Bevor man ein Buch schreiben kann, muss man erst einmal eine Geschichte haben

Daran scheitern viele AutorInnen, die Kurzgeschichten oder auch Romane schreiben. Sie schreiben einfach los, ohne eine Geschichte zu haben.

Für manche funktioniert das sogar (ehrlich gesagt hatte ich keine Geschichte, sondern nur eine Idee, als ich anfing, „Taxi nach Paris“ zu schreiben), aber die Krux ist: Selbst wenn man am Anfang keine Geschichte hat, muss man sie am Ende des Buches haben. Wenn das Buch zu Ende geschrieben ist, sollte es kein Problem sein, die Geschichte im Nachhinein in einer Art Inhaltsangabe oder Plot aufzuschreiben.

Wenn das ein Problem ist, hat man – obwohl man vielleicht 150.000 Wörter geschrieben hat – trotzdem keine Geschichte und kann die 150.000 Wörter wegwerfen.

Deshalb ist es durchaus empfehlenswert, mit Kurzgeschichten anzufangen, nicht mit einem Roman. Selbst wenn eine Kurzgeschichte absolut in die Hose geht, ist sie doch keine 150.000 Wörter lang. (Ich habe diese Zahl übrigens gewählt, weil ich ein Manuskript hier liegen habe, das ungefähr so lang ist, aber nicht den Anflug einer Geschichte enthält. Die Autorin hat lediglich ihr tägliches Leben aufgeschrieben, eine Art Tagebuch, ohne große Höhen und Tiefen, ohne dramaturgische Gestaltung, ohne Spannung, geschweige denn einen Spannungsbogen, ohne interessante Charaktere und deren Entwicklung, sprich ohne jegliche Grundlagen, die für das Schreiben eines Romans – zumal eines so langen – erforderlich sind. Sie hat ihre Zeit einfach nur verschwendet, ohne ein Resultat vorweisen zu können. Wenn man nicht die reine Wortanzahl schon als Resultat werten will.)

Sie hat die erste Regel für erfolgreiches Schreiben nur zur Hälfte verstanden, denn diese erste Regel lautet:

Nimm gewöhnliche Leute und wirf sie in eine ungewöhnliche Situation.

Stephen King ist ein Meister im Umsetzen dieser Regel. Seine Romane fangen alle völlig harmlos an, in einem Alltag, der kaum Höhepunkte zu haben scheint, mit Menschen, die nichts Besonderes zu sein scheinen. Aber dann passiert etwas, das man nicht erwartet, das diesen Alltag völlig auf den Kopf stellt und die Charaktere zu Maßnahmen zwingt, an die sie vorher nie im Traum gedacht hätten.

Das erste hat auch die Autorin des 150.000-Seiten-Textes (ich nenne es nicht Roman, weil es keiner ist) gemacht. Sie hat normale, durchschnittliche Leute genommen – sich selbst und ihre Freunde und Familie – und über sie geschrieben.

Den zweiten Teil jedoch hat sie völlig vergessen. All diesen gewöhnlichen Menschen passiert nur das, was jedem Menschen jeden Tag passiert, absolut nichts Außergewöhnliches. Sie unterhalten sich über das übliche Auf und Ab des Lebens, sie tun nichts Besonderes, erleben nichts Besonderes, werden nicht gezwungen, zu Maßnahmen zu greifen, die außerhalb ihrer normalen Erfahrungswelt liegen.

Und das macht diesen Text vollkommen überflüssig. Denn was ist schon interessant an diesem unserem Alltag? Dass wir jeden Tag zur Arbeit gehen, zur Uni, zur Schule? Dass wir uns dort mit Freunden und Kollegen treffen und unterhalten? Dass wir unsere Familie besuchen oder sie uns? Dass wir mal kleine oder größere Misserfolge oder auch Erfolge haben? Dass wir uns verlieben, Liebeskummer haben oder auch Erfolg in der Liebe?

Das ist in dem Moment, in dem es passiert, für uns zwar manchmal durchaus wichtig, hebt unsere Laune oder zerstört sie für eine kurze Zeit, aber es reicht nicht für einen Roman.

Etwas anderes ist es natürlich, wenn diese Freunde, Kollegen oder die Familie plötzlich mit einer Situation zurechtkommen müssen, die ihnen Dinge abverlangt, die weit über das hinausgehen, was sie sich normalerweise zugetraut hätten.

Für den Anfang nimmt man eine ganz gewöhnliche Person – sagen wir mal eine Lehrerin –, und dann überlegt man sich: Was wäre, wenn?

Was wäre, wenn

  • diese Person mit einem Amoklauf in ihrer Schule konfrontiert würde?
  • diese Person plötzlich eine Krankheit bekäme, die es ihr verbieten würde, weiterhin ihren Beruf auszuüben? Für immer.
  • diese Person jemanden kennenlernen würde, der sich als Psychopath herausstellt, aber sie liebt ihn/sie? Wie weit würde sie gehen, um diese/n Psychopathin/en zu schützen oder andere vor ihm/ihr zu schützen?
  • diese Person mit einem Flugzeug abstürzen würde und wäre die einzige Überlebende in einer Wildnis ohne Menschen?

Und so weiter. Das Was-wäre-wenn-Spiel kann man ewig weiterspielen. Wenn eine dieser Ideen attraktiv erscheint, wenn man das Gefühl hat, dazu fällt einem etwas ein, dann sollte man es weitertreiben, bis man eine Geschichte hat.

Hangelt man sich hier von einer Situation in die nächste, wird das unweigerlich einen Plot ergeben.

Beispiel:

Die Lehrerin kommt morgens in die Schule wie immer. Sie trifft Kollegen, geht in die Klasse, beginnt ihren Unterricht. Dann fallen plötzlich Schüsse. Zuerst erkennt niemand es als Schüsse, denn wer weiß heutzutage noch, wie Schüsse sich anhören? Man denkt wohl eher an eine Fehlzündung bei einem Auto.

Aber dann wird klar: Da ballert jemand rum.

Hier gibt es schon das erste „Was wäre, wenn …“ Denn die Lehrerin hat die Wahl, zu flüchten, ihre Kinder zu beschützen oder sich selbst im Schrank zu verstecken, in Panik aus dem Fenster zu springen usw.

Die Entscheidung, die ich nun als Autorin treffe, führt mich zum nächsten „Was wäre, wenn …“

Angenommen, sie schaut erst einmal durch das Fenster und dann durch die Tür des Klassenzimmers hinaus. Am Fenster entdeckt sie Menschen, die in Panik aus dem Schulgebäude flüchten. Als sie die Tür öffnet, sieht sie erst einmal einen Kollegen in seinem Blut auf dem Gang liegen, will ihm vielleicht helfen, da fliegen ihr selbst Kugeln um die Ohren.

„Was wäre, wenn …“ sie nun in Panik hinausläuft?

Vermutlich wäre sie tot, keine so gute Idee.

„Was wäre, wenn …“ sie schnell die Tür schließt und den Kindern befiehlt, sich unter den Tischen zu verstecken?

Schon besser.

Sie selbst will sich auch gerade verstecken, da wird die Tür aufgerissen und ein Junge mit einem Gewehr kommt herein, der wild um sich blickt. Er nimmt die Lehrerin als Geisel.

Nun kommt es wieder darauf an, wie sie reagiert. Was kann sie tun, um dieser Situation zu entkommen? Wird sie zuerst an sich oder an die Kinder denken? „Was wäre, wenn …“

So geht es immer weiter.

Am Ende dieses Was-wäre-wenn-Spiels hat man eine Geschichte, und dann kann man anfangen, ein Buch zu schreiben.

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