Lesen Lesben nicht?

Das frage ich mich immer mal wieder, wenn ich so die Verkaufszahlen unserer Bücher sehe. Und wir sind der größte lesbische Verlag nicht nur Deutschlands, sondern sogar Europas. Selbst in Amerika gibt es, seit Naiad nicht mehr existiert, keinen Verlag wie uns.

In Deutschland leben so um die 83 Mio Menschen. In Österreich leben so um die 9 Mio und in der Deutschschweiz so um die 6 Mio. Das sind zusammengezählt fast 100 Mio Menschen, die die deutsche Sprache sprechen und wahrscheinlich auch lesen. Nun sagt man, davon sind so ca. 10 Prozent homosexuell. Neuere Schätzungen gehen davon aus, dass das zu hoch gegriffen ist und es eventuell nur so ca. 5 Prozent sind. Auch gut. Davon ungefähr die Hälfte sind Frauen (es wird behauptet, es gäbe mehr homosexuelle Männer als Frauen, aber genaue Zahlen gibt es da wie immer nicht), gehen wir also von 2,5 Prozent Lesben aus, das sind 2,5 Mio Lesben in den genannten deutschsprachigen Gebieten. Selbst wenn wir nur von 2 Prozent ausgehen, sind es immerhin noch 2 Mio Lesben.

Und davon liest gerade einmal ein kleiner Bruchteil? Sind die Schulen für Lesben so schlecht? 😋 Das kann doch wohl nicht sein, dass von geschätzt 2 Mio Menschen nicht mehr Menschen an Büchern interessiert sind, die das lesbische Leben widerspiegeln. Sicherlich, wir alle lesen auch noch andere Bücher, Sachbücher, Heterobücher (sind wir ja so gewöhnt, genauso wie die Heteroliebesfilme, die uns eigentlich nichts sagen sollten, es aber offensichtlich tun. Wohingegen die meisten Heteros mit einem lesbischen Liebesfilm wohl überfordert wären genauso wie mit lesbischen Büchern). Aber müsste unser primäres Interesse nicht sein, Bücher zu lesen, in denen WIR vorkommen?

Ist es aber offensichtlich nicht. Viele Lesben sind offenbar eher männlich geprägt und lesen keine Romane, schon gar keine Liebesromane. Aus der Heterowelt kennen wir das ja nur zu gut: Frauen lesen Liebesromane, Männer lesen Sachbücher. Oder Autozeitschriften. Oder gar nicht. Viele von ihnen können mit Liebesromanen oder Liebesfilmen überhaupt nichts anfangen, gehen nur mit ihrer Frau oder ihrer Freundin da rein, weil sie sich danach eine heiße Nacht versprechen. 😎 Anscheinend sind die meisten Lesben genauso. Liebesromane? Bäh!

Das finde ich sehr schade, denn sind Gefühle, ist die Liebe nicht das Allerwichtigste auf der Welt? Was wären wir ohne sie? Dann könnten wir ja genauso gut einen Mann heiraten und mit ihm leben. Wozu brauchen wir dann eine Frau, wenn Liebe uns nichts bedeutet?

Oder gibt es einen anderen Grund, warum lesbische Bücher nur ein so kleiner Markt sind? Es kann ja wohl kaum sein, dass fast 2 Mio Lesben des Lesens nicht mächtig sind. So viele Analphabeten gibt es ja nicht einmal insgesamt. 😃

Als ich anfing, Bücher zu schreiben und dann auch den el!es-Verlag gegründet habe, war ich so naiv zu glauben, dass das doch ein riesiger Markt sein müsste, der nur bislang noch nicht so richtig entdeckt, noch nicht so richtig mit den passenden Geschichten gefüllt wurde, weil das die Heteroverlage nicht interessiert, denn verglichen mit der doch viel größeren Heteroleserschaft ist die lesbische Leserschaft ja wirklich nur eine kleine. Aber 2 Millionen sind 2 Millionen.

Okay, einige davon sind noch Kinder, aber spätestens ab der Pubertät interessiert man sich doch für solche Bücher, selbst wenn man sein von der Norm abweichendes Verlangen noch nicht ausgelebt hat. Es ist ja auch verunsichernd, nicht der Norm zu entsprechen, besonders in jugendlichem Alter. Alle Mädchen um eine herum schwärmen von Jungs, und man selbst kann dem einfach nichts abgewinnen, schwärmt eher heimlich von Mädchen. Aber darüber kann man mit den Freundinnen natürlich nicht sprechen, weil sie das nicht verstehen.

