Gedanken
Ruth Gogoll und andere Autorinnen schreiben ĂŒber Themen, die sie bewegen.

Ja, Du hast recht, Anne. Der LLP war oft eine Fundgrube. Und ich habe mich immer sehr gefreut, wenn ich eine neue Autorin, die noch nie etwas veröffentlicht hatte, „entdecken“ konnte. Es war immer sehr spannend, die Manuskripte zu sichten, die eingereicht wurden, und dabei schon zu sehen, welches dieser Bücher wir vielleicht schon im nächsten Jahr würden veröffentlichen können.

War manchmal ein bisschen wie Weihnachten. 😊 Man schlägt ein Manuskript auf, fängt an zu lesen und ist so fasziniert, dass man fast nicht aufhören kann. Man fragt sich: Wo hat sich diese Autorin so lange versteckt? Denn oftmals waren das Autorinnen, die schon weit über dreißig oder sogar vierzig waren. Seltener waren es Autorinnen, die erst in ihren Zwanzigern waren oder sogar noch Teenager.

Vielleicht hat Lebenserfahrung etwas damit zu tun, ich weiß es nicht. Ich habe Taxi nach Paris ja auch erst mit 34 geschrieben. Und obwohl ich mein Leben lang geschrieben habe, war das mein erster Roman. Man braucht einfach eine gewisse (Lebens-)Zeit, um etwas zu sagen zu haben, das man in einem Roman festhalten kann. Um die Menschen kennenzulernen und auch sich selbst.

Es gibt viele jüngere Leute, die schreiben – und das habe ich ja auch getan, schon in jungen Jahren geschrieben –, aber die Themen gleichen sich oft sehr. Es sind autobiographische Themen. Die Schule, die eigenen Freunde und was man mit ihnen so täglich erlebt, die Familie, von der man (noch) abhängig ist, weil man noch zu Hause wohnt, Probleme mit Gefühlen, die in der Pubertät zum ersten Mal auftreten und mit denen man nicht zurechtkommt, erste Liebe, erste Enttäuschungen.

Alles sehr wichtige Themen, und wenn man in dem Alter ist, interessiert einen das auch, aber das Interesse daran lässt schnell nach, wenn man älter wird. Es sind Übergangsthemen, bevor dann die wirklich wichtigen Themen des Lebens zuschlagen.

Liebe bleibt natürlich immer ein Thema, aber es wandelt sich im Laufe der Zeit. Als Teenager sieht man das völlig anders, als wenn man dreißig, vierzig, fünfzig oder sechzig ist und schon viele Erfahrungen hinter sich hat. Jegliche Art von menschlichen Beziehungen bleiben ein Thema, aber auch das wandelt sich, je mehr Menschen man in den verschiedensten Situation, beruflich wie privat, kennenlernt. Man lernt immer mehr dazu.

Deshalb ist es oft auch sehr schwierig – und darüber habe ich hier auf der Seite auch schon geschrieben –, jüngere Autorinnen dazu zu überreden, ihre Geschichte zu ändern, sie spannender zu gestalten und dem schriftstellerischen Handwerk gemäß zu überarbeiten. Denn das ist ja ihre persönliche Geschichte, die sie so erlebt haben und auch so aufgeschrieben haben, wie sie sie erlebt haben. Dass das oft nicht sehr spannend ist – oder nur für sie selbst –, das verstehen sie aufgrund ihrer Jugend oft noch nicht.

Na ja, ich will auch ältere Autorinnen da nicht ausnehmen. 😉 Auch solche Fälle haben wir schon gehabt. Wo eine ältere Autorin, weit über das Teenageralter hinaus, genauso jedes Wort so stehenlassen wollte, wie es da stand, weil sie es ja „so erlebt hat“. Dass das kein Argument sein kann, wenn man einen spannenden Roman schreiben will, das will eine solche Autorin dann, unabhängig vom Alter, ebenso wenig begreifen wie eine Autorin, die noch halb in den Kinderschuhen steckt.

Aber trotzdem war gerade der LLP immer wie eine Wundertüte. Man wusste nie, was man fand, wenn man das nächste Manuskript herauszog. Manchmal etwas Begeisterndes, manchmal etwas eher Enttäuschendes, manchmal auch etwas, das zwar nicht auf Anhieb begeisterte, aber Potenzial hatte. So viel Potenzial, dass ich diese Autorinnen dann normalerweise ins el!es-Schreibforum eingeladen habe, um ihr offensichtlich vorhandenes Talent mit etwas Handwerk so weit auszubauen, dass man den vielversprechenden Text, der aber eher noch in Rohform war, nach einer Überarbeitung dann auch veröffentlichen konnte. Und dann war er meistens begeisternd. 🤩

Also wenn die versprochenen Einsendungen kommen – und vielleicht sogar noch ein paar mehr. Es gibt ja keine Verpflichtung für eine Autorin, sich da schon im Vorhinein zu entscheiden. Sie kann dann auch ganz spontan ein Manuskript am 30. September abgeben –, dann bin ich gern dazu bereit, den LLP noch einmal durchzuführen.

Allerdings ist mir schon eine Idee gekommen, wie wir ihn dieses Jahr anders gestalten könnten. Aber darüber verrate ich jetzt noch nichts. Ein bisschen Wundertüte muss sein. 🥳