Türchen

Ruth Gogoll
Du einzig mein (1)

1

Wohin zuerst? fragte Alina sich, als sie durch den breiten Eingang des Kaufhauses trat und ihr die Wärme aus dem Inneren des Gebäudes entgegenschlug.

Nicht nur das, zur Adventszeit war es hier drin auch ausnehmend voll. Ebenso wie draußen auf den Straßen. Zwar war noch nicht Heiligabend – dann würde sie sich zu Hause einschließen –, aber es war schlimm genug jetzt in den letzten Wochen vor Weihnachten.

Da Alina direkt hinter dem Eingang stehengeblieben war, hielt sie einen Teil der Menschenmenge auf, die ins Kaufhaus strömen wollte. Jemand hatte sie anscheinend nicht rechtzeitig gesehen und lief praktisch in sie hinein.

»Oh Entschuldigung.« Alina drehte sich mit einem um Verzeihung bittenden Gesichtsausdruck um. »Ich hätte nicht hier stehenbleiben sollen.«

»Puh!« Die Frau ging gar nicht auf ihre Entschuldigung ein, lächelte nur abwesend und wedelte mit einer Hand vor ihrem Gesicht herum. »Immer diese überheizten Räume im Winter!« Während sie sich suchend umschaute, begann sie schon ihren Mantel aufzuknöpfen.

Wie hypnotisiert starrte Alina ihre Finger an, wie sie einen Knopf nach dem anderen öffneten. Bitte nicht aufhören, dachte sie. Obwohl sie sich dagegen zu wappnen versuchte, konnte sie sich eines leisen Kribbelns nicht erwehren. Die Frau war ausgesprochen hübsch mit den rehbraunen Augen und dem dunklen Haar. Alina konnte ihren Blick nicht von ihr abwenden.

Wie zu erwarten hatte die Frau allerdings nicht vorgehabt, sich vollständig auszuziehen. Nachdem sie die Knöpfe geöffnet hatte, schob sie den Mantel ein wenig rückwärts über ihre Schultern, um ihren Nacken zu befreien, dann schaute sie Alina an. »Warum macht man seine Weihnachtseinkäufe eigentlich nicht im Sommer?«, fragte sie irgendwie unzusammenhängend.

Das brachte Alina zum Lachen. »Manche tun das, glaube ich.«

»Wäre viel vernünftiger«, ergänzte die Frau. Sie lächelte leicht. »Aber leider habe ich die Vernunft nicht gepachtet.« In ihren Augenwinkeln bildeten sich kleine Lachfältchen, als sie schmunzelnd hinzufügte: »Und Sie wohl auch nicht.«

»Wohl nicht.« Alina hob die Schultern und senkte sie wieder. »Sonst wären wir beide nicht hier.«

»Wie wahr, wie wahr«, bestätigte die andere. Sie ließ ihren Blick erneut schweifen. »Ich muss Parfüm für meine Tante kaufen. Das schenke ich ihr zu Weihnachten immer. Nachfüllgröße. Und trotzdem ist es nach einem Jahr leer.« Sie lachte und strebte schon zum Stand mit den verführerischen Düften hinüber.

Gedankenverloren blickte Alina ihr nach. Das Schwingen des Mantels ließ das Schwingen der weiblichen Hüften nur erahnen, aber schon allein dadurch wurde Alina noch heißer, als es ihr von der warmen Kaufhausheizung schon war. Sie hatte eigentlich nicht vorgehabt, zum Parfümstand zu gehen, aber wie an einer Schnur gezogen machte sie ein paar Schritte der Fremden hinterher.

Dann blieb sie stehen. Was tue ich hier? dachte sie. Stalke ich eine mir völlig unbekannte Frau beim Weihnachtseinkauf?

Zwischen dem Stand, zu dem ihre neue unbekannte Bekannte hinübergegangen war, und Alina wuselten Leute hin und her. Dennoch konnte Alina gut beobachten, wie dort eine der Verkäuferinnen bereits damit beschäftigt war, die Frau mit den braunen Augen zu bedienen. Sie wollte ihr ein anderes, vermutlich teureres Parfüm aufschwatzen und sprühte etwas davon auf ihre Hand, um sie zum Kauf zu verführen.

