Später wird es spannend

Nach den ersten Tagen beim LLP stelle ich fest, dass es sehr viele sehr gute Geschichten gibt, bei denen der Anfang so spannend und mitreißend geschrieben ist, dass man sich kaum losreißen kann und immer weiterlesen möchte, sich richtig ärgert, wenn der Auszug dann zu Ende ist, und andere, bei denen in dem ganzen Auszug, den wir eingestellt haben, im Prinzip nichts passiert. In der Tat langweilt man sich während des ganzen Auszugs dort manchmal zu Tode, bricht vielleicht sogar vor Ende des Auszugs ab, weil einen nichts in die Geschichte hineinzieht.

Oftmals teilt die Autorin dann auf Nachfrage mit: „Ja, später wird es aber noch richtig spannend.“

Dazu kann ich nur sagen: „Später“ nützt leider nichts. Am Anfang muss es spannend sein, damit die Leserin sich angesprochen fühlt, damit sie weiterliest.

Wir haben von jedem Roman und jeder Geschichte ungefähr ein Siebtel eingestellt, damit es fair ist. Das heißt, von einer längeren Geschichte wird mehr eingestellt als von einer kürzeren Geschichte, bei Romanen sind es sogar 10.000 Wörter oder mehr, die wir eingestellt haben, wenn der Roman entsprechend lang ist.

Ein Siebtel der Geschichte sollte reichen, um die Figuren vorzustellen, um den Konflikt vorzustellen, um eine erste spannende Situation zu erzeugen oder einen ersten spannenden Dialog zu schreiben.

Warum ist das so schwierig? Warum halten einige Autorinnen sich mit langweiligen Dingen wie Einkaufslisten(!) am Anfang einer Geschichte auf? Wie kommt so etwas?

Ehrlich gesagt weiß ich es nicht so recht, denn selbst zu meinen Anfangszeiten hätte ich das nicht gemacht. Für mich war immer klar, dass eine Geschichte da anfängt, wo gehandelt wird oder wo etwas gesagt wird. Und zwar muss etwas getan oder gesagt werden, das einen Zusammenhang mit der Geschichte hat, am besten noch einen Zusammenhang mit dem Konflikt. Und vor allem müssen es die Figuren tun oder sagen, die die Hauptfiguren der Geschichte sind, nicht irgendwelche Freundinnen, Mitglieder einer Clique oder gerade vorbeikommende Dienstleister.

Der erste Satz einer Geschichte sollte sofort mitreißen. Wenn es nicht gleich der erste Satz ist, dann wenigstens der zweite oder dritte. Informationen dazu, wo die Person sich gerade befindet, was sie in den nächsten Tagen oder Wochen vorhat und mit wem (Urlaub), wann sie dort ankommen wird und was sie bis dahin noch erledigen muss, sind völlig irrelevant. Wenn etwas davon später relevant werden sollte, kann man es dann einfließen lassen. Es gibt keinen Grund, die Leserin gleich am Anfang mit sämtlichen Hintergrundinformationen zu versorgen oder sie mit alltäglichen Erledigungen zu langweilen. Ganz zu schweigen von sämtlichen Ereignissen oder Gesprächen mit irgendwelchen Freundinnen, die schon Jahre in der Vergangenheit liegen.

Der Anfang einer Geschichte ist nicht dazu da, sämtliche Informationen zu liefern, sondern sogar eher, Informationen zurückzuhalten. Denn das erzeugt Spannung. Die einzigen Informationen, die die Leserin haben muss, sind diejenigen, die ihre Gefühle ansprechen. Sie sollte einen Einblick in den Charakter der Hauptperson erhalten, damit sie sich ungefähr vorstellen kann, wie diese Hauptfigur ist. Das heißt nicht, dass man wissen muss, wie groß, alt oder gebräunt jemand ist, welche Haarfarbe sie hat, welche Augenfarbe, welche Schuhgröße. Das kann alles noch später kommen. Aber man muss die Figur gefühlsmäßig einordnen können.

