Charaktere mit Charakter

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Kommen wir nach langer Zeit, in der wir uns jetzt nicht mehr mit dem Handwerk des Schreibens beschäftigt haben, einmal zurück zu den Wurzeln.

Charaktere, Figuren in Geschichten, egal ob Kurzgeschichte oder Roman, sind das tragende Element. Keine Geschichte funktioniert ohne fesselnde Charaktere, dann ist sie einfach nur langweilig.

Ich habe hier mal einen Teil eines Artikels von Rob Parnell übersetzt, der dieses Thema behandelt:

Kürzlich erzählte mir eine Schriftstellerkollegin, ihr Verleger hätte ihr empfohlen ein bestimmtes Buch zu lesen, damit sie ein Gefühl dafür bekäme, was der Verlag gern veröffentlichen würde.

Sie war sehr neugierig zu erfahren, was dieses Buch wohl bieten würde, aber als sie es dann las, ließ es sie ziemlich enttäuscht, ja sogar verwirrt zurück. Sie fragte sich, was der Verleger an diesem Buch fand, was er daran mochte. Die Geschichte war nicht besonders beindruckend, der Schreibstil war durchschnittlich, das Buch hatte einige Längen, das Timing der Szenen war zum Teil sogar schrecklich mißlungen.

Dann plötzlich fiel es ihr auf: es war der Charakter des Protagonisten, das dem Buch seinen Reiz verlieh. Der Held war übellaunig, aufbrausend, sogar gehässig und boshaft – und trotzdem irgendwie liebenswert.

Der Schlüssel dazu, eine Geschichte gut zu erzählen, ist der Charakter der Hauptperson. Dieser eindeutig ausgeprägte Charakter steht an erster Stelle, vor dem Handlungsablauf, vor der Geschichte selbst, sogar vor dem Niederschreiben des ersten Wortes. Wenn Ihre eigenen Figuren für Sie als Autorin nicht real, nicht greifbar erscheinen, wird die Geschichte niemals funktionieren.

Glaubwürdige Charaktere zu erschaffen ist eine der Hauptaufgaben beim Schreiben. Diese Glaubwürdigkeit liegt in erster Linie in ihrer Einstellung zu dem, was sie tun. Manchmal sind Charaktere von der Anlage her höchst unglaubwürdig, und doch werden sie glaubwürdig durch ihr Leben, ihre Taten, ihre Haltung.

»Vom Winde verweht« als Beispiel

Soweit Rob Parnell. In diesem Zusammenhang fällt mir die Figur der Melly (Melanie Wilkes) aus »Vom Winde verweht« ein. Gerade kürzlich habe ich mir den Film noch einmal angeschaut, und Melly ist einfach zu gut, um wahr zu sein. Sie tut immer das richtige, sie denkt oder sagt nie Böses über jemand anderen, sie scheint nicht von dieser Welt zu sein, sie ist einfach nur gut.

Eine höchst langweilige Figur, wenn man das so liest, oder etwa nicht? Ja, so ist es. Menschen, die immer nur Gutes tun, sind langweilig (als Charaktere in einem Buch zumindest), sie bieten keine Angriffsfläche und keine Identifikationsmöglichkeit. Am Anfang erscheint Melly auch so. Solange das Leben seinen ruhigen Gang geht, sieht man sie nur lächelnd durch die Szene schweben, abgehoben wie ein Engel.

Aber dann beginnt der Krieg, der amerikanische Bürgerkrieg von 1861, der Hintergrund von »Vom Winde verweht«. Krieg ist immer etwas Schreckliches, er reißt die Menschen aus ihren Häusern, ihren Leben, er zerstört alles. Die Männer ziehen in den Kampf, die Frauen bleiben zurück, werden vergewaltigt, müssen um ihr Überleben kämpfen, gebären Kinder, sind ganz allein mit allen Sorgen und Nöten des Alltags und des Krieges.

Ein grandioses Gemälde des Krieges und seiner Folgen läßt Margeret Mitchell in ihrem Roman von unseren Augen entstehen (auch im Film ist das gut eingefangen, obwohl er viele Teile des Buches nicht wiedergibt. Aber David O. Selznik, der Produzent, hat sich damals für den Film fast ruiniert, er war so begeistert von der Geschichte, daß er jeden Pfennig seines Vermögens hineingesteckt hat und mehr. Das merkt man dem Film an), es ist schrecklich, mitreißend, herzergreifend – nur Melly scheint das alles nicht zu berühren und nicht zu verändern.

Sie muß ihr Kind zur Welt bringen, in einem heißen Sommer in Atlanta, der Hauptstadt von Georgia, einem Zentrum der Südstaaten, als dort bereits die Soldaten des Nordens einmaschieren. Deshalb kann sie nicht fliehen. Sie ist schwach und liegt im Bett, überlebt die Geburt fast nicht. Die starke Scarlett, die alles überlebt, bleibt widerwillig bei ihr, versorgt sie, obwohl sie viel lieber fliehen würde.

Nach der Geburt fliehen sie dann endlich, mit Hilfe von Rhett Butler, dem großen Helden. Melly ist so schwach, daß sie nicht aufstehen kann, sie liegt hinten auf einem offenen Pferdekarren aus rohem Holz, mit ihrem gerade geborenen Kind im Arm. Scarlett, die Starke, muß sich durch Flüsse und Wälder schlagen, den Nordstaatensoldaten entkommen, für das Überleben aller sorgen. Schon das verändert sie, denn bisher war sie eine behütete Südstaatenschönheit.

Melly aber, fast tot, verändert nichts. Als sie auf Tara ankommen, ist Scarletts Mutter tot, ihr Vater wahnsinnig, die Plantage von den Nordstaatlern verwüstet und ausgeraubt. Scarlett und die anderen (es ist noch ein schwarzes Hausmädchen dabei) sind fast verhungert auf ihrem Weg von Atlanta nach Tara, Scarlett befiehlt ihrer schwarzen Mammy, die als einzige neben dem Hausneger Pork noch auf Tara ist – alle anderen Schwarzen sind nach der Befreiung durch die Nordstaatler geflohen –, ihr etwas zu essen zu bringen, aber es gibt nichts mehr, die Soldaten haben alles mitgenommen. Scarlett rennt verzweifelt auf ein Feld, findet eine Möhre, beißt hinein und versucht sie zu essen, aber ihr Magen wehrt sich. Sie übergibt sich.

Im Film gibt es danach diese grandiose Szene, in der Scarlett vor dem flammenden Himmel steht, die Hand mit der angebissenen Möhre in die Luft reckt und grimmig ausruft: »Ich will nie wieder hungern. Und auch keiner von den meinigen. Ich will nie wieder hungern!«

Selbst jetzt, wo ich das schreibe, treibt mir das eine Gänsehaut auf die Arme, es ist zutiefst ergreifend.

Da dieser Artikel jetzt doch länger wird als geplant, mache ich hier Schluß, es geht morgen weiter.

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