Was mich am Schreiben fesselt

Ich habe das Gefühl, dass ich diesen Blog hier doch ziemlich sträflich vernachlässige. Ich schreibe ungeheuer viel, aber es sind alles Geschichten, kürzere, längere, dann auch Beiträge und Kommentare in unserem el!es Schreibforum, in dem ich mich wahnsinnig gern mit meinen Autorinnen unterhalte, und so fällt der Blog irgendwie immer hinten runter.

Ich bin wohl keine Blogschreiberin, sondern eben Schriftstellerin. Das wahre Leben, das täglich so an uns vorbeibraust, ist nicht wirklich mein Metier. Erfundene Geschichten, fiktionale Geschichten, Romane, in denen ich die Welt so gestalten kann, wie ich sie gern hätte, sind mein Gebiet. Davon habe ich nun sehr viele gleichzeitig in Arbeit, und ich hoffe, dass ich bald den nächsten beenden kann.

Das ist ein bisschen eins meiner Probleme, andererseits aber auch meine große Stärke, dass ich mich nicht nur auf eine Geschichte konzentriere. Ich fange mehrere Geschichten fast zur selben Zeit an, oder ich schreibe kurz an einer Geschichte, und wenn ich ein paar tausend Wörter (oder auch nur ein paar hundert) geschrieben habe, wechsle ich zu einer anderen, um die weiterzuschreiben. So habe ich fast schon immer gearbeitet, das ist wohl mein persönlicher Stil.

Manchmal lasse ich eine Geschichte auch eine ganze Weile liegen, sechs Monate vielleicht oder sogar ein Jahr, weil mir nichts mehr dazu einfällt, oder weil das, was mir einfällt, nicht passt. Es passt eventuell zu einer anderen Geschichte oder ergibt sogar den Anfang einer neuen Geschichte. Ich habe Hunderte von Geschichtenanfängen auf meiner Festplatte. Welche davon ich noch in diesem Leben fertigschreiben werde, weiß ich jetzt noch nicht. Das ergibt sich immer spontan. Meistens, wenn ich durch diese kurzen oder auch längeren Anfänge blättere, sie mir immer mal wieder einmal anschaue, in mich hineinhorche, was sie mir sagen, welche Gefühle sie in mir hervorrufen.

Schriftstellerinnen sind wohl meistens eher Gefühlsmenschen, keine Computer, die Dinge nach Vorgabe produzieren oder einfach nur aus Routine. Selbst nach jetzt über 25 Jahren, die ich professionell schreibe, ist es noch nicht zur Routine geworden. Jede neue Figur ist eine neue Herausforderung. Jede Frau, die in meinen Büchern eine Rolle spielt, führt ein ihrem Charakter entsprechendes Eigenleben. Keine meiner Protagonistinnen sagt je dasselbe oder tut je dasselbe. Obwohl es sich immer um Liebesromane handelt, ist alles immer wieder neu wie beim ersten Mal.

Ich denke, das ist es auch, was mich so am Schreiben fesselt. Nicht nur kann man sich seine eigene Welt erschaffen, sondern die Menschen darin so handeln lassen, wie man es für richtig hält, wie man es sich auch im wahren Leben wünschen würde oder wie man es als für eine Figur passend empfindet. Das kann auch eine negative Figur sein, denn jede Geschichte braucht ja einen Konflikt oder sogar mehrere, und so etwas wird meistens von nicht so netten Menschen ausgelöst. Auch die muss man als Schriftstellerin erfinden und beschreiben, um Spannung in eine Geschichte zu bringen, die mit ausschließlich netten Menschen nur so vor sich dahinplätschern würde.

Ich empfinde es oft so, als ob ich alle meine Geschichten selbst erlebe. Das bleibt wohl nicht aus, wenn man sich voll und ganz in eine Geschichte hineinbegibt. Niemand kann eine Geschichte von außen erzählen, das geht nur von innen heraus. Deshalb bin ich oft auch sehr erschöpft, wenn ich eine Geschichte beendet habe. Gleichzeitig gibt mir das Schreiben aber auch viel Energie, denn all das, was ich in meinen Büchern erlebe, führe ich ja immer zu einem glücklichen Ende. Das ist eine große Befriedigung, fast wie eine ständige Demonstration gegen all die traurigen Dinge, die Tag für Tag passieren.

