Adventskalender: 7. Türchen

Ruth Gogoll
Du einzig mein (2)

»Willst du die tatsächlich anziehen?« Eine amüsierte Stimme hielt sie plötzlich auf. »Wie wäre es denn stattdessen mit dem hier?« Eike wedelte mit einem Hauch von Nichts vor ihrer Nase herum, einem Seidenstring mit passendem BH.

Alina erstarrte. Jetzt musste sie stark sein. Sie tat so, als ob Eikes Auftauchen gar keine Überraschung für sie wäre, als ob sie es geradezu erwartet hätte und es ihr auch überhaupt nichts ausmachte. »Ich weiß nicht.« Uninteressiert zuckte sie die Schultern. »Das ist doch sehr extravagant. So etwas kaufe ich eigentlich nie.«

»Wieso? Du hast doch eine gute Figur.« Nonchalant ließ Eike ihren Blick von oben bis unten über Alinas Gestalt schweifen, die durch die warme Winterkleidung ziemlich verhüllt war. »Soweit ich mich erinnern kann.« Sie grinste.

Eine heiße Welle durchflutete Alina, aber sie versuchte sie zu ignorieren. »Ach, für mich allein lohnt sich das nicht«, winkte sie ab, als wäre das hier nur ein ganz harmloses Gespräch unter Nachbarinnen, und wandte sich um zur Kasse. Sie fühlte, wie sie rot wurde und das bekannte Kribbeln einsetzte, das schon beim ersten Mal ihr Untergang gewesen war, der Anfang vom Ende. Sie musste weg hier. Ganz schnell.

»Wieso denn . . . für dich allein?« Eike war hinter sie getreten, streckte den Arm über ihre Schulter und hielt ihr das luftige Ensemble noch einmal vor die Nase. »Ich würde gern sehen, wie du darin aussiehst.«

Alina hatte das Gefühl, sie musste sich selbst festhalten, denn jede Faser ihres Körpers schien sich sehnsuchtsvoll nach Eike auszustrecken. Aber Eike war keine Frau, wie sie sie suchte. Für Sex, ja, das war toll gewesen, aber sollte das einmal in der Nacht stattfinden, würde sie nicht zum Frühstück bleiben. Geschweige denn länger.

Wollte sie, Alina, das? Sie wusste, dass die Antwort nein war, auch wenn sie vor Eikes unerwarteter Aktion schon lange keinen Sex mehr gehabt hatte und ihr das den einen oder anderen erotischen Traum bescherte, wenn sie allein war. Aber so etwas wie das hier war es nicht wert. Eike zog sie an wie ein Magnet, doch was würde sie tun, wenn Alina ihr etwas von einer Beziehung erzählte?

Nicht dass sie das vorhatte. Jedoch allein die Vorstellung, wie Eike darauf reagieren würde, hielt sie noch von viel mehr ab als einem solchen Gespräch.

»Ich denke nicht«, sagte sie. »Ich werde das nicht kaufen.«

»Und wenn ich es dir kaufe?« Eikes Stimme flüsterte ganz heiß in ihr Ohr. »Als Weihnachtsgeschenk?«

»Sag mal, bist du noch ganz dicht?« Wütend drehte Alina sich zu ihr um. »Denkst du wirklich, ich würde mich noch einmal mit dir treffen? Auf einen Kaffee?«, setzte sie ätzend hinzu.

»Auf mehr als einen Kaffee, hatte ich gehofft.« Eikes Mundwinkel zuckten verdächtig.

Alina ignorierte das geflissentlich. »Und wie kommst du zu dieser Hoffnung?« Erneut wandte sie sich um und steuerte die Kasse an.

»Bist du böse, weil ich wegmusste?«, fragte Eike mit einem Anflug von Schuldbewusstsein, der allerdings nicht ganz echt klang. »Das hat mir furchtbar leidgetan. War aber nicht zu vermeiden.« Sie strich mit einem Finger von oben nach unten über Alinas Rücken, dass sich Alina sämtliche Körperhärchen aufstellten.

»Lass das!«, fauchte sie Eike an und wich mit einem großen Schritt nach vorn aus. »Fass mich nicht noch mal an!«

»Oh, und ich dachte, es hätte dir gefallen«, erwiderte Eike, nun eindeutig gespielt schmollend. »Sah jedenfalls so aus.«

»Dann solltest du dir mal die Augen untersuchen lassen!« Alinas Augen blitzten wie Feuer.

