Die Idee ist gut, aber die Ausführung ist grauenhaft

Das ist etwas, das ich gerade über die Netflix-Serie Gypsy las – und ich kann dem nur zustimmen. Ganz sicher in Bezug auf die Serie, aber auch darüber hinaus ist das ein wichtiges Thema. Es gibt immer wieder Geschichten, die so sind, ob in Filmen, in TV-Movies, in Fernsehserien, in Büchern.

Wenn man ein wenig kreativ veranlagt ist, hat man kein Problem mit Ideen. Sie kommen einem zugeflogen. Menschen, die Bücher lesen, aber noch nie eins geschrieben haben, denken dann vielleicht: Wenn die Idee da ist, ist das Buch doch praktisch schon geschrieben.

Weit gefehlt. Es gibt viele gute Ideen, die die Ausführung nicht überleben.

Woran liegt das?

Nun, vielleicht ein ganz einfacher Vergleich: Ich hätte gern eine bestimmte Art Schrank. Ich weiß ganz genau, was ich brauche, wie er aussehen soll. Ich habe also eine Idee.

Ist der Schrank damit schon gebaut? Sicher nicht. Und wenn ich keine Ahnung habe, wie man einen Schrank baut, auch nicht das richtige Werkzeug dafür habe, kann aus dieser Idee dann je etwas werden, wenn ich sie in die Hand nehme?

Höchst unwahrscheinlich. Ich könnte natürlich eine Schreinerlehre machen oder mir einfach nur im Baumarkt die nötigen Werkzeuge besorgen und mir mit irgendwelchen Heimwerker-Büchern vielleicht sogar gewisse Fertigkeiten aneignen.

Das kann durchaus funktionieren. Der Punkt ist aber: Ganz von selbst geht das alles nicht. Die Idee allein genügt nicht, ich muss mich darüber hinaus mit der Ausführung der Idee beschäftigen. Und die Ausführung hängt von meinen Fähigkeiten ab, von dem, was ich weiß und kann.

Genauso ist es mit dem schriftstellerischen Handwerk. Ideen kann man haben, ohne das schriftstellerische Handwerk zu beherrschen. Aber wenn ich sie dann ausführen will, in eine Geschichte umwandeln will, dann brauche ich Handwerkszeug, Wissen, Können, Werkzeuge wie Hammer und Nagel.

Und geht die Ausführung dann schief, heißt das wohl, dass ich mein Handwerk noch nicht gut genug beherrsche.

An Gypsy kann man das recht gut zeigen. Es ist kein Buch, sondern eine Netflix-Serie, aber die Hauptsache ist: Es ist eine Geschichte.

Oder sollte eine sein. Wenn man die Ausführung betrachtet, ist es wohl nie über das Stadium einer Idee hinausgekommen.

Die Grundidee fand ich persönlich jetzt recht spannend (Geschmäcker sind verschieden, also ist das kein endgültiges Qualitätsurteil). Eine Psychotherapeutin, verheiratet, eine achtjährige Tochter, arbeitet in New York, lebt auf dem Land in Connecticut wie viele Leute, die in New York arbeiten.

In Connecticut ist es schrecklich. Typische amerikanische Vorstadt mit all den grässlichen Desperate Housewives, die aber keinesfalls so interessant und amüsant sind wie die Figuren der gleichnamigen Serie. Die Therapeutin hat in ihrer Jugend zeitweise ein recht wildes Hippieleben geführt, aber nun ist sie über vierzig, und als Ehefrau und Mutter tut sie das schon lange nicht mehr.

Ihre PatientInnen erzählen ihr in den Therapiesitzungen von ihrem mehr oder weniger aufregenden Leben (das sie natürlich belastet, sonst wären sie ja nicht in Therapie), und die Therapeutin versucht ihnen zu helfen (wobei man sich allerdings fragt, wo sie ihre Ausbildung gemacht hat, denn es ist nicht viel mehr als Küchenpsychologie, was sie da anbietet). Dabei verstrickt sie sich immer mehr in die Leben der PatientInnen, mischt sich viel zu sehr ein, ergreift Partei, geht sogar los und lernt mit Absicht beispielsweise die Tochter einer Patientin oder die Exfreundin eines anderen Patienten kennen.

Obwohl sie hetero ist, findet sie diese Exfreundin äußerst anziehend.

Ist erstmal ja keine schlechte Ausgangsposition.

Aber das war’s dann in gewisser Weise auch schon. Die Idee des Ausbrechens aus ihrem langweiligen Vorstadtleben mit Therapiepraxis in New York wird verschenkt.

Zwar geht sie auf ein Konzert dieser Exfreundin namens Sidney (die tagsüber ihr Geld als Kellnerin in einem Café verdient), es kommt auch fast zu einem Kuss (weil Sidney die Initiative ergreift), aber schon ist es wieder vorbei.

Nun ja, denkt man sich, beim ersten Zusammentreffen kann das ja mal so sein. Aber beim nächsten Mal . . .

Nein. Im Grunde genommen wabert die ganze Geschichte nur immer ziellos hin und her, ohne sich auch nur einen Schritt voranzubewegen. Jede Sekunde in jeder Szene wartet man darauf, dass sich irgendetwas tut, dass die Idee der unbändigen, unbezähmbaren Zigeunerin, der Gypsy, endlich mal zum Tragen kommt und etwas Interessantes passiert, aber es passiert – nichts.