Alinas Zufallsbekanntschaft schnupperte daran, und als ob sie das ebenfalls tun wollte, trat Alina näher. Doch kaum hatte sie das getan, bereute sie es schon, denn das Parfüm, das die Verkäuferin vorgeschlagen hatte, passte hervorragend zu Alinas im Moment Angebeteter, und der Duft zog so betörend zu Alina herüber, dass sie beinah ohnmächtig davon wurde.

Die Dunkelhaarige zuckte jedoch der Verkäuferin gegenüber bedauernd die Schultern und meinte: »Zu teuer. Außerdem würde es meiner Tante glaube ich nicht gefallen. Sie ist mehr der Chanel-Nummer-5-Typ, wissen Sie?«

Die Verkäuferin lachte professionell verständnisvoll, wenn auch enttäuscht. »Ja, viele ältere Damen sind das.« Sie verzog geradezu leidend das Gesicht. »Dabei gibt es doch so viele interessante Düfte.«

Der dunkle Schopf beugte sich ein wenig zu der Verkäuferin vor. »Die kann ich mir wahrscheinlich alle nicht leisten. Aber ich kann ja öfter einmal vorbeikommen, um sie mir von Ihnen vorführen zu lassen.«

Alina hielt fast die Luft an. Diese Frau war ja wirklich sehr direkt. Innerhalb von Minuten flirtete sie so heftig mit der Verkäuferin?

Die war jedoch eher irritiert als beeindruckt. Offensichtlich war sie hetero. Sie lächelte vorsichtig zurück und trat einen Schritt zur Seite, um das Parfüm wieder unter die Glasabdeckung zu stellen. »Chanel Nº 5 also?«, fragte sie.

»Bitte«, nickte der braune Schopf bestätigend. »Die Nachfüllung.«

Mit sicherem Griff holte die Verkäuferin das Gewünschte aus einer Schublade und stellte es vor ihre Kundin auf die Glasplatte. »Als Geschenk verpacken?« Sie griff schon nach einer Rolle Geschenkpapier, die auf dem Tresen lag.

»Ja, bitte«, wurde die Anfrage erwartungsgemäß bestätigt. Während die Verkäuferin den Flacon einpackte, schaute Alinas Objekt der Beobachtung sich wie zufällig um. »Auch Parfüm?«, bemerkte sie überrascht, als sie Alina sah. »Ich dachte, Sie wären in eine andere Abteilung gegangen.«

Alina hätte sich um ein Haar entschuldigt, dass sie das nicht getan hatte, auch deshalb, weil ihr vor Verlegenheit ein wenig Rot in die Wangen stieg, denn sie war ja vor allem hiergeblieben, um diese Frau zu beobachten. Oder eher wohl, weil sie sich nicht von ihrem Anblick losreißen konnte.

»Fast wäre ich das auch«, behauptete sie, obwohl das nicht im mindesten stimmte. »Ich hatte an . . . Damenunterwäsche . . . gedacht.«

Sie stotterte herum, als hätte die andere sie beim Ladendiebstahl ertappt. Zwar hatte sie ursprünglich tatsächlich vorgehabt, der Wäscheabteilung einen Besuch abzustatten, sobald sie im Kaufhaus angekommen sein würde. Das war allerdings gewesen, bevor sie diese höchst interessante Ablenkung von allem, was mit Einkaufen zu tun hatte, getroffen hatte. Aber gerade deshalb war ihr Kopf jetzt so leer gewesen, dass ihr auf Teufel komm raus nichts anderes eingefallen war als ihr ursprünglicher Plan – der natürlich in diesem Zusammenhang völlig in die falsche Richtung führte.