Schnell wandte sie ihren Blick ab und warf die Unterhosen auf den Kassentisch. Sie zog ihre Karte heraus und reichte sie der Kassiererin.

Die nahm sie und zog sie durch den Schlitz.

»Dazu . . .«, Eike beugte sich von hinten über Alina, »sind wir letztes Mal ja leider nicht mehr gekommen«, hauchte sie so leise, dass die Kassiererin es nicht hören konnte. »Das würde ich gern nachholen.«

Alina spürte, wie sich ihre Brustwarzen aufstellten bei der Vorstellung, was Eike wohl meinte. Sie hätte sie am liebsten erneut angefaucht, aber so direkt vor der Kassiererin, die ihr jetzt das Eingabegerät für die PIN hinschob, wollte sie das nicht tun.

Sie tippte die Zahlen ein, die Kassiererin nickte, ließ den Kassenbon heraus, steckte ihn in einen Beutel mit dem Aufdruck des Kaufhauses, in den sie zuvor schon die Unterhosen gepackt hatte, und reichte ihn ihr.

Alina griff nach dem Beutel, als wäre es eine Rettungsleine. »Lass mich in Ruhe!«, fauchte sie endlich, als sie sich ein paar Schritte von der Kasse entfernt hatte, Eike aber immer noch neben ihr war. »Ich will nichts mit dir zu tun haben!«

Tatsächlich blieb Eike stehen, und Alina konnte das Kaufhaus allein verlassen.

Draußen empfand sie die Kälte als sehr wohltuend.

Denn sie hatte das Gefühl, dass sie innerlich glühte.

3

»Puh, was für ein Tag!« Alina machte quasi drei Kreuze, als sie am nächsten Abend endlich aus dem Büro gehen konnte.

Das Telefon hatte praktisch keine Sekunde stillgestanden. Alle Kunden wollten ihre Bestellungen noch vor Weihnachten geliefert haben, waren selbst furchtbar im Stress und deshalb oft nicht besonders höflich, und sie hatte das entschiedene Gefühl, für viele hatte sie als Sandsack für ihre Vorweihnachtsfrustration gedient.

Sie freute sich darauf, zu Hause einfach nur die Beine hochlegen zu können, auf der Couch herumzulümmeln und vielleicht irgendeinen alten Film aus ihrer DVD-Sammlung zu ziehen und zum zehnten Mal anzuschauen.

Da sie zwar in der Stadt arbeitete, aber etwas außerhalb wohnte, dauerte es im Feierabendverkehr fast eine Stunde, bis sie endlich ihre Haustür aufschließen konnte. Ziemlich müde stapfte sie dann die Treppenstufen zu ihrer Wohnung hinauf und steckte den Schlüssel ins Schloss.

Feierabend! Seufzend schloss sie die Tür hinter sich und zog die dicke Jacke aus, schälte die Schuhe von den Füßen und ging ins Wohnzimmer hinüber. Dort ließ sie sich schon fast aufstöhnend auf die Couch fallen und rührte sich für eine Viertelstunde erst einmal nicht. Danach rappelte sie sich hoch und wechselte ins Schlafzimmer, zog sich aus und ersetzte ihre Bürokleidung durch einen Jogginganzug.

Wie so gut wie jeden Abend ging sie in die Küche und goss sich einen Saft ein, mischte ihn mit Sprudelwasser, bis es in dem großen Glas schäumte. Als sie wieder ins Wohnzimmer zurückgehen wollte, um eine DVD auszusuchen, klingelte es an der Tür.

Erstaunt hob Alina die Augenbrauen. Wer wollte denn jetzt noch etwas von ihr? Ein erneutes Stöhnen entrang sich ihrer Brust. Jaqueline. Es konnte nur Jaqueline sein, ihre Nachbarin, die so stolz darauf war, dass ihre Eltern kein Französisch konnten und deshalb das ›c‹ in ihrem Namen weggelassen hatten. Unter anderem aus diesem Grund hielt sie sich für etwas ganz Besonderes.

