Kaufsucht ist heilbar

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Kaufsucht ist eine schlimme Krankheit, meist wird sie aber nicht als solche erkannt. Ebenso wie früher Spielsucht hielt man Kaufsucht lange Zeit nur für eine Macke überkandidelter Frauen oder unbeschäftigter Männer.
Das 200. Paar Schuhe wurde belächelt wie das naive Geschwätz eines Kindes. Daß sich Menschen in den existientiellen Abgrund stürzen, wenn sie mehr Geld ausgeben als sie haben, für Dinge, die sie nicht brauchen oder die nichts wert sind, das wurde nicht als ernsthafte Gefahr erkannt.

Langsam aber kommt immer mehr Leuten zu Bewußtsein, daß Süchte eine der bedrohlichsten Erscheinungen unserer Gesellschaft sind, und es werden Untersuchungen darüber angestellt, wie diese Süchte in den Griff zu bekommen sind.

Heroin- oder Spielsucht hat schon viele Familien zerstört und Menschen getötet, bei Kaufsucht ist das eher weniger der Fall, sie führt im Bereich der Süchte immer noch ein Schattendasein.

Das Problem bei Kaufsucht ist ebenso wie bei Eßsucht: Man kann auf Einkaufen ebenso wie auf Essen nicht ganz verzichten. Alkohol oder Zigaretten, ebenso bekannte Süchte, kann man einfach links liegen lassen, man braucht sie nicht zum Leben, Heroin oder Spielautomaten zu meiden ist auch möglich, wenn man das will, aber einkaufen muß man immer, ebenso wie essen.

Deshalb haben solche Süchte es sehr viel schwerer, anhaltend behandelt werden zu können. Wo ist die Grenze vom Notwendigen zur Sucht? Alle paar Tage spätestens muß man einkaufen gehen, um Lebensmittel im Haus zu haben, und essen muß man ohnehin täglich.

Warum eine Frau das zehnte, zwanzigste, hundertste oder fünfhundertste Paar Schuhe kauft, das sie dann nur ungetragen in ihrem Keller stapelt, das weiß man nicht so genau. Man vermutet, es liegt in einem mangelnden Selbstwertgefühl, Minderwertigkeitskomplexen, die die Frau nicht anders ausgleichen kann. Ich bin nicht sicher, ob das wirklich der einzige Grund ist, weil Frauen ja schon seit der Steinzeit die Aufgabe hatten, Dinge für die Familie zu sammeln, Beeren und Wurzeln zum Beispiel, und deshalb eventuell immer noch das Bedürfnis haben, nur daß Wurzeln und Beeren heute nicht mehr so wichtig sind und sie deshalb auf andere Dinge ausweichen.

Aber wie dem auch sei, für einen kurzen Augenblick springt das Belohnungszentrum in unserem Hirn an, wenn wir etwas kaufen, und das ist ein Mechanismus, den wir sehr genießen. Wir werden belohnt, wir fühlen uns wohl. Dasselbe passiert nach dem Essen.

Leider nur für kurze Zeit, denn ebenso schnell wie das Belohnungszentrum bei Süchtigen anspringt, schaltet es sich auch wieder ab. Man muß also wieder etwas Neues kaufen, um das Belohnungszentrum erneut zu aktivieren und damit das gute Gefühl zurückzugewinnen. Ein schwer zu durchbrechender Teufelskreis.

Wissenschaftler nennen das eine »Impulskontrollstörung«. Viele Impulse brechen jeden Tag über uns herein, und wir müssen lernen, sie zu kontrollieren. Man sieht bei Kindern sehr genau, daß sie ihre Impulse noch nicht kontrollieren können, denn wenn sie etwas möchten, dann möchten sie es sofort. Ob sie es brauchen oder nicht.

Als Erwachsene haben wir meistens gelernt, unsere Impulse zu kontrollieren. Wir wissen, daß Alkohol schädlich ist, also trinken wir ihn nicht, auch wenn wir ihn mögen. Zumindest dann, wenn wir Autofahren müssen, halten wir uns zurück. Süchtige können das nicht. Sie sehen ein Glas Alkohol und können nicht darauf verzichten, ebensowenig wie auf das nächste und das nächste, bis sie jegliche Kontrolle verloren haben. Das Ergebnis sind Leberzirrhose und Tote auf den Straßen.

Bei Kaufsucht sind die Folgen nicht so drastisch, jedenfalls nicht für die Allgemeinheit. Kein Kaufsüchtiger bringt andere Menschen durch seine Sucht um oder schlägt andere zusammen, wie das Alkoholiker tun. Aber dennoch ist Kaufsucht eine Erkrankung, der man begegnen sollte.

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