»Oh?« Der Schalk fing sich in den rehbraunen Augen. »Für die Dame deines Herzens?«

Nun wurde Alina endgültig rot. Wenn Direktheit einen Namen hatte, dann war es der Name dieser Frau, den sie bisher noch nicht kannte, die sie aber trotzdem duzte, als wären sie alte Freundinnen. »Nein«, entfuhr es ihr, ohne dass sie das wirklich hatte sagen wollen. »Die habe ich leider bisher noch nicht gefunden.« Warum habe ich das jetzt gesagt? Wie komme ich darauf, ihr so etwas zu sagen? Ich kenne sie doch gar nicht. Sie musste aussehen wie eine Tomate. »Ich hatte eher . . . an mich selbst gedacht.« Ihr Mund beendete den Satz so schnell, dass sich die Wörter beinah überschlugen. Wie peinlich konnte es eigentlich noch werden?

»Wirklich? Eine so süße Frau wie du?« Die andere hob in einer Art die Augenbrauen, die Alina nicht genau lesen konnte. »Ich heiße übrigens Eike.« Mit einer Entschlossenheit, die Alina im Moment völlig abging, hielt sie ihr die Hand hin.

Überrumpelt streckte Alina ihre eigene ebenfalls aus. Das süß klang ihr immer noch in den Ohren nach. Was war hier eigentlich los? »Alina«, sagte sie. »Was für ein . . . außergewöhnlicher Name«, setzte sie dann leicht verwirrt hinzu, als Eike ihre Hand schon längst zurückgezogen hatte, sich Alinas eigene Hand aber noch so anfühlte, als hätte sie Feuer gefangen. »Ich dachte immer, das wäre ein Männername.«

»Im Norden gibt es den Namen öfter.« Eikes braune Augen, die sie so unternehmungslustig ansahen, zogen Alina immer mehr in ihren Bann. »Für Männer und für Frauen.«

»Ach so«, sagte Alina. »Das wusste ich nicht.«

Als Eike das nun mit Geschenkpapier umhüllte Parfüm von der Verkäuferin entgegennahm, blinzelte sie ihr noch einmal zu, auch wenn die Verkäuferin das nicht erwiderte. Anscheinend konnte Eike nicht anders als mit jeder Frau, die ihr über den Weg lief, zu flirten.

Dann bin ich nur eine von vielen, dachte Alina. Im nächsten Augenblick schüttelte sie über sich selbst den Kopf. Wie bitte? Woran denke ich denn da?

»Ach, so was Dummes«, ärgerte Eike sich in diesem Moment, während sie in ihr Portemonnaie hineinschaute, als würde sie in ein tiefes Loch ohne Boden blicken. »Jetzt habe ich mein ganzes Bargeld ausgegeben, und meine Karte habe ich anscheinend zu Hause vergessen.« Sie warf mit schief verzogenem Mundwinkel einen etwas blinzelnden Blick auf Alina. »Was man nicht im Kopf hat, muss man in den Beinen haben. Jetzt muss ich wohl noch einmal nach Hause zurück.«

Zwar hätte Alina ihr das Geld, das sie brauchte, am liebsten geliehen, aber so reich war sie auch nicht, und außerdem – sie kannte diese Frau doch gar nicht. Wie kam sie überhaupt auf so einen Gedanken? »Ist das weit?«, fragte sie aus Verlegenheit, weil sie nicht das sagen konnte, was ihr zuerst in den Sinn gekommen war.

»Ach nein.« Eike winkte ab. »Ich wohne praktisch hier gleich um die Ecke. Direkt in der Stadt.« Sie zögerte nur eine Sekunde, dann fügte sie hinzu: »Hättest du Lust auf einen Kaffee? Meiner ist gut.«

Alina wurde völlig überrumpelt von dem Angebot wie heute schon einmal. Diese Überrumpelungstaktik war wohl Eikes Spezialität. »Ich . . . ähm . . . na ja. Eigentlich wollte ich nachher ohnehin Kaffeetrinken gehen«, stammelte sie etwas unzusammenhängend vor sich hin.

»Dann passt es doch gut«, behauptete Eike, hakte sie unter und zog sie mit sich zum Ausgang zurück.

Im Grunde genommen wusste Alina gar nicht, wie das geschehen war, als sie kurz darauf in Eikes Wohnung stand. »Ist das nicht manchmal sehr laut, hier in der Stadt zu wohnen?«, fragte sie, während sie sich in Eikes Küche umschaute.