Und die Gelegenheit zu einem Schwatz ließ sie sich nie entgehen. Vermutlich hatte sie Alina nach Hause kommen hören und wollte ihr irgendetwas erzählen. Unter dem Vorwand, dass sie sich ein Ei, Zucker oder sonst etwas von ihr leihen wollte, von dem sie wusste, dass Alina es ohnehin nicht hatte.

Kurz überlegte Alina, ob sie überhaupt aufmachen sollte, da klingelte es erneut, und diesmal gesellte sich auch noch Jaquelines Stimme dazu. »Alina? Bist du da?«

Es war eine rhetorische Frage. Jaqueline wusste ganz genau, dass Alina da war, sonst wäre sie nicht gekommen.

Also hatte es wohl keinen Sinn, sich zu verstecken. Mit dem Glas in der Hand ging Alina zur Tür und öffnete. »Hallo Jaqueline«, sagte sie etwas erschöpft. Und fügte fast automatisch hinzu: »Was kann ich für dich tun?«, wie sie es gefühlte hundertmal an diesem Tag am Telefon irgendwelchen Kunden gegenüber getan hatte.

»Gar nichts«, erwiderte Jaqueline überraschenderweise, und ihre wie immer viel zu sehr geschminkten Augenlider klimperten Alina geradezu begeistert an. »Ich . . .«, sie streckte Alina ein kleines Päckchen hin, »habe etwas für dich getan.«

Irritiert blickte Alina das in Geschenkpapier verpackte undefinierbare Etwas an. »Du willst mir etwas schenken?«, fragte sie. »Es ist doch noch gar nicht Weihnachten.«

»Das lag vor deiner Tür«, erklärte Jaqueline eifrig. »Und da dachte ich, bevor es jemand klaut, nehme ich es lieber mit und gebe es dir dann, wenn du kommst.«

Und hast somit einen wunderbaren Vorwand, mich dazu zu benutzen, dir deine Langeweile zu vertreiben, seufzte Alina innerlich. Und außerdem zu erfahren, von wem das Päckchen stammt. Denn es war ganz eindeutig zu erkennen, dass dieses Päckchen nicht mit der Post gekommen war. Es trug weder Absenderadresse noch Empfänger.

Ungeduldig schaute Jaqueline zwischen dem Päckchen und Alina hin und her. Ihre übermäßig getünchten langen falschen Wimpern senkten sich kurz auf ihre Wangen und hinterließen dort schwarze Spuren, als sie sie wieder hob. »Willst du es nicht aufmachen?«, fragte sie mit gierig glitzernden Augen.

Nein, will ich nicht, dachte Alina. Jedenfalls nicht in deiner Gegenwart. »Ja, danke«, sagte sie, griff nach dem Päckchen und trat einen Schritt zurück. »Schönen Abend noch.« Und schon hatte sie die Tür vor Jaquelines neugieriger Nase geschlossen.

Das hatte sie gerade noch so mit einem Fuß geschafft, aber nun stand sie mit dem Glas in der einen und dem Päckchen in der anderen Hand da. Um es zu öffnen, musste sie das Glas abstellen. Aber sie konnte sich nicht so richtig entscheiden. Wollte sie wirklich wissen, was in dem Päckchen war? Denn irgendwie kroch ihr ein unbehaglicher Schauer über den Rücken. Oder war es vielleicht doch Neugierde?

Das Päckchen war sehr leicht, auch ziemlich klein. Eine rechteckige Schachtel, so sah es aus. Sie hob die Augenbrauen. Wenn man so etwas in Filmen sah, war es meistens eine Bombe. Aber das hier sah nun wirklich nicht nach einer Bombe aus, fühlte sich auch nicht so an. Sie wog das Päckchen prüfend in der Hand, schüttelte es auch ein wenig, obwohl sie dann selbst über sich lachen musste. Erwartete sie wirklich, dass es klappern oder vielleicht sogar ticken würde?

Sie starrte es an, als wollte sie es mit Röntgenstrahlen durchleuchten, was ihr natürlich nicht gelang, weshalb sie ihr Glas nun endlich auf dem Schränkchen abstellte und das Papier aufriss.

