„Plot driven“ oder „Character driven“

Es gibt quasi zwei „Schulen“, wie man eine Geschichte erzählen kann. Die eine treibt den Plot mit Handlung voran (manchmal sagt man statt „Plot driven“ auch „Action driven“ – beides würde man im Deutschen mit „Von der Handlung vorangetrieben“ übersetzen), die andere mit der Entwicklung der Charaktere, der Figuren.

Sol Stein sagt in seinem klassischen Schreibratgeber ganz eindeutig: „Die Figuren machen die Geschichte“. Der Meinung bin ich auch, und es ist auch meine Art zu schreiben. Ich konzentriere mich auf die Figuren, auf deren Gedanken und Gefühle, weniger auf die Handlung. Durch die Entwicklung der Figuren und das, was zwischen ihnen geschieht (aber auch, was in ihren Gedanken und Gefühlen passiert), wird die Geschichte vorangetrieben.

Geschichten, in denen eher die Handlung im Mittelpunkt steht, sind meistens so etwas wie Thriller, Krimis, Actionfilme. Dort sind die Figuren fast nur Staffage. Gedanken und Gefühle interessieren wenig, man muss nicht viel über sie wissen, denn alles, was geschieht, geschieht ganz konkret in Form von explodierenden Bomben, blutigen Morden, Verfolgungsjagden oder Schlägereien, Entführungen, Drohungen – Dingen, die mehr mit Muskeln als mit Gehirn zu tun haben.

In einem Liebesroman ist es meistens anders. Dort geht es fast ausschließlich um Gedanken und Gefühle, um Wünsche und Sehnsüchte, unerfüllte und erfüllte Träume, den Weg dahin. Die Phantasie spielt eine größere Rolle als das, was konkret passiert.

Bei Geschichten, die eher handlungsgetrieben sind, bleibt von der Geschichte nicht viel übrig, wenn man all die konkreten Handlungen streicht. Da es wenig Hintergrund zu den Figuren gibt, kaum Gedanken und Gefühle, löst sich die Geschichte ohne die Handlungsabschnitte praktisch auf.

Eine Geschichte, die von den Figuren getrieben wird, kann fast ohne Handlung auskommen. Die Figuren könnten theoretisch auch zu Hause im Sessel sitzen und das alles nur denken. Es kann seitenlange innere Monologe geben, ohne dass etwas passiert.

Beide Arten von Geschichten können gut funktionieren, auch wenn ich persönlich Sol Stein recht geben würde. Für mich machen eindeutig die Figuren die Geschichte, nicht die Handlungen. Was konkret passiert, hat immer direkt mit den Figuren zu tun, findet zwischen ihnen statt und ist immer auf Gefühle, die Beziehung der Figuren zueinander, deren Entwicklung bezogen.

„Action“ ist für mich eher nebensächlich. Eine Geschichte, in der viel Sex vorkommt, ist okay, aber sie muss auch ohne Sex funktionieren. Eine Geschichte, in der die Figuren oder eine Figur ständig in Bewegung ist, vor allem wegläuft, kann ein Road Movie sein, aber wenn es ein Liebesroman werden soll, müssen die Figuren zur Ruhe kommen und sich unterhalten, sich mit ihren Gefühlen und Gedanken beschäftigen.

Deshalb ist der Hintergrund der Figuren wichtig. Selbst wenn wir als Bauchschreiberinnen den am Anfang nicht so gut kennen, muss er relativ schnell geliefert werden, und zwar dann, wenn es relevant wird. Sobald eine Figur auf etwas in einer bestimmten Art reagiert, muss ich entweder wissen, warum sie das tut, oder es muss ein großes Geheimnis darum gemacht werden, das Teil der Entwicklung der Geschichte ist. 

Eine reine Information, die nichts mit der aktuellen Geschichte zu tun hat, darf nicht zurückgehalten werden, weil die Leserin dann die ganze Zeit überlegt, was da wohl war, und der Geschichte so nur unkonzentriert folgen kann. Wenn eine solche Information eine Bedeutung für die Geschichte hätte, könnte man sie Stück für Stück als „Info Dropping“ einfließen lassen. Wenn es aber nur eine Information darüber ist, was früher einmal war, kann man sie einfach so hinschreiben.

In von den Figuren getriebenen Geschichten ergibt sich das Problem meistens nicht, weil die Figuren über all das reden oder darüber nachdenken. Das ist ein großer Vorteil.

