Geschichten weben mit Story Weaver

Geschichten fallen nicht einfach vom Himmel – jedenfalls nicht, wenn man sie niederschreiben will. Vielleicht ist da eine Idee im eigenen Kopf, aber sie zu Papier zu bringen ist gar nicht so leicht, insbesondere wenn es eine längere Geschichte werden soll, ein Roman zum Beispiel.

Habe ich alles erwähnt, was die Leserin wissen muss? Sind meine Figuren glaubhaft und sympathisch? Gibt es Löcher in meiner Geschichte? Das alles sind Fragen, die man sich stellen muss. Und es gibt noch viel mehr.

Das alles im Kopf zu behalten oder einfach so aus dem Ärmel zu schütteln – das kann wohl niemand. Aber muss man auch nicht. Es gibt eine kleine Software namens „Story Weaver“ – also auf deutsch „Geschichtenweber“ –, die einem dabei hilft, eine wirklich vollständige, gut strukturierte Geschichte zu schreiben. Die Idee muss man zwar noch selbst haben, aber dann hilft einem dieses unauffällige Tool, diese Idee zu einer Kurzgeschichte oder einem Roman auszubauen.

Leider ist das Programm ausschließlich auf englisch erhältlich, aber ich denke, wenn man das System einmal begriffen hat, ein paar Wörter im Lexikon nachgeschlagen hat, muss man sich mit dem englischen Text nicht mehr beschäftigen.

Hier gibt es ein Video, das ebenfalls auf englisch ist, aber die Benutzung des Programms Schritt für Schritt zeigt:

Der Name des Programms ist in der Tat richtig gewählt, denn man geht von einem sehr minimalen Anfang aus, wie ein Faden, wenn man an einem Webstuhl beginnt einen Teppich zu weben, und ausgehend von diesem kleinen Faden wird die ganze Geschichte gewebt.

Die erste Frage in der Software ist: Was ist die große Idee?

Das muss nun keine wirklich „große“ Idee sein, es kann etwas ganz Kleines sein, wie beispielsweise ein Satz, den man irgendwo gelesen oder gehört hat oder der einem plötzlich in den Sinn gekommen ist. Sehr nützlich sind auch Songs, die in wenigen Worten eine ganze Geschichte erzählen.

Ein Song wie „I keep on searching for the way to your heart“ erzählt von Schmerz und Leid und Hoffnung, und das in einer Kürze, die erstaunlich ist.

Ich werde weiter den Weg zu deinem Herzen suchen und daran glauben, dass es eines Tages besser werden muss. Dass du mich lieben wirst so wie ich dich. Es war der Himmel. Es war der Himmel mit dir. Es war, als ob sich die Himmel öffneten, als ich dich das erste Mal sah. Es war der Himmel letzte Nacht.

Das ist keine große Literatur, und es wiederholt sich immer wieder, aber als Idee ist es wahrlich nicht schlecht. Man kann daraus entnehmen, dass sich da jemand schwer verliebt hat, aber diese Liebe anscheinend nicht erwidert wird. Dennoch hatten sie offenbar in der vergangenen Nacht Sex, was die Hoffnung und die Sehnsucht noch gesteigert hat. Gegen alle Vernunft versucht die Verliebte nun, die andere davon zu überzeugen, dass sie ein Paar werden müssen.

In Story Weaver schreibe ich also diese Idee in dem Bereich „Inspiration“ in das Fenster. Sollte man keine Idee haben, kann man auch einfach Blödsinn schreiben, nur um ins Schreiben zu kommen, aber irgendeinen Song wird man wohl kennen, den man als Ausgangspunkt nehmen kann.

Interessanterweise beginnt Story Weaver mit dem Plot, nicht mit den Biographien der Charaktere oder den Figuren selbst, wie es praktisch jede andere Methode tut. Die kommen erst im zweiten Schritt.

Zuerst einmal legt man nur die groben Figuren fest, beispielsweise „Die Konzernchefin“ und „Eine Sachbearbeiterin im Konzern“, sie müssen noch nicht einmal Namen haben, die werden in einem späteren Schritt hinzugefügt.

Es wird alles Mögliche zu den Figuren abgefragt, so dass man wirklich nichts vergessen kann.

Währenddessen wird einem schon vieles klarer. Allein die Fragen zu den Figuren zu beantworten bringt ungeheuer viel, denn man macht sich Gedanken, auf die man selbst eventuell gar nicht kommen würde, schreibt sie hin, baut sie aus, webt die einzelnen Teile zusammen, bis ein immer größerer Teppich entsteht, Farben, Muster.