Ihr blieb fast der Mund offenstehen. Der Seidenstring mit BH, den Eike ihr im Kaufhaus vor die Nase gehalten hatte! Sie hatte ja angedroht, dass sie ihn kaufen und Alina schenken würde, aber so richtig hatte Alina das nicht ernstgenommen. Sie hatte es nur für einen Teil von Eikes ziemlich offensiver Anmache gehalten. Eike klopfte gern Sprüche, das war Alinas Eindruck. Sie probierte aus, was bei einer Frau funktionierte, um das zu erreichen, was sie eben erreichen wollte.

Es dauerte bestimmt eine Minute, bis Alina das unerwünschte Geschenk wütend wieder in das zerrissene Papier stopfen konnte und es auf das Garderobenschränkchen zurückwarf, so heftig, dass es davon abprallte und auf den Flurboden fiel.

Die kleine Schachtel, in der die Dessous verpackt gewesen waren, stand immer noch auf dem Schränkchen, sie ergriff sie und schleuderte sie dem heruntergefallenen Geschenkpapier samt Inhalt hinterher. Dabei fiel ein kleiner Zettel heraus, handgeschrieben. Viel Spaß damit, stand darauf. Dazu ein unverschämter Smiley. Und vielleicht sehe ich dich ja wirklich einmal darin? E.

»Das ist ja wohl nicht die Möglichkeit!« Empört starrte Alina auf die großen, weitgeschwungenen Buchstaben, für die das Blatt fast zu klein erschien. »Was bildet sich diese . . . Frau eigentlich ein?« Sie schnaufte vor Wut beinah wie eine Dampflokomotive.

In Ermangelung eines Schnapses griff sie nach dem großen Saftglas, das sie zuvor abgestellt hatte, und nahm einen herzhaften Schluck. Das konnte ja wohl wirklich nicht wahr sein, was Eike sich da erlaubte!

Im nächsten Moment ärgerte sie sich, Jaqueline nicht gefragt zu haben, wann genau sie das Päckchen vor Alinas Tür gefunden hatte. Vor kurzem erst? Oder war es schon länger her?

Mit schnellen Schritten ging sie ans Fenster, um auf die Straße hinauszuschauen. Trieb Eike sich vielleicht noch irgendwo hier herum? Fast hätte sie erwartet, dass sie ihr vom Hauseingang her frech zuwinkte, aber sie sah sie nirgendwo.

Als sie jedoch daran dachte, dass Eike sich vermutlich schon beim Kauf, spätestens aber, als sie das Päckchen vor Alinas Tür legte, mit allergrößter Wahrscheinlichkeit vorgestellt hatte, wie Alina in diesen Dessous aussehen würde, praktisch nackt, wurde sie auf einmal rot, schämte sich dann sofort, dass sie rot geworden war, dass sie überhaupt auf diese Unverschämtheit reagierte, und das steigerte ihren Ärger ins Unermessliche. Sie spürte geradezu, wie er ihr wie ein Heißluftballon in den Kopf stieg.

Wutentbrannt schnappte sie sich ihren Autoschlüssel, verließ die Wohnung und fuhr in die Stadt zurück. »So leicht kommst du mir nicht davon«, grummelte sie dabei vor sich hin. »Was denkst du dir eigentlich?«

Jetzt abends war es nicht mehr so schwierig, einen Parkplatz in der Nähe der Fußgängerzone zu finden. Zur Arbeit fuhr Alina normalerweise nie mit dem Auto, sondern mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Das dauerte zwar länger, war aber zuverlässiger und weniger stressig. Mit dem Auto war sie nun in einer knappen halben Stunde am Ziel gewesen.

Sie stürmte mit vorgestrecktem Kopf wie ein Stier die Straße entlang, so dass sie in kürzester Zeit bei Eikes Haus angekommen war. Dort hielt sie den Finger auf die Klingel, bis eine irritierte Stimme ihr durch die Sprechanlage antwortete.