So als ob man mit seiner Idee von einem schönen Schrank beim Schreiner steht, der Schreiner aber nie das Holz, einen Hammer oder einen Nagel in die Hand nimmt. Man steht nur da und wälzt die Idee hin und her, ohne dass etwas dabei herauskommt.

Ich habe es aufgegeben, die Serie weiterzuschauen, und ich nehme mal an, sie wird die erste Staffel bei Netflix nicht überleben, denn auch andere Rezensionen auf dem Internet bestätigen meinen Eindruck: Eine Luftblase. Eine Idee, die schon gestorben ist, bevor sie überhaupt richtig geboren wurde.

Das liegt aber definitiv nicht an der Idee. Daraus hätte man durchaus etwas machen können. Doch obwohl viele Profis an dieser Produktion beteiligt waren, hat man das Gefühl, da hat sich eine Laientheatergruppe etwas zu viel vorgenommen. Eine ganze Menge zu viel. Weil ihnen das Handwerkszeug fehlt, aus dieser an sich guten Idee etwas zu machen.

Schade natürlich, aber aus solchen Fehlgriffen kann man viel lernen. Zuallererst, dass eine gute Idee noch keine gute Geschichte macht. Dann aber auch, dass man sich bei jeder Szene überlegt: Wie hätte man das besser machen können?

Oftmals ist es nämlich so, dass man aus Geschichten, die nicht so gut gelungen sind, sogar mehr lernen kann als aus Geschichten, die wie aus einem Guss und perfekt erscheinen.

Es wäre beispielsweise zu überlegen, was die erste Szene sein soll. Worauf soll der Fokus liegen? Gypsy verzettelt sich in der Hinsicht viel zu sehr. Zwar gibt es eine eindeutige Hauptfigur, die Therapeutin, aber ihre PatientInnen sind beliebig, austauschbar und viel zu viele. Zudem interessiert sie sich für diejenigen, die bei ihr Hilfe suchen, anscheinend sehr wenig, dafür aber für deren Verwandte, Bekannte und vergangene Liebschaften.

Zwar ist Sidney, die Kellnerin/Sängerin, offenbar schon die faszinierendste Figur für sie, aber auch auf sie lässt sie sich nicht wirklich ein. Um das zu entschuldigen oder vielleicht in gewisser Weise zu rechtfertigen, wird Sidney dann wie eine Frau dargestellt, die es mit Beziehungen ebenfalls nicht so genau nimmt. Frauen und Männer, eher kurz als lang, ein einziges Hin und Her, komm her und geh weg.

Dadurch kann man sich mit keiner der Figuren identifizieren. Sogar die Hauptfigur bereitet einem dabei ordentliche Schwierigkeiten, denn die Art, wie sie mit Sidney umgeht – selbst, nachdem sie miteinander geschlafen haben –, ist schon dazu geeignet, sie nicht besonders zu mögen. Sidney, die von den Drehbuchautoren als flatterhaft dargestellt wird, erkämpft sich da wesentlich mehr Sympathien. Denn sie wird von der Therapeutin wie alle anderen eigentlich nur benutzt, um deren verunsichertes Ego aufzupolieren.

Dann wird immer noch eins draufgepackt – statt sich mal auf eine Sache richtig zu konzentrieren –, die Tochter hat in der Schule eine Klassenkameradin geküsst und behauptet auf einmal, ein Junge zu sein, besteht darauf, ihre langen Haare abzuschneiden, der Ehemann, Partner einer erfolgreichen Anwaltsfirma und oft abends im Büro statt zu Hause, scheint immer mehr Gefallen an seiner Sekretärin zu finden und sie an ihm – und so wird das Drama zum Melodrama, allerdings zu einem höchst langweiligen, das man nicht richtig ernstnehmen kann.

Eine Idee ist eine Idee ist eine Idee . . . Aber worauf es zum Schluss ankommt, ist das, was man daraus macht.

Figuren müssen stimmig sein, jede Szene muss sich aus der vorigen ergeben und die Geschichte vorantreiben. Wenn die Therapeutin und Sidney sich zum zweiten Mal treffen, erwartet man einfach, dass diese Szene anders endet als die erste Szene, in der sie sich getroffen haben.

Aber mitnichten. Die Szene endet genauso, nämlich indem die Therapeutin vor Sidney und damit vor ihren eigenen Gefühlen wegläuft. Das wiederholt sich dann immer wieder. Also bewegt sich die Geschichte nicht vorwärts, sie tritt auf der Stelle.

Und so etwas darf niemals passieren. Am Ende einer Szene muss die Situation sich verändert haben. Sie darf nicht dieselbe sein wie am Anfang. Und sie darf sich auch nicht wiederholen.

Dieselbe Szene, derselbe Dialog, derselbe Anfang, dasselbe Ende – das bedeutet Stillstand. Das ist keine Geschichte, sondern ein Bild, ein Foto, ein Schnappschuss, der nur eine einzige Situation verewigt, aber sich nie mehr verändert und dadurch auch keine Spannung erzeugt.

So ist das also, wenn man sogar von Netflix noch etwas lernt. smile

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