»Tagsüber«, antwortete Eike. »Und da bin ich meistens nicht zu Hause, weil ich arbeite. Stört mich also nicht. Nachts wird es dann so ruhig, wie es wahrscheinlich noch nicht einmal in den meisten Vororten ist. Espresso oder normalen Kaffee?« Sie stand an einer ziemlich schicken Kaffeemaschine und hatte den Daumen schon fast auf einem der vielen schimmernden Knöpfe.

»Ähm . . . normalen Kaffee«, brachte Alina zögernd hervor. Sie lächelte schief. »Ich fürchte, ich bin nicht so stylisch wie deine Kaffeemaschine.«

Eike lächelte sie so charmant an, dass das Kribbeln in Alina noch stärker als zuvor zurückkehrte und sie wegschauen musste. »Das gefällt mir ja gerade so an dir«, sagte sie, nahm eine Tasse aus einem Ständer und drückte dann auf den Knopf.

Wieder einmal war Alina überfordert von Eikes Direktheit. »Du . . .«, sie räusperte sich, »gefällst mir auch.« Hatte sie das wirklich gerade gesagt? Das konnte nur zu einer weiteren intensiven Tomatenfärbung führen, und sie fühlte sie auch schon kommen.

»Ich weiß«, erwiderte Eike grinsend, während sie noch das letzte Zischen der Kaffeemaschine abwartete und dann die gefüllte Tasse herausnahm. »Du bist mir zum Parfümstand gefolgt.« Sie brachte die Kaffeetasse zu Alina, die immer noch kurz hinter der Tür stand, und reichte sie ihr. Dabei blickte sie ihr tief in die Augen.

Alina hatte das Gefühl, ihr Atem setzte aus, als sie die Strahlen aus diesen rehbraunen Laserkanonen trafen. »Ich . . . ähm . . . nein . . . ich wollte eigentlich –«

Eike verschloss ihr den Mund mit einem Kuss, immer noch die Kaffeetasse in der Hand, die Alina ihr nicht abgenommen hatte. »Du bist so süß«, flüsterte sie an ihren Lippen.

Völlig erstarrt spürte Alina die weiche Berührung. Ihre Lippen waren der einzige Teil ihres Körpers, den Eike berührte, aber es fühlte sich an, als wäre jeder einzelne Millimeter ihrer Haut ein Teil dieser Lippen und Eike wäre gleichzeitig überall. Diesmal setzte Alinas Atem wirklich aus und ihr Herzschlag dazu. Sie hatte das Gefühl, sie müsste gleich umfallen. Sie schwankte.

»Oh-ho-ho!« Schnell stellte Eike die Tasse auf der Anrichte ab und legte einen Arm um Alinas Taille. »Setz dich lieber.« Sie führte Alina zum Küchentisch, so dass Alina sich rückwärts dagegenlehnen konnte. Dann stellte sie sich vor sie und streichelte ihr Gesicht. »Besser?«

Für einen Moment war Alina so schwindlig gewesen, dass sie nichts mehr gesehen hatte. Nun schälte sich Eikes Gesicht direkt vor ihr wie ein sich langsam klärendes Bild aus einer verschwommenen Umgebung heraus, als ob sich eine Kamera scharfstellte. »Ja«, hauchte sie, denn alle Kraft hatte sie immer noch verlassen. Ohne Eikes Unterstützung wäre sie wahrscheinlich noch nicht einmal bis hier zum Tisch gekommen.

Eike hörte nicht auf, ihr Gesicht zu streicheln, bis ihre Hände langsam auf Alinas Hals und ihre Schultern hinunterglitten, während Eikes Lippen sich wieder mit Alinas vereinigten.

Erneut wurde Alina schwindlig, und sie konnte absolut nichts dagegen tun, zurück auf den Tisch zu sinken, woran Eike sie auch nicht hinderte. Im Gegenteil, ihre Lippen lösten sich nicht von Alinas, so dass sie zum Schluss über ihr lag.