»Ja? Hallo? Was ist denn los?«

»Du weißt ganz genau, was los ist«, knurrte Alina. »Lass mich rein.«

Eike stutzte anscheinend kurz, denn der Türsummer ertönte nicht sofort, dann kam gleichzeitig mit dem surrenden Ton ein leises Lachen aus dem Lautsprecher. »Ja, natürlich. Gern.«

Genauso wie zuvor die Straße entlang stürmte Alina nun die Treppe hoch und überfiel Eike, die an der Wohnungstür stand, schon von den unteren Treppenstufen herauf mit ihren Fragen. »Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?« Ihre Augen blitzten Eike an. »Und woher hast du überhaupt meine Adresse?«

Amüsiert lachend trat Eike einen Schritt zurück. »Willst du nicht erst einmal reinkommen?«

»Da bin ich nicht so sicher.« Mit zusammengezogenen Augenbrauen verschränkte Alina die Arme vor der Brust.

»Ach, komm schon . . .« Eike trat wieder vor und streckte einen Arm aus, legte ihn sanft auf Alinas Schulter. »Hier im Treppenhaus willst du das doch auch nicht besprechen. Genauso wenig wie ich.«

Ganz von selbst pressten Alinas Lippen sich widerstrebend zusammen, aber dann sah sie ein, dass Eike recht hatte. »Na gut«, quetschte sie hervor. »Aber nur ein paar Minuten. Bis du mir meine Fragen beantwortet hast.«

Dazu sagte Eike nichts, öffnete nur weiter die Tür und ging zur Seite, damit Alina genug Platz hatte hereinzukommen.

»Also?« Direkt in der Diele, nicht einen Schritt weiter, als sie gehen musste, damit Eike die Tür hinter ihr schließen konnte, blieb Alina stehen und starrte Eike kampflustig an. »Was hast du mir zu sagen?«

Eikes Mundwinkel zuckten. »Hat dir mein Geschenk nicht gefallen?« Belustigt ließ sie ihren Blick über Alinas Jogginganzug streifen. »Oder hast du es darunter an?«

»Davon kannst du ja wohl nur nachts träumen!«, fauchte Alina sie an.

»Tue ich.« Eike grinste und legte leicht den Kopf schief. »Wie ich sehe, hast du dich nicht gerade zum Ausgehen angezogen. Warst du im Sportstudio?«

»Ich war . . .«, mühsam versuchte Alina ihren Atem unter Kontrolle zu bekommen, »zu Hause! Wo meine Nachbarin mir dann freudestrahlend dein Päckchen überreicht hat.«

»Deine Nachbarin?« Erstaunt hob Eike die Augenbrauen. »Hat sie es aufgemacht?«

»Glücklicherweise nicht.« Alina schnaufte. »Aber wenn du etwas in diesem Haus vor eine Tür legst, bleibt ihr das nicht verborgen. Sie kriegt alles mit. Und ich werde jetzt in den nächsten Tagen sicherlich mit Fragen bombardiert, von wem das Päckchen war. Und was drin war.«

»Deshalb habe ich keinen Namen draufgeschrieben«, sagte Eike, schlenderte geradezu lässig an Alina vorbei und erwartete offensichtlich, dass sie ihr folgte.

Für einen Moment blieb Alina stehen, weil sie sich nicht wie ein Hündchen fühlen wollte, das jeden Befehl sofort ausführte, aber dann konnte sie ihre unruhigen Füße nicht länger stillhalten und ging Eike nach. Sie hätte die Wohnung natürlich auch verlassen können, aber irgendetwas hielt sie davon ab.

»Möchtest du was trinken?«, empfing Eike sie im Wohnzimmer bereits mit einem Glas in der Hand. »Wein?« Sie hob ihr eigenes Glas, in dem es beinah golden schimmerte, an. »Dieser hier ist gut. Oder magst du lieber roten? Habe ich auch.«

Alina betrachtete das leicht beschlagene Glas, das darauf hindeutete, dass der Weißwein darin offensichtlich gut gekühlt war. »Nein danke«, sagte sie. »Ich bleibe nicht lange.«

»Das ist aber schade.« Eikes Augen blitzten erheitert. »Und ich dachte, wir könnten unsere kleine . . . Zufallsbegegnung jetzt mit etwas mehr Zeit fortsetzen.« So sehr, wie ihre Mundwinkel gegen ein Grinsen ankämpften, hatte sie vermutlich etwas anderes sagen wollen als Zufallsbegegnung, aber anscheinend hatte sie wenigstens genügend gute Erziehung, um ein harmloseres Wort zu wählen als das, was ihr garantiert als erstes in den Sinn gekommen war.