Gerade dann wäre es doch aber der erste Weg, nach Büchern zu suchen, die das widerspiegeln, was ich selbst empfinde, meine Freundinnen aber nicht. Noch nicht einmal meine eigene Mutter, denn schließlich ist meine Existenz ja der Beweis dafür, dass sie wohl hetero sein muss, denn sonst hätte sie mich wohl kaum mit meinem Vater gezeugt. (Früher war das noch nicht so einfach mit der künstlichen Befruchtung für Lesben, also trifft das wohl für die meisten jugendlichen Lesben zu. Abgesehen davon, dass Heteromütter noch immer weit in der Überzahl sind verglichen mit lesbischen Müttern und es auch immer sein werden aufgrund der demographischen Verteilung zwischen Heteras und Lesben.)

Trotzdem sitze ich dann lieber allein zu Hause, statt mir auf dem Internet (ist ja heute alles viel einfacher als früher, man muss noch nicht einmal mehr in eine Buchhandlung gehen und sich outen, wenn man vielleicht noch nicht einmal so richtig selbst weiß, was man ist) entsprechende Lektüre zu suchen? Das hätte ich ehrlich gesagt nicht gedacht.

Oder liegt es daran, weil die jungen Leute generell nicht mehr lesen? Weil sie sich das Lesen fast völlig abgewöhnt haben, nur noch kurze Chat-Texte verarbeiten können, weil sie nichts anderes mehr kennen? Ein langer Roman überfordert sie? Das trifft natürlich nicht nur für die Lesben zu, dasselbe Problem herrscht in der Heterowelt auch, nur ist da die Ausgangsmenge wesentlich größer, und deshalb bleiben eben doch noch immer ein paar Leserinnen und überraschenderweise sogar Leser übrig.

Für mich waren Bücher von meiner frühesten Kindheit an, von dem Moment an, als ich lesen konnte, immer ungeheuer wichtig. Deshalb kann ich das wohl so schlecht verstehen. Ich kann mir ein Leben ohne Bücher (es können aber ruhig E-Books sein, es geht um den Inhalt, nicht die Verpackung in Papier) nicht vorstellen, ich habe schon früher mehrere Bücher pro Woche gelesen, schon als Kind. Meine Wissbegier und meine Lust und Freude an der deutschen Sprache haben mir wunderschöne Stunden mit Büchern beschert, von deren Inhalt ich zum Teil heute noch zehre. Ich wüsste viel weniger, wenn ich nicht immer so viel gelesen hätte. Lesen bildet, das ist eindeutig klar. Je mehr man liest, desto mehr lernt man.

Gestern sah ich ein Video eines jungen Mannes (anscheinend ist es ja bezüglich der lesbischen Leselust oder eher fehlenden Leselust besser, Männer als Vergleich heranzuziehen), das hieß 52 Bücher in 52 Wochen oder so ähnlich, und tatsächlich ging es in dem Video dann darum, dass er stolz beschrieb, dass er doch tatsächlich ein Buch pro Woche liest. Dass das sein Ziel ist. Mensch ej, 52 Bücher! Wow!

Sollten seine Zuseher wohl denken. Ich dachte nur: Wie, nur ein Buch pro Woche? Was macht er den Rest der Zeit? Ein Buch zu lesen dauert doch höchstens eine Stunde oder zwei.

Aber das verlangen wir ja noch nicht einmal: ein Buch pro Woche. Wir bringen ja nur ein Buch im Monat heraus. 🙂 Und manchmal noch ein zweites, aber meistens ist es dann ein Kurzroman, nur ganz selten ein zweiter langer Roman. Also sollte es doch möglich sein, wenigstens dieses eine Buch im Monat zu lesen. Das sind gerade einmal 12 Bücher im Jahr oder vielleicht 14 oder 15 inklusive der Kurzromane.

Dass unser doch wirklich sehr schönes Programm mit so vielen sehr schönen Büchern nur so wenige Menschen interessiert, das macht mich manchmal richtig traurig. Aber es ist eben, wie es ist. Wer unsere Bücher nicht liest, der erleidet einen großen Verlust, daran können wir nichts ändern. Es ist der Verlust der Nicht-Leserinnen, dass sie diese vielen schönen Bücher, diese vielen schönen Geschichten nicht kennen.

Irgendwann wird es den el!es-Verlag nicht mehr geben (ich bin nämlich mittlerweile im Rentenalter, falls das einige noch nicht mitgekriegt haben sollten 😏), und dann geht wahrscheinlich das große Geschrei los, aber dann ist es zu spät.

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