Auf einmal fühlte Alina nur noch Verwirrung. Sie wusste kaum mehr, wo sie war. Ja, sie hatte schon ziemlich lange keinen Sex mehr gehabt, aber war dieses Verlangen, das sie jetzt spürte, wirklich noch normal? Es schien jede andere Empfindung in ihrem Körper zu überlagern, zu vertreiben.

Eike war offenkundig nicht halb so verwirrt wie sie. Ihre Hände schoben Alinas Pullover hoch und auch die Bluse darunter, glitten auf ihren Rücken und öffneten den BH, so dass ihre Finger auf den weichen Halbkugeln die harten Brustwarzen suchen konnten.

Alina stöhnte laut auf, als die Blitze, die diese Berührung ausgelöst hatte, direkt zwischen ihre Beine schossen.

»Du bist nicht nur süß, sondern auch heiß, das wusste ich«, flüsterte Eike leise lachend an ihrem Hals, den sie mit kitzelnd feuchten Küssen ihrer Zungenspitze bedeckte. Eine ihrer Hände wanderte hinunter zu Alinas Hosenbund, öffnete ihn ebenso wie den Reißverschluss, und kühle Finger glitten in Alinas Slip.

Sie waren natürlich nicht wirklich kühl, sondern Alinas Mitte war so heiß, dass alles, was über der Temperatur eines Kachelofens im Winter lag, ihr kühl erscheinen musste.

Schnell wurden Eikes Finger heißer, als sie die Nässe suchten und in sie eintauchten.

Diesmal waren es nicht nur Blitze, sondern heiße Lavaströme, die auf einmal Alinas ganzen Körper bedeckten. Sie stöhnte und warf ihren Kopf zur Seite, hielt die Augen geschlossen, weil sie wusste, dass sie sich geschämt hätte, wenn sie die Widerspiegelung ihres Anblicks in Eikes Augen hätte sehen können. Sie wusste nicht, was in sie gefahren war, hatte keinerlei Kontrolle mehr über das, was hier passierte, alles schien fast ohne ihr Zutun zu geschehen.

»Ja«, flüsterte Eike drängend. »Komm. Lass dich gehen. Du kannst das.«

Ihre Finger konnten nicht in Alina eindringen, weil der Stoff der Hose sie daran hinderte, aber sie beschäftigten sich sehr intensiv mit dem kleinen Türmchen oberhalb des Eingangs, das immer mehr anschwoll und Millionen Reize durch Alinas Nervenbahnen jagte, bis sie auf einmal spitz aufschrie, steif wurde, ein Krampf sie festhielt und sich dann in immer weicher werdenden Wellen auflöste.

Schweratmend lag sie auf dem Küchentisch und fühlte nun erst den harten Untergrund, die unbequeme Position. Immer noch wagte sie es nicht, die Augen zu öffnen.

Da auf einmal meldete sich Eikes Handy. Ein kurzer Ton verkündete den Eingang einer SMS oder einer anderen Nachricht.

Sofort sprang Eike hoch und sah nach, was da gekommen war. »Verdammt!«, fluchte sie. »Ich muss weg.«

Noch einmal beugte sie sich kurz über Alina. »Du warst klasse«, warf sie ihr zu, fast wie einem Hund einen Knochen, und hauchte schnell einen oberflächlichen Kuss auf ihre Lippen, der kaum zu spüren war. »Zieh einfach die Tür zu, wenn du gehst.«

Und ohne weitere Verzögerung hörte Alina ihre schnellen Schritte sich entfernen und dann die Tür ins Schloss fallen.

Noch immer presste sie fest die Augen zusammen, bis es fast schmerzte. Das hier musste ein Traum sein. Das war alles nicht passiert. Solange sie die Augen geschlossen hielt, konnte sie sich das einbilden.

Aber das ging nicht ewig. Ihre Gesichtsmuskeln gaben irgendwann nach, und sie musste die Augen öffnen. Richtig, stellte sie infolgedessen fest. Sie lag immer noch auf einem fremden Küchentisch in einer fremden Wohnung und zwar halbnackt. Es war passiert. Was auch immer sie gern in einen Traum verbannt hätte, war tatsächlich passiert.