Ohne dass sie es kontrollieren konnte, zogen Alinas Augenbrauen sich zusammen, und ihre Arme verschränkten sich erneut vor ihrer Brust. »Du bist wirklich unmöglich, weißt du das? Denkst du auch nur einmal an etwas anderes als dein Vergnügen?«

»Warum sollte ich?« Eike zuckte die Schultern und nahm einen Schluck von ihrem Wein. »Ist das Leben nicht unvergnüglich genug?«

»Für dich bestimmt nicht!« Was tue ich eigentlich noch hier? dachte Alina. Warum rede ich überhaupt noch mit ihr? »Dein ganzer Anrufbeantworter ist ja voll mit ›vergnüglichen‹ Angeboten.«

»Mein AB?« Auf einmal tatsächlich erstaunt hob Eike die Augenbrauen. »Du hast ihn abgehört?«

»Natürlich nicht!«, fuhr Alina auf und machte unwillkürlich einen Schritt auf Eike zu. »Er schaltete sich an, als ich gehen wollte. Zweimal hintereinander.« Sie atmete tief durch. »Zwei verschiedene Frauen.«

»Oh mein Gott.« Gespielt entsetzt legte Eike eine Hand auf ihre Brust, aber ihre heftig zuckenden Lippen straften ihre Worte Lügen. »Zwei Frauen? Ganze zwei? So viele?« Sie konnte das Lachen offensichtlich kaum noch zurückhalten.

»Ja, mach dich nur über mich lustig.« Nun wandte Alina sich bereits halb ab in Richtung Tür. Es hatte wirklich keinen Sinn mehr zu bleiben. Sie wusste gar nicht, warum sie das überhaupt getan hatte. »Jedenfalls wollten sie beide dasselbe von dir. Das, was du jetzt von mir willst. Warum gehst du nicht zu ihnen? Sie warten bestimmt sehnsüchtig auf dich.«

Entschlossen machte sie einen Schritt auf die Tür zu, doch plötzlich berührte sie ein warmer Luftzug am Rücken. Eike war schnell hinter sie getreten.

»Genauso sehnsüchtig habe ich auf dich gewartet«, flüsterte sie Alina mit heißem Atem ins Ohr. »Ich habe nicht damit gerechnet, dass du kommst.«

Alina konnte sich nicht gegen die Schauer wehren, die Eikes Atem an ihrem Ohr auslöste und die wie gewaltige Wellen am Ozean ihren ganzen Körper von oben bis unten überfluteten. »Ich wollte auch gar nicht . . .«, sie schluckte, »kommen.«

»Das dachte ich mir«, antwortete Eike leise. »Und doch habe ich gehofft, dass du es tust.« Ihre Hände legten sich wie weiche, beschützende Kissen auf Alinas Schultern. »Es ist so schön, dass du das getan hast.« Sie küsste Alinas Nacken, indem ihre Lippen ihn nur sanft streichelten und sich dann zurückzogen.

Die Wellen, die eben schon fast über Alina zusammengeschlagen waren, schienen noch mehr anzuwachsen, sich über ihr aufzurichten, als warteten sie auf den entscheidenden Befehl. »Tu das nicht«, flüsterte sie, und doch hörte sie selbst, wie wenig überzeugend ihre Stimme klang.

»Ich werde nichts tun, was du nicht willst.« Obwohl es kaum sein konnte, dass sie das so meinte, klang Eikes Stimme wesentlich überzeugender als Alinas zuvor.

Nur mühsam fand Alina ihre Stimme überhaupt wieder. »Ich will gehen«, behauptete sie so fest, wie sie konnte.

»Sicher.« Eike trat zurück, und das warme Gefühl an Alinas Schultern wurde von einem kalten Luftzug abgelöst. »Das kannst du. Ich halte dich nicht auf. Das würde ich nie tun.« Sie schien zu lächeln, jedenfalls deutete das der Klang ihrer nächsten Worte an. »Du bist völlig frei in deinen Entscheidungen. Das hier ist kein Gefängnis. Und ich bin auch keine Wärterin.«

Hin- und hergerissen blieb Alina stehen. Eine ganze Weile tat sich nichts. Dann trat Eike erneut hinter sie, jedoch ohne ein Wort zu sagen, und Alina drehte sich wie eine Marionette, die von Fäden gesteuert wird, um. Eike legte ihre Arme um sie, zog sie zu sich heran, und ihre Lippen berührten Alinas, als wäre es der allererste Kuss ihres Lebens.

