Wie die Zeit vergeht ...

Wenn die 24 Tage des Adventskalenders vorbei sind, frage ich mich immer: Wo ist die Zeit geblieben? Das ist fast ein ganzer Monat, und die Stunden und Tage rauschen vorbei, als dürften sie sich nirgendwo aufhalten, als hätten sie einen dringenden Termin, zu dem sie hasten müssten.

Der dringende Termin – im Dezember – ist Weihnachten, aber eigentlich hat man doch das ganze Jahr über das Gefühl, es rast vorbei, nicht wahr? Vielleicht nicht als junger oder sehr junger Mensch. Da scheint die Zeit manchmal geradezu stillzustehen.

Ich weiß noch, wie ich mich mit sechs Jahren wahnsinnig darauf gefreut habe, endlich in die Schule zu kommen. Es schien mir ewig zu dauern, bis ich endlich dort hinkonnte. Ich konnte schon Tage davor nicht mehr schlafen vor Aufregung, und die Zeit schien fast rückwärts zu laufen. So ungefähr jede zweite Sekunde fragte ich: „Wann können wir losgehen? Dauert es noch lange?“ Meine ganze Familie war schon völlig genervt. wink

Aber diese Zeiten sind lange vorbei. Je älter man wird, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen. Und nichts von dem, was geschehen ist, positiv oder negativ, kann man zurückholen oder ändern.

Die Zeit um Weihnachten ist immer eine besinnliche Zeit. Eine Zeit, in der man das Jahr noch einmal Revue passieren lässt. Man weiß, es dauert nur noch ein paar Tage, und dann ist auch dieses Jahr wieder vorbei, wie so viele vor ihm.

Die Druckerei, in der ich die el!es-Bücher drucken lasse, hat mir letztes Jahr einen Kalender geschickt, bei dem man ein Kärtchen für jeden Monat nach hinten klappen kann, der steht auf meinem Schreibtisch, und wenn ich nun auf dieses letzte Kärtchen, das Dezember-Kärtchen, schaue, sehe ich, dass selbst von den Tagen auf der letzten Zeile nicht mehr alle übrig sind. Und wenn ich dieses Kärtchen umklappe, ist dahinter nur noch ein Stück schwarzer, bedruckter Pappe. Dann ist das Jahr vorbei.

Natürlich gibt es dann wieder einen neuen Kalender, aber der alte wird weggeworfen, denn er ist mit Ablauf des Jahres nutzlos geworden.

Bei gedruckten Kalendern sieht man das besser als bei digitalen Kalendern, die ja endlos weiterlaufen. Schon, wenn man im Dezember ist, werden einem die Termine im Januar, Februar, März und noch viel weiter voraus angezeigt. Ein Tag ist wie der andere, ob Tag, Woche, Monat oder Jahr, es ändert sich nichts.

Deshalb sind gedruckte Kalender eigentlich bessere Symbole für das Vergehen der Zeit. Auch wenn digitale Kalender oftmals praktischer sind, weil man dort Termine gleich in Serie anlegen oder mit einem einzigen Ziehen der Maus verschieben kann. Das spart Zeit und erleichtert die Organisation des Lebens, aber es hat nicht diese Endgültigkeit wie gedruckte Zahlen, gedruckte Wörter.

So ist es auch bei Büchern. Gedruckte Bücher sind etwas anderes als elektronische Bücher. eBooks sind praktischer, wiegen nichts, man kann darin mit einer Suchfunktion suchen, beliebig viele Lesezeichen setzen, zu denen man mit einem einzigen Klick zurückspringen kann, Zitate unterstreichen und sie sich wiederum nur mit einem einzigen Klick herausziehen und zu einem DIN-A4-Blatt zusammenfassen, das all die eigenen Lieblingsstellen aus dem Buch enthält. Sehr bequem.

Auch früher hat man Stellen in Büchern unterstrichen, vielleicht Lesezeichen hineingelegt oder Seiten mit Eselsohren markiert, damit man sie wiederfindet. Aber dabei hatte man immer eine persönliche Beziehung zu dem gedruckten Buch. Es war schwer, wenn man es in der Hand hielt, jedes Buch hatte seine eigene Art, sich zu öffnen, je nachdem, wie dick oder dünn das Papier und wie groß die Seiten waren, vermittelte es ein anderes Gefühl beim Umblättern, und es hatte einen eigenen Klang, wenn man es schloss.

Sicherlich, mit Taschenbüchern begann bereits die Vereinfachung und Vereinheitlichung. Dennoch brachte das Papier sich mit seinem Gewicht immer in Erinnerung. Ein gewichtiges Buch wurde mit gewichtigem Inhalt assoziiert. Ein eBook wiegt aber immer dasselbe, egal, ob es 10 oder 1000 Seiten hat, nämlich gar nichts. Man kann Dutzende, Hunderte, Tausende Bücher auf seinem eBook-Reader haben, es ist dasselbe wie eins.

