Wir legen unsere Seele auf den Tisch und lassen sie frieren

Das ist ein Ausspruch, den Klaus Kinski einmal getan hat, und wenn man sich anschaut, wie er seine Rollen gespielt hat, war das wohl auch wirklich so. Er war ein absolut Besessener. Besessen von seinem Beruf, besessen von seinem Leben, besessen von vielleicht noch ganz anderen Dämonen. Ich frage mich, ist es vielleicht das, was viele davon abhält, etwas zum Lesbischen LiteraturPreis einzureichen? Ist es zu entblößend, einen Roman zu schreiben, enthält es zu viel von uns selbst?

Das tut es sicherlich, aber die Kunst, das in einen Roman zu verpacken, ist auch immer die Kunst der Distanzierung von der eigenen Geschichte. Wenn man seine eigene Geschichte erzählen will, schreibt man Tagebuch oder einen Tatsachenbericht, eine sogenannte „Wahre Geschichte“. Das entspricht aber nicht dem, wie man einen Roman schreibt (obwohl viele Romane tatsächlich nichts anderes als Tagebücher sind, in denen nur die Namen geändert wurden, was auf fehlende Phantasie beim Autor oder bei der Autorin hindeutet). Ein Roman beruht immer auf uns selbst, das kann gar nicht anders sein. Auch in einem Roman findet die Leserin uns, die Autorin, wieder. Dennoch sollte es nicht unser reales Leben sein, das sie dort wiederfindet, sondern eine sehr stark abgewandelte Form eigener Erfahrungen. Unserer eigenen Erfahrungen, der eigenen Erfahrung der Leserin. Niemals aber die Abbildung unseres Lebens wie auf einem Foto.

Wer sich schon einmal mit Fotografie beschäftigt hat, weiß, dass es dabei sogenannte „Verfremdungseffekte“ gibt. Früher musste man für so etwas Filter auf den Linsen des Fotoapparats haben oder man hat später dann im Fotolabor mehr oder weniger belichtet, optisch durch weitere Linsen verzerrt, Ausschnitte herausgenommen oder auch anders zusammengesetzt wie auf einem Bild von Picasso, wo die Augen manchmal am Boden liegen statt im Gesicht zu sein, wo sie eigentlich hingehören. Das alles konnte man tun, aber es war sehr aufwendig, und man musste einiges an fotografischen und technischen Kenntnissen haben.

Ich hatte selbst einmal ein kleines Fotolabor, als ich noch Studentin war, im Keller unseres Studentenwohnheims eingerichtet, habe auch Fotokurse gegeben und den anderen Studentinnen und Studenten gezeigt, wie man Bilder entwickelt und bearbeitet. Alles damals noch in schwarz-weiß. Dazu brauchte man eine ganze Menge Entwicklerflüssigkeit, einen Vergrößerer, der so schwer war, dass man ihn kaum tragen konnte, die verschiedensten Sorten Fotopapier in verschiedenen Härten und Beschichtungen, viel Fingerspitzengefühl, Zeit und Geduld und am besten auch unempfindliche Kleidung. 😏 Wenn nämlich Entwickler an die Kleidung kam, konnte man sie wegschmeißen. Oder man lief dann mit sehr hässlichen Flecken auf Hose oder T-Shirt herum.

Das ist heute alles völlig anders. Heute gibt es Photoshop und andere Programme, mit denen man die Ergebnisse der eigenen fotografischen Bemühungen (die mittlerweile ja grundsätzlich digital sind, nicht mehr analog wie früher noch zu meiner Studentinnenzeit) in beliebiger Form bearbeiten, verbessern, verzerren oder auch künstlerisch gestalten kann. Und die Kleidung leidet auch nicht mehr darunter (ganz abgesehen von den giftigen Dämpfen der Entwicklerflüssigkeit, die auch Lungen, Haut und Augen beeinträchtigen konnten.) Wir können mit Programmen auf unserem Computer Dinge in Sekunden tun, für die man im Fotolabor früher Tage brauchte. Und das so viel schneller erzielte Ergebnis ist oft auch noch in viel mehr verschiedenen Variationen nutzbar.

