Schreiben ist eine Geisteskrankheit

Zumindest behauptet das James N. Frey laughing, der Autor von »Wie man einen verdammt guten Roman schreibt« und weiterer erfolgreicher Schreibratgeber, hier in diesem Interview auf Youtube:

Das Interview ist auf Englisch, und ich versuche das, was er sagt, mal ein bisschen zusammenzufassen. Es ist nichts Neues, auch nichts, was man nicht schon tausendmal gehört oder gelesen hat (auch auf dieser Seite wink), aber vielleicht ist es auch ganz interessant, dass sich die grundlegenden Erkenntnisse zum Schreiben nicht so schnell ändern. Sie haben sich geändert – über die Jahrhunderte, wie ich es in der Erörterung zu Backstory beschrieben habe –, aber seit sich Bücher, zumindest Unterhaltungsromane, immer mehr dem annähern, was wir auf den Leinwänden von Kinos oder Bildschirmen von Fernsehern oder mittlerweile Computern sehen, geht es immer um dieselben Dinge. Es geht darum, eine Geschichte so spannend zu erzählen, dass die Zuhörer, Zuseher, Leserinnen unbedingt wissen wollen, wie es weitergeht.

Wie kommt man nun dazu? Wie erschafft man solche Geschichten? Auch da hat Jim Frey eine nicht neue Erkenntnis parat. Er sagt, dass diejenigen Autoren die erfolgreichsten Autoren sind, die am meisten schreiben, die Hunderte und Hunderte von beschriebenen Seiten produzieren, denn nur durch Schreiben lernt man schreiben. Oder anders ausgedrückt: Übung macht den Meister (bzw. die Meisterin).

Es nützt nichts, schreiben zu wollen. Es nützt nichts, sich zu wünschen, einen Roman zu schreiben. Es nützt nichts, es sich vorzunehmen. Es gibt nur einen Weg, Schriftstellerin zu werden: zu schreiben.

Ebenfalls sehr interessant ist die Feststellung, dass er sagt, praktisch alle Anfänger haben Schwierigkeiten damit, Gefühle zu zeigen bzw. Gefühle zu beschreiben. Und er meint, deutsche (oder ich würde sagen: deutschsprachige) Schreibende haben damit mehr Probleme als beispielsweise die Leute in Amerika. Er hat den Eindruck, Deutsche werden mehr dazu erzogen, ihre Gefühle zu verstecken, sie nicht zu sehr zu zeigen. Während es Regionen in Amerika gibt, z.B. Kalifornien, wo es geradezu als guter Ton gilt, ständig jedem jedes Gefühl über alles und jedes mitzuteilen. Wobei er dann als Gegenstück die Ostküste nennt, wo die Leute wesentlich verschlossener seien als die Leute an der Westküste.

Liegt sicherlich auch am Wetter. wink An der Ostküste, in Neu-England oder New York, ist es die meiste Zeit des Jahres wesentlich kälter, auch aufgrund des Atlantiks, der dort anlandet, während in Kalifornien das ganze Jahr über die Sonne scheint und man im warmen Wasser des Pazifiks badet. Ähnlich wie in Südeuropa die Leute offener ihre Gefühle zeigen, während sie sie in Nordeuropa eher für sich behalten.

Wie man aufwächst, so schreibt man meistens auch. In Amerika wie auch in Deutschland werden Frauen oft immer noch mehr dazu erzogen, Konflikte zu vermeiden. Jungs prügeln sich auch schon mal, Mädchen nicht. Mädchen weichen Konfrontationen aus, selbst wenn sie sie gewinnen könnten. Diese Konfliktscheu bereitet dann erhebliche Probleme, wenn man eine Geschichte schreiben will. Denn Geschichten leben nun einmal vom Konflikt. Jede Geschichte braucht einen zentralen Konflikt, und wenn es ein Roman ist, sogar mehrere Konflikte. Wenn man schreibt, darf man Konflikten nicht ausweichen, sondern muss sie entwickeln, in sie eintauchen, so tief, dass man fast nicht mehr herauskommt. Bei einer guten Geschichte gibt es zum Schluss immer eine Lösung, der Konflikt bleibt nicht bestehen, aber je stärker der Konflikt, desto stärker die Geschichte.

Doch das wichtigste Element des Schreibenlernens ist viel, viel schreiben. Das betont er immer wieder. Ich habe mal hier in der Schreibwerkstatt geschrieben, dass tausend Wörter pro Tag eine gute Zahl sind. Das ist nicht viel. Wer jeden Tag tausend Wörter an seinem oder ihrem Roman schreibt, hat nach zwei Monaten einen el!es-Roman fertig. laughing Das ist schon ein Erfolg an sich, auch wenn der Roman dann noch nicht veröffentlicht ist. Erfolgreiche Autorinnen und Autoren schreiben, schreiben, schreiben, schreiben. Sie hören eigentlich nie damit auf. Wenn sie nicht schreiben, dann recherchieren sie für einen neuen Roman, sammeln Ideen, beobachten Leute, denken über Konflikte oder Wendepunkte ihrer Geschichten nach. Wie geht es weiter? Welche Informationen muss der nächste Dialog transportieren? Wie schreibe ich diese Szene so, dass sie mit Show don't tell alles sagt?

Frey erklärt ganz eindeutig, dass die wichtigste Zutat für das Rezept „Erfolgreicher Autor“ oder „Erfolgreiche Autorin“ das viele Schreiben ist, unaufhörlich, überall und jederzeit. Es ist viel wichtiger als Talent, Bildung oder gar Genialität.

Welche Geschichte will ich schreiben? Es dauert manchmal eine ganze Weile, vielleicht Jahre, bis man das herausfindet. In der Zeit schreibt man und schreibt man und schreibt man.

„Wenn ich kein Schriftsteller wäre, wäre ich tot“, sagt James Frey an einer Stelle, als er gefragt wird, was für einen anderen Beruf er ausüben würde, wenn er kein Autor wäre. „Schreiben ist kein Job. Es ist noch nicht einmal ein Beruf. Es ist ein Lebensstil. Es absorbiert dich.“ Damit beschreibt er den Zustand sehr gut, finde ich. Schriftsteller sein ist kein Hobby und auch keine Wahl. Man ist es oder man ist es nicht. „Schreiben ist eine Geisteskrankheit“, fährt James Frey dann fort. "Und es gibt kein Heilmittel."

Man könnte auch sagen, Schreiben ist eine Sucht. Wenn man nicht schreibt, ist man auf Entzug und fühlt sich furchtbar. Das einzige, was man tun kann, um sich besser zu fühlen, wenn man diese Krankheit hat, ist schreiben. In dem Moment, wo man schreibt, geht es einem gut. Das heißt, Schreiben kann die Symptome der Sucht lindern, aber die Sucht hört nie auf.

James Frey sagt, praktisch alle Schriftsteller, mit denen er je gearbeitet hat, sind krank. Sie sind zwanghaft. Sie müssen schreiben, können nicht aufhören. Selbst die Vorstellung, eventuell nicht schreiben zu können, treibt sie fast in den Selbstmord.

Schreiben erhält einen am Leben, sagt er. Er kennt Leute, beispielsweise seinen Mentor, der mit 94 Jahren immer noch schreibt, und gut schreibt. Sein Gehirn funktioniert immer noch genauso gut wie sein ganzes Leben lang, er hat immer noch das Feuer in sich, das heraus will, dass auf die Seite gebannt werden will. So wird man glücklich und lebendig alt.

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