Ich sage immer, die Hauptfigur sollte sympathisch sein, aber noch nicht einmal das ist unbedingt erforderlich. Ich denke da nur an einen Roman hier aus dem LLP, in dem die Hauptfigur am Anfang höchst unsympathisch ist. Auch so eine Figur kann spannend und interessant sein, auch wenn sie eher eine Antiheldin ist als eine Heldin. Allerdings nur, wenn man sieht, dass sie das Potenzial hat, sich zu entwickeln. Wenn sie sich nur wie ein dummer Teenager benimmt, ohne dass man denkt, daran würde sich je etwas ändern, wird sie sofort uninteressant.

Gefühle sind etwas ganz Wichtiges in einer Geschichte. Wo das Gefühl fehlt, gibt es auch keine Geschichte. Jedenfalls keine, die für el!es geeignet wäre. Gefühle bauen Spannung auf und Dramatik. Das Auf und Ab von Gefühlen treibt die Geschichte voran. Nicht Ereignisse. Ereignisse sind immer nur Hilfsmittel, um die Gefühle zu untermauern.

Womit sich eine Autorin also in allererster Linie beschäftigen muss, ist das Beschreiben von Gefühlen. Denn Gefühle können nicht einfach so hingeschrieben werden, sie müssen der Leserin so vermittelt werden, dass die Leserin sie mitfühlt, dass sie sich damit identifiziert, dass sie liebt oder hasst, sich freut oder leidet.

Wenn man einfach nur beschreibt, was nacheinander passiert, erzeugt man bei der Leserin keine Gefühle. Man muss tiefer eintauchen, an die tieferen Ebenen der Wahrnehmung appellieren, die dann dieselben Gefühle in der Leserin auslösen. Dazu muss man sich jedoch auch ein wenig von seiner eigenen Sichtweise lösen, sich vorstellen, wie das, was ich jetzt gerade schreibe, auf die Leserin wirkt. Wenn ich immer nur an mich selbst und meine eigene Wahrnehmung denke, wird das nicht gelingen. Ich muss meine eigene Wahrnehmung nur als eine von vielen sehen. Wie ist das, was ich wahrnehme, in einem größeren Zusammenhang verständlich? Ist es überhaupt verständlich? Wie sieht die Welt aus einer anderen Perspektive als der meinen aus?

Wie sieht das Kind dort im Sandkasten die Welt? Wie sieht der alte Mann neben mir im Bus die Welt? Wie sieht die Geschäftsfrau im eleganten Kostüm die Welt, wenn sie von einem Termin zum nächsten hastet? Wie sieht die Lehrerin die Welt, die gerade einen langen Vormittag mit mehr oder weniger lernbereiten Kindern hinter sich hat? Wie sieht die Schülerin dieser Lehrerin die Welt? Wie sieht jemand die Welt, der in einer lauten Großstadt lebt? Wie sieht jemand die Welt, der in beschaulicher Ruhe auf dem Land lebt? Wie unterschiedlich sind die Lebensweisen? Die eine hat den Supermarkt um die Ecke, die andere muss dafür stundenlang in die Stadt fahren.

Es gibt ungeheuer viele unterschiedliche Sichtweisen, und wenn ich schreibe, muss ich mir dessen bewusst sein, dass ich zumindest für einen Teil davon Spannung erzeugen muss, damit sie weiterlesen.

Wenn mir das gelingt, werde ich nicht nur mich selbst glücklich machen, sondern auch die Leserinnen, die einen schönen Nachmittag oder Abend mit meinem Buch verbracht haben.

Und das ist etwas, wofür der Aufwand sich immer lohnt. laughing

Overall Rating (0)

0 out of 5 stars
Add comment
  • No comments found

Weitere Artikel

  • 1
  • 2
  • 3

Suche