Endlich konnte sie der Wahrheit ins Auge sehen, richtete sich schnell auf und rutschte vom Tisch, um auf wackligen Füßen stehenzubleiben. Mit fahrigen Bewegungen schloss sie ihre Hose, ihren BH, zog Bluse und Pullover wieder herunter.

Danach stützte sie sich schweratmend mit einer Hand auf dem Tisch ab, zog sie aber schnell wieder zurück, als sie sich dessen bewusst wurde, wo ihre Hand lag, was soeben noch an dieser Stelle stattgefunden hatte.

Wie lange war es her, dass sie Sex gehabt hatte, richtigen Sex mit einer Frau, nicht mit sich allein? Elf Monate? Ja, irgendwie eine lange Zeit, aber so lang auch wieder nicht, dass sie auf so eine . . . auf so jemanden wie Eike hätte hereinfallen müssen. Am liebsten hätte sie sich selbst geohrfeigt.

Sie musste diese Wohnung so schnell wie möglich verlassen und alles vergessen, was sich hier abgespielt hatte, alles abhaken und einfach aus ihrem Leben streichen. Als sie hinausgehen wollte, sah sie die einsame Kaffeetasse auf der Anrichte stehen. Echt? Darauf war sie hereingefallen? Kommst du noch auf einen Kaffee hoch? Wie dumm konnte man eigentlich sein?

Schicksalsergeben seufzte sie auf. Na ja, so schlimm war es auch wieder nicht gewesen. Der Orgasmus zumindest hatte einiges wettgemacht. Allerdings hätte sie den auch allein mit sich selbst haben können, ohne dass sie sich jetzt wie ein Fußabtreter fühlte.

Sie hätte sich wahnsinnig gern frischgemacht, aber hier bei Eike zu duschen wäre ja noch viel schlimmer gewesen als alles andere vorher, also musste sie damit wohl warten, bis sie zu Hause war. Was eine Weile dauern würde, da sie ziemlich auf dem Land wohnte. Sie seufzte erneut, ergriff aber gleichzeitig die Türklinke, um hinauszugehen.

Im selben Augenblick klingelte das Telefon. Aber nur einmal, dann schaltete sich ein Anrufbeantworter ein. Erstaunt drehte Alina sich um. Das klang nicht wie ein Handy. Und war es auch nicht. Es war ein recht alt aussehendes Festnetztelefon, das mit einem ebenso alt aussehenden Anrufbeantworter verbunden war. Das Ganze passte nicht so recht zum Rest der doch ausgesprochen modernen chromglänzenden Wohnungseinrichtung.

»Hallo Eike«, säuselte eine Frauenstimme. »Ich mache am Wochenende eine Party. Kommst du auch? Du weißt ja, was mit mir passiert, wenn ich Wodka trinke . . .« Diese Nachricht wurde gefolgt von einem hauchigen, enervierenden Lachen, das sexy sein sollte, es aber nicht war. Auf jeden Fall nicht in Alinas Ohren.

Aus irgendeinem Grund blieb sie dennoch mit der Klinke in der Hand stehen, als wäre sie auf einmal festgewachsen, und schon klingelte das Telefon erneut. »Wo bist du, mein Tiger?«, nahm der Anrufbeantworter auf. Schon jetzt das hauchige Lachen, aber es war eine andere Stimme, eine andere Frau. »Warum rufst du mich nicht zurück? Ich träume ständig von deinen starken Armen. Ich vermisse dich so. Ich möchte dich wiedersehen. Bitte ruf mich an. Ich sehne mich so nach deinen harten –«

Entsetzt hieb Alina mit der ganzen Hand auf den Knopf, der die Verbindung unterbrach. Jetzt kam sie sich noch benutzter vor als zuvor schon. Eine von vielen, wie sie gedacht hatte. Und wenn es bei Eike immer so schnell ging wie mit ihr eben, konnte Eike ja auch eine ganze Menge Frauen an einem Tag glücklich machen . . . oder in einer Woche . . . oder in einem Monat . . .