Daran kann ich leider nichts ändern, aber ich kann in meinen Geschichten eine Gegenwelt erschaffen, um zu zeigen, dass die Welt besser sein könnte, wenn alle Menschen sich lieben würden oder wenigstens verstehen oder respektieren. Verständnis füreinander aufzubringen scheint vielen Menschen schwerzufallen. Sie sehen nur sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse. Die Bedürfnisse anderer, der Respekt vor anderen scheint ihnen egal zu sein. Selbst Höflichkeit ist ihnen oft zu viel.

Das finde ich sehr schade, denn es macht das Leben oft unangenehm. Dennoch haben auch diese Menschen etwas Gutes, denn man kann sie als Vorlage für die negativen Figuren in einem Roman benutzen. Da ich selbst kein bösartiger Mensch bin, fehlt es mir da oft an Phantasie. Ich kann mir gar nicht so viele Bösartigkeiten ausdenken, wie ich sie für die Konflikte in meinen Romanen brauche. Deshalb sind diejenigen Menschen, die mit Bösartigkeit, Egoismus, Unhöflichkeit, Respektlosigkeit, Rücksichtslosigkeit und anderen eher missliebigen Eigenschaften ausgestattet sind, fast wie ein Geschenk. Sonst würde genau das geschehen, was ich oben schon erwähnt hatte: Meine Romane würden nur so vor sich hinplätschern. Denn ich bin ein netter Mensch, und ich bevorzuge auch die Gesellschaft von netten Menschen, die natürlich keine gute Vorlage für Antagonisten in einem Roman abgeben.

Will man als Schriftstellerin produktiv sein – also mehr als einen Roman in seinem Leben schreiben –, braucht man immer wieder neue Vorbilder. Man kann sich nicht alles aus den Fingern saugen. Man beobachtet seine Umgebung und Ereignisse, hört gut zu, wenn einem Freunde und Bekannte etwas erzählen, sieht einen Menschen und hat sofort eine Figur im Kopf. Das sollte niemals genau dieser Mensch sein, aber als Anregung kann man ihn schon verwenden.

Aufmerksam zu sein ist eine der wichtigsten Eigenschaften einer Schriftstellerin. Nicht künstlerische Menschen können es sich leisten, unaufmerksam zu sein, wir nicht. Für uns hat jede Geste, jedes Wort, jede Bewegung, jeder Gesichtsausdruck eine Bedeutung. Wir müssen nicht unbedingt wissen, welche, aber wir müssen wahrnehmen, dass es so ist. Wir können uns die Bedeutung auch selbst erschaffen. In der Tat tun wir das meistens, damit es zu unserer Geschichte passt.

Menschen können wir nicht verändern, oftmals noch nicht einmal ihre Reaktionen, für unsere Geschichten gilt das jedoch nicht. Wir sind die Herrscherinnen über unsere Welt, die allein ein Produkt unseres Geistes ist, keine Abbildung der Wirklichkeit.

Die Wirklichkeit, die Realität, ist in der Tat oft eher langweilig. Das können wir uns in unseren Büchern nicht leisten. Wir dürfen niemals langweilig sein, sondern wir müssen unsere Leserinnen gut unterhalten. Das tun wir nicht, indem wir einfach das wiederholen, was sie auch in einem Tagebuch oder in einer Zeitung nachlesen könnten, sondern wir gehen darüber hinaus. Wir nehmen Anregungen aus realen Ereignissen, von realen Personen, machen aber etwas anderes daraus, etwas völlig Neues.

Das ist das Schöne an der Schriftstellerei, das man von außen nicht erkennen kann, nur, wenn man es selbst tut.

Wenn man Spaß daran hat, Geschichten und Menschen zu erschaffen, dann wird man nicht mehr davon lassen können.

Ich kann keinen Tag leben, ohne zu schreiben. Und ich wünsche allen, die sich ebenso fühlen, genauso viel Spaß dabei, wie ich ihn habe. cool

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  • Sima
  • Sima

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    Das hast Du aber schön geschrieben, Ruth. :) Ja, genauso ist es. Romane zu schreiben bedeutet, wir erschaffen uns unsere eigene, wunderschöne Welt. Hier dürfen wir selbstbestimmt, kreativ und phantasievoll sein. ;) In einer leistungs- und profitorientierten Gesellschaft sollten wir uns die Freude daran auf jeden Fall bewahren.

    Montag, 3. Juli 2017 19:59

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