Genau das ist es, was wir auch mit unseren eigenen Erlebnissen tun sollten, wenn wir sie für einen Roman verarbeiten. Jede Geschichte, die wir schreiben, beruht auf uns, auf unseren eigenen Erlebnissen. Aber nicht 1:1. Unsere Erfahrungen werden wie mit einem Vergrößerer im Fotolabor verdichtet oder auch entzerrt, vergrößert, verkleinert, anders angeordnet, Teile werden herausgenommen und weggeworfen und andere Teile aus anderen Bildern (die vielleicht noch nicht einmal von uns selbst stammen, eventuell aus der Zeitung ausgeschnitten in einem Ordner auf Verwendung warteten) neu zusammengesetzt, bis eine Collage entsteht, die nichts mehr mit uns oder unserem direkten Erlebnis zu tun hat. Die mehr ist als das, besser, schöner, interessanter, spannender.

Ein Roman ist kein Zeitungsbericht, auch kein Reisebericht oder eine Dokumentation. Die Basis jeder Geschichte sind wir selbst, deshalb sind Geschichten verschiedener Autoren oft auch sehr leicht zu unterscheiden, weil jeder Mensch in seinem Leben andere Erfahrungen macht und sie anders interpretiert, sie anders auf ihn oder sie wirken, aber das Ergebnis ist eine möglichst spannende und interessante Geschichte, die sich daran orientiert, wie man eine Geschichte am besten aufbaut, nicht wie sie wirklich abläuft oder abgelaufen ist.

Deshalb sollte niemand Angst davor haben, einen Roman beim LLP einzureichen, denn die ganze eigene Seele sollte nicht darin enthalten sein, nur eine unterhaltsame Geschichte, die so lange im Fotolabor (nein, im Gehirnlabor in unserem Kopf, müsste man wohl sagen 😉) bearbeitet worden ist, dass man sie nicht mehr wiedererkennt. Dass man vor allem uns, die Autorinnen, darin nicht mehr so wiedererkennt, als wäre es ein Tagebuch.

Unsere Seele darf immer durchscheinen, und das tut sie auch, das kann man gar nicht verhindern, aber die tatsächlichen Erlebnisse sollten wie durch einen Filter verändert worden sein, sodass sie zur Geschichte passen. Ein Roman wird genauso komponiert wie ein Bild, mit verschiedenen Farben, verschiedenen Techniken, dunkler, heller, manchmal verwischter mit dem Pinsel, manchmal klarer konturiert. Jedes kleine einzelne Detail trägt zum Gesamteindruck bei. Und doch ist der Gesamteindruck, das Endergebnis, die fertige Geschichte oftmals mehr als die Summe all dieser Einzelteile.

Das ist dann wohl tatsächlich unsere Seele, die da mitspielt. Unser Innerstes, das den letzten kleinen Effekt erzeugt, den kein Vergrößerer, kein Photoshop und auch kein Schreibprogramm wie Word oder LibreOffice erzeugen kann, das Sahnehäubchen auf der Geschichte sozusagen, das den Geschmack abrundet.

Wenn der LLP stattfinden soll, brauchen wir viel von diesem Geschmack. 😎 Also keine Scheu. Wir beißen nicht. Und jedes Bild, jede Geschichte, kann hinterher immer noch mit Photoshop verbessert werden. Unser Photoshop ist unser Schreibforum, in dem die Autorinnen sich treffen und gemeinsam an den Geschichten feilen, bis sie richtig gut sind. Mit viel Liebe und gegenseitiger Unterstützung. Das gelingt dann wie ein delikater Kuchen, wo nur der rohe Teig angeliefert wurde, der in unserem Schreibforum dann aber noch mit weiteren Zutaten verfeinert und genüsslich in den Ofen geschoben wird.

Der Duft, wenn der Kuchen dann gebacken ist, ist einfach herrlich. 😃 Lasst Euch den Genuss nicht entgehen!

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