Sie bekam fast keine Luft mehr bei der Vorstellung. Das musste ein Ende haben.

Hocherhobenen Hauptes verließ sie die Wohnung und warf die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zu.

2

Alina ließ sich ein paar Tage Zeit und verbannte das Kaufhaus und alles, was damit zu tun hatte, aus ihren Gedanken, aber dann ließ es sich beim morgendlichen Blick in ihren Kleiderschrank nicht mehr leugnen: Sie brauchte Unterhosen. Deshalb hatte sie eigentlich in die Wäscheabteilung gewollt. Weil es nur dort eine bestimmte Sorte Unterhosen gab, die nicht zwickten. Von einer ganz bestimmten Firma.

Sie dachte darüber nach, dass sie in ein anderes Geschäft gehen könnte, aber sie wusste, dass sie dort das, was sie suchte, nicht finden würde. Nur im Kaufhaus.

Also . . . überlegte sie messerscharf. Sollte sie sich jetzt auf ewig vom Kaufhaus fernhalten, nur um es zu vermeiden, auf dem Weg vielleicht Eike zu treffen, die direkt ein paar Häuser entfernt vom Kaufhaus wohnte, oder sollte sie einfach das tun, was sie schon beim ersten Mal beabsichtigt hatte, und sich nicht von Eike davon abhalten lassen?

Sie streckte trotzig ihr Kinn vor. Sie hatte sich schon einmal von Eike davon abhalten lassen, und das hatte in einem Desaster geendet. Das würde nicht noch einmal passieren. Sie beschloss, sich nicht noch einmal von Eike in ihr Leben hineinpfuschen zu lassen. Sie wollte die Unterhosen und sie kaufte sie jetzt!

Außerdem hatte Eike ja gesagt, dass sie tagsüber nicht zu Hause war, also war das Ganze eigentlich ungefährlich. Bei diesem letzten Gedanken breitete sich ein Lächeln auf Alinas Gesicht aus. Sie würde heute Nachmittag früher aus dem Büro gehen, dem Kaufhaus schnell einen Besuch abstatten und würde zu Hause sein, bevor Eike überhaupt den Schlüssel umdrehte.

 

Am frühen Nachmittag stürzte sie sich erneut ins Getümmel des vorweihnachtlichen Einkaufsrummels und fand es diesmal sogar praktisch, dass sie fast zwischen den vielen Leuten verschwand. So fühlte sie sich tatsächlich sicherer.

Sicher vor was? fragte sie sich. Hatte sie vielleicht Angst vor Eike? Energisch schüttelte sie den Kopf. Das bestimmt nicht. Im Grunde genommen hatte sie ihr, Alina, ja auch nichts getan. Das Ganze war zwar etwas überraschend gekommen, aber sie konnte wohl kaum behaupten, dass sie nicht damit einverstanden gewesen wäre.

Wovor sie tatsächlich Angst hatte, war die Anziehungskraft, die Eike auf sie ausgeübt hatte. Denn das war unstrittig: diese Anziehungskraft war da.

Pff! Auf mich wie auf tausend andere Frauen! Anscheinend machte Eike da ja auch keinen Unterschied. Sicherlich, das letzte Mal war etwas dazwischengekommen, aber nach Alinas Erholungsphase hätte Eike sonst ihr Recht eingefordert, und darum ging es ihr doch in erster Linie.

Sie musste eine enorme Libido haben, wenn so viele Frauen ihr hinterherliefen. Vermutlich sogar, nachdem Eike sie genauso unvermittelt zurückgelassen hatte wie Alina. Das tat der Sehnsucht aber keinen Abbruch, wie aus den Stimmen der Frauen auf dem Anrufbeantworter deutlich zu entnehmen gewesen war.

Alina stand vor einem unscheinbaren Regal und hielt eine der Unterhosen in der Hand, die sie kaufen wollte. Zwischendrin waren ihre Gedanken jedoch abgeschweift, und sie ärgerte sich darüber. Es gab überhaupt keinen Grund dafür. Entschlossen nahm sie mehrere Unterhosen aus dem Regal und wollte damit zur Kasse gehen.