Grundsätzlich bin ich sehr dafür, denn ich denke, eBooks sind die Zukunft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in hundert Jahren noch viele Bücher gedruckt werden. Aber es kommt einem so vor, als verliere die Zeit an Bedeutung, auch die Zeit, die man sich mit einem Buch beschäftigt.

Wenn man nicht gerade noch in der Ausbildung war, in der Schule oder Uni, und deshalb Bücher lesen musste, um Wissen zu erwerben, war die Beschäftigung mit einem Buch oft das Versinken in eine andere Welt. Als Kind bin ich beim Lesen völlig abgetaucht. Ich war nicht mehr auf der Couch oder wo immer ich gelesen habe, sondern ganz woanders. In der Geschichte, in den Figuren, die mir die Geschichte erzählten. Ich habe mit ihnen gelitten und gelebt, und manchmal war es ganz komisch, wenn meine Oma mich dann zum Essen rief und ich gar nicht so richtig wusste, wo ich war. Ich musste erst einmal zu mir kommen, in der realen Welt ankommen, mir wieder bewusstwerden, dass ich nicht mit Lassie in den schottischen Highlands war oder wo immer sich die Geschichten abgespielt hatten, sondern tatsächlich im Wohnzimmer auf der Couch, wo die leckeren Essensdüfte aus der Küche hereinzogen und mich daran erinnerten, dass ich Hunger hatte. So etwas vergaß ich beim Lesen, weil es nicht zu der Welt gehörte, in der ich mich dort befand.

Dann schlug ich das Buch zu und legte es auf den Tisch, und das war dann auch der Austritt aus dieser fremden, faszinierenden Welt, wie wenn Alice durch die kleine Tür aus dem Wunderland zurückkommt. Oftmals war die reale Welt weniger interessant, aber essen muss man ja schließlich auch. wink

Die Bücher reihten sich im Bücherregal aneinander, es wurden immer mehr, denn ich las ungeheuer schnell, schon als Kind mehrere Bücher in einer Woche, und auch das war wie ein Symbol für den Ablauf der Zeit. Jedes dieser Bücher hatte mir wunderbare Erlebnisse verschafft, Abenteuer, Reisen in fremde Länder, das Kennenlernen interessanter Personen, die sonst wohl nie in mein Wohnzimmer gekommen wären.

Manchmal dachte ich auch damals schon: Wo ist die Zeit geblieben?, wenn ich aus einem Buch auftauchte, das mich so gefesselt hatte, dass ich es nicht weglegen konnte. Aber wenn es nach mir gegangen wäre, hätte die Geschichte auch noch ewig weitergehen können, denn sie war so viel spannender als die Realität.

Bücher haben etwas Magisches. Die Zeit vergeht in ihnen schneller oder langsamer, so dass man von der Wirklichkeit abgekoppelt wird. Eine Geschichte, die in einem Buch Tage, Wochen, Monate, ja sogar Jahre dauern kann, ist in wenigen Stunden gelesen. Was vor allem daran liegt, dass man in einer Geschichte alles Banale, den Alltagskram, weglässt. Man erzählt nur die spannenden Momente. Deshalb sind Geschichten so viel aufregender als das Leben.

Zum Schluss vergeht die Zeit jedoch auch dort. So wie das letzte Jahr vergangen ist und die Jahre davor. So wie leider auch die Geschichten im Adventskalender vergangen sind und jeder Tag, der von einem Türchen symbolisiert wurde.

Aber diese 24 Tage mit Geschichten gefüllt zu haben, das vergangene Jahr und die Jahre davor mit Geschichten verbracht zu haben, die spannend und aufregend waren, die zum Weinen und zum Lachen bringen können, ist sicherlich eine der besten Arten, seine Zeit zu verbringen. Es ist die Art, die die Phantasie beflügelt und den Alltag in den Hintergrund treten lässt.

So vergeht die Zeit zwar immer gleich schnell, aber wir haben nicht das Gefühl, sie verschwendet zu haben. Wie sehr sie auch rasen mag, wie sehr Termine auch drängen mögen, wir können uns immer mit einer Geschichte ein bisschen Ruhe gönnen und in eine andere Welt abtauchen.

In diesem Sinne wünsche ich auch im nächsten Jahr wieder viel Spaß mit unseren Geschichten, all den schönen Büchern, ob gedruckt oder als eBook, all den Menschen, die in diesen Geschichten vorkommen und unsere Phantasie beflügeln, uns ein bisschen Aufatmen in der Hektik des Alltags bescheren.

Und bis zum nächsten Adventskalender im nächsten Jahr ist es ja auch nicht mehr weit. smile

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