Es war, als würde sie gleichzeitig fallen und fliegen, sich nicht entscheiden können, ob es aufwärts oder abwärts gehen sollte. Und doch hatte sie das untrügliche Gefühl, dass Eike sie in jeder Richtung auffangen würde.

Das irritierte sie, und verwirrt löste sie sich von Eike, oder jedenfalls ihre Lippen lösten sich. Ihr Körper lag weiterhin in ihren Armen.

Eike schaute sie lächelnd an. »Ich wusste, dass du nicht wirklich gehen willst.«

»Ach, wusstest du das?« Alinas Stimme flüsterte nur, weil sie sich auf einmal sehr schwach fühlte. Fast automatisch näherten sich ihre Lippen wieder Eikes. Dieser Kuss, den sie eben nicht nur gespürt und genossen, sondern regelrecht erlebt hatte, löste ein Verlangen nach ›Mehr‹ in ihr aus.

Beinah schon hatten ihre Lippen Eikes erreicht, da klingelte auf einmal ihr Telefon. Nicht das Festnetztelefon mit dem Anrufbeantworter, sondern ihr Handy, das auf dem Wohnzimmertisch lag.

Eike zuckte hoch, stieß hervor: »Verdammt!« und rannte fast auf den Wohnzimmertisch zu. Sie nahm ihr Handy auf und den Anruf an, hörte für ein paar Sekunden zu und rollte dann die Augen in Alinas Richtung, während sie fast seufzend sagte: »Ja, okay, ich komme.«

Schon während sie die Verbindung beendete, ging sie an Alina vorbei in den Flur. Dort wechselte sie ihre Schuhe und warf sich den Mantel über. »Das ist doch wirklich wie ein Fluch«, knurrte sie, dann hellte sich ihr Gesichtsausdruck wieder auf, als sie Alina ansah. »Ich fürchte, es hat keinen Sinn, auf mich zu warten.« Das bekannte Grinsen schlich sich auf ihre Lippen. »Soll ich auf dem Rückweg noch ein paar hübsche Dessous kaufen und sie dir zu Hause vorbeibringen?«

Lachend ging sie zur Tür hinaus und zog sie hinter sich zu.

Mehrere Sekunden lang, die sich wie Ewigkeiten zogen, starrte Alina entgeistert auf den Türrahmen, durch den Eike verschwunden war. Ist das jetzt wirklich wahr? Sie brauchte tatsächlich eine ganze Weile, bis sie sich vom ersten Schock erholt hatte. Erst macht sie mich heiß, und dann lässt sie mich einfach hier stehen?

Im Grunde genommen war das dasselbe wie beim ersten Mal. Der einzige Unterschied bestand darin, dass Eike sie damals nicht nur heißgemacht hatte.

Alina atmete tief durch und blies empört ihre Backen auf. Damit war jetzt endgültig Schluss! Sie ließ sich hier doch nicht zum Deppen machen!

Mit einer kategorischen Bewegung strich sie sich mit beiden Händen über den Jogginganzug, als wäre er schmutzig geworden und sie müsste sich von diesem Schmutz befreien. Vielleicht waren es aber auch nur ihre schweißnassen Hände, die sie trocknen wollte.

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  • Johanna
  • Beate
  • Claudia
  • Manuela
  • Ruth Gogoll
  • Johanna

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    Wie heißt es so schön? Wenn man vom Pferd gefallen ist, soll man gleich wieder aufsteigen.
    Also hat sich Alina gleich noch einmal auf eine Fahrt mit der Achterbahn eingelassen. Dieses Mal ist sie zwar nicht abgestürzt, aber dafür kurz vor dem Höhepunkt langsam wieder rückwärts runter gefahren ;)
    Ich bin auch sehr gespannt, wo Eike eigentlich immer hinrennt. Und ob es noch eine dritte Fahrt in der Achterbahn geben wird - vielleicht endlich mal mit Eike an Bord??? ;)