Was aus einer Geschichte eine richtig gute Geschichte macht, ist das „Warum“. Warum tun die Figuren das, was sie tun? Nur dass sie es tun, macht die Geschichte noch nicht gut.

Oftmals bin ich selbst beim Lesen sehr irritiert, wenn Figuren etwas tun, es aber nicht erklärt wird. Das bedeutet nicht, dass es stundenlange Erklärungen geben muss, aber irgendwann sollte man den Hintergrund der Figur soweit kennen, dass man weiß: „Aha. Ihre Mutter hat sie immer Dickerchen genannt, deshalb reagiert sie jetzt allergisch auf alles, was mit ihrem Gewicht zu tun hat.“ Wenn die Figur jedes Mal hysterisch wird, sobald es um Essen geht, kann man sich zwar irgendetwas denken, aber besser wäre, es zu wissen.

Eine Figur muss deshalb nicht gleich am Anfang wie mit einem Steckbrief oder Lebenslauf vorgestellt werden (allerdings ist es gut, wenn die Autorin so etwas für ihre Figuren hat), aber wenn die Entwicklung der Figur die Geschichte vorantreiben soll, muss man wissen, woher sie kommt und wohin sie geht. Sonst gibt es keine Bewegung.

Deshalb darf eine Figur auch nie in ein zu starres Korsett gepresst werden. Wenn man immer genau weiß, was sie im nächsten Augenblick tun wird, fehlt das Moment der Überraschung. Sie darf aber auch nicht so herumspringen, dass man überhaupt nicht weiß, wer sie ist, was sie denkt, was sie will. Sobald sich das eins nach dem anderen herausstellt, formt sich die Figur immer mehr zu einem vollständigen Charakter, und jede dieser Veränderungen ist ein Schritt zur Lösung des Konflikts in der Geschichte.

Bei handlungsgetriebenen Geschichten muss man sich um solche Dinge keine Gedanken machen. Die Figur kommt, sieht und tut irgendetwas. Tut sie nichts, passiert auch in der Geschichte nichts. Da es keine anderen Elemente der Geschichte gibt, die sie vorantreiben, muss tatsächlich immer etwas passieren, sonst würde die Geschichte auf der Stelle treten. Deshalb sind Actionhelden auch für ihre Wortkargheit bekannt. wink Sie reden nicht, sie handeln.

Wie ich immer wieder festgestellt habe, mögen viele Leserinnen solche „großen Schweigerinnen“ durchaus, Frauen, die nicht zeigen, was sie fühlen, die nicht darüber reden, denen man jede Information oder auch Gefühlsregung geradezu aus der Nase ziehen muss. Das kann eine Figur reizvoll machen, sie mit einem großen Geheimnis umgeben, das man dann im Laufe der Geschichte enthüllen kann. Ist das Rätsel gelöst, ist der Roman zu Ende.

In einem Liebesroman darf das aber nicht alles sein, da muss die Figur darüber hinaus Profil bekommen. Sie darf durchaus über ihre Handlungen definiert werden, aber sie darf nicht allein aus Handlung bestehen. Wenn sie ihre Gefühle und Gedanken nicht preisgibt, muss sich die andere Frau darüber Gedanken machen, was sie denken könnte. Das sind dann zwar nur Spekulationen, aber nur so kann sich etwas entwickeln, wenn eine der beiden Figuren sich sträubt, aktiv dazu beizutragen.

Zum Schluss ist sicherlich jede Geschichte immer eine Mischform. Sie besteht nicht nur aus Handlung oder Figuren, sondern aus Handlung und Figuren. Die in einem guten Verhältnis zusammenarbeiten sollten. Ohne Handlung geht es nicht, und ohne Figuren sowieso nicht. 

Wichtig ist, das richtige Verhältnis für diese spezielle Geschichte zu finden. Denn das Verhältnis ist natürlich nicht bei jeder Geschichte gleich. Es gibt Geschichten, die verlangen mehr Eintauchen in die Figuren, und es gibt Geschichten, die verlangen, dass mehr passiert. Beides muss glaubwürdig sein. Weder unerklärliche Handlungen noch sich nie erklärende Figuren hinterlassen ein gutes Gefühl.

Optimal ist es, wenn man mit den Figuren in die Geschichte eintauchen kann, als ob man sie selbst erlebt. Dann ergibt sich das richtige Verhältnis auch meist von selbst. 

Deshalb sollte man sich immer um eine gute Beziehung zu seinen eigenen Figuren bemühen. Dann sagen sie der Autorin nämlich, was sie tun wollen. smile

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