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  • Johanna
  • Beate
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  • Ruth Gogoll
  • Johanna

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    Die arme Alina kann einem wirklich leidtun.
    Das ist ja fast, als würde auf dem Höhepunkt der Achterbahnfahrt das Gerüst unter ihr zusammenbrechen :o
    Bin gespannt, wie die nächste Begegnung ausgeht.

    Freitag, 7. Dezember 2018 18:04
  • Beate

    Permalink

    Na, diese Eike ist ja vielleicht ein Früchtchen. :) Und beinah müsste Alina jetzt mit zwickenden Unterhosen herumlaufen. 😂 Bloß gut, dass sie sich doch noch getraut hat. Jetzt bin ich mal gespannt, wie die nächste Begegnung der beiden abläuft. Es gibt doch noch eine weitere Begegnung, oder? 😮

    Donnerstag, 6. Dezember 2018 15:30
  • Anne

    Permalink

    Na Mensch, liebe Ruth, so langsam, wie die Kutsche in Manuelas Geschichte Fahrt aufgenommen hat (und soooooooooooooooo langsam war das ja auch nicht), so schnell lassen Sie es in dieser Geschichte krachen :)
    Wirklich ein sehr bunter Adventskalender, Glückwunsch!!!
    Mal sehen, ob Alina "den Tiger" zähmen kann?
    Auf jeden Fall werden viele Ihrer Leserinnen sich ein Lächeln in Kaufhauseingängen nicht verkneifen können. Und wer weiß: Vielleicht bleibt die eine oder andere ja stehen, weil sie dringend ihre Jacke öffnen muss...:)

    Donnerstag, 6. Dezember 2018 9:07
  • Ruth Gogoll

    Anne Permalink

    Freut mich, dass der Anfang gefällt. 🙂 Ja, jede Autorin ist anders und jede Geschichte ist anders. Wäre ja auch langweilig, wenn jede Geschichte im Adventskalender gleich wäre. Auch wenn das Thema die Vorweihnachtszeit oder Weihnachtszeit ist, gibt es doch sehr viele verschiedene Möglichkeiten, diese Zeit zu verbringen. 😉

    Donnerstag, 6. Dezember 2018 9:24
  • Manuela

    Permalink

    Unglaublich, was da alles passieren kann, wenn Frau Unterhosen kaufen gehen will. ;)
    Eike ist wirklich nicht auf den Mund gefallen und legt dazu noch ein Selbstvertrauen an den Tag, um das ich sie beinahe beneide.
    Du hast mich direkt zum Schmunzeln gebracht, als Alina da den Anrufbeantworter so rüde unterbrochen hat.
    Irgendwie glaube ich noch nicht daran, dass Alina da so einfach wieder aus dem Kaufhaus spazieren kann. ;)

    Donnerstag, 6. Dezember 2018 8:30
  • Ruth Gogoll

    Manuela Permalink

    Ja, dieses Kaufhaus scheint wirklich vertrackt zu sein. 😉

    Donnerstag, 6. Dezember 2018 8:43
  • Ruth Gogoll

    Permalink

    6. Dezember – Nikolaustag. 🎅🏻 Und schon geht wieder eine neue Geschichte im Adventskalender los ...

    Donnerstag, 6. Dezember 2018 7:07
  • Und was für eine tolle Geschichte dann auch noch zum Nikolaus.:)
    Eike scheint ja wirklich heiss begehrt zu sein.
    Ich wusste gar nicht, dass Unterwäsche kaufen solch einen Ausgang haben kann. 😇

    Donnerstag, 6. Dezember 2018 10:51
  • Ruth Gogoll

    Claudia Permalink

    Und die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende. 😄 Da kommt noch so einiges. Ist auch eher ein halber Roman.

    Donnerstag, 6. Dezember 2018 11:22
  • Oh ja, ich weiss und das ist auch gut so :).
    Insgesamt freue ich mich auf weitere, schöne Lesestunden mit dem Kalender.

    Donnerstag, 6. Dezember 2018 11:26

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