    Freitag, 7. Dezember 2018 18:16
  • Beate

    Permalink

    Na, Eike lässt sich ja durch nichts erschüttern. Also, wenn sie tatsächlich so wäre, wie Alina es von ihr vermutet, und Alina sie tatsächlich loswerden wollte, dann bräuchte sie sie nur in die Hochzeitskleidabteilung zu schleppen, und schwupps, weg wäre sie. 😄 Aber ich gehe mal davon aus, dass ich den Konjunktiv schon korrekt gewählt habe. 😉

    Freitag, 7. Dezember 2018 10:06
  • Manuela

    Beate Permalink

    Was für eine herrliche Idee, Beate. Das muss ich mir merken. :)
    Schließlich kann Frau ja nie wissen, wann sie das mal brauchen kann. ;)

    Freitag, 7. Dezember 2018 12:55
  • Claudia

    Permalink

    Also ich könnte nicht sagen, dass es mich stört, dass die einzelnen Segmente länger sind 😁, ganz im Gegenteil.

    Und für Sätze wie diese:

    Es war, als würde sie gleichzeitig fallen und fliegen, sich nicht entscheiden können, ob es aufwärts oder abwärts gehen sollte.
    , da bewundere ich dich einfach, Ruth. Bei dir klingt es immer so leicht und wunderbar 😊, einfach herrlich.

    Arme Alina, schon zum zweiten Mal bleibt sie allein zurück. 😔

    Freitag, 7. Dezember 2018 8:39
  • Ruth Gogoll

    Claudia Permalink

    Ja, das ist schon hart für Alina, aber Alina ist auch hart im Nehmen, sie lässt sich nicht so leicht erschüttern. Weshalb ich sie sehr mag. 🙂 Mich würde so eine Frau wie Eike wahrscheinlich sehr verunsichern, aber Alina findet immer eine Lösung und bleibt bei sich, will sich so etwas nicht bieten lassen, obwohl sie sich sehr von Eike angezogen fühlt. Ich finde das bewundernswert.

    Manche Sätze kommen einfach so von selbst, an anderen feile ich lange herum, aber bei dieser Beschreibung hatte ich da gar keine große Mühe. Wichtig war mir vor allen Dingen, dass Alina den Eindruck hat, dass Eike sie immer auffangen würde, also so ein bisschen Show don’t tell dafür, dass Eike nicht so schlimm sein kann, wie sie bis jetzt erscheint. 😏

    P.S.: Ich habe jetzt gerade noch mal nachgeschaut. Allein dieser Teil enthält über 3.700 Wörter. Wir haben schon Geschichten veröffentlicht, die in ihrer Gesamtlänge kürzer waren. Ist manchmal schon komisch, wie eine Geschichte sich entwickelt. Ich hätte am Anfang auch nicht gedacht, dass diese Geschichte so lang werden würde, aber dann ging es einfach nicht anders.

    Freitag, 7. Dezember 2018 9:07
  • Manuela

    Permalink

    Und schon steht sie wieder da. Eike. :) Sieht fast so aus, als hätte sie auf Alina gewartet im Kaufhaus.
    Das ist schon gemein, da kämpft Alina so tapfer gegen Eikes Anziehungskraft an, und ihr Körper sehnt sich mit jeder Faser nach Eike.
    Dass Eike ihr den Hauch von Nichts kauft und Alina vor die Tür legt, passt zu ihr.
    Eike hat sich da ja elegant um eine Antwort gedrückt. Denn nicht nur Alina möchte gerne wissen, woher sie denn gewusst hat, wo Alina wohnt.

    Freitag, 7. Dezember 2018 8:13
  • Ruth Gogoll

    Manuela Permalink

    Das wird dann am Ende erklärt, versprochen. 😉

    Freitag, 7. Dezember 2018 8:56
  • Ruth Gogoll

    Permalink

    Dadurch, dass die Türchen für diese Geschichte schon eingeplant waren, die Geschichte aber noch nicht fertig war und dann länger wurde als erwartet, sind es nun eigentlich zu wenige Türchen für diese lange Geschichte, so dass jedes Türchen fast wie eine eigene Kurzgeschichte ist, sehr lang. Mehr Vergnügen beim Lesen. 😉

    Freitag, 7. Dezember 2018 7:47

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