In den nächsten beiden Schritten werden das Thema und das Genre abgefragt. Genre ist für Leute wichtig, die in verschiedenen Genres schreiben. Wenn man nur Liebesromane schreibt, kann man das weglassen. Es ist allerdings so, dass später dann noch einmal auf die genrespezifischen Anforderungen eingegangen wird. Es wird abgefragt, ob die Anforderungen, die das Genre stellt, erfüllt werden. Das könnte manchmal nützlich sein.

Das Thema ist aber ganz interessant. Nur selten macht man sich darüber Gedanken, aber was ist wirklich das Thema meiner Geschichte? Es könnte beispielsweise – ausgehend von unserem Song – sein, dass man nicht immer bekommt, was man sich wünscht. Es könnte aber – ebenfalls ausgehend von dem Song – auch sein, dass steter Tropfen den Stein höhlt und man niemals aufgeben sollte. Das muss die Autorin entscheiden.

Wenn man dann alle Fragen beantwortet hat, die die Software stellt, bleiben meist noch viele Fragen übrig, die sich zum Teil dadurch erst ergeben haben. Das sind die „Löcher“ in der Geschichte. Im letzten Schritt, wenn man sich alles, was man bisher eingetragen hat, betrachtet (die Software fasst alles in einem Fenster zusammen), listet man diese Fragen auf und versucht sie zu beantworten.

Einige Leute finden das sehr schwierig, was darauf hindeutet, dass sie sich nicht genug mit ihrer Geschichte beschäftigt haben. Die Löcher müssen jedoch gefüllt werden, denn die Leserin wird sie auf jeden Fall sehen und darüber stolpern.

Sollte noch eine Frage oder auch zwei oder drei offenbleiben, ist das nicht schlimm, aber die meisten Fragen, die sich aufgrund des ersten Teils „Inspiration“ stellen, sollte man beantwortet haben, bevor man seine erste Fassung poliert und dann zum zweiten Schritt übergeht: Entwicklung (Development).

Hier baut man nun auf dem ersten Teil auf.

Auch hier wird wieder in einzelne Schritte heruntergebrochen, Plot, Charaktere, Thema.

Der dritte Schritt Exposition geht noch mehr in die Tiefe, und mit dem vierten Schritt Geschichte erzählen (Storytelling) geht es dann los mit der Aufteilung in Akte, mit der Festlegung der Wendepunkte, dem Spannungsaufbau usw. Jeder einzelne Schritt wird geführt, also unter Akt 1 wird alles abgefragt, was in Akt 1 passieren muss, in Akt 2 alles zu Akt 2, in Akt 3 alles zu Akt 3.

Jeder Akt wird zudem noch in Anfang, Mitte und Ende unterteilt, so dass auch innerhalb der Akte der Spannungsaufbau und das Vorantreiben der Geschichte gefördert wird.

Dasselbe wird im Bereich „Charaktere“ für die Figuren gemacht. Was sie an jedem Punkt der Geschichte zu tun haben, wird genau aufgelistet und abgefragt.

Für das Thema gilt das ebenso. Es wird immer wieder überprüft, ob alles zum Thema passt, ob das Thema durchgeführt und nichts vergessen wird. So werden allzu große Abschweifungen vermieden, und die Geschichte wird in die richtige Richtung geleitet.

Nachdem man diesen dritten Bereich durchgearbeitet hat, hat man Szenen und Kapitel, die eine vollständige Geschichte ergeben.

Klingt ganz einfach, oder? laughing

Ganz von selbst schreibt sich eine Geschichte auch so nicht, man muss sich sehr viele Gedanken machen und wird immer wieder auf die „Löcher“ in der Geschichte zurückgeworfen, aber ich finde, Story Weaver ist ein sehr nützliches Programm, das man einmal ausprobieren sollte.

Es gibt eine kostenlose Demoversion, die man sich herunterladen kann. In dieser Version kann man das, was man dort hineinschreibt, zwar nicht speichern, aber man kann es exportieren und hat dann eine Datei, die man in Word oder jeder anderen Textverarbeitung weiterbearbeiten kann. Die Vollversion kostet knapp 30 US-Dollar, was auch nicht gerade teuer ist. In der Version kann man seine Projekte dann auch speichern und erhält noch weitere Zusatzfunktionen.

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